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In der Schweiz Panik, in den USA Alltag

Der grosse Tag ist endlich da: Der 8. November 2016.

12.11.16, 12:37 12.11.16, 18:14
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler

Mich beschäftigen an diesem besonderen Dienstag aber nicht Donald und Hillary, sondern Lea: Denn ab heute bin ich kein Alleinreisender mehr. Ab heute wird immer meine Freundin neben mir am Strassenrand stehen – bis wir in ein paar Monaten wieder in der Schweiz sind.

Die Zeiten als Alleinreisender sind endgültig vorbei

Mit meiner Freundin Lea (m.) und ihrer Freundin Patrizia (r.) in San Francisco am Strassenrand.

In den ersten zwei Wochen mit Lea wird zudem ihre Freundin Patrizia mit uns durch die Gegend trampen. Ich bin etwas nervös, weil es zu dritt schwieriger ist als alleine. Zudem ist die Autobahneinfahrt am Stadtrand von San Francisco kein optimaler Ort zum Stöppeln. Ich befürchte deshalb, dass wir lange auf eine Mitfahrgelegenheit warten müssen – und die Autostopp-Euphorie schnell verfliegt.

Nach 40 Minuten kann ich aufatmen: José und Felicia machen in ihrem Auto Platz für uns und unsere drei grossen Rucksäcke. Das mexikanische Pärchen bringt uns direkt nach Los Gatos, ein 30'000-Einwohner-Städtchen im Silicon Valley, in dem Leas Tante Barbara und ihr kalifornischer Mann Mike leben.

José und Felicia fahren uns nach Los Gatos im Silicon Valley.

Auf dem Weg zu Barbara und Mike kommen wir an einer Tafel vorbei, auf der steht: «Vote here». Bemerkenswert an dieser Wahl-Aufforderung ist nicht nur, dass sie vor einer Kirche steht. Noch spezieller finde ich, dass auch auf Spanisch, Vietnamesisch, Tagalog (Sprache der Philippinen) und Chinesisch darauf hingewiesen wird, dass man hier das neue US-Staatsoberhaupt wählen kann.

Eine Kirche in Los Gatos als Wahllokal.

Da kann niemand sagen, er hätte nicht gewusst, wo er seine Stimme abgeben kann.

Während des Willkommensapéros bei Barbara und Mike läuft im Wohnzimmer der Fernseher. Auf CNN werden die Wahlergebnisse irgendeines kleinen Bezirks im Osten der USA analysiert. «Kein Mensch kennt diesen Ort. Und dieser Typ redet so schnell, dass ich ihn kaum verstehe», sagt Mike. Er nimmt die Fernbedienung und wechselt auf einen Sender, der einen Bach im Grünen zeigt: «Ah, das ist viel besser. Dieser Kanal ist komplett Wahl-frei.»

Und hier die Karte unserer Route:

Wenig später landen wir doch wieder auf CNN. «Es sieht so aus, als sei es enger als erwartet», sage ich zu Lea. «Ach, die machen es doch nur absichtlich spannend», erwidert sie. Nachdem ein paar weitere Resultate eintreffen, frage ich Mike: «Trump hat wirklich eine Chance, sehe ich das richtig?» «Ich bin nicht sicher», antwortet er leise.

Als Florida an Trump geht, wird uns klar, dass sich tatsächlich eine Überraschung anbahnt. Mike geht ins Bett. Patrizia spürt den Jetlag und kann sich ebenfalls nicht länger wachhalten. Lea, Barbara und ich harren vor dem Bildschirm aus, bis definitiv feststeht: Der neue US-Präsident heisst Donald Trump.

Wir sind geschockt, können es kaum glauben und diskutieren darüber, wie es soweit kommen konnte. Ich rede von den Protestwählern, von den Verlierern der Globalisierung, die sich vom Establishment, von «denen dort oben», vergessen fühlen – und ihnen eins auswischen wollen. Ich spreche über die Nähe von Hillary zur Wall Street, dass sie sich für eine interventionistische US-Aussenpolitik einsetzt, die ich sehr kritisch sehe – und dass Trump diesbezüglich vielleicht sogar eine Chance sei.

Per Autostopp um die Welt – Woche 76: von San Francisco (USA) nach Los Gatos (USA)

Das ist zu viel für Lea. Gereizt fragt sie mich: «Willst du etwa sagen, dass du es gut findest, dass Trump der neue Präsident ist?» Erst als ich verneine und sage, dass ich auch keine Freude habe an seiner Wahl, beruhigen sich die Gemüter und wir gehen ins Bett.

