Gemäss einer österreichischen Therapeutin ziehen wir eine Generation von Narzissten heran. Bild: shutterstock

«Verhätschelt und tyrannisch»: Therapeutin warnt vor einer lebensunfähigen Generation

Kinder seien verhätschelt, leistungsverweigernd, tyrannisch, klagt die Wiener Therapeutin Martina Leibovici-Mühlberger und warnt: Auf diese Generation könne man nicht zählen. Andere Experten widersprechen.

21.04.17, 13:52

Holger Dambeck / spiegel online

Ein Artikel von

Die Jugend war schon immer schlecht. Bereits vor mehr als 4000 Jahren im alten Mesopotamien hiess es, sie sei zuchtlos und heruntergekommen. «Die jungen Leute hören nicht auf ihre Eltern, das Ende der Welt ist da», lautete die Klage damals.

Nun, die Welt ist seitdem nicht untergegangen. Und vieles hat sich im Laufe der Jahrtausende sogar zum Besseren gewendet. Was aber geblieben ist, ist das Lamento der Älteren über die nachfolgende Generation. Jüngstes Beispiel dafür ist das Buch Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden der Wiener Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger.

Darin klagt sie über uninformierte, verunsicherte Eltern. Aus Angst, ihren Kindern Böses anzutun, setzten Eltern dem Nachwuchs keine Grenzen. Ergebnis seien immer mehr Tyrannen und lebensuntüchtige Narzissten, die am Einstieg ins Berufsleben scheiterten und dem Staat auf der Tasche lägen. Es drohe eine gesellschaftliche Katastrophe, schreibt Leibovici-Mühlberger, denn auf die nächste Generation könne man schlicht nicht zählen.

Schlimmes Wort

Kollegen empören sich über die Thesen der Wiener Ärztin. «Das ist verantwortungslos», sagt etwa Michael Schulte-Markwort, Professor für Kinder- und Jugendpsychosomatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Man sollte Eltern weder Angst machen, sie verunsichern noch sie beschimpfen. Gleiches gelte für die Heranwachsenden: «Ich kenne keine tyrannischen Kinder, nur verzweifelte, aggressive oder verwahrloste. Das Wort tyrannisch ist schlimm.»

Der von Leibovici-Mühlberger genutzte Begriff der Tyrannenkinder ist übrigens nicht neu. Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff konstatierte schon 2008 im Bestseller «Warum unsere Kinder Tyrannen werden» emotionale Unreife und mangelnde Empathie bei der Jugend.

Auch Bodo Reuser, der seit 30 Jahren mit Kindern und Eltern therapeutisch arbeitet, hält die Bewertung der Österreicherin für problematisch. Eine Schuldzuweisung an die Eltern sei nicht gut, man solle keine Schwarz-Weiss-Malerei betreiben, sagt der Diplom-Psychologe, der die Psychologische Beratungsstelle Mannheim leitet.

«Gilt für Deutschland, Österreich und die Schweiz»

Eine wissenschaftliche Arbeit hat Leibovici-Mühlberger mit ihrem Buch übrigens nicht vorgelegt. Die Therapeutin stützt ihre Thesen auf Gespräche mit Lehrern, Erziehern und Kollegen aus der Jugend- und Familienberatung – vor allem aber auf Einzelfälle aus ihrer Praxis, die sie im Text ausführlich beschreibt.

Etwa den Fall der neunjährigen Ella, ein ängstliches Kind, das urplötzlich und grundlos schreiend und heulend auf dem Praxissofa umherspringt und von der Mutter nicht zu bändigen ist. Oder das Schicksal von Manuela, die ihren nun 25-jährigen Sohn immer gehätschelt hat, der dann aber den Kontakt abgebrochen hat, weil die Mutter ihm kein Geld mehr geben konnte.

Fazit der Therapeutin: Es wird immer schlimmer mit der Jugend, früher gab es lange nicht so viele solche Extremfälle. Das bleibt freilich eine nur gefühlte Wahrheit, die laut Leibovici-Mühlberger aber gleichermassen für Österreich, Deutschland und die Schweiz gelten soll.

