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«Hemmungslos in Seattle» – Masturbieren im Lieferwagen

22.10.16, 18:27 23.10.16, 10:39
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler

«Schlaflos in Seattle» – der extrem kitschige Liebesfilm mit Tom Hanks war bis vor kurzem das Einzige, was mir in den Sinn kam, wenn ich an die Metropole im äussersten Nordwesten der USA dachte. In den drei Tagen in Seattle habe ich dann erfahren, dass die Stadt die Band «Nirvana» sowie die weltbekannten Grosskonzerne Amazon, Microsoft und Starbucks hervorgebracht hat. Doch mittlerweile ist das auch schon wieder kalter Kaffee für mich. Wenn mich jetzt jemand nach Seattle fragt, habe ich viel – wie soll ich sagen? – Unterhaltsameres zu erzählen:

Ich stehe an einer Autobahneinfahrt mitten in Downtown Seattle. Ein Karton in meiner Hand verrät den vorbeifahrenden Autos mein Tagesziel: Olympia, die Hauptstadt des Bundestaats Washington rund 100 Kilometer südlich von hier.

Nach etwa 15 Minuten, in denen die Autos beinahe im Sekundentakt an mir vorbeifahren, ertönt die Hupe eines Lieferwagens, der auf der anderen Strassenseite steht. Als ich herüberschaue, winkt mich der Fahrer zu sich heran. Ich packe meinen Rucksack, laufe über die Strasse und öffne die Türe auf der Beifahrerseite.

«Hallo, wie geht es dir?», fragt mich ein junger Afroamerikaner mit grossen, freundlichen Augen. «Mir geht es gut, aber es würde mir noch besser gehen, wenn mich jemand mitnehmen würde nach Olypmia», antworte ich grinsend. «Du kannst mit mir bis nach Tacoma kommen. Das liegt auf halber Strecke nach Olympia. Allerdings muss ich zuerst noch auf eine Lieferung warten. Sie sollte in etwa 20 Minuten ankommen. Du kannst hier mit mir warten.»

Ich zögere und weiss nicht, ob ich das Angebot annehmen soll. Nicht, dass mir der junge Mann irgendwie suspekt wäre. Aber ich habe auf Hitchwiki, einem Onlineportal für Autostöppler, gelesen, dass es in Downtown Seattle einfacher sei, eine Mitfahrgelegenheit zu finden, als in Tacoma. Denn der Vorort hat eine höhere Kriminalitätsrate und deshalb einen schlechten Ruf.

Der Autostopp-Ratgeber rät vom Autostöppeln in Tacoma ab. Downtown Seattle sei der bessere Ort.

Ich entscheide mich für einen Kompromiss und sage: «Vielen Dank, ich komme gerne mit dir mit. Aber wäre es für dich in Ordnung, wenn ich weiterhin stöpple, bis deine Lieferung ankommt? Vielleicht nimmt mich in der Zwischenzeit ja jemand mit bis direkt nach Olympia.» «Klar, kein Problem», sagt mein Gegenüber. «Cool, danke!», erwidere ich. Dann reiche ich ihm die Hand: «Ich bin übrigens Tom.» «Patrick», stellt er sich ebenfalls vor.

Ich gehe zurück zu meinem Autostopp-Plätzchen. Ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil ich die Einladung nicht vorbehaltlos angenommen habe. Als Tramper gehört es sich eigentlich nicht, Extrawünsche anzubringen. Während ich den Daumen in den Wind halte, schaue ich deshalb immer wieder hinüber zu Patrick und lächle ihn freundlich an – ich will nicht, dass er mich für einen Rosinenpicker hält.

«Patrick ist dein heutiges Autostopp-Schicksal. Es ist gemütlicher, bei ihm im Auto zu warten.»

Patrick erwidert meine Blicke jeweils mit einem scheuen, aufmunternden Lächeln, das ich als «viel Glück» interpretiere. Doch es hilft wenig, erneut fahren hunderte Autos an mir vorbei – scheinbar ohne auch nur in Betracht zu ziehen, mich mitzunehmen. So denke ich mir: «Ach, vergiss es. Es soll nicht sein. Patrick ist dein heutiges Autostopp-Schicksal. Es ist gemütlicher, bei ihm im Auto zu warten.» Ohne meinen Fahrer in spe nochmals anzuschauen, laufe ich deshalb zurück zu seinem Lieferwagen.

