Napoleon war gar nicht klein – Und 16 weitere Mythen, die so nicht stimmen

11.08.17, 13:38

daniel huber

Wir alle haben es schon getan: an einer Party beim Small Talk mit interessanten Wissenshäppchen geglänzt, die nur einen einzigen Nachteil haben – sie sind gar nicht wahr. Es gibt nahezu unendlich viele davon; hier folgt eine Auswahl von 17 besonders schönen: 

Im Mittelalter glaubte man, die Erde sei eine Scheibe

Wenn die Erde eine Scheibe wäre: Wer zu weit hinaus segelt, kommt nie mehr zurück. 

Dass tumbe Pfaffen Kolumbus prophezeiten, er werde bei seiner Fahrt nach Westen über den Rand der Erde hinaussegeln, gehört heute zum Allgemeinwissen, stimmt aber nicht. Natürlich glaubte das einfache Volk im Mittelalter, dass die Erde flach sei. Unter den Gebildeten und Gelehrten aber herrschte kein Zweifel an der Kugelgestalt der Erde, die seit der Antike bekannt war.

Erst im 18. und 19. Jahrhundert verbreitete sich die irrtümliche Ansicht, dass die Erde erst seit der Renaissance als Kugel betrachtet worden sei. 

Das nach dem griechischen Astronomen Ptolemäus benannte Weltsystem mit der Erde als Kugel war seit der Antike bekannt.  Bild: Wikimedia

Stiere hassen rot

Es ist die Bewegung der muleta, nicht ihre Farbe, die den Stier reizt.  Bild: Shutterstock

Stiere haben, wie alle Rinder, keine L-Zapfen. Diese Fotorezeptoren ermöglichen die Wahrnehmung von rotem Licht. Die meisten Säugetiere haben Mühe, die Farbe Rot wahrzunehmen, während das menschliche Auge sehr empfindlich dafür ist.

Die Stiere in der Arena reagieren aggressiv auf die schnellen Bewegungen des Tuches, der «muleta», nicht auf dessen Farbe. 

Schlafwandler soll man nicht wecken

Beim Schlafwandeln kann man sich verletzen.  Bild: Shutterstock

Wer etwas «mit schlafwandlerischer Sicherheit» kann, beherrscht es vollkommen und instinktiv – so will es der Volksmund. Schlafwandler fänden sicher in ihr Bett zurück, man dürfe sie bloss nicht aufwecken, so lautet eine weitverbreitete Legende.

Dem ist aber nicht so. Schlafwandler erkennen Hindernisse und Gefahren nicht. Vermutlich werden sie sich beim Aufwecken zwar fürchterlich erschrecken, aber die Gefahr sich zu verletzen ist grösser, wenn man sie schlafen lässt. Am besten lotst man einen Schlafwandler aber sanft ins Bett zurück. 

Napoleon war klein

Der berühmte Korse war sicher nicht kleiner als der Durchschnitt: Napoleon nach dem Sieg bei Tudela, 1808. Gemälde von January Suchodolski.

Laut Messung seines Kammerdieners war Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, exakt fünf Fuss, zwei Zoll und drei Linien gross. Nimmt man die englischen Masseinheiten und rechnet sie um, kommt man auf bescheidene 158 Zentimeter. Der französische Fuss (32,48 cm) war aber länger als der englische (30,48 cm), und so betrug Napoleons wahre physische Grösse 168,5 Zentimeter.

Das ist heute nicht allzu viel, aber damals grösser als der Durchschnitt. Der Mythos vom kleinen Napoleon entstand wohl durch die Verwechslung dieser Längenmasse – oder durch britische Propaganda.

Napoleon war vermutlich 168,5 cm gross. Bild: PD

Es gibt nur fünf Sinne

Tasten, schmecken, sehen, hören, riechen: Die fünf Sinne (Symbolbild).  Bild: Shutterstock

Ein klarer Fall: Die meisten Menschen können sehen, hören, riechen, schmecken und tasten. Das war's. Manche glauben, sie hätten noch einen «sechsten Sinn». In Wahrheit sind es aber bedeutend mehr Sinne: Es gibt physiologisch noch den Temperatursinn, den Schmerzempfindungssinn, den Gleichgewichtssinn und die Körperempfindung (die Eigenwahrnehmung).