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Denn belegt ist all das nicht, es gibt keine entsprechenden Statistiken, zumindest nicht, wenn man psychische Auffälligkeiten in Deutschland betrachtet. «Die Häufigkeit psychischer Erkrankungen hat nicht zugenommen, weder bei Kindern noch bei Erwachsenen», sagt Kay Funke-Kaiser, Sprecher der Bundespsychotherapeutenkammer.

80 Prozent der Kinder gelten als unproblematisch

Den besten Überblick über die psychische Situation deutscher Kinder erlaubt eine Meta-Studie von Claus Barkmann und Michael Schulte-Markwort aus dem Jahr 2010, eine detaillierte Auswertung Dutzender Einzeluntersuchungen von den 50er Jahren bis 2010. Demnach gab es seitdem keine Zunahme der relativen Fallzahlen. Etwa zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen zeigten Hinweise auf behandlungswürdige Auffälligkeiten, bei weiteren zwölf Prozent müsse man zumindest genauer hinschauen. Das heisst auch: Fast 80 Prozent der Kinder gelten als unproblematisch.

Die häufigsten Diagnosen lauten:

«Heute kommen viele Eltern bei Problemen rechtzeitig zu uns.»

Bodo Reuser, Familientherapeut

Der Mannheimer Familientherapeut Bodo Reuser bestätigt zwar die Einschätzung seiner Wiener Kollegin, dass Eltern in Erziehungsfragen heute unsicherer sind als früher. «Aber sie sind auch viel eher bereit, in Beratungsstellen zu kommen und Rat anzunehmen.» Daher würde auch die Zahl der Beratungsfälle von Jahr zu Jahr steigen, was Reuser aber nicht mit einer Zunahme der Probleme erklärt, sondern mit einem gestiegenen Bewusstsein dafür.

«Früher hat man Probleme und Symptome einfach übersehen», sagt der Hamburger Psychologe Schulte-Markwort, «heute kommen viele Eltern bei Problemen rechtzeitig zu uns.» Darüber sollte man froh sein, früher hätten Eltern das nämlich nicht gemacht.

Und was ist mit den angeblich fehlenden Grenzen? «Das ist für mich kein Problem der Erziehung allein, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen», meint der Familientherapeut Reuser. Es gebe heute nicht mehr so viel Wertorientierung wie früher. Was zähle, seien Individualität und Freiheit.

Hände weg von meinem Kind

«Vieles, was Kinder tun, ist ein Spiegelbild der Gesellschaft», sagt der Mannheimer Psychologe. Kinder seien oft nur die Projektionsfläche für etwas viel Grösseres. Früher hätten sich Nachbarn noch getraut, in die Erziehung reinzureden und somit auch Grenzen gesetzt. Heute geschehe dies nur noch selten. Auf dem Spielplatz kann es heutzutage sogar Streit zwischen Eltern geben, wenn ein Vater ein fremdes Kind ermahnen will, das andere Kinder mit der Schaufel schlägt und die Eltern des schlagenden Kindes dies als übergriffiges Verhalten werten.

Doch selbst wenn Eltern heute weniger Grenzen setzten, bedeute das nicht, dass Kinder keine Grenzen mehr hätten, sagt Reuser. «Es gibt Erzieher, Lehrer, Freunde, später die Bundeswehr, die Uni, den Ausbildungsplatz. Auch dort erfahren Heranwachsende Normen und Grenzen.»

Und wenn ein Kind nur wenige Grenzen habe, heisse das nicht, dass es später deshalb Probleme bekomme. Hoffnung machen an dieser Stelle auch Studien, in denen Psychologen analysiert haben, wie lange eine psychische Störung bei Kindern anhält. Demnach sind noch 50 Prozent der Kinder zwei bis fünf Jahre nach der Diagnose weiterhin auffällig, nach zehn Jahren sind es nur noch zehn Prozent. Fazit: Psychische Probleme kommen, aber in den meisten Fällen gehen sie auch wieder.

Was aber wohl bleiben wird, ist das Lamentieren über die Jugend. Womöglich wird in 30, 40 Jahren jemand aus der heutigen, angeblich lebensuntauglichen Generation ein Buch verfassen, in dem er dem Nachwuchs mangelnde Reife, Faulheit und wer weiss was sonst noch vorwirft.

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