Die erste verfilmte Amazon-Kundenrezension der Welt gibt's jetzt bei YouTube. screenshot: youtube

Die unglaubliche Geschichte eines Mannes, der bei Amazon einen Grill bestellte

Kann man durch einen Barbecue-Grill Job, Frau und Lebenslust verlieren? Eine Amazon-Bewertung mit diesem Plot ist ein Klassiker. Sie stammt vom Autor des Blogs «Schlecky Silberstein» – jetzt wurde sie verfilmt. Bei YouTube geht's zur Sache!

12.04.17, 15:05

markus böhm

Ein Artikel von

Gerade ist der AEG 520015 bei Amazon gar nicht erhältlich. In der Kategorie «Garten» liegt der Barbecue-Grill auf einem unspektakulären Verkaufsrang: 63'146. Online-Shopping-Niemandsland, könnte man meinen, doch die Produktseite des 520015 dürfte derzeit wieder eine Menge Besucher bekommen.

Ihnen geht es vermutlich weniger um den Grill selbst als um eine Fünf-Sterne-Rezension unter der Beschreibung: fünf Sterne von «Karsten» aus dem März 2012. 3'570 von 3'726 Kunden fanden die Bewertung hilfreich, in Wahrheit aber wohl eher lustig.

Der «Wie der AEG520015 mein Leben veränderte» betitelte Text erzählt, welche fatalen Folgen der Kauf eines Barbecue-Geräts haben kann. Die Beziehung von «Karsten» und seinem Grill beginnt harmlos mit einem perfekten Burger, intensiviert sich dann aber, bis seine Frau erst nicht mehr Vegetarierin und dann vom ihm geschieden ist.

«Nähe allein reichte nicht aus»

«Der Grill wollte mehr von mir», heisst es, das Fan-Sein wird zur Obsession. «Nähe allein reichte nicht aus. Ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich kurz meine Handfläche auf das heisse Rost presste.»

Mehr von der Handlung wollen wir hier nicht spoilern, vor allem, weil es seit Mittwoch einen neuen Weg gibt, das Grilldrama mitzuerleben. Unter dem Stichwort «520015» ist auf YouTube eine 11-minütige Verfilmung der Rezension hochgeladen worden, die die Amazon-Bewertung handwerklich überzeugend und inhaltlich eins zu eins ins Bewegtbild überträgt:

«Wir haben sie alle verheizt.»

Hinter dem Projekt steckt ein dreiköpfiges Film- und Kreativteam, das aus Patrick Saleh-Zaki, Martin Mayntz und Timo Seidel besteht. Auf Nachfrage von Spiegel Online sagt Regisseur und Kameramann Saleh-Zaki, die Idee zur Verfilmung sei aufgekommen, als Martin Mayntz ein Thema für seinen Bachelor-Abschluss gesucht habe. Beim Lesen der Bewertung habe man direkt Filmszenen im Kopf gehabt.

Das Team habe kaum Budget gehabt, berichtet Saleh-Zaki, «jeder von uns hatte einfach Bock auf die Nummer». Dank einer Anfrage bei AEG habe man zumindest drei Original-Grills zur Verfügung gestellt bekommen: «Wir haben sie alle verheizt.»

Die Dreharbeiten haben rund eine Woche gedauert, hinzu kamen Szenen im Supermarkt und in einem Büro und vier Wochen Postproduktion, vom Schnitt bis zu den Soundeffekten.

Bislang ist «520015» nur auf Festivals gezeigt worden, jetzt entschied das Trio, den Clip ins Netz zu stellen. Einen Link zum Video schickten sie an Christian Brandes, der das bekannte Unterhaltungsblog «Schlecky Silberstein» (ehemals «Spiegel Offline») betreibt. Die Filmemacher waren damals über ebenjenes Blog auf die Rezension aufmerksam geworden. Ausserdem ist eine Erwähnung dort ein guter Weg, Besucher auf den eigenen YouTube-Kanal aufmerksam zu machen.

«Die wildesten Fantasien»

Mit ihrem Hinweis machten die Filmemacher offenbar auch Brandes glücklich: «Angeklickt. Ausgeflippt», schrieb dieser am Donnerstag in einem Blogbeitrag, denn er selbst habe die Rezension einst verfasst. «Für ein Buchprojekt hat Onkel Brandes 2012 als ‹Karsten› Kurzgeschichten bei Amazon in Kommentarspalten, auf Ebay etc. verfasst», heisst es in dem Artikel. «Und jetzt – vier Jahre später – flattert hier ein Mail mit einem YouTube-Link rein.»

So waren plötzlich beide Seiten überrascht. «Wir wussten nicht, dass er der Autor ist», heisst es vom Filmteam, genauso wenig hätte Brandes ihr Filmprojekt gekannt. «Tatsächlich haben wir sehr viel recherchiert und hatten die wildesten Fantasien, woher diese Geschichte stammen konnte. Aber den ‹echten› Karsten haben wir nicht ausfindig machen können.»

Lesenswerte Bewertungen

Auf YouTube ist «520015» schon auf einiges an Interesse gestossen, Stand Freitagnachmittag zählt der Clip rund 22'000 Klicks. Darunter finden sich Kommentare wie «Bitte verfilmt mehr solcher Amazon-Kundenbewertungen, da gibt es noch einige, die ich gern mal sehen würde».

Tatsächlich ist die Liste belletristisch wertvoller Online-Rezensionen lang, sie reicht von H. Schmidt, der über die sogenannte Akasha-Säule schreibt, bis zu P. Vogt, der das «MIG 29 fliegen» bewertet. Eine ganze Reihe höchst lesenswerter Besprechungen finden sich auch unter dem «Giant» genannten Schweizer Offiziersmesser, einem Klassiker des Bewertungsspasses bei Amazon, ebenso wie das schon legendär zu nennende «The Mountain Three Wolf Moon Short Sleeve Tee». Bei Amazon finden sich nicht nur im Buchshop lesenswerte Texte, sondern immer wieder auch auf den Produktbestellseiten.

Saleh-Zaki und seine Kollegen planen derzeit trotzdem keine weitere Bewertungsadaption. «Wir glauben, dass wir auch noch mehr können», sagen sie. Derzeit würden sie Drehbücher schreiben, für eine selbst produzierte Comedy-Serie für YouTube. Eine gute Abschlussnote soll Martin Mayntz übrigens auch bekommen haben.

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