Aargauer Zeitung

Wanderverbot für Flüchtlinge: Hamid und Mohammad schöpfen neue Hoffnung

Die zwei Afghanen, die durch die ganze Schweiz wandern und so das Land kennenlernen wollen, erhielten zahlreiche Lob-Mails, auch aus dem Ausland. Ob die Wanderung aber überhaupt erlaubt wird, darüber informiert heute die Gemeinde Brittnau.

19.04.17, 06:28 19.04.17, 17:42

Mario Fuchs / Aargauer Zeitung

Video: watson/Lya Saxer

Hamid und Mohammed riefen in die Schweiz hinaus, und das Echo war gewaltig: Als die 26-jährigen afghanischen Asylsuchenden aus Brittnau und Safenwil vergangene Woche verkündeten, sie wollten ihre Integration selber in die Hand nehmen, «auf die Schweiz zugehen», in einem Monat rund um die Schweiz wandern und jeden Abend bei anderen Schweizern übernachten, folgten die Reaktionen prompt.

Nebst watson und der «AZ» berichteten die «NZZ», der «Blick». «Wir haben Hunderte E-Mails erhalten», sagt Hamid Jafari gestern im Gespräch mit der «AZ»: «Alle freuen sich über unsere Idee und wünschen uns viel Glück». Sogar aus Österreich, Deutschland und Italien gingen ermutigende Nachrichten ein.

Von 34 Schlafplätzen hat das Duo 32 gefunden, Materialspenden wie Rucksäcke und Wanderschuhe sind zugesichert.

Aufenthaltsort immer melden

So gross die Freude bei den Asylbewerbern war, so sehr überraschte die Reaktion aus Brittnau. Der «Blick» meldete am Karfreitag: «Gemeinde will Wander-Flüchtlinge stoppen». Zitiert wurde Nadine Sterchi, die für Soziales zuständige Gemeinderätin (SP): Sie habe bereits im Februar festgehalten, dass sie die Idee menschlich gesehen toll finde, aber leider aus rechtlichen, medizinischen und versicherungstechnischen Gründen nicht zustimmen könne.

Sterchi verwies auf Richtlinien des Bundes: Asylsuchende müssten in ihrer Unterkunft übernachten, seien medizinisch nur im Aargau versichert und müssten jederzeit via eingeschriebenen Brief erreichbar sein.

Ein enttäuschter Mohammed erklärte: «Sie hat mir klar gesagt, dass die Wanderung nicht geht. Und dass es Konsequenzen gibt». Könnte am Ende die Gemeinde Brittnau das Integrations-Abenteuer verhindern? Was ist die rechtliche Grundlage? Eine Nachfrage beim Departement Gesundheit und Soziales des Kantons zeigt: Massgebend ist vorab das Asylgesetz des Bundes.

Gemäss Artikel 8:

«Asylsuchende, die sich in der Schweiz aufhalten, sind verpflichtet, sich während des Verfahrens den Behörden von Bund und Kantonen zur Verfügung zu halten.» Sie müssen ihre Adresse und jede Änderung sofort melden.

Departementssprecherin Anja Kopetz sagt: «Der kantonale Sozialdienst wie auch die Gemeinden gehen davon aus, dass sich die Asylsuchenden in den ihnen zugewiesenen Unterkünften aufhalten und auch dort schlafen.» Sei das nicht der Fall, könne die Auszahlung des Verpflegungs- und Taschengeldes eingestellt werden.

Die Unterstützung ist laut Kopetz an die Anwesenheit geknüpft und wird nach Anwesenheitstagen ausgerichtet. Übernachtet ein Asylbewerber auswärts, kann der Sozialdienst davon ausgehen, dass die Person Unterstützung von Dritten erhält und «aufgrund der Subsidiarität der Sozialhilfe» kein Geld vom Kanton benötigt. Heisst: Auswärts schlafen ist nicht gern gesehen, aber möglich – und hat weniger Geld im Portemonnaie zur Folge.

«Der 1. Mai ist immer noch das Datum, an dem wir starten wollen. Wir sind im Gespräch mit der Gemeinde. Wir finden eine Lösung.» 

Hamid Jafari, Asylsuchender

Notfälle auch auswärts gedeckt

In der medizinischen Versorgung kommt das Krankenversicherungsgesetz KVG zum Zug. Gemäss diesem wird die Versorgung durch den Kanton sichergestellt. Dazu gehört laut Kopetz, dass Notfallbehandlungen ausserhalb des Aargaus durch das KVG gedeckt sind, aber keine darüber hinaus gehenden Leistungen.

Zur Frage, ob ein Asylbewerber ständig per eingeschriebenem Brief erreichbar sein muss, heisst es lediglich, es sei «Aufgabe des Asylsuchenden, sicherzustellen, dass er seiner Mitwirkungspflicht nachkommt.» Nach der anfänglichen Hiobsbotschaft sind Hamid und Mohammed inzwischen wieder guter Hoffnung.

Hamid sagt: «Der 1. Mai ist immer noch das Datum, an dem wir starten wollen. Wir sind im Gespräch mit der Gemeinde. Wir finden eine Lösung.» Wie diese aussehen könnte und ob die Gemeinde Brittnau das Vorhaben allenfalls trotz Bedenken unterstützt, zeigt sich heute: Laut Gemeinderätin Nadine Sterchi wurde das Projekt am Dienstagabend im Gemeinderat diskutiert, heute Mittwoch will man informieren.

