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Monica Lewinsky packt aus

«Ich war Patient Null. Die erste Person, deren Ruf durch das Internet weltweit komplett zerstört wurde»

Nachdem sie zehn Jahre lang das Rampenlicht gemieden hat, meldet sich Monica Lewinsky zurück. Die Ex-Praktikantin erzählt, wie es ihr nach der Clinton-Affäre ergangen ist. Was sie berichtet, macht nachdenklich.

21.10.14, 14:14 22.10.14, 10:16

Wie würde Monica Lewinsky jemandem ihre Geschichte erzählen, der die 41-Jährige nicht kennt? 

«19 Jahre zuvor. Frisch aus dem College, eine 22-jährige Praktikantin im Weissen Haus. Ich, über Gebühr romantisch, habe mich in meinen Boss verliebt. Auf die Art, wie man es mit 22 tut. Das kann passieren. Aber mein Boss war der Präsident der Vereinigten Staaten. Sowas passiert wohl weniger oft. Nun bereue ich es aus tiefstem Herzen – aus verschiedenen Gründen. Nicht zuletzt, weil Leute verletzt worden sind. Und sowas ist niemals okay. Damals, 1995, begannen wir eine Affäre, die mit Unterbrechungen zwei Jahre dauerte. Und zu jener Zeit bedeutete es mir alles. Das kann man wohl als eine goldene Blase bezeichnen.»

Clintons berühmt-berüchtigtes Dementi der Affäre im Januar 1998.  video: youtube/jw00534

«Ich, über Gebühr romantisch, habe mich in meinen Boss verliebt.»

Lewinskys komplette Rede. video: youtube/forbes

Das ist die Geschichte, die jeder kennt. Das Mädchen, das mit Bill Clinton «unangemessene Handlungen» vollzog. Die Praktikantin, die der Macht verfiel. Doch kaum einer macht sich Gedanken darüber, wie die Kehrseite dieser Liaison aussah. Lewinsky sprach beim Forbes Under 30 Summit erstmals seit zehn Jahren wieder öffentlich über den Fall.

Monica Lewinsky hat sich jetzt auch auf Twitter angemeldet.

Lewinsky und Clinton 1995 im Weissen Haus. Bild: EPA INDEPENDENCE COUNCIL

«Der fiese Teil [begann], als es öffentlich wurde. Öffentlich – mit [dem Ruf nach] Vergeltung. Es war das erste Mal, dass traditionelle Medien vom Internet gefüttert wurden. 1998 gab es einen Medien-Wahn, obwohl es Google noch gar nicht gab. Ich verwandelte mich von einer komplett privaten Person zu einer öffentlich erniedrigten. Ich war Patient Null. Die erste Person, deren Ruf durch das Internet weltweit komplett zerstört wurde. Die Geschichte ging um die Welt, ein virales Phänomen.» 

«Ich war Patient Null. Die erste Person, deren Ruf durch das Internet weltweit komplett zerstört wurde.»

Das Cover der «Newsweek» im August 1998. Bild: AP NEWSWEEK

Der Preis, den sie hat zahlen müssen, sei sehr hoch gewesen, verdeutlicht Lewinsky. Sie wurde verraten durch die Veröffentlichung und durch eine angebliche Freundin, die «subtil über 20 Stunden privater, intimer Telefongespräche aufgenommen hatte und sie dem Ermittler [Kenneth Starr] aushändigte.» 

Clinton und Lewinsky im Dezember 1996. Bild: AP OIC

Das FBI habe ihr 27 Jahre Haft angedroht, weil sie die Affäre dementierte. «27 Jahre! Wenn du erst 24 bist, ist das eine lange Zeit.» Die Agenten wollten sie verkabeln, Lewinsky habe das jedoch abgelehnt. «Meine Freunde und meine Familie wurden gedrängt, gegen mich auszusagen.» 

Lewinski muss 1999 unter Eid vor Geschworenen aussagen. Bild: AP APTN

Schliesslich stand sie vor einer Grand Jury. Die Geschworenen waren «Fremde, vor denen ich intime Details meines Lebens ausbreiten sollte. Später wurden diese öffentlich gemacht. Online.» Sie sei als Fotze, Flittchen, Bimbo oder Spion bezeichnet worden. Die Folgen: Depressionen, Angst und Selbsthass. Und Scham. «Ich komme immer wieder auf dieses Wort.» 

Lewinsky ist den Tränen nahe, als sie berichtet, dass sie diese Zeit nur durch den Zuspruch von Freunden und Familie überstehen konnte. «Ich war der Auflösung nahe», sagt sie. Und: «Die Erniedrigung und Scham fühlen sich online anders an als offline. Es gibt keine Grenzen. Es fühlt sich ehrlich an, als würde die gesamte Welt über dich lachen. Ich weiss es. Ich habe es erlebt.»

