Die Skyline von Bangkok: Ist diese Stadt ein einziger Sündenpfuhl? bild: thomas schlittler

«Tonight, bumm, bumm?» 7 Fragen, die ich mir als Tourist in Bangkok gestellt habe 

12.04.17, 15:13

thomas schlittler

Nach einem Monat in Bangkok ist es mir ein Anliegen, den Sextourismus in dieser Stadt – und in ganz Thailand – zu thematisieren. Da dies ein heikles Thema ist und ich dazu ganz viele verschiedene Aspekte im Kopf habe, halte ich ein Selbstinterview für die passende Form, um meine Gedanken dazu zu formulieren.

Bangkok gilt als Ort der Sünde. Zu recht?

Auf jeden Fall. Ich habe noch nie eine Grossstadt gesehen, in der Sex und Prostitution so präsent sind wie hier. Jedes Viertel scheint mindestens eine Rotlicht-Meile zu haben. Manchmal versuchen zwielichtige Verkäufer auch in normalen Fussgängerzonen und Märkten, dich in eine Sexshow zu locken. Diese gibt es mit Frauen, Männern und Ladyboys. Und selbst in seriös aussehenden Massagesalons muss man aufpassen, dass man nicht unfreiwillig ein sogenanntes Happy End bekommt.

Bankok als Sündenpfuhl: Nicht erst seit dem zweiten Teil von «Hangover» ein Thema

Video: YouTube/Warner Bros. Pictures

Werden die «armen» männlichen Gäste dort praktisch zum Sex gezwungen?

So ist es natürlich nicht. In einen Stripclub oder in ein Puff läuft jeder freiwillig. Aber in Bangkok sind die Grenzen fliessend. Manchmal läuft man in eine scheinbar ganz normale Bar oder in einen Club und wird dann ständig von jungen Frauen angesprochen, die Prostituierte sind. Mit der Zeit sieht man dann jede Frau als potenzielle Prostituierte – oft zu unrecht.

So macht es wenig Freude, in den Ausgang zu gehen.

Ist Prostitution nur ein Problem, wenn sie nicht auf Anhieb als solche erkennbar ist?

Nein, ich bin so oder so kein Fan der Prostitution. Ich habe auch noch nie für Sex bezahlt – denn ich will nur Sex mit jemandem, der auch wirklich Sex mit mir will. Sonst würde es mir keinen Spass machen.

Ich finde Prostitution deshalb in erster Linie etwas Trauriges: Es ist traurig, dass es so viele Männer gibt, die extra nach Thailand fliegen, weil sie zu Hause offenbar keine Frau finden, die freiwillig und kostenlos mit ihnen ins Bett will. Und es ist noch viel trauriger, dass es in Thailand so viele junge Frauen gibt, die aus ökonomischen Gründen Sex haben mit diesen Männern.

Prostitution ist in Bangkok allgegenwärtig. Die Fotografin schreibt zu diesem Bild: «Rauchen im Park: Illegal. Tempel fotografieren: Nein. (Kinder-)Prostitution: Nur auf dem Papier illegal.» bild: flickr/adamina

Ist Sextourismus nicht einfach ein Teil unseres Wirtschaftssystems?

Natürlich spielt das Wohlstandsgefälle eine grosse Rolle – aber das legitimiert die Prostitution nicht. Eine Prostituierte, die mich in einer Bar angesprochen hat, sagte mir, dass sie früher im Büro gearbeitet habe und monatlich 17'000 Baht (rund 470 Franken) verdient habe. Seit sie als Prostituierte arbeite, komme sie auf 60'000 Baht (rund 1650 Franken).

Es war also ein Stück weit ihre eigene, finanziell getriebene Entscheidung. Würde sie aber aus einer reichen Familie stammen, würde sie ihren Körper nicht verkaufen. Und das nutzen die verhältnismässig reichen Touristen aus.

Ist das nicht alles ein bisschen scheinheilig?

