Blaulicht

Bezirksgericht Lenzburg

Drängte der Sohn seine demente Mutter zum Suizid?

Obwohl er sie ans Bahngleis fuhr und sie sich auf das Gleis legte, überlebte die fast 90-jährige demente Frau. Vor dem Bezirksgericht Lenzburg bestritt der Angeklagte gestern, seine Mutter zum Suizid angestiftet zu haben, um an ihr Vermögen zu kommen. 

28.03.14, 03:22 28.03.14, 08:35

aline wüst, aargauer zeitung

Ein Artikel der Aargauer Zeitung

Was für ein Sohn ist Beat (Name geändert)? Einer, der seine Mutter zum Suizid anstiftet, weil er an ihr Geld will? Oder einer, der seiner Mutter beisteht, ihren Wunsch zu sterben zu erfüllen? 

Das Bezirksgericht Lenzburg wird heute Morgen bekannt geben, was für ein Sohn der 54-Jährige ist. Beat, der seit 40 Jahren am selben Ort arbeitet, gern in der Natur ist, leise spricht. 

Klar ist: Beat fuhr seine Mutter an einem Abend im April an ein Bahngleis. Sie umarmten sich zum Abschied. Beat fuhr weg. Die Mutter ging zum Gleis, legte sich darauf. Der Zug kam, sie erinnerte sich später, wie er noch hupte, bevor er sie überfuhr. Wenig später wurde die fast 90-jährige Frau neben den Gleisen gefunden – ihr fehlte ein Arm. Nun, fast vier Jahre später, liegt die hochdemente Frau sterbend in einem Pflegeheim im Aargau

Staatsanwalt: Er wollte möglichst schnell ans Erbe

Was die Staatsanwaltschaft Beat zur Last legt, ist ungeheuerlich: Beat, das Einzelkind, soll während Wochen massiv auf seine Mutter eingewirkt haben, dass sie sich selber tötet. Er soll mit der Sterbehilfeorganisation Exit Kontakt aufgenommen haben. Er soll seiner Mutter Tipps gegeben haben, wie sie die Drähte in die Steckdose halten muss, um einen Stromschlag zu erhalten, wie man ein Seil aufhängt oder eben, wo der beste Ort ist, um sich unter den Zug zu legen. 

Warum? Die Staatsanwaltschaft sagt, weil er der Belastung entgehen wollte, die seine Mutter durch ihre fortschreitende Demenz für ihn war. Aber auch, weil er möglichst rasch an das Erbe kommen wollte. Und vor allem, weil er verhindern wollte, dass sie ihr ganzes Vermögen für einen Aufenthalt im Pflegeheim ausgibt. 

Eine Cousine von Beat sagt vor Gericht, dass sie zur alten Frau nach dem Suizidversuch gesagt habe: «Du, also so etwas machst du aber nie mehr.» Worauf die alte Frau geantwortet haben soll: «Ich muss jetzt halt schauen, was er will.» Die Cousine selber bekräftigt vor Gericht, dass die alte Frau nie Suizidabsichten geäussert hat. 

Was den Pflegern in verschiedenen Kliniken und Heimen auffiel: Jedes Mal, wenn der Sohn die Mutter besuchte, verweigerte sie anschliessend das Essen. War der Sohn weg, ass sie wieder, genoss das Stück Schwarzwäldertorte. Und als sie in ein anderes Altersheim verlegt wurde, wollte sie sich aus dem Fenster stürzen – unmittelbar vorher war der Sohn bei ihr. Daraufhin wurden die Besuchszeiten des Sohnes eingeschränkt. 

Dem Sohn droht teilbedingte Strafe 

Beat sagt, dass er seine Mutter wahnsinnig gern habe, eigentlich gar nicht wolle, dass sie sich umbringe. Aber er sagt auch, dass sie ihm immer und immer wieder den Wunsch äusserte, sterben zu wollen. Gerichtspräsidentin Danae Sonderegger fragt ihn, weshalb das alle anderen Personen im Umfeld seiner Mutter anders wahrgenommen hätten. Beat antwortet, dass seine Mutter es immer allen recht machen wollte, keine eigene Meinung habe. Die Gerichtspräsidentin fragt, ob die Mutter es vielleicht auch ihm einfach recht machen wollte. Beat weicht aus, gibt keine klare Antwort. 

Der Sohn hat sich kurz vor dem Suizidversuch auch um eine Patientenverfügung gekümmert, in der stand, dass keine lebenserhaltenden Massnahmen getroffen werden sollten. Nach dem Suizidversuch soll er ausserdem gegenüber einer Bekannten geäussert haben, dass der Suizidversuch missglückt sei, weil «so ein Tubel sie fand». 

Die Staatsanwaltschaft fordert eine teilbedingte Freiheitsstrafe von drei Jahren, ein Jahr davon im Gefängnis. Beats Verteidiger hingegen zeichnet das Bild eines fürsorglichen Sohnes. Die Mutter habe bei voller Urteilskraft entschieden, sich töten zu wollen, Beat habe sie nicht gedrängt. Der Verteidiger fordert einen Freispruch. 

Zum Schluss sagt Beat: «Es tut mir alles leid. Ich wollte nur das Beste für meine Mutter. Ich fühle mich total unschuldig.»

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