Am nächsten Morgen lese ich als erstes die Nachricht von einer Freundin aus der Schweiz: «Was um Himmels Willen passiert da gerade um euch herum? Das sind nicht die News, die wir beim Aufwachen hören wollten. Macht mir ein bisschen Angst!»

Ich liege zwei Stunden lang im Bett, kämpfe mich durch die unzähligen, ähnlich lautenden Facebook-Posts von den Leuten zu Hause sowie die Kommentare der grossen Medienportale. Danach bin ich erschöpft und fürchte mich davor, unter der Decke hervorzukriechen. Schliesslich befinde ich mich genau in diesem Amerika, über das ich gerade so viele apokalyptische Worte gelesen habe.

Am Frühstückstisch stelle ich erleichtert fest: Die USA sind nicht untergegangen. Lea und Patrizia waren mit Barbara bereits im Zumba Fitness. Dort trafen sie auf ganz viele fitte Frauen, die voller Energie in den Tag starteten. Die Wahl Trumps war nur am Rande ein Thema. Keine hysterischen Ausfälle, keine Tränen – obwohl Kalifornien eine Demokraten-Hochburg ist.

Auch Mike sieht gelassen aus. Als ich ihn auf den neuen Präsidenten anspreche, meint er: «Ich bin kein politischer Mensch, aber ich bin sicher: We will be fine.» Dann macht er sich auf den Weg, um mit seiner Mutter seine Tochter am College in Sacramento zu besuchen. Barbara zeigt uns noch das Zentrum von Los Gatos, dann muss auch sie weiter – zur Arbeit ins Spital.

Das Leben von Barbara (m.) und Mike geht ganz normal weiter – auch mit Trump als künftigem Präsidenten.

Es ist irgendwie surreal: Dort der Tsunami in den (sozialen) Medien, hier der ganz normale Alltag einer amerikanischen Familie. Keine Spur von Demonstrationen oder Weltuntergangsstimmung. Überraschend ist das nicht. Ob Flüchtlingskrise auf dem Balkan, Kurdenkonflikt in der Türkei oder Krieg in der Ostukraine: Ich war in diesen Regionen, als die ganze Welt über diese Brennpunkte berichtete. Im Land selbst habe ich jedoch von alldem so gut wie nichts mitbekommen.

In den USA ist es nicht anders: Die meisten Menschen leben ihr ganz normales Leben – egal, wer Präsident ist. Und auch ich werde den 8. November 2016 als denjenigen Tag in Erinnerung behalten, an dem ich mit meiner Freundin zur letzten Etappe meiner Autostopp-Reise aufbrach. Das lasse ich mir von einem Trump nicht nehmen.

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Brikne, 20.7.2017
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  • Kmurrer 14.11.2016 19:16
    Highlight https://www.facebook.com/ThePoliticalInsider/videos/1256629701039115/
    0 0 Melden
  • Gröipschi 13.11.2016 13:08
    Highlight Oh Nein, die Reise ist schon bald zu Ende und wir müssen auf deinen Blog verzichten?! Wie lange bist du noch unterwegs?
    16 0 Melden
    • Thomas Schlittler 14.11.2016 07:43
      Highlight Nein, nein, mit "letzte Etappe" meine ich die Reise von San Francisco zurück in die Schweiz. Meine Freundin und ich haben noch 7 bis 9 Autostopp-Monate in Mittel- und Südamerika vor uns. Siehe erster Abschnitt meines Artikels:

      "Ab heute wird immer meine Freundin neben mir am Strassenrand stehen – bis wir in ein paar Monaten wieder in der Schweiz sind."