Dort öffne ich die Beifahrertür – und traue meinen Augen nicht: Patrick sitzt mit halb heruntergelassener Hose hinter dem Steuer und masturbiert! Mitten in Downtown Seattle! Um drei Uhr Nachmittags! Während hunderte Autos direkt neben seinem Lieferwagen vorbeifahren! Ganz zu schweigen von den vereinzelten Fussgängern, die auf dem Trottoir vorbeilaufen!

Als das Ganze passierte, hatte ich nicht den Nerv, ein Foto zu schiessen. Dank Google Maps kann ich euch den 'Tatort' aber trotzdem zeigen. Es hatte genauso viel Verkehr wie hier.

Ich bin schockiert. Und sprachlos. Patrick nicht: «Oh, shit! Sorry!», bringt er noch hervor, während er schnell seine Hose heraufzieht. Er hat mich nicht kommen sehen. Während er hastig beginnt, an seinem Gürtel rumzuwerken, habe ich die Türe bereits wieder geschlossen und renne mit meinem Rucksack zurück auf die andere Strassenseite.

In meinem Kopf herrscht Tohuwabohu: Was war das denn? Hat er bereits masturbiert, als wir über die Strasse hinweg Blickkontakt hatten? Hat er mich gar als Wichsvorlage benutzt? Wäre ich in Gefahr gewesen, wenn ich mit ihm mitgefahren wäre? Hat er auch schon an sich rumgespielt, bevor er angeboten hat, mich mitzunehmen – und mir dann seine Hand gereicht?

Alles ekelhafte Vorstellungen. Ich überlege mir kurz, ob ich meinen Autostopp-Platz wechseln soll. Doch ich entscheide mich dagegen. Wenn jemand weg muss, dann er.

Doch Patrick bleibt in seinem Lieferwagen sitzen, als ob nichts gewesen wäre. Als ich aus den Augenwinkeln mal kurz herüberschiele, winkt er mich zu sich. Ich schüttle den Kopf und winke ab. Dann schaue ich minutenlang geradeaus. Als ich irgendwann wieder einen kurzen Blick riskiere, kann ich es fast nicht glauben: Er tut es schon wieder! Aber zumindest erkenne ich nun: Er blickt auf sein Smartphone und nicht zu mir.

Ein paar Minuten später hält ein Auto. John ist ein toller Typ, fährt mich direkt nach Olympia und lässt mich gar auf seiner Ranch übernachten. Als ich am Abend in meinem Schlafsack liege und das Erlebte Revue passieren lasse, muss ich grinsen: «Hemmungslos in Seattle» – da ist mir die Schnulze mit Tom Hanks doch deutlich lieber.

Per Autostopp um die Welt: Woche 73 – Von Vancouver (Kanada) nach Olympia (USA)

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Brikne, 20.7.2017
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  • Connor 05.08.2017 12:15
    Highlight "Hat er mich gar als Wichsvorlage benutzt? (...) Alles ekelhafte Vorstellungen." Da bist Du aber sehr von Dir überzeugt. Und wäre das so schlimm? Als ob Du nie "Wichsvorlagen" benutzt hättest. Diese übertriebene Empörung wirkt für mich doch ein wenig gekünstelt, tut mir leid.
    4 1 Melden
  • Sauraus 24.10.2016 22:41
    Highlight Thug life
    5 1 Melden
  • Boston5 24.10.2016 10:20
    Highlight Es gibt nichts was es nicht gibt :D

