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Wer ist Germán?

18.03.17, 08:05 18.03.17, 20:52
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler

Germán ist ein 52-jähriger Banker aus Costa Rica. Der kleingewachsene, drahtige Mann hat sich gut gehalten. Er wirkt fast jugendlich, wenn er mit seinen schnellen, kurzen Schritten durch sein Heimatdorf läuft und jeden grüsst, der ihm über den Weg läuft. Nur das braungebrannte, leicht faltige Gesicht sowie ein ergrautes Ziegenbärtchen verraten, dass Germán kein Jungspund mehr ist.

Germán, Lea und ich. bild: thomas schlittler

Doch abgesehen von Alter, Beruf, Nationalität und Äusserem – wer ist Germán? Nachdem meine Freundin Lea und ich 15 Stunden mit ihm verbracht haben, könnten wir diese Frage auf vier verschiedene Arten beantworten:

Die Route dieser Woche: Von San Carlos nach Puerto Jimenez

1. Germán ist ein Dorforiginal

Allerdings nicht eines der ruhig-brummigen, liebenswert-mürrischen Sorte, wie es sie in der Schweiz so oft gibt, sondern ein extrem kontaktfreudiges Exemplar. Er springt in der kleinen Karaoke-Bar von einem Tisch zum anderen, schüttelt unzählige Hände und scherzt mit den alteingesessenen Gästen genauso wie mit der jungen Kellnerin, die seine Nichte ist. Mit der rundlichen Tanzbärin, welche die Ex-Frau eines seiner Brüder ist, schwingt er gekonnt die Hüften. Und er setzt sich wie selbstverständlich zu den zwei Fremden aus der Schweiz an den Tisch, die sich in das kleine costa-ricanische Kaff Tarcoles verirrt haben.

2. Germán ist ein Messie

In seinem kleinen Haus, das keine hundert Meter von der Bar entfernt ist, liegen Gegenstände, die nicht in vielen Haushalten zu finden sind. Zwei der drei Zimmer sind mit Fischernetzen vollgestopft und deshalb nicht begehbar. Auf der Terrasse hinter dem Haus kämpft die aufgehängte Wäsche gegen wildernde Pflanzen und einen Berg leerer Plastik-Wasserbehälter um den spärlichen Platz. Und das Frühstückstischchen ist zur Hälfte mit Muscheln bedeckt, die Germán aus dem Pazifischen Ozean gefischt hat. Es ist ein Zuhause, das auf der Dorftratsch-Agenda von Tarcoles einen fixen Platz haben dürfte.

Ein Haus voller Fischernetze! Warum auch nicht? bild: thomas schlittler

Ein Ordnungsfreak ist Germán definitiv nicht. bild: thomas schlittler

3. Germán ist ein Raben(gross-)vater

Er hat vier erwachsene Söhne von drei verschiedenen Frauen. Seine aktuelle Freundin, die ab und zu bei ihm übernachtet, gehört aber nicht zu den Müttern seiner Kinder. Ein besonders fürsorglicher Familienmensch ist Germán aber definitiv nicht. Das beweist die Tatsache, dass er seine einzige Enkeltochter, die seit acht Monaten auf der Welt ist, erst zweimal gesehen hat – und das, obwohl die Kleine im gleichen Dorf lebt wie er. Noch bedenklicher ist jedoch, dass Germán nicht einmal weiss, wie seine Enkelin heisst.

4. Germán ist ein unglaublich grosszügiger Gastgeber

Als Lea und ich sagen, dass wir mit unserem Zelt auf dem Spielplatz im Dorfzentrum übernachten wollen, bietet uns Germán sofort ein Zimmer in seinem Haus an – obwohl wir uns gerade einmal seit einer halben Stunde kennen. Damit wir Platz haben, ruft er auf der Strasse nach einem Kumpel, der ihm hilft, die Fischernetze auszulagern. Er legt eine Matratze auf den Boden, zieht sie frisch an und stellt einen Ventilator in unser Zimmer, welcher die Hitze in der Nacht erträglicher machen soll. Am nächsten Morgen bereitet Germán Kaffee, frischen Fisch, Rührei und Tortillas für uns zu. Dann sagt er mit einer herzlichen Umarmung goodbye.