      Sorry für die Verwirrung! ;-)
      14 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 13.11.2016 10:17
    Highlight Schön, dass die Liebe gehalten hat.
    31 2 Melden
    • Thomas Schlittler 14.11.2016 07:44
      Highlight Danke. Wir finden das auch sehr schön und freuen uns riesig auf die kommenden Monate - sowie die Zeit danach! :-)
      16 1 Melden
  • guents 13.11.2016 07:00
    Highlight "Die meisten Menschen [in den USA] leben ihr ganz normales Leben – egal, wer Präsident ist.": Das ist ein klassisches Beispiel von 'white privilege'. Ja: Weisse Leute in Los Gatos (einer stinkreiche Stadt im Silicon Valley) leben sicher ihr ganz normales Leben weiter. Abgesehen davon dass das 'ganz normale Leben' einer weissen Familie in Los Gatos ueberhaupt nichts Normales fuer ca 99 % der US Bevoelkerung ist: Frag mal jemanden einer Minderheit, jemand der schwarz ist oder einen spanisch lautenden Namen hat..
    25 31 Melden
    • Thomas Schlittler 14.11.2016 08:00
      Highlight Lieber Guents
      Deine Kritik an meinem Artikel ist absolut gerechtfertigt. Los Gatos ist wirklich eine bubble. Und ja, weisse, gut situierte Amerikaner haben wegen Trump sicherlich weniger Angst als Angehörige einer Minderheit. Wenn ich bei einer mexikanischen Familie zu Besuch gewesen wäre, die weder einen amerikanischen Pass noch eine Greencard besitzt, hätte es sicher anders ausgesehen - war ich aber nicht ... Ich schreibe immer über die (kleinen) Dinge, die ich auf meiner Autostopp-Reise direkt erlebe. Das ist das Konzept meines Blogs. Grosse Analysen, das big picture überlasse ich anderen.
      23 1 Melden
    • lilie 14.11.2016 08:23
      Highlight @Thomas: Das wollte ich tatsächlich noch fragen (die Witze mussten halt zuerst raus, siehe meinen Post weiter unten...): Du bist ja tatsächlich Mexikanern begegnet, haben sie sich zu Trump geäussert?
      8 0 Melden
  • Rendel 12.11.2016 17:31
    Highlight Bei uns herrscht auch ganz normaler Alltag. Vielleicht sind ihre Freunde keine Verdränungskünstler :) .
    5 5 Melden
    • Thomas Schlittler 14.11.2016 08:03
      Highlight Lieber Rendel
      Wenn ich deinen Kommentar richtig verstehe, kritisierst du ungefähr dasselbe wie guents. Ich erlaube mir deshalb, dich auf die Rückmeldung zu verweisen, die ich zu seinem Kommentar hinterlassen habe. ;-)
      3 1 Melden
  • Toerpe Zwerg 12.11.2016 13:43
    Highlight Oh nein, letzte Etappe? Bitte gleich die Nächste planen und weiter berichten!
    30 4 Melden
    • Thomas Schlittler 14.11.2016 07:45
      Highlight Nein, nein, mit "letzte Etappe" meine ich die Reise von San Francisco zurück in die Schweiz. Meine Freundin und ich haben noch 7 bis 9 Autostopp-Monate in Mittel- und Südamerika vor uns. Siehe erster Abschnitt meines Artikels:

      "Ab heute wird immer meine Freundin neben mir am Strassenrand stehen – bis wir in ein paar Monaten wieder in der Schweiz sind."

      Sorry für die Verwirrung! ;-)
      5 1 Melden
    • Toerpe Zwerg 14.11.2016 07:52
      Highlight Uff, super! Merci!
      5 1 Melden
  • lilie 12.11.2016 13:38
    Highlight Thomas, was machst du für Sachen!!! Ihr steigt zu Mexikanern ins Auto!!! Um Himmels willen, das sind doch alles Entführer und Vergewaltiger!!! 😱

    Nein, im Ernst, was für ein wohltuender Bericht! Es ist eine Erleichterung zu hören, dass für die meisten Amerikaner das Leben einfach weitergeht. Trotz allen Bedenken ist Trump eben "nur ein Präsident", wie Snowden es ausdrückte.

    Aber ich kenne das Phänomen auch: Aus den Medien kann der Eindruck entstehen, dass ein Land im Chaos versinkt, aber wenn man dort ist, sieht man, dass in den meisten Ecken ganz normaler Alltag herrscht.
    58 8 Melden
    • Thomas Schlittler 14.11.2016 08:10
      Highlight Ja, es ist uns bewusst, dass es ziemlich fahrlässig war, bei Mexikanern einzusteigen - zumal der Fahrer auch noch José hiess! Aber wir waren bis unter die Zähne bewaffnet und haben den beiden gedroht, dass wir den Trump auf sie hetzen werden, falls sie versuchen, uns etwas anzutun.

