Blogs

Pokémon Go ist kein Zufall – die Japaner sind das verspielteste Volk der Welt

30.07.16, 14:43
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler

Ich schlendere durch einen Park in Osaka. Er ist überraschend stark bevölkert für einen Donnerstagabend um 23 Uhr. Auf einmal fällt mir auf, dass fast alle Anwesenden auf ihr Smartphone starren. Und wenn das in Japan auffällt, will das etwas heissen, denn die Japaner blicken praktisch immer und überall auf ihre portablen Bildschirme – im Vergleich zu japanischen U-Bahnen sind SBB-Züge Plauder-Stammtische.

«Die Japaner sind so verspielt, da muss die eine oder andere Errungenschaft auch im Rest der Welt Anhänger finden.»

Doch hier im Park sind die Japaner noch viel stärker auf ihre Smartphones fixiert als sonst. Ein Blick über die Schulter einer jungen Dame verrät mir das Geheimnis: Hier wird Pokémon Go gespielt, das virtuelle Smartphone-Game, das gerade die Welt erobert.

Pokémon-Shop in Tokyo: Pikachu erobert erneut die Welt.
Bild: thomas schlittler

Ich konnte mit Videogames nie etwas anfangen und habe keine Ahnung davon. Auch Pokémon Go kenne ich nur aus den Medien. Doch trotz meiner Unwissenheit ist mir nach drei Wochen Japan klar, dass es kein Zufall ist, dass das Pokémon-Fieber hier seinen Ursprung hat. Die Japaner sind so verspielt, da muss die eine oder andere Errungenschaft auch im Rest der Welt Anhänger finden.

Es beginnt schon mit dem Gang zur Toilette. Bei uns eine eintönige Angelegenheit. Hier in Japan dagegen erwarten den Besucher unzählige Knöpfe, welche die Sache spannender machen. Mögen Sie den Thron geheizt? In welchem Winkel wollen Sie Ihren Allerwertesten abgespritzt haben? Oder gehören Sie gar zu jenen, welche die natürlichen, aber wenig appetitlichen Klo-Geräusche mit Musik übertönt haben möchten? Auf den japanischen Hightech-Toiletten alles kein Problem.

Toiletten in Japan: Auch auf dem stillen Örtchen sind die Japaner verspielt.  Bild: Thomas Schlittler

...
Bild: Thomas Schlittler

«Auch eine Nacht im Hotel ist in Japan eine ganz spezielle Erfahrung – zumindest, wenn man eines der beliebten, da günstigen, Kapsel-Hotels aufsucht.»

Knöpfe drücken ist auch beim Purikura angesagt – und lächeln. Da der Zutritt zu den wunderlichen Fotoautomaten aber aus einem unerfindlichen Grund Frauen und Pärchen vorbehalten ist, vergeht mir das Lachen erstmal. Schüchtern frage ich zwei Girls, die gerade gehen wollen, ob sie mit mir einen zusätzlichen Purikura-Durchgang einlegen. Keine Minute später stehen Miyuki, Maya und ich im Barbie-und-Ken-Themenkasten. Vor jedem Foto weisen mich die Girls – die mit 20 und 29 viel älter sind, als ich gedacht hätte – an, wie ich zu posieren habe. Ich gebe mein Bestes.

Nach den Fotos geht die Arbeit aber erst richtig los. An einem anderen Automaten müssen unsere Gesichter, die automatisch mit einem Barbie- beziehungsweise Ken-Filter «verschönert» wurden, noch mit Herzchen-Brillen und Mickey-Mouse-Ohren geschmückt werden. Noch kurz Name, Datum und Ort vermerken, et voilà, fertig sind die selbstklebenden Fotos fürs nächste Bewerbungsdossier.

«Zu fortgeschrittener Stunde gibt es in Ausgehmeilen zahlreiche Bars, in denen Krankenschwestern nach dem Wohl der Gäste schauen.»