Germán und ein Kumpel räumen die Fischernetze weg, damit Lea und ich einen Platz zum Schlafen haben. bild: thomas schlittler

Am Morgen macht uns Germán ein Frühstück. bild: thomas schlittler

Und was für eines! Gracias, Amigo! bild: thomas schlittler

Also, nochmals die Frage: Wer ist Germán? Kann jemand gut sein, der den Namen seiner einzigen Enkeltochter nicht kennt? Kann jemand ein Schlechter sein, der Wildfremde in seinem Haus aufnimmt? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass sich Germán in keine Schublade einordnen lässt – und dass ich auf meiner Reise schon ganz viele Germáns getroffen habe.

Die Woche 94 in Bildern: Von San Carlos (Nicaragua) nach Puerto Jimenez (Costa Rica)

Den Artikel von letzter Woche nicht gesehen? Hier nochmals alle Erlebnisse der Woche 93 in Bildern:

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User-Review:
Pulo112, 20.12.2016
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27 Kommentare anzeigen
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  • Spooky 25.03.2017 01:13
    Highlight Interessant, diese Blasen!

    Politik, Krieg, Sport, Autostopp, Hollywood, Armut, Flüchtlinge. Watson. ISIS.

    Alles getrennt in Blasen.

    Interessant!
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  • super_silv 21.03.2017 16:53
    Highlight Wir verpassen uns wohl zimlich knapp 😄
    Werde in 9 tagen in Pavones sein. Ab auf eine der längsten Wellen der Welt😍🏄

    Ps: touristisch muss nicht schlecht sein. Bin grad in Bocas und es ist schon extrem touristisch, aber hald auch extrem mega krass schön 😄
    2 0 Melden
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  • Pasionaria 20.03.2017 22:39
    Highlight Wer ist Germán?
    Nun, ich wuerde meinen, ein typischer, sympathischer, liebenswuerdiger Latino. Einerseits chaotisch, dafuer unkompliziert und herzensgut, anderseits wenig Sinn fuer familiaere Verpflichtungen. Die Betonung liegt auf > Verplfichtung, denn Sinn fuer Familie (v.a. gruenden und erweitern) haben sie alle!
    Solche nette, liebenswerte Typen kenne ich einige.
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  • nAk0ust!x 18.03.2017 23:54
    Highlight Da erkenne ich gewisse charakterzüge wieder... ;) mir ist er auf anhieb sympathisch, der unschubladisierbare messi mit system!
    Danke fürs "nichtschubladisieren" (dachte schon dieses tolle wort sei ausgestorben)!
    11 0 Melden
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  • pamayer 18.03.2017 19:01
    Highlight Das Bild, wo Lea inmitten plastikbehältern beim Frühstück sitzt, ist unbezahlbar gut!
    13 1 Melden
    • Bloody Mary 21.03.2017 23:08
      Highlight Wollte ich auch grad schreiben! Das Bild ist der Hammer
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  • Typu 18.03.2017 13:31
    Highlight Guck ich eigentlich nur wegen Lea
    14 6 Melden
    • Thomas Schlittler 19.03.2017 01:37
      Highlight Lieber Typu, das ist völlig okay für mich. Hauptsache du guckst ... ;-)
      14 2 Melden
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  • Iko5566 18.03.2017 11:39
    Highlight Darf die Freundin nicht vorne im Auto sitzen, oder will sie es nicht😀
    13 2 Melden
    • CASSIO 18.03.2017 13:24
      Highlight die frage hab ich mir auch schon gestellt. als ob thomas angst hätte, dass ihm seine liebste den rang ablaufen könnte. thomas, mehr selbstbewusstsein 😉
      7 6 Melden
    • Thomas Schlittler 19.03.2017 01:47
      Highlight Sie darf natürlich nicht vorne sitzen, kommt überhaupt nicht infrage! Erstens bin ich grundsätzlich dagegen, dass man Frauen zu nahe ans Steuer lässt. Zweitens will ich die Fahrer nicht in Versuchung bringen. Und drittens muss ich Lea auch vor euren Blicken schützen. Ihr seht, ich habe gute Gründe das Frontsitz-Embargo meiner Freundin!
      31 0 Melden
    • Thomas Schlittler 19.03.2017 02:04
      Highlight Der zweite Punkt ist sogar ein bisschen ernst gemeint. In erster Linie nimmt Lea aber lieber hinten Platz, weil das gemütlicher ist. Dort kann man problemlos lesen oder ein Nickerchen machen. Auf dem Beifahrersitz dagegen ist in der Regel Kommunikation mit dem Fahrer angesagt. Das ist zwar spannend, kann aber manchmal auch etwas anstrengend sein. Hinten kann man sich besser ausklinken. ;-)
      20 0 Melden
    • Iko5566 19.03.2017 11:39
      Highlight Etwa so hab ich mir das auch gedacht. Wollte dennoch mal nachfragen.😀 und wenn es viele wie Typu gibt, dann hat wohl auch Punkt 3 seine Berechtigung. Viel Spass euch weiterhin und danke für deine Antwort
      5 0 Melden
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  • lilie 18.03.2017 10:45
    Highlight Definitiv ein Original! 😀

