«Big Brother is watching you» ist kein Witz mehr. bild: shutterstock

Fake News, totale Überwachung und neuer Kalter Krieg: Big Brother ist da!

George Orwells legendärer Roman «1984» wird ein Vierteljahrhundert später immer mehr Wirklichkeit.

15.09.17, 14:24

«Big Brother» bringen jüngere Menschen mit einer ziemlich doofen Reality TV-Show in Verbindung. Ursprünglich stammt der Begriff jedoch aus George Orwells Roman «1984». Der englische Schriftsteller schrieb diese dystopische Erzählung 1948 unter dem Eindruck des Faschismus und vor allem des Stalinismus.

Bis heute ist «1984» ein beliebter Lesestoff an Gymnasien. Während des Kalten Krieges diente er dazu, junge Menschen vor dem Kommunismus zu warnen.  

George Orwell gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des letzten Jahrhunderts. Bild: Uncredited/AP/KEYSTONE

Was die technische Entwicklung betrifft, war Orwells Phantasie beschränkt. Ausser einem interaktiven TV-Gerät hat er wenig zu bieten. Hingegen hat er die politische und soziale Entwicklung erstaunlich präzise vorhergesagt. Überzeugt euch selbst:    

Geopolitik

In Orwells Dystopie wird die Welt von drei Machtblöcken beherrscht: Ozeanien, Eurasien und Ostasien. Die drei Mächte führen abwechslungsweise gegeneinander Krieg, respektive verbünden sich gegenseitig.  

Eine ähnliche Konstellation zeichnet sich derzeit zwischen den USA, Russland und China ab. Donald Trump geht offensichtlich auf Konfrontationskurs mit China. Kaum gewählt, hat er mit der taiwanesischen Präsidentin telefoniert und damit die Chinesen provoziert. Die Antwort liess nicht lange auf sich warten: China hat soeben eine amerikanische Unterwasser-Drohne gekapert, was Trump wiederum in einem wütenden Tweet kommentierte.  

Während der Konflikt zwischen den USA und China eskaliert, geht Trump auf Schmusekurs mit dem Erzfeind Russland. Allgemein wird erwartet, dass er bald einen Deal mit Putin abschliessen und die Sanktionen gegen Russland aufheben wird.

Ein chinesisches Kriegsschiff im Hafen von San Diego (Kalifornien). Diesmal war es ein Freundschaftsbesuch.  Bild: Gregory Bull/AP/KEYSTONE

Wie aber werden sich Russland und China verhalten? Bisher schien es so, als würden sich die beiden gegen die USA verbünden. Nach der Invasion der Krim haben Putin und Xi Jinping sich mehrmals getroffen. China hat einen langfristigen Gas- und Erdölvertrag mit Russland abgeschlossen. Wird es Trump gelingen, Putin auf seine Seite zu ziehen?    

Totale Überwachung

Spätestens seit Edward Snowden wissen wir, dass der US-Geheimdienst NSA praktisch alles abhören kann. Ebenfalls ist bekannt, dass dank Big Data auch Unternehmen unsere Konsumgewohnheiten, Hobbys und Vorlieben im Detail kennen.  

China will nun noch einen Schritt weitergehen: Es plant, ein «soziales Kreditsystem» zu installieren. In diesem System wird nicht nur aufgezeichnet, ob ein Bürger seinen Finanzen in Ordnung hält. Auch für sein politisches und soziales Verhalten erhält jeder Punkte.  

Big Data als Kunst in London. Bild: Getty Images Europe

Vorbildliche Bürgerinnen und Bürger werden belohnt – sie können beispielsweise bei der Erteilung eines Auslandvisums die Warteschlange überspringen. Wer sich politisch und sozial nicht korrekt verhält, wird abgestraft. Bis 2020 soll so ein dichtes Kontrollnetz über die gesamte Bevölkerung gespannt werden.  

Dieses Netzt «macht es den Vertrauenswürdigen möglich, sich frei unter dem ganzen Himmel zu bewegen, während die Diskreditieren es schwer haben werden, auch nur einen einzigen Schritt zu machen», wie es in der offiziellen Sprechweise heisst.

Fake News

In «1984» beschreibt Orwell die Wirkung der Parteipropaganda wie folgt: «Die Partei kann ihre Sicht der Dinge am erfolgreichsten Menschen einimpfen, die sie nicht verstehen. So können sie dazu gebracht werden, die offensichtlichsten Verletzungen der Realität zu akzeptieren, denn sie haben niemals begriffen, was für enorme Dinge von ihnen verlangt werden, und sie interessieren sich nicht genügend dafür, was um sie herum geschieht.»  

Dank Fake News können wir dieses Phänomen heute zunehmend auch bei uns beobachten. Die Trump-Wähler sind ein gutes Beispiel: Obwohl Hillary Clinton fast drei Millionen mehr Wählerstimmen erhalten hat, sind sie überzeugt, dass Trump auch in dieser Hinsicht obenauf geschwungen haben soll. Trump selbst twittert ohne einen Anflug von Beweis: Ohne Wahlbetrug hätte er auch diesbezüglich die Mehrheit erreicht.  

Leben in einer Blase: Trump-Wählerinnen. Bild: TANNEN MAURY/EPA/KEYSTONE

Trump-Wähler glauben auch, dass der Dow Jones in der Regierungszeit von Barack Obama gefallen sei. Tatsächlich ist er von unter 8000 auf bald 20'000 Punkte gestiegen. Ebenso sind sie überzeugt, die Arbeitslosigkeit sei unter Obama gestiegen. Tatsächlich hat sie sich halbiert.  

In Russland hat die totale Relativierung der Fakten eine neue Stufe erreicht. Eindrücklich beschreibt dies Peter Pomerantsev in seinem Buch «Nichts ist wahr und alles ist möglich». Der russischstämmige Journalist ist in England aufgewachsen, hat aber zehn Jahre lang als TV-Produzent in Russland gearbeitet.  

Putins Chefideologe Wladislaw Jurewitsch Surkow feiert nicht nur den Präsidenten, sondern auch dessen Opposition: «Das Geniale an diesem neuen Typ von Autoritarismus ist, dass er die Opposition nicht einfach unterdrückt, sondern dass er sich innerhalb aller Ideologien und Bewegungen entwickelt, sie ausbeutet und ad absurdum führt», stellt Pomerantsev fest.  

Putin und sein Chefideologe: Wladislaw Jurewitsch Surkow.

Wie bei Orwell führt das zu einer Relativierung aller Werte: Frieden ist Krieg, Freiheit ist Sklaverei und Ignoranz ist Stärke. Bei den russischen Staatsmedien ist das Resultat der totale Zynismus. Oder wie sich ein TV-Produzent ausdrückt: «Wir haben die letzten zwanzig Jahre einen Kommunismus durchlebt, an den wir nie geglaubt haben, dann die Demokratie und deren Scheitern, Mafiastaat und Oligarchie, und wir haben alle erkannt, dass das alles Illusionen sind, dass alles PR ist.»

Besser hätte es Orwell nicht auf den Punkt bringen können.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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