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Klischee vs. Wirklichkeit: Japaner sind steif und leben, um zu arbeiten – ach ja?

23.07.16, 15:15
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler

Vor ein paar Jahren im Sprachaufenthalt in Frankreich lebte ein Japaner in der gleichen Gastfamilie wie ich. Als er mir erzählte, dass er pro Jahr nur eine Woche Ferien habe, fragte ich entsetzt: «Was? Und in dieser wertvollen Woche drückst du die Schulbank in Frankreich?!»

Seither steht für mich fest: Japaner sind Workaholics.

Dieses Klischee bestätigen auch zwei Japan-Experten, die für das Land der aufgehenden Sonne einen «Fettnäpfchenführer» geschrieben haben. Darin weisen die Autoren des Weiteren darauf hin, dass Japaner gerne alles durchstrukturiert haben und kurzfristige Planänderungen überhaupt nicht mögen:

«Spontanität bedeutet Chaos und somit eine Störung der Harmonie. Beides ist in Japan nicht erwünscht.»

Aus dem «Fettnäpfchenführer Japan»

Wenn ich an die japanischen Touristengruppen denke, die in einer Woche London, Paris, Rom und das Matterhorn besuchen, macht auch dieser Stereotyp Sinn für mich.

Doch ich habe die Rechnung ohne Keita, Maya, Keiko und Susumu gemacht. Sie haben mir diese Woche eindrücklich gezeigt, dass sich solche Klischees in der Praxis oft als Blödsinn erweisen.

Keita und Maya

Bild: Thomas Schlittler

Den Anfang machten Keita und Maya. Das junge Pärchen kommt gerade vom Einkaufen und spricht mich an, als ich in Osaka am Strassenrand stehe. Nur schon das ist aussergewöhnlich. Die meisten Japaner sind nämlich eher scheu, einige erschrecken gar, wenn man sie auf dem Trottoir nach dem Weg fragt. Doch nicht so Keita und Maya.

Sie wollen wissen, was ich mache, woher ich komme und wohin ich will. «Kyoto», sage ich und deute auf mein Schild. Sie sprechen sich kurz ab und dann sagt mir der 28-jährige Keita: «Okay, komm mit uns.»

Während der 40 Kilometer langen Fahrt frage ich die beiden mithilfe der Übersetzungsapp, ob sie in Kyoto wohnen. Maya, die im siebten Monat schwanger ist, schüttelt den Kopf. Die beiden leben in Osaka und müssen eigentlich gar nicht nach Kyoto. Sie reihen sich nur deshalb in den stockenden Verkehr ein, weil sie mir einen Gefallen machen wollen.

Keiko

Bild: Thomas Schlittler

Noch einen Schritt weiter geht Keiko drei Tage später. Die Mutter von drei erwachsenen Kindern chauffiert mich gar über 100 Kilometer weit. Bei jeder Kreuzung sage ich ihr: «Du kannst mich hier absetzen. Du hast mir schon sehr geholfen, vielen Dank!»

Doch immer wieder nimmt sie meine Strassenkarte zur Hand und studiert die beste Route zum Vulkan Ontake, meinem Tagesziel. «Ich habe gerade nichts zu tun. Mein Mann ist Arzt und arbeitet viel», erklärt sie mir ihre unglaubliche Hilfsbereitschaft.

Damit ich von der wunderschönen Landschaft Fotos machen kann, macht Keiko gerne mal einen Halt. Sie ist nicht im Stress – im Gegenteil. Bild: Thomas Schlittler

Sie sucht auf meiner Karte und auf ihrem Navi nach der besten Route für mich. Es scheint ihr grossen Spass zu machen. Bild: Thomas Schlittler

Am Anfang ist mir das Ganze unangenehm. Keiko scheint der spontane Ausflug aber derart Spass zu machen, dass ich irgendwann nur noch zurücklehne und geniesse, dass ich mich für einmal nicht selbst um die Routenplanung kümmern muss. Als mir Keiko dann an einer Raststätte auch noch ein Glace kauft, fühle ich mich wie ein verwöhntes Kind – fantastisch!