    Ich weiss aber wirklich nicht, was du an seiner Ordnung zu bemängeln hast. Da ist doch alles schön sortiert: Plastikkanister zu Plastikkanister, Muscheln zu Muscheln und Fischernetze zu Fischernetze. Ein Messi mit System! 😁

    Danke einmal mehr für den tollen Bericht! Wie immer ein Genuss! 😊
    28 2 Melden
    • Thomas Schlittler 19.03.2017 02:05
      Highlight "Messie mit System" - du triffst den Nagel auf den Kopf! :-D
      9 0 Melden
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  • Siebenstein 18.03.2017 10:36
    Highlight Also Lea ist ja oberhärzig 😍
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    • pamayer 18.03.2017 19:02
      Highlight Sowieso!
      6 1 Melden
    • Thomas Schlittler 19.03.2017 02:07
      Highlight Und was ist mit mir?! Langsam kriege ich tatsächlich Minderwertigkeitskomplexe! ;-)
      20 0 Melden
    • pamayer 19.03.2017 02:20
      Highlight Das sind alles Komplimente, dass du
      - einen guten Geschmack hast, was Frauen angeht
      - dass du ein guter Kerl sein musst, weil sie mit dir zusammen ist
      - überhaupt so ein obercooles Projekt durchziehst und sehr gut, unterhaltsam und persönlich darüber schreibst.

      So: fertig Minderwertigkeitskomplexe!
      17 0 Melden
    • lilie 19.03.2017 07:02
      Highlight @Thomas: Du bist auch ein Oberhärziger! Aber hier lesen wohl insgesamt mehr Männer als Frauen. 😊
      8 0 Melden
    • Luca Brasi 19.03.2017 09:34
      Highlight Sie ist übrigens nicht nur oberherzig, sondern auch hilfsbereit und auf zack, werte Gentlemen. ;)

      Man merkt, dass der Frühling begonnen hat, auch auf watson. ;P

      6 1 Melden
    • Siebenstein 20.03.2017 22:11
      Highlight @Thomas: Nacht gut, ich bin wohl alt genug Dich auch als oberhärzig zu benennen ohne in die falsche Ecke gedrängt zu werden... 😇😊
      5 0 Melden
    • Thomas Schlittler 02.04.2017 05:27
      Highlight Jetzt müsst ihr aufhören, sonst werde ich arrogant. ;-)
      3 0 Melden
    • Siebenstein 02.04.2017 20:33
      Highlight Ok, war 'n Ausrutscher...🤣🤡
      1 0 Melden
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  • Luca Brasi 18.03.2017 09:07
    Highlight Vielen Dank für die Geschichte und die Bilder. Tolle Natur und Menschen. Costa Rica scheint ein grossartiger Flecken Erde zu sein. ;)
    30 2 Melden
    • Thomas Schlittler 19.03.2017 02:10
      Highlight Die Natur Costa Ricas ist sicher sehr speziell. Aber es hat auch alles seinen Preis. Mit Abstand das teuerste Land seit den USA. Und sehr touristisch!
      7 0 Melden
    • Luca Brasi 19.03.2017 09:20
      Highlight Gibt einen Grund warum es "die Schweiz Zentralamerikas" genannt wird. ;)
      Pura vida! ;D
      4 2 Melden
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