Auch eine Nacht im Hotel ist in Japan eine ganz spezielle Erfahrung – zumindest, wenn man eines der beliebten, da günstigen, Kapsel-Hotels aufsucht. Dort sitzen Geschäftsmänner in luftigen Pyjamas auf bequemen Ledersesseln im Gemeinschaftsraum, nehmen ab und zu ein heisses Bad, qualmen eine Zigarette nach der anderen und kriechen dann zum Schlafen in ihre Kapseln – so eine Art Setzkasten-Betten, etwas mehr als ein Meter hoch und breit, rund zwei Meter lang.

Kapsel-Hotel in Tokio. Für die einen Science-Fiction, für die anderen ein Horrorfilm. 
Bild: Thomas Schlittler

Wer unter Platzangst leidet, dürfte sich in Kapsel-Hotels in einem Horrorfilm wähnen. Ich dagegen fühle mich in den futuristischen Plastikkabinen wie in einem Science-Fiction-Streifen.

Geschäftsmänner im Gemeinschaftsraum. Bild: Thomas Schlittler

Wie das Kapselhotel ist auch das Maidcafé, in das ich mich wage, eine reine Männerangelegenheit – zumindest, was die Gäste betrifft. Ich weiss gar nicht, ob Frauen zugelassen sind. Besonders gross wäre der Andrang aber wohl ohnehin nicht, denn welche Frau bezahlt schon 500 Yen (4,70 Franken) pro Stunde, um sich von jungen Frauen – oder sollte ich sagen Mädchen – in Schuluniformen bedienen zu lassen? Japanische Männer tun es en masse.

Im Maidcafé sind Fotos verboten.
Bild: Thomas Schlittler

Angeblich soll es ihnen dabei nicht um die kurzen Röcke gehen, sondern nur um die besondere Aufmerksamkeit, die ihnen die weiblichen Bediensteten zukommen lassen. Da ich nicht Japanisch spreche, beschränkt sich diese Aufmerksamkeit bei mir allerdings auf ein im Chor gesungenes «Herzlich willkommen» und «Auf Wiedersehen». Ich vermute zumindest, dass es das ist, was die Piepsstimmen von sich geben.

In einigen dieser Cafés sollen die Mädchen auch als Figuren aus Manga-Heften, japanischen Comics, verkleidet sein. Und zu fortgeschrittener Stunde gibt es in Ausgehmeilen zahlreiche Bars, in denen Krankenschwestern nach dem Wohl der Gäste schauen. Wie weit die Kundenpflege dieser Damen geht, habe ich nicht herausgefunden.

Man kann sich auch streiten, ob man die Vorliebe einiger japanischer Männer für solche sexuellen Reize noch «verspielt» nennen will. Aber da kommen wir bereits wieder zu einem ernsteren Thema. Dabei sollte es in dieser Kolumne doch nur darum gehen, dass nun alle Welt Pokémons jagt, weil die Japaner etwas anders ticken. 

PS: In den nächsten drei Wochen reise ich mit dem Schiff von Osaka via Shanghai nach Kanada. Auf hoher See habe ich keinen Zugang zum Internet, während dieser Zeit gibt es deshalb auch keine neuen Autostopp-Kolumnen.

Tokio – bei Nacht und bei Tag

Kennst du schon die watson-App?

Über 150'000 Menschen nutzen bereits watson für die Hosentasche. Unsere App hat den «Best of Swiss Apps»-Award gewonnen und wurde unter «Beste Apps 2014» gelistet. Willst auch du mit watson auf frische Weise informiert sein? Hol dir jetzt die kostenlose App für iPhone/iPad und Android.

Best of Per Autostopp um die Welt

«Hier leben 320 Millionen Menschen, und wir finden nichts Besseres?»

«Hemmungslos in Seattle» – Masturbieren im Lieferwagen

Thanksgiving auf den Strassen Vancouvers: Wo Miniröcke auf Obdachlose treffen

Wie alles begann – zurück am Geburtsort meines Autostopp-Traums

Kanada absurd: Warum muss sich Charles als Ureinwohner den weissen Zuwanderern anpassen?