Daneben gibt es noch weitere sensorische Fähigkeiten, die aber nicht bewusst sind – zum Beispiel Blutdruck-Rezeptoren. 

Nero zündete Rom an

Peter Ustinov (M.) in der Rolle des wahnsinnigen Nero, der das brennende Rom besingt. 

Der römische Kaiser Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus geniesst keinen guten Ruf, und das schon seit seinem gewaltsamen Ableben im Jahr 68 n.Chr. Vor allem wird er für den verheerenden Brand von Rom verantwortlich gemacht, der 64 n.Chr. ganze Stadtteile einäscherte – der wahnsinnige Kaiser soll die Feuersbrunst mit begeisterten Versen gefeiert haben.

Wahrscheinlich brach das Feuer aber ganz banal auf dem Marktplatz aus. Die christliche Nachwelt nahm es Nero überdies ausgesprochen übel, dass er als Sündenböcke für den Brand zahlreiche Christen hinrichten liess. 

«Die Fackeln des Nero», Gemälde von Henryk Siemiradzki.   Bild: Wikimedia

Die Chinesische Mauer ist das einzige Bauwerk, das man vom All aus sehen kann

Die Grosse Mauer ist lang. Und sie ist in Sachen Volumen und Masse das grösste Bauwerk der Welt.   Bild: Shutterstock

Das stimmt nicht, jedenfalls nicht, wenn man den Orbit der Weltraumstation ISS (ca. 400 km Höhe) zum Massstab nimmt. Nach Aussage mehrerer Astronauten ist die Chinesische Mauer nur aus niedriger Umlaufbahn und unter günstigen Umständen erkennbar.

Zudem können andere Bauwerke, die weniger spektakulär sind, vom All aus trotzdem besser erkannt werden, weil sie sich deutlicher von ihrer Umgebung abheben. Beispiele dafür sind der Afsluitdijk in den Niederlanden oder kommune Wüstenstrassen. 

Blick aus dem All auf die Innere Mongolei. Die Mauer ist von der niedrigen Umlaufbahn aus sichtbar, aber nicht leicht zu erkennen.  Bild: NASA

Die Detailkarte zeigt, wo die Mauer zu sehen ist.  Bild: NASA

Wikingerhelme hatten Hörner

Leif Eriksson mit gehörntem Wikingerhelm (Zeichnung aus einem Buch von 1908). 

Hatten sie nicht. Obwohl heute kaum eine Darstellung von Wikingern ohne Hörnerhelm auskommt – Fakt ist, Archäologen haben noch nie einen Wikingerhelm mit Hörnern gefunden. Kein Wunder: Hörner wären auch eher unpraktisch gewesen im Kampf – sie hätten die Wucht eines Schwerthiebs direkt auf den Kopf des Kriegers gelenkt, was diesem vermutlich das Genick gebrochen hätte.

Es gibt zwar bronzezeitliche Darstellungen von Figuren mit solchen Helmen, aber diese dürften rein rituellen Zwecken gedient haben. Geprägt wurde das Bild des behornten Wikingers wahrscheinlich durch Richard Wagners Oper «Ring der Nibelungen»

So sahen echte Wikingerhelme aus: Ein sogenannter Brillenhelm aus dem 10. Jahrhundert.  Bild: Wikimedia/Berig

Akohol tötet Nervenzellen

Mit Alkohol, zumal mit Spirituosen, ist nicht zu spassen ...  Bild: Giphy

Um es gleich am Anfang zu sagen: Alkohol ist ein Genussmittel, das verflucht schnell zum Suchtmittel werden kann. Grosse Mengen von Alkohol schaden nicht nur der Gesundheit, sie sind schlicht tödlich. Davon abgesehen ist es jedoch keineswegs so, dass der Konsum von Alkohol in vernünftigen Mengen unsere Gehirnzellen abtötet, wie oft behauptet wird.

Der Alkohol schädigt die Dendriten, die für die Kommunikation zwischen den Zellen sorgen, doch die können sich erholen. Die eigentlichen Gehirnzellen sterben nicht ab. Schwere Schäden – zum Beispiel das Korsakow-Syndrom – sind erst die Folge von schwerem Alkoholmissbrauch. 

