History

Nazi-Verbrecher Alois Brunner

Eichmanns Stellvertreter lebte jahrzehntelang in Syrien und starb erst vor Kurzem 

Alois Brunner schickte im Naziregime Hunderttausende Juden in den Tod. Nach dem Krieg tauchte er in Syrien unter, half dem Geheimdienst beim Foltern. Nun wurde bekannt: Der NS-Verbrecher ist seit fünf Jahren tot. 

01.12.14, 17:12 02.12.14, 11:08

Christoph Sydow / Spiegel Online

Ein Artikel von

Bild: EPA AFP

Der Mann, der mehr als hunderttausend Juden in den Tod geschickt hatte, gab seinem Gast aus Österreich Folgendes mit auf den Weg: «Junger Freund, lassen Sie mir das schöne Wien grüssen und seien Sie froh, dass ich es für Sie judenfrei gemacht habe.»

Im Jahr 1987 sagte Alois Brunner diesen Satz zu dem österreichischen Journalisten Kurt Steinitz. Es war eine der letzten öffentlichen Aussagen des NS-Verbrechers, danach verlor sich seine Spur in Syrien. Nun gibt es wohl Klarheit über das Schicksal Brunners. Wie das Simon-Wiesenthal-Zentrum am Sonntag bekannt gab, starb er 2009 im Alter von 98 Jahren in Syrien

Brunner war im Naziregime der wichtigste Mitarbeiter von Adolf Eichmann. Gemeinsam organisierten die beiden SS-Männer die Deportation der Juden aus Berlin, Wien, Frankreich und Griechenland. Der gebürtige Österreicher Brunner wachte darüber, dass die Menschen nach Auschwitz transportiert wurden, selbst Babys verschonte er nicht. 

Während Eichmann 1960 von israelischen Agenten aus Argentinien entführt und in Jerusalem vor Gericht gestellt wurde, blieb Brunner Zeit seines Lebens gerichtlich unbehelligt. 

BND-Chef Gehlen war Brunners Fluchthelfer 

«Wir haben die Information von einem ehemaligen deutschen Geheimdienstagenten im Nahen Osten erhalten, dass Brunner tot ist und in Damaskus begraben wurde», sagte Efraim Zuroff, Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, das sich mit den Verbrechen des Holocaust beschäftigt. 

Wegen des Syrien-Krieges gebe es derzeit zwar keine Möglichkeit, diese Information zu überprüfen. Zuroff schätzt die Quelle jedoch als sehr glaubwürdig ein. «Angesichts seines hohen Alters ist es auch keine Überraschung, dass er tot ist», so Zuroff weiter. 

Damaskus war Jahrzehnte lang das Zuhause von Brunner. Bild:

Brunner war in den Fünfzigerjahren nach Syrien geflüchtet, zuvor hatte er unter falschem Namen in Essen gelebt. Bei seiner Flucht halfen ihm Seilschaften aus der Nazi-Ära – unter anderem Reinhard Gehlen, ehemaliger Chef der Ostspionage bei der Wehrmacht und später erster Präsident des BND. Mit dem Pass seines ehemaligen SS-Kameraden Georg Fischer reiste Brunner nach Syrien. Dort nahm er den Namen des Fluchthelfers an, lebte als Georg Fischer in Damaskus. In der Stadt eröffnete er ein kleines Geschäft, in dem er westliche Produkte und selbstgemachtes Sauerkraut an zumeist europäische Kunden verkaufte. 

Bald wurde der syrische Geheimdienst auf den Nazi-Schergen aufmerksam, Brunner diente sich dem Regime an. Eines der berüchtigtesten Folterinstrumente in Syrien soll auf ihn zurückgehen: der deutsche Stuhl. Dabei wird der Häftling auf ein stuhlähnliches Gerät gesetzt, das aus beweglichen Teilen besteht und mit dem der Körper des Gefangenen überdehnt wird. Häufig führt diese Methode dazu, dass den Opfern die Wirbelsäule gebrochen wird. 

Der Mossad schickte zwei Briefbomben 

Das Regime schützte Brunner: Französische Gerichte hatten ihn wegen seiner Verbrechen an den französischen Juden zweimal zum Tode und einmal zu lebenslanger Haft verurteilt. Auch die deutschen Behörden wurden aktiv, die Länder Hessen und Nordrhein-Westfalen setzten eine Belohnung von einer halben Million Mark für Hinweise zu seinem Aufenthaltsort aus. Das Assad-Regime behauptete stets, es kenne keinen Alois Brunner. 

Dabei lebte dieser lange unbehelligt in Damaskus. 1985 gab er der Illustrierten «Bunte» ein Interview. Brunner zeigte keinerlei Reue. Ja, es sei an der Judenverfolgung im NS-Regime beteiligt gewesen und das sei auch gut und richtig gewesen. Bei dem Gespräch zeigte sich der damals 72-Jährige so voller Hass, dass die «Bunte» nur eine stark zensierte Version des Interviews veröffentlichte. 

Zwei Jahre später spürte ihn der «Krone»-Journalist Steinitz auf. Die internationale Aufmerksamkeit, die Brunners Redseligkeit verursachte, wurde irgendwann auch Diktator Hafis al-Assad zu viel. Er verhandelte in den späten Achtzigerjahren mit der befreundeten DDR über eine Auslieferung, der Mauerfall rettete den Nazi-Schergen. Stattdessen liess Assad den Österreicher vorübergehend aus Damaskus entfernen und brachte ihn in einem Gästehaus der Regierung im Bergdorf Slinfah unter. 

Um die Jahrtausendwende wurde Brunner noch einmal in einem Luxushotel in Damaskus gesichtet. Seither fehlte jede Spur. Er war allen Nazi-Jägern entkommen – und auch dem israelischen Geheimdienst. 1961 und 1980 schickte der Mossad Briefbomben an den Naziverbrecher. Beim ersten Anschlag verlor Brunner ein Auge, der zweite verstümmelte seine linke Hand. So lebte er bis 2009 in Syrien – voller Hass bis zum Schluss. 

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0Alle Kommentare anzeigen
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!

Die vergessenen Jahre des Terrors: In den 70ern und 80ern zogen Terroristen eine Blutspur durch Europa

Weltweit gab es seit 1970 über 156'000 Terroranschläge. In der Schweiz ist seit 20 Jahren niemand mehr einem Attentat zum Opfer gefallen. Doch in den 70er- bis 90er-Jahren ermordeten Terrorgruppen teils Hunderte Menschen jährlich in Westeuropa. Eine Übersicht von 1970 bis Manchester 2017.

Zusammenfassung: In den 70er- bis 90er-Jahren töteten meist europäische Terrorzellen jährlich 100 bis 400 Menschen in Europa. Seit der Jahrtausendwende nehmen die Attentate in Westeuropa und in der Schweiz stark ab. Von 2001 bis 2015 entfielen nur 0,3 Prozent der Terroropfer auf Westeuropa. Hauptsächlich aufgrund der Attentate in Paris und Nizza stieg die Opferzahl zuletzt wieder auf rund 150 Menschen pro Jahr, sprich auf das Niveau der 80er-Jahre. Weltweit nimmt der Terrorismus seit 2005 zu …

Artikel lesen