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Diagnose: «Allein»

Lepra war gestern.

Publiziert: 11.11.16, 13:22 Aktualisiert: 12.11.16, 16:43

yonni meyer

Kürzlich hatte ich einen Auftritt in Luzern und da ich eine stressige Zeit hinter mir hatte, lud ich mich selber für eine Nacht ins Spa-Hotel in den Bergen ein. Ein Geschenk von mir für mich.  

Schon im Bähnli wollte sich ein Ehepaar ins gleiche Abteil setzen und die Frau fragte: «Wo sitzt Ihri Begleitig?», um festzustellen, welche Plätze sie und ihr Ehemann einnehmen könnten. «Ich bin elei, sitzed Sie nu ab», antwortete ich. Da kam er das erste Mal, der etwas mitleidige Blick, gefolgt von einem beinahe entschuldigenden «Oh ...»  

Im Hotel angekommen, bezog ich mein Zimmer mit herrlichem Blick auf die Berge und begab mich im Anschluss ins Thermalbad. Ich kam mit zwei Damen aus Luzern ins Gespräch und schon bald blickten diese suchend umher und fragten: «Isch Ihre Fründ i de Sauna?»  

«Nei, ich bin elei da.»  

Augenbrauen schoben sich gen Himmel und beide Damen sagten praktisch unisono: «Ich find' das ja lässig, dass Sie das machen, aber iiiich könnte das ja nicht.»  

Dann sei’s ja gut, dass sie’s ja nicht müssten. Ja, ihnen würde eben langweilig, so ganz ohne Begleitung. Aha. Ja eben, dann sei’s ja gut, dass sie zu zweit seien. Ja, aber sie würden mich also schon bewundern.

«Haben wir mittlerweile pauschale Panik, wenn jemand mal allein ist? Oder Angst, man könnte sich mit Alleinititis (hihi, «Titis») anstecken?»

Irgendwie kam mir meine Solo-Tour in dem Moment vor wie eine Mischung aus Lepra und Mount Everest-Besteigung. Als wäre ich wahnsinnig mutig, aber machen wollen würde es dann eben doch niemand.  

Beim Abendessen setzte ich mich mit meinem Buch (übrigens sehr zu empfehlen: «Das Ende der Schonzeit» von Werner Rohner) im gehobenen Hotel-Restaurant an einen Tisch.  

Und wieder: «Wänd Sie scho öpis bstelle oder warted Sie uf Ihri Begleitig?»  

«Nei, isch guet. Ich bin elei.»  

Wieder ein Blick, als hätte ich gerade mein Kuscheltier verloren, gefolgt von hurtigem Wegräumen des zweiten Gedecks auf dem Tisch. Der Kellner, und er meinte es sicher gut, kam dann geschätzte 746 Mal an meinem Tisch vorbei und fragte, ob alles in Ordnung sei. Auch von ihm kam ein: «Isch Ihne nanig langwiilig?» Hehehehe. Nei. Gopf.  

Irgendwann kam ich an den Punkt, wo ich dachte: Was zur Hölle ist eigentlich los? Haben wir mittlerweile pauschale Panik, wenn jemand mal allein ist? Oder Angst, man könnte sich mit Alleinititis (hihi, «Titis») anstecken?  

Ich beobachte das nicht nur als Reaktion auf Leute, die allein sind, sondern auch ganz generell in Beziehungsfragen. Haufenweise meiner Bekannten sind, selbst nach dem Ende jahrelanger Beziehungen, innert Wochenfrist auf Tinder oder ähnlichem. Als wäre es unmöglich zu ertragen, mal einfach einen Moment mit sich selber zu sein. Und dann beklagen sie sich, dass keine/r passt. Kunststück! Du weisst ja nicht einmal, wer du bist, weil du keine einzige Sekunde einfach mal mit dir allein gewesen bist und herausgefunden hast, was die vergangene Zeit und die vergangene Beziehung eigentlich für einen Menschen aus dir gemacht haben.  

Das Problem, so scheint es mir, ist nicht die Angst vor dem Alleinsein, sondern die Angst vor der Einsamkeit. Und ja: Selbstverständlich bin ich ab und zu einsam. Nur vergisst man gerne, dass man das auch durchaus inmitten einer Beziehung sein kann.  

Was ist also das Problem mit dem Alleinsein? Was treibt Menschen von Beziehung zu Tinder zu Parship zu Beziehung? Die Angst vor der Einsamkeit oder das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Bestätigung? Hat man Angst, die Leute könnten denken, man sei unattraktiv oder unbeliebt, wenn man mal eine Weile für sich ist? Haben wir keine anderen Werte mehr, über die wir uns identifizieren können, als die Anzahl an Menschen, die mit uns zusammensein – oder zumindest mit uns schlafen oder uns auch nur «matchen» – wollen?

Unbestritten: Die Suche nach der Liebe ist ein Kernthema jedes Menschen. Aber zu welchem Preis?  

Manchmal dünkt es mich, als dächten viele, sie seien ohne PartnerIn nicht komplett – und dass sie deshalb lieber mit irgendwem zusammen sind als allein. Dann sitzt der Deckel halt mal nicht ganz auf dem Topf, aber besser als gar nichts.  

Dabei gibt’s einen Deckel, der immer auf deinen Topf passt, und das bist du selbst. Wenn man das nicht versteht, versucht man Deckel um Deckel und ist doch nicht vollständig, weil einem das Gefühl fehlt, beim Scheitern einer oder ohne eine Beziehung trotzdem noch ein Ganzes zu sein und man sich deshalb an Verbindungen klammert, die längst zerbrochen oder gar schädlich sind.  

Und ich für meinen Teil halte das für viel gefährlicher als die Diagnose: «allein».

Yonni Meyer

Yonni Meyer (33) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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Und hier noch das Gegenstück von Diagnose «allein»: True Love of old people

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