Bei einer Raststätte fragt Keiko nach dem Weg – und sie kauft ein Glace für mich. Bild: Thomas Schlittler

Und bevor sie sich verabschiedet, schreibt die dreifache Mutter auch noch ein neues Autostopp-Schild für mich.
Bild: Thomas Schlittler

Nach drei Stunden Fahrt durch wunderschöne, teilweise auch Keiko unbekannte Landschaften denkt meine Reiseführerin dann langsam ans Umkehren. Sie erklärt mir nochmals die beste Route, schreibt mir die nächste grössere Ortschaft auf mein Schild und fährt zurück nach Hause.

Susuma

Von Hashima nach Kreuzung Mt. Ontake: Auch Zimmermann Susuma macht einen riesigen Umweg, um mich ans Ziel zu bringen.
Bild: Thomas Schlittler

Jetzt kann es nicht mehr besser werden, denke ich. Doch wenige Minuten später wartet mit Susumu bereits der nächste Jackpot auf mich. Der 41-jährige Zimmermann, der nicht älter aussieht als ich (27), ist alleine auf einem Roadtrip in den Norden. Auch wenn wir nur spärlich miteinander kommunizieren können, stimmt die Chemie auf Anhieb.

Wir können zwar nur bedingt miteinander reden, aber die Chemie stimmt trotzdem auf anhin. Ich habe übrigens noch nie einen 41-Jährigen gesehen, der so jung aussieht wie Susuma. Bild: Thomas Schlittler

Und an Tankstellen nach dem Weg fragen tut auch er für mich. Bild: Thomas Schlittler

So kommt es denn, dass auch Susumu einen riesigen Umweg macht für mich, um mich direkt zum Vulkan Ontake zu bringen.

Als ich am Abend am Fusse des Vulkans in meinem Zelt liege, lese ich die letzten Kapitel im «Fettnäpfchenführer Japan». Wieder erhalte ich spannende Informationen über diese einzigartige Kultur. Bei den Klischees denke ich jedoch immer: «Okay, da mag schon etwas Wahres dran sein, aber ...»

Von Osaka nach Tokyo: Das habe ich in meiner 60. Woche unterwegs gesehen

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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  • DEW 25.07.2016 03:26
    Highlight Das mit den Klischees ist so eine Sache. Besonders in diesem Fall ist das eifach der grösste gemeinsame Nenner auf den man sich als Gesellschaft einigt bzw. mit welchem einen die Gesellschaft in eine Passform innerhalb des öffentlichen Raumes zwängt. Letztendlich stecken dahinter auch nur Menschen wie du und ich. Und diese Palette ist bekanntermassen sehr bunt und vielseitig.
    2 0 Melden
  • dä dingsbums 24.07.2016 01:00
    Highlight Ich bin jedes Jahr in Japan und habe die Japaner stets als sehr herzliche und freundliche Menschen erlebt.
    Letztes Mal hat uns eine Freundin frisch gekochtes Essen gebracht als wir angekommen sind.
    Die Klischees kann ich auch nicht bestätigen.

    Kleiner Tipp: Am Abend unbedingt eine dieser lauten Steh-Kneipen besuchen.
    17 0 Melden
    • Thomas Schlittler 30.07.2016 08:02
      Highlight Das mit den Steh-Kneipen habe ich natürlich gemacht. ;-) Finde sie genial! Sollten wir in der Schweiz auch einführen. Aber ich habe mit zwei Kumpels mal eine Milchbüchleinrechnung erstellt. Unser Fazit: Eine Kneipe mit 5 bis 10 Leuten würde in der Schweiz wohl nicht genug einbringen, um die Miete und den Lohn des Barmanns/der Barfrau zu bezahlen ...
      5 0 Melden
  • kEINKOmmEnTAR 23.07.2016 18:17
    Highlight Du hast wohl einfach einen kleinen Teil der Bevölkerung gesehen (und damit Glück gehabt) den im grossen Ganzen stimmen die Klischees auch heute noch.
    8 23 Melden
    • Thomas Schlittler 30.07.2016 08:05
      Highlight Dazu verweise ich auf meinen Schlusssatz:

      Bei den Klischees denke ich jedoch immer: «Okay, da mag schon etwas Wahres dran sein, aber ...»