... bei schwerem Missbrauch leiden die kognitiven Fähigkeiten. Bild: Giphy

Die Eiserne Jungfrau war ein Folterinstrument

Nichts für Klaustrophobiker: Die «Eiserne Jungfrau von Nürnberg» steht heute im Mittelalterlichen Kriminalmuseum Rothenburg ob der Tauber. Bild: Wikimedia

Die Vorstellung ist mehr als nur makaber: Ein Hohlkörper, fast immer in Frauenform, innen mit Nägeln beschlagen, der als Folter- und Hinrichtungsinstrument dient. Die «Eiserne Jungfrau» gilt heute als Inbegriff der an Gräueln sicher nicht armen Rechtspflege des Mittelalters. Doch obwohl die Justiz in Mittelalter und früher Neuzeit tatsächlich von ausgesuchter Grausamkeit sein konnte, ist die Eiserne Jungfrau eine Erfindung der Moderne.

Nur ein vergleichbares Gerät aus dem Mittelalter ist erhalten geblieben: die «Nürnberger Jungfrau». Diese hatte ursprünglich aber keine Nägel; sie ist vermutlich eine Abart des Schandmantels, einer Art mobilen Prangers. 

Schandmantel. Bild: mgoesswein.de

Öl im Kochwasser verhindert verklebte Pasta

Pasta: Öl hilft nicht gegen das Verkleben. Bild: Shutterstock

Verklebte Spaghetti auf dem Teller sind ein Ärgernis. Gottseidank gibt es ein probates Mittel dagegen: Einfach etwas Öl ins Kochwasser giessen, damit die Pasta nicht kleben. Leider ist der Tipp falsch. Denn das Öl bildet einen glatten Film um die Pasta, was dazu führt, dass die Sauce nicht mehr gut haftet.

Denselben negativen Effekt hat es, wenn man die Teigwaren nach dem Abgiessen mit kaltem Wasser abschreckt – damit spült man die Stärke weg, die die Sauce bindet. Das Verkleben lässt sich besser dadurch verhindern, dass man genug Wasser nimmt und die Pasta zwischendurch umrührt. 

Ablaufendes Wasser rotiert auf der Südhalbkugel andersrum

Wasserwirbel in Badewanne und Lavabo lassen sich von der Corioliskraft nicht beeindrucken.  Bild: gizmodo.com.au

Mit diesem Wissen kann man punkten: Die Corioliskraft – eine Trägheitskraft, die in allen rotierenden Systemen wirkt – führt dazu, dass der Strudel von abfliessendem Wasser in der Badewanne sich auf der Nordhalbkugel im Gegenuhrzeigersinn dreht, südlich des Äquators dagegen im Uhrzeigersinn. In der Meteorologie trifft das voll und ganz zu: Tiefdruckwirbel rotieren im Norden und Süden gegenläufig.

Auch in der Badewanne wäre es so – wenn sie etwa 500 Mal grösser wäre und das Wasser einige Tage geruht hätte. Im Alltag aber ist die Corioliskraft viel zu schwach und wird von anderen Faktoren – etwa von kaum spürbaren Wirbeln im Wasser – um ein Vielfaches übertroffen. 

Die Zunge hat verschiedene Geschmackszonen

Angebliche Geschmackszonen auf der Zunge (ohne umami). Bild: Shutterstock

Nehmen wir es gleich vorweg: Es gibt tatsächlich Zonen unterschiedlicher Geschmacksempfindlichkeit auf der Zunge. Am Rand sitzen deutlich mehr Geschmacksrezeptoren als in der Mitte der Zunge. Doch die Rezeptoren für die bekannten fünf verschiedenen Geschmacksrichtungen – süss, sauer, salzig, bitter und umami – sind dabei weitgehend gleichmässig verteilt.

Es gibt nur geringe Unterschiede; vor allem die Bitter-Rezeptoren sind im hinteren Bereich stärker vertreten als die anderen Geschmacksrichtungen. Doch eigentliche Geschmackszonen, wie heute noch oft behauptet wird, gibt es nicht. 

