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«Hier leben 320 Millionen Menschen, und wir finden nichts Besseres?»

29.10.16, 17:28 30.10.16, 17:46
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler

Am 8. November wählen die Amerikaner ihr neues Staatsoberhaupt. Wenn ich meine Fahrer auf das bevorstehende politische Grossereignis anspreche, mache ich mir jedoch keine Freunde. Die Reaktionen lassen sich ungefähr so zusammenfassen: «Ach, hör mir auf damit, ich kann es nicht mehr hören. Ich bin einfach nur froh, wenn dieser Zirkus endlich vorbei ist!»

Die Politikverdrossenheit im Nordwesten der USA ist unüberhörbar. Das hängt nicht zuletzt mit den Kandidaten der beiden grossen Parteien zusammen. Die Namen Donald Trump und Hillary Clinton lösen hier etwa so viel Euphorie aus wie ein Besuch beim Zahnarzt.

Nur in Alaska hatte ich zwei Fahrer, die sich wirklich für einen der beiden Kandidaten begeistern konnten: Joe schwärmt für Trump, bei Stephanie klebt ein Hillary-Sticker auf dem Auto.

Joe schwärmt für Donald Trump. Bild: Thomas Schlittler

Stephanie hat einen Hillary-Sticker auf ihrem Auto – und das in der republikanischen Hochburg Alaska. Sie muss also ein echter Clinton-Fan sein. Bild: Thomas Schlittler

Alle meine anderen Fahrer, Bar- und Hostelbekanntschaften mögen weder Trump noch Clinton. Für sie ist es die sprichwörtliche Qual der Wahl. Am treffendsten bringt es mein Fahrer John auf den Punkt: «In den USA leben mehr als 320 Millionen Menschen – und wir finden nichts Besseres als Hillary und Trump? Das ist doch ein schlechter Witz!»

John ärgert sich über die Kandidaten der beiden grossen Parteien. «In den USA leben mehr als 320 Millionen Menschen – und wir finden nichts Besseres als Hillary und Trump?» Bild: Thomas Schlittler

Dass Trump so unbeliebt ist, dürfte kaum jemanden überraschen, der den Wahlkampf mitverfolgt hat. «Er ist verrückt, den kann man nicht ernst nehmen!», sind sich die meisten einig, die ich getroffen habe. Allerdings ist Clinton bei zahlreichen Leuten mindestens ebenso unpopulär – selbst hier in den Bundesstaaten Washington und Oregon, die traditionell demokratisch wählen. Clinton ist für viele das Symbol eines immer mächtiger werdenden Staates, für undurchsichtige Hinterzimmerdeals in Washington DC sowie Klientelpolitik.

Ich habe gar mehrere Leute kennengelernt, die gerne Bernie Sanders als nächsten US-Präsidenten gesehen hätten, jetzt aber Trump wählen. Sie springen also von ganz links nach ganz rechts, nur weil sie auf keinen Fall bei Hillary das Kreuzchen setzen wollen.

Dabei macht sich jeder seine eigenen Überlegungen. Charles, den ich im Hostel in Portland treffe, begründet seine Entscheidung so: «Wenn Trump gewählt wird, kann er ohnehin nicht viel machen, weil ihn der Kongress völlig blockieren wird. Hillary dagegen würde wahrscheinlich die nötigen Mehrheiten finden – und ich befürchte, dass sie uns in einen weiteren Krieg führen wird.»

Auch Patrick, der im 130-Seelen-Dörfchen Mitchell ein Hostel führt, hat grosse Sympathien für Sanders, will aber für Trump stimmen. Sein Kalkül: «Ich hoffe, dass die Leute endlich aufwachen, wenn ein so unfähiger Mann wie Trump Präsident wird. Ich hoffe, dass sie auf die Barrikaden gehen und unser krankes Politsystem von Grund auf erneuert wird.» In anderen Worten: Patrick hofft, dass Trumps Wahl eine Revolution auslöst. «Ich will, dass wir endlich eine Regierung haben, die nicht von Geld und Grosskonzernen gelenkt wird.» Wenn Hillary Clinton gewinne, werde dagegen alles so weitergehen wie bisher, ist Patrick überzeugt.

Die Tatsache, dass die beiden grossen Parteien so polarisierende, unbeliebte Kandidaten nominiert haben, hat viele auch schmerzhaft daran erinnert, dass sie keine echten Alternativen haben. «Wenn ich meine Stimme einer anderen Partei gebe, dann ist das so, als ob ich gar nicht abstimmen würde», sagt John. Schliesslich hätten die kleinen Parteien in Washington ja ohnehin nichts zu sagen.