Im Zelt in Alaska ist es kalt – doch bei Ex-Mormonin Ming im Auto wird mir wieder warm ums Herz

Liebes Mami, ich erkläre dir jetzt, warum ich kein Heimweh habe

Bären statt Burnout: Auf dem Weg nach Alaska treffe ich auf einen Aussteiger nach dem anderen

1000 Kilometer mit einem komplett Andersdenkenden: Joe mag Donald Trump – und ich mag Joe

Allein unter Seebären – per Frachtschiff über den Pazifik

Seit einem Jahr an den Strassenrändern der Welt: Das A bis Z zum Jubiläum

Dümmer geht's nicht: Wie ich in Japan Schlafsack und Flipflops verliere – und dafür noch belohnt werde

Dieser Brief einer 17-jährigen Koreanerin zeigt, wieso Reisen immer noch die schönste Sache der Welt ist

Bevor ich China Richtung Südkorea verlasse, verrät mir «Jack» sein Geheimnis: «Ich bin schwul»

It's all about the money – ganz besonders beim Reisen

Offener Brief an die Thailänder: Reisen in eurem Land ist langweilig (das ist ein Kompliment!)

Das Autostopp-Experiment: Komme ich in Laos auf einer Strasse, die keine ist, überhaupt weiter?

Per Autostopp um die Welt zu reisen ist mutig. Aber es braucht mindestens gleich viel Mut, als Freundin zurückzubleiben

Er ist Chinese, er heisst Li – und trotzdem ist er einzigartig!

Per Autostopp von Winti nach Ürümqi (China): Es ist Zeit für eine Halbjahresbilanz von A bis Z

Arschloch, Ignorant oder Angsthase: Wie verhältst du dich, wenn du an Autostöpplern vorbeifährst?

Ein Hoch auf das Smartphone! 7 Gründe, wieso Reisen im Jahr 2015 besser ist als zu Hippie-Zeiten

Alleine in Kasachstan: So ist es, wenn in Paris schreckliche Dinge passieren – und du mit niemandem darüber reden kannst

Die Frauen Istanbuls: Zwischen Burka, Bier und bösen Blicken

Im 27. Kanton der Eidgenossenschaft – nirgends ist die Schweiz so präsent wie im Kosovo

Alle Artikel anzeigen
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
17Alle Kommentare anzeigen
17
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
  • Calvin Watsn 31.07.2016 10:22
    Highlight Einmal mehr, einfach nur Hammer das Gelesene ❤️ Danke Thomas Schlittler 👏👍 gute Reise wünsche ich Dir, und freue mich einfach mal auf weitere spannende Berichte 🙂
    14 0 Melden
    • Thomas Schlittler 01.09.2016 23:29
      Highlight Vielen Dank für das Kompliment und die guten Wünsche! Ich bin mittlerweile heil in Nordamerika angekommen und hoffe, dass ich auch hier auf ein paar spannende Menschen/Geschichten stossen werde. Beste Grüsse Thomas
      3 0 Melden
    • Calvin Watsn 02.09.2016 08:23
      Highlight Uuuiuiii jetzt muss ich deine Ankunft in Kanada suchen gehen und lesen. Merci für die Rückmeldung und hoffe doch es geht dir recht gut. 😂👍
      2 0 Melden
  • Lip_Gallagher 31.07.2016 10:14
    Highlight Warum lässt du Australien aus? :(
    3 4 Melden
    • Lami23 31.07.2016 19:24
      Highlight Auf der spannendskala find ich Australien im Vergleich auch nicht hoch, ausserdem teuer, ev deswegen...
      5 2 Melden
    • Thomas Schlittler 01.09.2016 23:41
      Highlight Ich wäre auch gerne einmal nach Australien gereist. Aber ich habe "nur" etwa zwei Jahre Zeit für meine Reise. Da muss man Prioritäten setzen. Und da ich mit Kanada und den USA bereits zwei westliche Länder auf dem Programm habe, habe ich mich gegen einen Abstecher nach Australien/Neuseeland entschieden. Ich verbringe lieber etwas mehr Zeit in Mittel- und Südamerika. Das Geld ist ein weiterer Faktor. Lami23 trifft es mit seiner Einschätzung also ganz gut. LG
      3 0 Melden
  • lilie 31.07.2016 09:02
    Highlight Danke für den tollen Bericht und die neuen Einblicke in die japanische Kultur!