Verteilung der Rezeptoren auf der Zungenoberfläche: süss, sauer, salzig, bitter (v.l.), ohne umami.  Bild: Wikimedia

Ritterfrauen trugen einen Keuschheitsgürtel

Keuschheitsgürtel, aus Eisen geschmiedet, aus dem 18. oder 19. Jahrhundert.  Bild: museum-joanneum.at/E. hofer

«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser»: Diese Lenin zugeschriebene Maxime kannte natürlich kein Ritter, der im hohen Mittelalter an einem Kreuzzug in den fernen Orient teilnahm. Aber weil er seiner «frouwe» nicht traute, musste sie während seiner langen Abwesenheit einen Keuschheitsgürtel tragen. Dumm nur, dass aus dem Hochmittelalter kein einziger Gürtel erhalten ist – und es auch keine Beschreibung davon gibt.

Keine Frau hätte zudem unter den hygienischen Bedingungen des Mittelalters längere Zeit mit einem solchen Gürtel überlebt. Die früher in Museen zur Schau gestellten Exponate stammen allesamt aus dem 19. Jahrhundert. Erst in diesem lustfeindlichen Säculum kam man auch auf die Idee, Masturbation mithilfe von Zwangshosen zu unterbinden. 

Die wohl früheste Darstellung eines Keuschheitsgürtels: Illustration in einem Manuskript aus dem Jahr 1405.  Bild: Wikimedia

Einstein war ein schlechter Schüler

Erst schlechter Schüler, dann Nobelpreisträger? Albert Einstein.  Bild: AP

Es ist ein Trost für alle, die ihre Schulzeugnisse am liebsten schreddern würden: Einstein, das Genie des 20. Jahrhunderts schlechthin, war als Schüler eine Pfeife. Doch der junge Albert war kein schlechter Schüler – ein rebellischer womöglich, aber kein schlechter. Vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern brillierte er schon früh.

Zwar bestand er mit 16 – trotz hervorragender Leistungen in Mathematik und Physik – die Aufnahmeprüfung zum Polytechnikum (heute ETH) in Zürich nicht, die man eigentlich erst mit 18 absolvieren durfte.

So machte er eben zuerst die Matura an der Kantonsschule Aarau – mit einer glatten 6 in Physik. Die Mär vom schlechten Schüler rührt daher, dass sein erster Biograph das Schweizer Notensystem nicht kannte und die 6 für die schlechteste Note hielt. 

Einsteins Maturazeugnis: Dass der aus Deutschland stammende Schüler in Französisch nicht brillierte, dürfte verständlich sein.  Bild: AP

Glas ist eine Flüssigkeit

Glas kann durchaus zähflüssig sein, aber nicht bei Zimmertemperatur. Bild: Shutterstock

Viele alten Kirchenfenster sind unten dicker als oben. Der Grund dafür ist kristallklar: Glas fliesst, wenn auch extrem langsam. In der Tat ist Glas ein merkwürdiges Material: Es ist amorph; die Atome sind nicht in einem regelmässigen Gitter angeordnet wie bei einem Kristall.

Aber dass es bei Zimmertemperatur extrem langsam fliesst, ist ein Mythos. Das zeigt sich an sehr grossen Teleskopen, von denen einige schon über hundert Jahre alt sind: Ihre Linsen sind heute noch funktionsfähig, und das wären sie nicht, wenn sie ihre Form auch nur um den Bruchteil eines Millimeters geändert hätten. 

Haie kriegen keinen Krebs

Auch Haie müssen sterben. Und auch sie können Krebs bekommen.  Bild: Shutterstock

Der Mythos, dass Haie im Gegensatz zu anderen Fischen nicht an Krebs erkranken können, beruht auf einer wissenschaftlichen Studie aus den 70er Jahren. Diese postulierte, dass Knorpel – Haie sind Knorpelfische – das Wachstum von Blutgefässen hemme, und auch ein Tumor benötigt Blutgefässe zum Wachsen.

Neuere Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass auch Haie an Krebs erkranken, wenn auch seltener. Trotzdem kam es zu einem Run auf Haiknorpel-Präparate. Deren einziger Effekt ist allerdings ein wirksamer Beitrag zur Reduktion der Haibestände – gegen Krebs helfen sie nicht. 

Keine Kur gegen Krebs: Haifischknorpel-Extrakt. Bild: sharkproject.org

Ein Bild lügt mehr als 1000 Worte: Was dir diese Fotos nicht zeigen

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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