      Will damit sagen, dass Klischees einfach nie auf alle zutreffen bzw. dass man jede Person einzeln beurteilen muss. LG
      3 0 Melden
    • kEINKOmmEnTAR 30.07.2016 14:05
      Highlight Das stimmt, ich möchte nur darauf hinweisen das ein grosser Teil der Gesellschaft dem Klischee entspricht, aber natürlich nicht alle.
      0 0 Melden
  • FrancesB 23.07.2016 18:10
    Highlight Vor 5 Jahren war ich selber in Japan unterwegs, mit dem Zug und nicht per Autostopp. Die Japaner habe ich als durchwegs freundlich und hilfsbereit kennen gelernt. Sie sind sehr fleissig und korrekt und möchten dass die Touristen einen guten Eindruck von Japan haben.
    Ich würde jederzeit wieder hinreisen.
    31 0 Melden
    • Thomas Schlittler 30.07.2016 08:05
      Highlight Habe ich alles auch so wahrgenommen. ;-) LG
      5 0 Melden
  • Luca Brasi 23.07.2016 17:52
    Highlight Sie verwöhntes Kind! 😆
    Kaum haben Sie ein wenig Pech schon haben Sie in der nächsten Woche den Jackpot geknackt. ;)
    Einfach nur eine klasse Geschichte und vielen Dank für die Impressionen. Und wir lernen: Klischees sind ganz witzig, aber man sollte sich deswegen nie voreilig ein Bild machen. Darum ist das Reisen ja so toll. *neidisch in Richtung Japan blickend* ;)
    37 2 Melden
    • Thomas Schlittler 30.07.2016 08:06
      Highlight Jop, genau das sollte meine Message sein. ;-)
      3 0 Melden
  • MaskedGaijin 23.07.2016 17:07
    Highlight Danke für die immer lesenswerten Berichte!
    41 0 Melden
    • Lichtblau 23.07.2016 19:19
      Highlight Auch ich bedanke mich für die immer spannenden und persönlichen Einblicke. Irgendwo habe ich mal gelesen, wir Schweizer seien die Japaner Europas. Das hat mir damals eingeleuchtet. Aber: Vielleicht war deshalb gleich so viel Harmonie?
      15 2 Melden
    • Thomas Schlittler 30.07.2016 08:12
      Highlight Herzlichen Dank für die tollen Komplimente!

      @MaskedGaijin: Was hat dein Name zu bedeuten? Lebst du als Europäer unerkannt in Japan? ... :-)

      @Lichtblau: Es gibt sicher einige Ähnlichkeiten zwischen Japanern und Schweizern. Zumindest zwischen dem Klischee-Japaner und dem Klischee-Schweizer ... ;-) Aber ganz allgemein kann man glaubs sagen, dass die beiden Länder gemeinsam haben, dass auf Sauberkeit und Pünktlichkeit Wert gelegt wird. Und auch Zurückhaltung ist ein hohes Gut. Obwohl da die Japaner auf mich noch extremer wirkten. So tendenziell. Nicht alle natürlich. Nie alle ... :-D
      1 0 Melden
    • MaskedGaijin 30.07.2016 08:35
      Highlight @Thomas Nein, nein. Schaue manchmal japanisches Wrestling (Puroresu). Da kam mir der "Name" irgendwie in den Sinn.
      1 0 Melden

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