    Gibt das Ganze eigentlich mal ein Buch über deine Reise um die Welt per Autostopp? Ich würde es jedenfalls kaufen!
    18 1 Melden
  • Luisigs Totämuggerli 24.10.2016 08:51
    Highlight Machte diesen Sommer fast die gleiche Reise :) Von Vancouver nach Seattle und von dort nach Idaho.
    Seattle hat mein Herz gestohlen und ist immer wieder ein Erlebnis wert. Eine sehr tolle Stadt, mit tollen Menschen und einem sehr tollen Football Team. :)
    8 0 Melden
  • Money is everything 23.10.2016 14:05
    Highlight Das wichtigste in seattle hast du vergessen...Die Seahawks;) Aber tolle Berichte😃
    19 3 Melden
  • Seralina 23.10.2016 10:16
    Highlight Omg🙈😂wie irre!! Aber ich musste herzlich lachen😂
    29 2 Melden
  • lilie 22.10.2016 21:31
    Highlight Oh je, das sind wohl Geschichten, die im Nachhinein ganz amüsant oder zumindest einfach schräg sind, aber in dem Moment, wo's passiert schlägt die Fantasie wohl ziemlich Purzelbäume...

    Man weiss ja auch tatsächlich nie, an wen man gerät...

    Gut, dass du dein "Schicksal" an diesem Tag nicht akzeptiert hast und dir eine bessere Mitfahrgelegenheit gesucht hast! 👍

    (Was denkt eigentlich dein Mami und deine Freundin, wenn sie von solchen Geschichten hören? Machen sie sich da nicht doch mal ein wenig Sorgen?)
    55 3 Melden
    • Thomas Schlittler 23.10.2016 09:30
      Highlight Ja, die verrückten Erlebnisse sind rückblickend jeweils lustiger als im Moment. So schlimm war es aber nicht. Ich fühlte mich nie in Gefahr. Einfach die Gedanken "was wäre, wenn ..." waren nicht so toll. Betreffend Mami und Freundin: Sie machen sicher keine Luftsprünge, wenn sie solche Geschichten hören. Aber ich hatte auf meiner Reise ja nicht viele solcher Erlebnisse. Mittlerweile sass ich bei 630 Fremden im Auto. Nie ist was Schlimmes passiert - im Gegenteil, ich durfte ganz viele tolle Menschen kennenlernen. Wenn dann halt mal etwas Verrücktes passiert, ist es das meiner Meinung nach wert.
      64 2 Melden
    • lilie 23.10.2016 12:20
      Highlight @Thomas: Das ist wirklich schön zu hören, dass du so selten negative Erlebnisse hattest - das gibt einem doch geradezu Hoffnungen für unsere Welt... ☺
      22 3 Melden
  • schoggifresser@gmail.com 22.10.2016 20:20
    Highlight Wo ist eigentlich das Problem, wenn jemand Nachmittags um 15.00 Onaniert....
    83 12 Melden
    • Pana 22.10.2016 20:54
      Highlight Been there, done that.
      68 4 Melden
    • lilie 22.10.2016 21:22
      Highlight @schoggifresser: Ich hab kein Problem damit - aber zugucken muss ich dabei nun wirklich nicht...
      61 7 Melden
    • Thomas Schlittler 23.10.2016 09:37
      Highlight lieber schoggifresser
      Ich habe bestimmt nichts gegen das Onanieren. Auch die Tageszeit ist mir egal. Und selbst gegen den Lieferwagen hätte ich nichts einzuwenden - wenn er irgendwo an einem abgeschiedenen Örtchen stehen würde. Aber mitten in Downtown? Während man Blickkontakt hat mit einem Fremden? Nenn mich prüde, aber das finde ich nicht so toll. Gewisse Anblicke sollte man anderen ersparen.
      65 6 Melden
    • schoggifresser@gmail.com 23.10.2016 10:53
      Highlight lilie, du hast absolut recht!!!
      'Zugucken MUSS ich dabei nun wirklich nicht"......
      Das Leben ist ja schließlich 'Freiwillig"......
      8 15 Melden
    • lilie 23.10.2016 12:18
      Highlight @schoggifresser: Thomas hat sein Unbehagen mit der Situation schon erklärt: Der Mann hätte sich ohne Weiteres irgendwo abseits hinstellen und sich einen runterholen können, und warum nicht auch nicht?