    Die Kapselhotels finde ich übrigens eine tolle Idee, das ist doch super praktisch, wenn man wirklich nichts weiter will als ein günstiges Bett zum pennen.

    Jetzt 3 Wochen Zwangspause! 😢

    Ich hoffe aber, dass du an Bord genug erlebst, um uns bei deiner Ankunft in Kanada mit umso mehr Geschichten zu beglücken! 😄
    15 0 Melden
    • Thomas Schlittler 01.09.2016 23:43
      Highlight Bin gespannt, ob es die Kapselhotels auch mal nach Europa schaffen. Fand sie ziemlich cool! Die Zwangspause ist nun vorbei. Ich hoffe, meine Geschichten aus Nordamerika grfallen dir ebenfals. LG Thomas
      4 0 Melden
  • elivi 30.07.2016 23:49
    Highlight laut zu reden in der ubahn ist nicht anständig, darum wird dort nicht geredet und dann kuckt man halt auf's natel. ps. telefonieren ist noch viel schlimmer in der ubahn.
    13 1 Melden
    • Randy Orton 31.07.2016 11:27
      Highlight Wird sogar per Durchsage daraufhingewiesen, dass man nicht telefonieren und die Handys auf lautlos stellen soll.
      2 0 Melden
  • Luca Brasi 30.07.2016 17:45
    Highlight Scheint eine sehr sehr lustige Woche gewesen zu sein. Der Bericht ist äusserst amüsant und auch die Bilder. ;)
    Und wieder scheinen Sie superfreundliche Fahrgelegenheiten gefunden zu haben. Danke auch für die schönen Impressionen.
    3 Wochen keine Autostopp-Kolumnen sind eine lange Wartezeit, aber dafür werden Sie uns sicher mit Geschichten an Bord, Osaka, Shanghai und Kanada füttern. ;)
    Ich wünsche Ihnen deshalb schon mal einen schönen 1. August und weiterhin viel Glück auf Ihren Reisen über den Pazifik. ;)
    23 1 Melden
    • Thomas Schlittler 01.09.2016 23:45
      Highlight Bin heil in Nordamerika angekommen. Wie es mir an Bord ergangen ist, erfahren Sie in meiner neuesten Kolumne. LG
      3 0 Melden
  • wtf 30.07.2016 15:48
    Highlight Du bist noch das Beste bei Watson!
    42 0 Melden
    • exeswiss 30.07.2016 16:16
      Highlight aber sowas von xD
      14 0 Melden
    • Thomas Schlittler 01.09.2016 23:46
      Highlight Vielen Dank für das Kompliment. Ich bin aber der Meinung, dass es auf watson auch sonst ganz viel Spannendes zu lesen gibt! ;-)
      3 0 Melden
  • exeswiss 30.07.2016 15:23
    Highlight die pics mit den zwei girls sind ja mal sowas von 5/7 g8 b8 m8.
    18 1 Melden
    • Thomas Schlittler 01.09.2016 23:47
      Highlight :-D ja, hat Spass gemacht! ;-)
      2 0 Melden

Bevor ich China Richtung Südkorea verlasse, verrät mir «Jack» sein Geheimnis: «Ich bin schwul»

Der junge Mann, der sich mir als Jack vorstellt, ist aussergewöhnlich: Er ist ein allein reisender Chinese. In der 50-köpfigen chinesischen Touristengruppe – in die ich hineingeraten bin, weil ich über das Hostel eine Tagestour gebucht habe – ist der 24-Jährige neben mir der Einzige, der niemanden aus der Gruppe kennt.

Doch nicht nur das macht Jack speziell. Bemerkenswert ist auch, dass er bereits in seinem jungen Alter eine eigene Firma auf die Beine gestellt hat. Sein Crowdfunding-Portal, eine …

Artikel lesen