«Ich war der Auflösung nahe.»

Die «Newsweek» im Februar 1998. Bild: TIME MAGAZINE

Und beinahe nicht überlebt. «[Es gab dieses] unaufhörliche Mantra in meinem Kopf: Ich will sterben. Das war anders als das peinliche Gefühl, als mein jüngerer Bruder damals mein Tagebuch gelesen hat oder als mein Schwarm in der siebten Klasse meinen Liebesbrief jedem gezeigt hat, den er kannte.»

Sie habe sich nicht vorstellen können, ihr Gesicht jemals wieder öffentlich zu zeigen. Doch der Fall von Tyler Clementi habe sie 2010 ihre Meinung ändern lassen: Der 18-Jährige nahm sich das Leben, nachdem er im Internet lächerlich gemacht worden war. «Diese Tragödie ist der Hauptgrund dafür, dass ich hier stehe», sagt Lewinsky.

Mobbing-Opfer Tyler Clementi. bild via cbs

Sie hat eine Stiftung gegen Online-Trolle in Taylors Namen gegründet, denn: «Traurigerweise hält der Trend, online zu Tode erniedrigt zu werden, an. Die Konsequenzen sind verheerend. Und jeder kann der Nächste sein. Es braucht ein Leben, um einen guten Ruf aufzubauen. Du kannst ihn in einer Minute verlieren.»

«Es braucht ein Leben, um einen guten Ruf aufzubauen. Du kannst ihn in einer Minute verlieren.»

Nun wolle sie ihrer «Vergangenheit einen Sinn geben», erklärt die Frau. «Ich glaube, meine Geschichte kann helfen, etwas zu ändern. Wir brauchen eine radikale Änderung unserer Einstellung. Online haben wir ein Mitgefühl-Defizit, eine Empathie-Krise.» Dass sie nach ihrer ersten öffentlichen Rede überhaupt wieder kritisiert werden wird, hat sie eingeplant. «Sie werden niemals still sein», sagt sie über die Trolle. 

Tatsächlich schaffte es die Amerikanerin nach der Affäre nicht, wieder auf die Beine zu kommen. Zwischen 1999 und 2004 gab sie noch einige hochbezahlte Interviews und brachte eine Handtaschenkollektion heraus, doch die Dollars gingen umgehend wieder für Anwälte drauf, und ihre Modelinie beerdigte Lewinsky 2005.

Weil sie in den USA kein normales Leben führen konnte, zog sie in jenem Jahr nach London, um Psychologie zu studieren. Nach dem Master-Abschluss lebte sie in Los Angeles, New York und Portland, fasste aber wegen ihrer Bekanntheit beruflich nicht Fuss.

Im März 1999 erschien «Monica's Story». Bild: AP/ST. MARTINS PRESS

Für das Techtelmechtel mit Clinton hat Lewinsky also mehr als genug zahlen müssen. Wer dieser Frau heute immer noch Mitleid verweigert, gehört wohl zu der Riege jener unempathischen Internet-Trolle. Denken Sie an Lewinskys Worte: Wenn sich dieser Mob nicht gerade über eine Ex-Praktikantin hermacht, sind vielleicht Sie der Nächste.

Die Reaktionen auf Lewinskys Rede waren offenbar sehr positiv.