Ich bin kein Kind von Traurigkeit. Hier in Bangkok habe ich auch mal eine der überall angepriesenen Pussy-Pingpong-Shows besucht. Eine Frau lässt Tischtennisbälle aus ihrer Vagina spicken und ein Typ an der Bar verteilt die Bälle mit einem Schläger im Raum – etwas vom Absurdesten und Unerotischsten, was ich je gesehen habe. Doch das ist ein Teil von Bangkok und deshalb wollte ich es mit eigenen Augen sehen. Damit habe ich ein Stück weit auch zum Sextourismus beigetragen, dessen bin ich mir bewusst. Aber die Neugier war zu gross.

Sextourismus in Thailand: Dokumentarfilm

YouTube/Documentary&Life Discovery HD Channel (Official)

Sollte man Prostitution verbieten?

Das würde wohl nur zu noch grösseren Problemen führen – Stichwort Vergewaltigungen. Doch vielleicht müsste man sich mal überlegen, eine Art Fair-Trade-Prostitution zu schaffen. Die Prostituierte, mit der ich in der Bar gesprochen habe, hätte wahrscheinlich selbst entscheiden können, ob sie mit mir nach Hause geht oder nicht. Sie hatte einen freien Willen.

Ein Taxifahrer fragte grinsend: «Tonight, bumm, bumm?» Wir wollten in ein ganz normales Pub, doch für ihn war klar: Europäer gleich Sextourist. Das sollte uns schon zu denken geben.

Ich habe aber auch einen Club gesehen, in dem 30 bis 40 Frauen splitternackt auf einer Bühne standen, alle mit einer Nummer versehen. Die geifernden alten Säcke im Raum nannten dann der Kellnerin eine Nummer und verschwanden mit der entsprechenden Frau im Hinterzimmer – wie bei einer Viehschau, ohne dass sie vorher ein Wort mit ihr gewechselt haben. Das ist für mich schon nochmal eine andere Stufe. Total respektlos!

Verändert der Sextourismus den Umgang der Einheimischen mit den Touristen?

An den meisten Orten sind die Thailänder trotzdem erstaunlich freundlich und respektvoll gegenüber Touristen. Manchmal merkt man aber schon, welches Image wir Europäer hier haben. Einmal, als ich zusammen mit einem Reisekumpel ins Stadtzentrum gefahren bin, sagte der Taxifahrer grinsend: «Tonight, bumm, bumm?» Wir wollten in ein ganz normales Pub, doch für ihn war klar: Europäer gleich Sextourist. Dass sie hier dieses Bild von uns haben, sollte uns schon zu denken geben.

«Sex sells» – auch sonstwo: Ein intimer Blick in die Bordellzimmer auf der ganzen Welt

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  • KhunAno 18.04.2017 04:21
    Highlight Ein Saubermann einen Monat lang in Bangkok umzingelt von Tausenden von Sextouristen 555 (thailändisch für hahaha). Vermutlich ist der bedauernswert Mann den ganzen Tag die Sukhumvit Road rauf und runter spaziert, klar kriegt man dort mitunter zweideutige Angebote. Die 10 Millionen+ Stadt Bangkok hat aber noch ein paar andere Quartiere, wo man auch als Ausländer ganz unbehelligt von solchen Offerten leben kann. Wenigstens ist das meine Erfahrung in meinen 17 Jahren, die ich in Bangkok gelebt habe. Chokdee Khrap, Khun Ano.
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  • dath bane 17.04.2017 17:11
    Highlight Ist ja klar, dass der Autor dieses Geschehen voll und ganz ablehnt. Er hat ja einen Ruf zu verlieren.
    Man hätte auch mit den Mädchen reden können, sie aufs Zimmer nehmen können und sich fragen können, ob und wie viel man für sie bezahlen will als reicher Europäer. Ob es ihnen - im Bewusstsein der wirtschaftlichen Zusammenhänge - hilft, wenn sie Geld bekommen. Und dann wäre er vielleicht ins Flugzeug gestiegen, hätte schon Gefühle entwickelt für diese Frau, die schon morgen mit dem nächsten Sex hat, während man selber aufgefressen wird von der Einsamkeit in der Schweiz.
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