Seldwyla in Liechtenstien wegen einer Hängebrücke

19.07.17, 09:40

Das Fürstentum Liechtenstein feiert bald die Staatsgründung vor 300 Jahren. Doch Ärger gibt es bereits jetzt. Eine geplante Hängebrücke als Symbol der Verbindung polarisiert. In zwei Gemeinden droht ihr der Absturz.

Sie ist 240 Meter lang, soll zwischen Planken und Nendeln hängen und den Scheidgraben auf 140 Metern Höhe überspannen. Die Hängebrücke ist das Perle des vorgesehenen Jubiläumswegs, der im Jubiläumsjahr 2019 alle elf Liechtensteiner Gemeinden plus die Landesteile Oberland und Unterland verbindet.

Die Brücke ist konzipiert nach dem Vorbild der Tessiner «Ponte Tibetano» in Monte Carasso oberhalb Bellinzona. Und der Scheidgraben ist gleichsam der Röstigraben Liechtensteins. Denn das Fürstentum besteht ursprünglich aus der Herrschaft Schellenberg sowie der Grafschaft Vaduz.

Beide Gebiete wurden 1719 verschweisst und zum Reichsfürstentum Liechtenstein erhoben. Wobei es 150 Jahre dauerte, ehe sich ein Fürst des damaligen österreichischen Hochadels der von und zu Liechtenstein auf dem Besitz am Alpenrhein blicken liess.

Proteste aus heiterem Himmel

Die Hängebrücke, kaum der Öffentlichkeit vorgestellt, polarisiert ungemein. Proteste entluden sich aus heiterem Himmel, als hätten Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner nur darauf gewartet, Dampf ablassen zu können.

Argumentiert wird, die Brücke könne wegen deren Lage nur von der Hälfe der Bevölkerung genutzt werden, ganz Alte und ganz Junge seien ausgeschlossen. Anderen ist sie zu teuer. Oder es gibt eine Grundsatzgegnerschaft, die zum Jubiläum lieber ein Volksfest mit Freibier hätte.

Überhaupt keine Freude haben die Jäger. Die Brücke bedeutet für sie einen massiven Eingriff in die Natur. Nachdem die landesweiten Störungen des Wildes durch unterschiedliche Naturnutzer ein unerträgliches Mass erreicht hätten, sei die Brücke abzulehnen, schrieben die Grünröcke.

Unterschriften sammeln

1.2 Millionen Franken sollen Jubiläumsweg und Brücke kosten. Finanziert wird das Projekt von den Gemeinden. Alle kommunalen Parlamente, die Gemeinderäte, stimmten dem Schlüssel für den Kostenverteiler zu. Massgebend ist die Einwohnerzahl, womit kleine Kommunen weniger als grosse zahlen.

In zwei Gemeinden ist jedoch Sand ins Getriebe geraten. In Vaduz und Balzers unterstehen die Ausgaben für das Jubiläumsprojekt dem fakultativen Finanzreferendum. Bei genügender Anzahl Unterschriften kommt in beiden Kommunen das Volk zu Wort.

Kaum ein Tag vergeht, an dem die Brücke nicht Gegenstand einer Berichterstattung der Tageszeitungen «Liechtensteiner Vaterland» und «Liechtensteiner Volksblatt» oder des Landessenders «Radio#L» wäre. Die einheimischen Medien besorgen die Moderation des Sommertheaters und leuchten das Thema in alle Winkel aus.

Abstimmung nach den Sommerferien

Den Gemeindepräsidenten ist das Theater um die Brücke inzwischen so bunt geworden, dass sie eine Internetseite über das Projekt aufgeschaltet haben. Sie wollen mit den aufgeschalteten Fakten eine Versachlichung der Diskussion erreichen.

Volksabstimmungen über das Jubiläumsprojekt in Vaduz und Balzers sind sehr wahrscheinlich. Zumal die Jäger eine «Allianz pro Natur» auf die Beine gestellt haben und koordiniert Unterschriften sammeln.

Sollte die Finanzierung in einer oder in beiden Gemeinden scheitern, könnte der kommunale Volkswille die Brücke zum Einsturz bringen. Regierungsrätin Aurelia Frick sagte in einem Interview mit dem «Liechtensteiner Volksblatt»: Die Gemeinden würden entscheiden, wie es weiterginge, egal, wie die allfälligen Abstimmungen in Vaduz und Balzers ausgingen.

Eine Abstimmung im Zusammenhang mit dem 300 Jahre-Jubiläum steht im September noch im Liechtensteiner Parlament an. Der 25-köpfige Landtag befindet über einen Kredit von zwei Millionen Franken. Es sind Feierlichkeiten geplant mit einer Zeitreise unter dem Leitmotiv «Von Gestern ins Heute und ins Morgen». Diese Ausgaben übernimmt das Land. Opposition dagegen ist bislang nicht auszumachen. (sda)

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