Ein Bild vom November 1996. Bild: OIC

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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  • sewi 05.11.2014 06:43
    Highlight Für mich war von Anfang an Clinton der Esel. Er hätte sich problemlos eine Escort Dame bringen lassen können. Sich an der Praktikantin zu vergreifen ist oberprimitiv
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  • mamina 21.10.2014 20:11
    Highlight Wenn ich so die Reaktionen (mache keine Bewertung) sehe habe ich den Eindruck, dass der eigentliche Inhalt vom Artikel nicht verstanden wurde oder aber man will oder kann sich nicht äussern.
    Wie ich richtig verstanden habe geht es darum aufzuzeigen wie Menschen fertig gemacht werden und Frau M.L. ist ein Beispiel dafür.
    Wie Driton Deda es sehr gut ausdrückt geht es um die virtuelle Steinigung und ums wegschauen. Es geht um Mobbing, Hass, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Mitleid.
    Es geht doch nicht darum nach soviel Jahren den Fall neu aufzurollen.
    Frau M.L setzt für die Internetopfer ein.
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  • Hans der Dampfer 21.10.2014 19:41
    Highlight Ich kann mich noch gut erinnern wie ich sie damals auch Verurteilte. Schon damals war sie aber wahrscheinlich mehr Opfer als Täter und Spielball sämtlicher Parteien sowieso doch während Clinton über die Jahre in Amt und Würde blieb, hatte sie kaum eine Chance sich zu rehabilitieren. Ich glaube solche Mobbing Erfahrungen können übel enden.
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    • Philipp Dahm 22.10.2014 14:37
      Highlight Zu Deiner Verteidigung: Damals ist in den Medien ja vor allem auch das Bild der machtgeilen Praktikantin gezeichnet worden. Eine unselige Geschichte, wie heute klar wird.
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  • Tilia 21.10.2014 19:34
    Highlight Tolle Frau, schöne Frau. kein Wunder ist er ihr verfallen und dann hatte er keine Eier. ein präsidenten ohne eier....armes amerika. aber immerhin hatte sie sex im weissen haus....war bestimmt hot. krass find ich dass sie nie wieder beruflich fuss fassen konnte. das ist unglaublich. nicht nur der präsident hatte keine eier sondern viele andere auch nicht. ich hät das mädel eingestellt. die ist immerhin sehr loyal ;)
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    • Philipp Dahm 22.10.2014 14:35
      Highlight Das mit dem Job ist echt fies. Wie bei Straftätern auch sollte man irgendwann einen Fehler auch vergeben können, wobei ich die Lewinsky jetzt natürlich nicht als eine «Täterin» brandmarken will. Insofern hat sie dann auch recht, wenn sie sagt, dass sie das erste shitgestormte Mobbingsopfer weltweit ist.
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  • Amanaparts 21.10.2014 17:21
    Highlight Also ob das Internet nicht brutal genug wäre, stürzen sich auch "traditionelle" Medien auf jedes Elend und helfen den ShitStorms dieser Welt erst zu ihrer wahren Grösse. Retweets, Likes und Kommentare sind wichtiger als Journalismus. Bei einer Steinigung in Saudi-Arabien schauen alle weg und machen gleichzeitig bei jeder virtuellen Steinigung mit. Alle macht dem Pöbel und der Pöbel will Blut sehen!

    Auch dir liebes Watson unterstelle ich diese Verantwortungslose Haltung einfach mal präventiv. Weil dies das Internet ist und ich hier machen kann was ich will ;-)
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    • Philipp Dahm 22.10.2014 14:31
      Highlight Da widerspricht das Internet lieber nicht ;)
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  • mamina 21.10.2014 16:00
    Highlight Ich finde diesen Artikel sehr gut und Überfällig. Danke
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    • Philipp Dahm 22.10.2014 14:30
      Highlight Herzlichen Dank, mamina. Bin was das «Frau Betrügerin, Mann Unschuldslamm»-Ding angeht, das Du zuvor erwähnt hast, ganz Deiner Meinung: Man sollte eigentlich meinen, dass diese Denke 2014 langsam aussterben müsste.
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  • Abel Emini 21.10.2014 14:35
    Highlight Ich habe trotzdem keine Sympathie für diese Ehebrecherin.
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    • Blabla 21.10.2014 15:51
      Highlight Es gehören immer zwei dazu. Aber wie ich sehe, sind Sie alleine mit Ihrer Meinung - zum Glück.
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    • mamina 21.10.2014 15:59
      Highlight Wer ist hier Ehebrecherin im Jahr 2014. Wer verlangt von Ihnen Sympathie. Keiner. Keinen interessiert ihr unreflektierte Aussage.
      Es ist bezeichnend, dass immer die Frau die Schuld trägt.
      Der Mann ist, obwohl oft viel älter das arme Opfer.
      Es ist gerade ein Wunder, dass Sie nicht nach Verurteilung rufen.
      Es lebe die Freiheit der Frauen auf der ganzen Welt,
      30 1 Melden
    • Caprice 21.10.2014 16:21
      Highlight genaau, weil für Untreue ist ja immer die Frau verantwortlich, Männer können dafür ja nix..... :-/
      22 1 Melden
    • jamaika 21.10.2014 18:30
      Highlight Es lässt sich wohl kein Mann eins blasen, wenn er dies nicht will.....oder !!!!
      7 0 Melden
    • Abel Emini 21.10.2014 19:43
      Highlight Die Frau wurde bestimmt vom russischen Geheimdienst bezahlt um die USA in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Aber typisch neueuropäische Philosophie.
      0 12 Melden
    • karl_e 22.10.2014 11:10
      Highlight Wer sagte einst so treffend: "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein"?
      3 0 Melden
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