Umfragen geben grüner Atomausstiegsinitiativen Chancen beim Volk

Publiziert: 21.10.16, 18:52

Erstmals seit zwei Jahrzehnten hat eine rein linke Volksinitiative eine Chance auf Erfolg beim Volk: Sowohl die erste SRG-Trendumfrage als auch die Tamedia-Umfrage halten die Chance für intakt, dass die grüne Atomausstiegsinitiative am 27. November angenommen wird.

Gemäss der am Freitag veröffentlichten SRG-Trendumfrage sind 57 Prozent der Stimmenden bestimmt oder eher dafür, dass die Laufzeit der AKW auf maximal 45 Jahre befristet wird. Nur 36 Prozent der zwischen dem 3. und 14. Oktober Befragten waren bestimmt gegen oder eher gegen die Ausstiegsinitiative.

Das Meinungsforschungsinstitut gfs.bern, das für die SRG schweizweit 1200 repräsentative Stimmberechtigte ausgesucht und per Telefon befragte, bezeichnete in seiner Studie die Initiative als «potenziell mehrheitsfähig».

Bei der vom Medienhaus Tamedia veröffentlichten Umfrage sagten 55 Prozent der Befragten Ja oder eher Ja und 43 Prozent Nein oder eher Nein.

Knapp 20'000 Personen in allen Landesteilen der Schweiz hatten sich an der Tamedia-Online-Umfrage beteiligt. Die so erhobenen Daten wurden dann für die Analyse nach demographischen, geographischen und politischen Variablen gewichtet.

Die letzte «linke» Initiative, die von Volk und Ständen angenommen worden war, war die Alpenschutzinitiative 1994. Vier Jahre vorher hatte bereit eine Vorlage von Atomkraftgegner Erfolg gehabt: 1990, vier Jahre nach dem Super-GAU des AKW von Tschernobyl. hatte die Initiative «Stopp dem Atomkraftwerkbau», die Moratoriumsinitiative", reüssiert.

AKW machen Angst

Die Atomkraft weckt Ängste. Dies zeigten die Reaktionen nach dem Super-GAU im japanischen AKW Fukushima 2011. Spuren davon sind auch in den Antworten der Initiativ-Befürworter zu finden.

Die AKW-Gegner punkten deswegen mit dem Alter der Atomkraftwerke: 62 Prozent der Teilnahmewilligen seien einverstanden, dass Schweizer AKW mit jedem zusätzlichen Jahr Betrieb noch älter und damit noch gefährlicher würden, hiess es bei gfs.bern. Bei der Tamedia-Umfrage meinten 43 Prozent, der Weiterbetrieb von AKW sei zu gefährlich und ein Super-GAU auch in der Schweiz nicht auszuschliessen.

Misstrauensvotum

Auch die Energiewende beschäftigt die Menschen. Dabei schlägt der Politik Misstrauen entgegen. Nach Fukushima hatten Politiker bis weit ins bürgerliche Lager hinein einen raschen Ausstieg aus der Atomkraft gefordert, worauf der Bundesrat die Energiewende einleitete.

Doch das bürgerlich dominierte Parlament strich zuletzt jede Beschränkung der Laufzeiten aus dem im September verabschiedeten Energiegesetz. Gegen das Gesetz ergriff die SVP zudem das Referendum.

In der Tamedia-Umfrage erklärten 22 Prozent der Befürworter, dass der Atomausstieg ohne Laufzeitbeschränkung noch jahrzehntelang auf sich warten lasse. Beim SRG-Trend stimmten 76 Prozent der Befragten dem Argument zu, dass die Energiewende nur mit einem geordneten Ausstieg aus der Atomkraft Realität werde.

Gegner fürchten Stromlücke

Bei den Gegnern dominiert die Angst vor der sogenannten Stromlücke. Bei Abschalten der AKW mit Engpässen in der Versorgung rechneten in der SRG-Trendumfrage 54 Prozent. In der Tamedia-Umfrage glaubten 31 Prozent, dass die Initiative die Stromversorgung gefährde.

In der Kritik standen auch Stromimporte aus klimaschädlichen Kohle- und Gaskraftwerken, um den Wegfall des Atomstroms zu kompensieren: 67 Prozent der Teilnahmewilligen kritisierten dies bei der SRG-Umfrage, 33 Prozent bei der Tamedia-Umfrage.

Geschlechter gespalten

Bei der Diskussion um die AKW stehen sich zwei Sicherheitsaspekte gegenüber: Die Sicherheit der AKW und die Versorgungssicherheit. Während sich Frauen mehr Sorgen um die AKW-Sicherheit machen, fürchten Männer sich mehr vor möglichen Blackouts und vor den Folgen für die Wirtschaft, wie dem Blog von gfs.bern zu entnehmen ist.

Der Unterschied zwischen den Geschlechtern bei der Umfrage ist gross: 63 Prozent der Frauen wollen gemäss SRG-Trendumfrage der Initiative zustimmen, aber nur die Hälfte der Männer sagen Ja.

Insgesamt ist die Meinungsbildung gemäss den Forschern von gfs.bern mittel bis weit fortgeschritten. Dennoch bestehe noch «Spielraum für Veränderungen» und die Mehrheitsverhältnisse könnten noch kippen. Zwei Faktoren können eine Rolle spielen: Es sind dies zunächst die Unentschiedenen sowie jene, die ihrer Antwort ein «eher» vorangestellt haben. Und danach geht es darum, welche Seite mehr Leute mobilisieren kann. (sda)

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