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Briefe von der Heimatfront (3)

Rache für Versailles!

07.02.14, 15:03 28.03.14, 15:36

Leo Fischer

Was Schweizer und Deutsche bei allen Gegensätzen eint, ist die Gewissheit der absoluten Überlegenheit der eigenen Kultur. Dass die Tugenden, die diese Kultur vertritt - Pünktlichkeit, Fleiss, Ordnungsliebe - auf beiden Seiten praktisch dieselben sind, schützt nicht vor gegenseitiger Verachtung. Fleiss zum Beispiel ist nicht gleich Fleiss! 

Gerne lacht der Deutsche etwa über die kurzen Ladenöffnungszeiten in der Schweiz. Dass die sich nicht einfach in drei Schichten kaputtschuften, so wie anständige Menschen! Der deutsche Missionierungsanspruch wird jedoch mählich hohler, je desolater Infrastruktur, Sozialstaat und öffentliche Versorgung in der Heimat sich darstellen. In Deutschland bröckeln ja nicht nur die Brücken. 

«Er versteckte sich im Gebüsch, und sein Leerungszeitenplan war ganz zerzaust!» 

Es ist zum Beispiel in einer florierenden deutschen Grossstadt wie Frankfurt mittlerweile unmöglich geworden, an einem öffentlichen Platz einen Briefkasten zu finden. Ansässige Gastronomen orakeln über verbliebene Standorte wie über aussterbende Tiere: Höhenstrasse, da habe ich letzte Woche noch einen gesehen! Er versteckte sich im Gebüsch, und sein Leerungszeitenplan war ganz zerzaust! 

Ein weiteres Beispiel? Witze über die Verspätungen der deutschen Bahn sterben ebenfalls aus, weil der ehemalige Staatskonzern über Compliance, Rückerstattungen und im Zug verteilte Süssigkeiten die Kundenzufriedenheit mittlerweile kosteneffizienter generiert als über tatsächlich praktizierte Pünktlichkeit – denn lieber noch als pünktlich, reisen Deutsche in dem Wissen, was zurückzukriegen. Jede Zugfahrt eine kleine Rache für Versailles! 

So lässt sich der deutsche Überlegenheitsanspruch wohl nur noch mit der Schweiz als Basis glaubwürdig weiter vertreten, wo die öffentliche Versorgung vergleichsweise reibungslos funktioniert und das Bisschen neuerdings entstehender Berufsverkehr gleich als «Dichtestress» bestaunt wird. Für den Kolonisten bedeutet dies, die Schweizer Infrastruktur zu übernehmen und sie im Nachhinein als Produkt deutscher Tugenden zu deklarieren. Wenn dann in siebzig, achtzig Jahren auch die vollends germanisierte Schweiz heruntergewirtschaftet ist, kann man sich dann zum Beispiel Liechtenstein vorknöpfen.

Leo Fischer

Der ehemalige Chefredaktor vom Satiremagazin «Titanic» schreibt jede Woche einen «Brief von der Heimatfront». Er liefert den deutschen Invasoren in der Schweiz Schlachtpläne, wie sie die deutsche Dominanz in den Universitäten oder dem Gesundheitswesen noch stärker durchsetzen und festigen können. Er wird aber auch seinen Landsleuten mit ordentlich Humor grob aufs Dach hauen. 

Hier schreibt Leo Fischer auch: Titanic

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  • Wolfsblut_2 08.02.2014 08:11
    Highlight Dass ich diese Kolumne erschreckend superbe finde, sagte ich schon. Was ich mir aber wünsche: Die jeweiligen Briefe zu nummerieren oder zu datieren. Wenigsten hat mich beim Suchen des dritten der Such-Wal nicht, wie sonst üblich, in die Tiefen ohne Rückkehr gezogen.
    5 0 Melden
    • Martin Bader 10.02.2014 09:57
      Highlight Super Idee!
      3 0 Melden

Neue Breitseite der Klischeekanone

Die Schweiz aus deutscher Sicht – böse, böse, böse (Nazis)

Platz da, Hoppla, jetzt kommt er: Unser wohl teutonischster Kolumnist bestückt unser neues Genre Klischeekanone. Schluss jetzt mit der Schweizer Nabelschau, Leo Fischer hat die Feder gespitzt und bohrt sie nun von der Heimatfront aus tief ins kantonale Herz. Die einen sterben daran, andere werden vortrefflich gekitzelt.

Die Nutzer der App können unter diesem Link hineinzoomen.

(Via Alphadesigner)

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