      Hmmm, weiss jetzt nicht, ob das noch lustig ist. Vielleicht sollte man mit den Worten "drohen", "Trump" und "hetzen" lieber keine Witze reissen im Moment ... :-/
      13 0 Melden
  • Swarup 12.11.2016 13:13
    Highlight Deine Berichte sind immer eine bereicherung , danke für dies :)

    Wohin treibst euch noch? Mexiko endstop? Noch weiter?

    45 1 Melden
    • Thomas Schlittler 14.11.2016 08:14
      Highlight Vielen Dank! Nein, nein, unsere Enddestination heisst Winterthur. Dort hat die Reise vor 17 Monaten angefangen. Und der Blog heisst ja "Per Autostopp um die WELT" und nicht "Per Autostopp von Winterthur nach Mexiko" ... :-D Wir haben noch 7 bis 9 Monate vor uns in Mittel- und Südamerika - und dann geht es mit dem Schiff zurück nach Europa.
      8 0 Melden
  • Calvin Watsn 12.11.2016 13:10
    Highlight Einmal mehr kommst Du lieber Thomas sympathisch rüber :) Dir, deiner Freundin und natürlich auch Patrizia eine gute und schöne Zeit.
    50 3 Melden
    • Thomas Schlittler 14.11.2016 08:16
      Highlight Vielen herzlichen Dank für das Kompliment! Ich hoffe, auch die Mädels kommen sympathisch rüber. Die sind nämlich noch viel sympathischer als ich! ;-)
      10 0 Melden
    • Calvin Watsn 14.11.2016 08:20
      Highlight aber selbstverständlich tun sie das :D
      6 0 Melden
  • Luca Brasi 12.11.2016 13:09
    Highlight Ein schöner Bericht!
    Ich finde es beängstigender wie die Medien berichten. Da wird von Weltuntergang und 3. Weltkrieg fabuliert oder von Zeitenwende und meiner Meinung nach unpaßende Vergleiche zu 9/11 gezogen. Ich finde das teils extrem sensationsgierig und wenig objektiv, v.a. wenn kleine Kinder am nächsten Tag verunsichert in die Schule gehen. Trump ist nicht der 1. Republikaner, der Präsident wird. Auch Nixon wurde einmal gewählt und unsere Welt existiert noch immer. Vor 8 Jahren jubelten die Progressiven über "Change", die Konservativen befürchteten den Weltuntergang. Und heute?
    56 8 Melden
    • guents 13.11.2016 07:01
      Highlight Nicht der 1. Republikaner, der Praesident wird aber definitiv der erste Faschist.
      3 19 Melden
    • Luca Brasi 13.11.2016 08:31
      Highlight Faschismus ist ein starkes Wort. Es hat Millionen Menschen in Italien, Deutschland und überall auf der Welt das Leben gekostet. Diesen Vorwurf kann man Trump machen, wobei er momentan gerade ziemlich zurückrudert mit seinen Wahlversprechen. Der erste US-Präsident, der ein Faschist ist? Was ist denn mit den US-Präsidenten die in Lateinamerika Allende stürzten, Contras unterstützten oder im Iran das faschistische Schah-Regime oder in Südkorea autoritäre Herrscher wider den Kommunismus unterstützten oder Logen in Italien finanzierten, aus denen ein Berlusconi hervorging?
      17 4 Melden
    • Thomas Schlittler 14.11.2016 08:23
      Highlight Lieber Luca Brasi

      Hier ein Auszug meines FB-Posts, den ich unabhängig von ihrem Kommentar verfasst habe:

      " (...) Wenn man sich durch die (sozialen) Medien kämpft, könnte man meinen, der 3. Weltkrieg sei nur noch eine Frage der Zeit. Ich versuche in meiner neuesten Kolumne, einen kleinen Kontrapunkt zu diesen Weltuntergangsszenarien zu setzen. (...) Vor 8 Jahren, als Obama gewählt wurde, wähnten sich einige schon im Paradies auf Erden. Herausgekommen ist es deutlich weniger himmlisch. Ich gehe deshalb davon aus, dass Trump die USA - und die Welt - auch nicht zur Hölle machen wird. (...) "
      6 0 Melden
    • Luca Brasi 14.11.2016 09:51
      Highlight Kann ich mehr oder weniger so unterschreiben, wobei ich normalerweise nach ein paar Monaten republikanischer Herrschaft eine gewisse Nostalgie für die vorangegangene demokratische Administration verspüre. (Siehe Bush-Administration)
      4 0 Melden

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