Neben dem Ärger über die Kandidatenauswahl und das System gibt es einen dritten Punkt, über den sich viele beklagen: die Medien. «Ich muss alle Informationen über die Kandidaten selbst zusammentragen, weil die Medien nicht objektiv berichten», sagt zum Beispiel Ahren, der mich nach Portland fährt. Matt, von Beruf Arzt und ein sehr überlegter Typ, sieht es genauso: «Es fällt mir schwer, mir von den Kandidaten ein richtiges Bild zu machen. Die Medien erzählen nur das, was ihnen ins Konzept passt.»

Ahren hat kein Vertrauen in die US-Medien. «Ich muss alle Informationen über die Kandidaten selbst zusammentragen.» Bild: Thomas Schlittler

Matt sieht es genauso. «Die Medien erzählen nur das, was ihnen ins Konzept passt.» Bild: Thomas Schlittler

Der amerikanische Nordwesten ein paar Tage vor den Präsidentschaftswahlen – wie in fast allen Ländern, die ich bereist habe, treffe ich auch hier auf ganz viele Menschen, die sich von der Elite, «von denen dort oben», vergessen, verraten, verkauft fühlen. Wenn die Prognosen stimmen, wird Hillary Clinton am 8. November als Gewinnerin aus dem Wahlkampf hervorgehen. Für die meisten meiner Bekanntschaften ist aber jetzt schon klar, wer verloren hat: die amerikanischen Wähler.

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  • kaderschaufel 02.11.2016 13:39
    Highlight Also rein von der Fachkompetenz her ist Hillary Clinton eine der absolut besten dieser 320 Millionen für das Präsidentenamt. Schade, dass sie ihre Glaubwürdigkeit versiebt hat.
    1 6 Melden
  • jellyshoot 31.10.2016 10:43
    Highlight hoi thomas ... immer noch toll deine berichte zu lesen.
    ich weiss, du wurdest schon oft nach deiner weiteren route gefragt, aber was sind deine pläne in den usa? reist du einfach die westküste runter oder zieht es dich auch in den mittleren westen?
    4 0 Melden
    • Thomas Schlittler 05.11.2016 21:28
      Highlight Ja, ich reise mehr oder weniger einfach die Westküste runter nach Mexiko. Ich muss die USA Ende November leider bereits verlassen, mein Visum läuft ab. Ich bin aber auch nicht unglücklich. Lieber verbringe ich etwas mehr Zeit in Mittel- und Südamerika. Da sind die Kulturunterschiede sicherlich grösser - und das Leben deutlich günstiger. Das soll aber nicht heissen, dass ich die Zeit in den USA nicht geniesse. Ich habe unglaublich viele tolle Menschen kennengelernt! *daumenhoch*
      2 0 Melden
  • Lami23 30.10.2016 21:26
    Highlight Ich kenne das "Reiseproblem", am Schluss realisiert man, dass man auf fast jedem Foto dasselbe anhatte...:-)
    12 0 Melden
    • Thomas Schlittler 05.11.2016 21:29
      Highlight Wenn man nur zwei Pullover dabei hat, lässt sich das fast nicht vermeiden ... :-D
      2 0 Melden
  • sir_kusi 30.10.2016 19:21
    Highlight Thomas, falls du das liest: Finde deine Berichte top. Und du hast sicher schon 1000e Selfies geschossen. Aaaber: Könntest du nicht versuchen, jeweils in die Kamera statt auf den Auslöser zu gucken? 😎😇 Danke und sorry für mein Tüpflischissere!!! ;-)
    5 5 Melden
    • Thomas Schlittler 05.11.2016 21:31
      Highlight Fair enough! :-D Ich schaue jeweils in den kleinen Bildschirm der Kamera. Aber ich habe mir deinen Hinweis zu Herzen genommen. Schau dir mal die Bilder meiner neuesten Kolumne an. Dort sollten ein paar Fotos dabei sein, auf denen ich direkt in die Kamera schaue ... ;-) LG
      2 0 Melden
  • kEINKOmmEnTAR 30.10.2016 14:30
    Highlight Ha! Und als ich vor einigen Monaten hier und sonst überall das ich als Bernie-Fan jetzt Trump wählen würde, hielten mich alle verrückt. Es zeigt sich dass ich nicht der einzige bin :)
    14 3 Melden
    • kaderschaufel 02.11.2016 13:50
      Highlight Ich halte dich aber immer noch für verrückt, obwohl du nicht mehr der einzige bist:

      Ich glaube, Trump ist schlau genug, um seine Inkompetenz vor seinen Supportern zu kaschieren (er will ja wahrscheinlich in 4 Jahren wiedergewählt werden). Meine persönliche Vermutung ist, dass er alle seine Aufgaben delegieren wird, und wir dann de facto einen "normalen" republikanischen Präsidenten haben werden. Aber selbst wenn er das nicht macht, wird er kaum eine Katastrophe anrichten können, weil der Senat dagegen halten wird.
      1 1 Melden
  • Bloody Mary 30.10.2016 13:38
    Highlight Ich dachte damals schon bei George "Dabljuu" Bush es könne nicht mehr schlimmer kommen, vorallem als er auch beim 2. Mal wiedergewählt wurde...Nun: es ist schlimmer gekommen.. ich würde allerdings trotzdem Hilary wählen, für mich immer noch das kleinere Übel. Trump halten viele für dumm. Ich nicht. er ist intelligent und gefährlich.
    11 4 Melden
  • Seralina 30.10.2016 13:11
    Highlight Das lustige gesicht dass du immer wieder machst auf den fotos->😯

    Köstlich...

    6 6 Melden
    • Thomas Schlittler 05.11.2016 21:32
      Highlight Ist keine Absicht ... ;-)
      2 0 Melden
    • Seralina 06.11.2016 01:59
      Highlight Genau deswegen,umso lustiger☺️...
      alles gute bei deiner weiter reise... freue mich für dich hast du bald dein schatz bei dir... alles liebe euch beiden... freue mich auf weitere artikel von dir/euch!
      0 0 Melden
  • pamayer 30.10.2016 10:04
    Highlight Also meine Zahnärztin ist sympatisch. Was habt ihr auch.
    Das starre 2 Parteien System ist natürlich untauglich.
    Bei uns läuft es leider in eine ähnliche Richtung: bürgerlicher Kahlschlag (inkl viele Glatzköpfe) oder linksundnett.
    Scheisse.
    13 4 Melden
    • Thomas Schlittler 05.11.2016 21:33
      Highlight Oder ganz viele Parteien dazwischen ... ;-)
      1 0 Melden
  • Cheesus 29.10.2016 23:30
    Highlight Mal abgesehen von der Politik: Ich sehe, dass du auf Idaho zusteuerst.
    Das ist einer von fünf Bundesstaaten, in denen Hitchhiking verboten ist. Da das aber auch in Nevada und Utah der Fall ist, bleibt dir wohl keine andere Wahl... :) Good luck anyway!
    25 1 Melden
    • Thomas Schlittler 05.11.2016 21:36
      Highlight Hmmm, das wusste ich gar nicht. Nevada steht auf dem Programm - ich war noch nie in Vegas. Mal schauen, ob es Probleme gibt mit Stöppeln. Kann es mir irgendwie nicht vorstellen. Wäre schon ziemlich traurig im "Land der grenzenlosen Freiheit" ...
      1 0 Melden
  • Luca Brasi 29.10.2016 18:03
    Highlight Hoffen wir mal, dass der Zahnarztbesuch bald vorbei ist. Ein wirklich schrecklicher Wahlkampf, auch für US-Verhältnisse.
    Vielen Dank wiederum für die tollen Impressionen und wieder einmal hatten Sie äusserst gastfreundliche Leute getroffen. Macht richtig Freude so etwas zu lesen. :)
    70 3 Melden
    • Thomas Schlittler 05.11.2016 21:38
      Highlight Die Gastfreundschaft der Leute ist hier wirklich wieder besonders toll. Die Kellnerin, die mir einfach ein Bett zum Schlafen anbietet. Fahrer, die mich zu sich nach Hause einladen. Oder diese Woche hat mir eine Hotelmanagerin kostenlos ein Zimmer zur Verfügung gestellt. What A Wonderful World!
      3 0 Melden
  • lilie 29.10.2016 17:47
    Highlight Ich beneide die amerikanischen Stimmbürger überhaupt nicht. Pest oder Cholera, etwas anderes bleibt nicht - ausser ein flächendeckender Wahlstreik.

    Ich habe mir auch schon überlegt, ob es nicht sogar besser wäre, Trump zu wählen, weil der entweder nichts tun könnte, da ständig ausgebremst, oder nach kürzester Zeit abdanken muss, da völlig überfordert/unfähig.

    Nur ist das ein Spiel mit dem Feuer. Der mögliche Schaden, nicht zuletzt der Imageschaden, den er anrichten word, kann allerdings schwerwiegende Folgen haben.

    Das gilt allerdings für Clinton auch. Und nur schon für den Wahlkampf...
    46 7 Melden
    • Thomas Schlittler 05.11.2016 21:40
      Highlight Ich würde schlussendlich trotzdem Hillary wählen, auch wenn ich kein grosser Fan von ihr bin. Trump empfinde ich jedoch einfach als total unberechenbar ...
      1 0 Melden
    • lilie 05.11.2016 22:06
      Highlight @Thomas: Geht mir genau gleich. Naja, in Kürze wissen wir, was rauskommt!
      0 0 Melden

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