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Brikne, 20.7.2017
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  • Saraina 19.04.2017 11:53
    Highlight Glückliche Schweizer! Unsere grössten Probleme sind ein Bär im Urnerland der Bienen räubert und zwei Asylbewerber, die wandern möchten!
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  • Genital Motors 19.04.2017 10:41
    Highlight Hoffentlich dürfen sie wandern gehen und hoffentlich wissen sie nicht wo die Schweizer Grenze aufhört.. ;)
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  • Ohniznachtisbett 19.04.2017 10:36
    Highlight Es ist ja schon spannend. Da gibt es X Asylbewerber, die hauptsächlich rumhangen, Bier trinken und nicht mit den Behörden kooperieren, weil die Nennung der wahren Herkunft ein negativer Entscheid zur Folge haben könnte. Da wird nichts unternommen. Sind aber zwei junge Männer innovativ, wollen das neue Land in dem sie leben kennenlernen, organisieren etwas auf eigene Faust und möchten so in Kontakt mit Schweizern kommen, da schiebt man einen Riegel und schiebt irgendwelche Papiertiger vor. Lasst die beiden Wandern gehen! Manchmal versteh ichs einfach nicht.
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    • Döst 19.04.2017 13:12
      Highlight Also meines Wissens können sich Asylbewerber tagsüber frei bewegen. Die beiden Wanderer könnten also auch einfach jeden Tag eine Integrationswanderung in der Gegend unternehmen. Für die Medien und Asylindustrie weniger spektakulär, aber im Zentrum steht doch Integration, oder etwa doch eine PR Kampagne?
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  • Sahli 19.04.2017 09:52
    Highlight Viele können sich das "rumwandern" nicht leisten weil sie eben arbeiten müssen damit die Rechnungen bezahlt werden können. Dies also auf Kosten des sozial Dienstes welche von eben genau den selben arbeitenden mitfinanziert wird.

    Damit habe ich auch ein Problem
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    • chabacha 19.04.2017 10:19
      Highlight Was wollen Sie uns eigentlich sagen? Möchten Sie auch wandern gehen, oder sollen die beiden lieber weiter rumsitzen?
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    • phreko 19.04.2017 10:27
      Highlight Der Sahli ist 1. Eifersüchtig und 2. hat er es lieber, wenn sie am Bahnhof rumhängen.

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    • manhunt 19.04.2017 11:00
      Highlight also ich arbeite auch und kann mir wandern trotzdem leisten. nein im ernst, da haben zwei flüchtlinge eine gute idee und es findet sich bestimmt wieder ein griessgramm wie dich, der aus fadenscheinigen gründen etwas dagegen hat. bist du in der schweiz geboren und aufgewachsen, einem land ohne religiösem terror und krieg? wenn ja, dann war das eifach glück und nicht dein verdienst. die zwei jungs erhalten auf ihrer wanderung wahrscheinlich gar kein geld des sozialen dienstes, wenn doch, bestimmt nicht mehr als wenn sie eifach rumsitzen würden. den artikel überhaupt gelesen?
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  • Döst 19.04.2017 08:21
    Highlight Könnten ja noch ein paar Kollegen die am Bahnhof rumhängen mitnehmen?!
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    • Mr. Malik 19.04.2017 08:53
      Highlight Und du kannst ein paar steuerbetrüger mitbringen? Sind ja laut deiner logik wohl deine kollegen?
      Sippenhaftung? Worauf basiert denn dein (un)rechtsverständnis? Shariah?

      Du musst ein sehr zufriedener mensch sein..
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    • Bene86 19.04.2017 08:56
      Highlight Gute Idee! :)
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    • Caturix 19.04.2017 10:10
      Highlight Nein besoffene Schweizer die am Bahnhof rumhängen machen da nicht mit.
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    • Döst 19.04.2017 11:04
      Highlight @Mr. M: also "Integrationswandern" würde denen beim Bahnhof sicher auch nicht schaden, oder?
      Jedenfalls besser als sowas:
      http://www.aargauerzeitung.ch/aargau/aarau/betrunkene-eritreer-schlagen-deutschen-mit-kickboard-spitalreif-131241569

      Die Asylchaos Realität ist unschön, ich weiss. Aber deswegen darf man die Augen vor diesen Problemen nicht verschliessen wie Du.


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    • Mr. Malik 19.04.2017 12:42
      Highlight Ja aber es klang so, als ob du diese afghanen, mit den afghanen am bahnhof (oder doch eritreer? Einfach die die ausländisch sprechen?) in verbindung setzen würdest.
      Was du sicher nicht gemeint hast, das wäre ja rassistisch per definition...
      Bleibt aber die frage, was du damit genau sagen wolltest..
      4 1 Melden
    • Bene86 19.04.2017 12:49
      Highlight Die Schweizer Alkis dürfen mit den Eritrea-Alkis natürlich gerne mitlaufen. :)
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  • MaxHeiri 19.04.2017 07:40
    Highlight Eine Krankenversicherung könnte ja hier ihr ein Bomben Marketing machen und sie für diesen Monat versichern.
    Für den eingeschriebenen Brief kann er eine Vollmacht für einen Kollegeb ausstellen.
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