      Nur hat er es eben mitten im Gewühl gemacht und es geradezu darauf angelegt, dass ihm jemand dabei zuguckt. Das hat dann beinahe schon etwas Exhibitionistisches, und das, was Thomas erlebt hat, überschreitet ja wohl auch die Definition von "freiwillig"...
      21 3 Melden
    • schoggifresser@gmail.com 23.10.2016 13:59
      Highlight lilie, auch da gebe ich dir wiederum völlig recht!!!
      Wenn du so empfindest, ist das für dich so, was ich überhaupt nicht in Frage stelle!!!
      Das einzige was ich 'daran" schlimm finden würde, ist wie immer und überall die Gewalt!!!
      Jeder gesunde Mensch hat Augen, die er benutzen kann, um zu sehen was er will, oder wegzuschauen, sich mindestens um die eigene Achse drehen, wenn er etwas partout nicht sehen will!!!
      Dies funktioniert immer und überall, egal wo man sich befindet, selbst im ÖV oder Bordell!!
      Selber gehe ich ab und zu in ein grosses Bordell und lasse mir zuschauen......FREIWILLIG
      3 21 Melden
    • lilie 23.10.2016 14:47
      Highlight @Schoggifresser: Wie gesagt, du kannst tun und lassen, was du willst, aber ich erwarte auch, dass Leute Rücksicht auf die anderen nehmen. Wenn du im Bordell dir beim Wichsen zuschauen lassen willst - kein Problem, da bist du ja unter Leuten, die sowas anbieten, und niemand wird behelligt.

      Wenn aber einer im Tram seinen Schniedel auspackt, dann empfinde ich das als Belästigung. Auch wenn ich weggucken kann, ist es immer noch eine Belästigubg, weil es schlichtwegs keinen Grund gibt, warum er sowas in der Öffentlichkeit machen soll.
      23 3 Melden
    • schoggifresser@gmail.com 23.10.2016 16:34
      Highlight Leider war es immer so, ist jetzt so und wird voraussichtlich 'IMMER" so sein, dass Kriege und Gewalt durch Personen ausgelöst werden, welche Probleme haben und erwarten, dass aufgrund dessen, ANDERE ihren Lebensstil ändern MÜSSEN,weil sie nicht fähig oder gewillt sind, ihre eigenen Probleme zu lösen!!
      2 34 Melden
    • lilie 23.10.2016 17:57
      Highlight @schoggifresser: OK, jetzt wirds schräg, ich bin dann mal weg. ;)
      30 2 Melden
    • Luisigs Totämuggerli 24.10.2016 08:54
      Highlight @ Thomas
      Fühle mit dir. Als ich in New York war, wollte ich eigentlich nur meinen Lunch essen und die Leute durch das grosse Fenster beobachten. Leider bemerkte ich dann, dass ein Mann mich und meine Freundin anschaut und sich dabei einen runter holt.. Mitten am Times square... Naja Hunger hatten wir dann keinen mehr -.-
      7 4 Melden
  • Butter 22.10.2016 19:00
    Highlight Eine Geschichte, die im Nachhinein amüsanter ist, als wenn man sie direkt erlebt.
    83 1 Melden
    • Thomas Schlittler 23.10.2016 09:38
      Highlight True. Aber zum Glück ist nun schon Nachhinein. ;-)
      32 3 Melden
  • Luca Brasi 22.10.2016 18:50
    Highlight Vielleicht liest ja die US-Botschafterin in der Schweiz Ihren Artikel. Sie kommt aus Seattle und ein Interview mit ihr ist momentan direkt über Ihren Artikel auf watson. ;)
    40 5 Melden
    • Thomas Schlittler 23.10.2016 09:40
      Highlight Ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob sie das überhaupt lesen will ... ;-) Aber ich habe das Interview gelesen. Spannend, auch wenn meiner Meinung nach etwas viel Schönfärberei dabei ist. LG
      20 2 Melden
    • Der Artikelleser 24.10.2016 10:10
      Highlight Das erinnert mich an einen Schulausflug nach München in der Sek. Als wir nach Hause fuhren (ein Car voll mit pubertierenden Teenagern), hat uns ein Lieferwagen überholt - der Fahrer hatte die Hosen dabei unten und mastrubierte ganz gemütlich vor sich als wäre es das normalste der Welt während er uns überholte. Wir sind umgefallen vor lachen, aber eigentlich war es sowas von eklig und zum fremdschämen.
      5 1 Melden

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