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«Duk’ unek’ yerekhaner?», «Hast du Kinder?» – Dank Smartphone kann ich mich sogar in Armenien unterhalten.
bild: Thomas Schlittler

Ein Hoch auf das Smartphone! 7 Gründe, wieso Reisen im Jahr 2015 besser ist als zu Hippie-Zeiten

Zuerst wollte ich mein Handy während meiner Reise zu Hause lassen. Meine Familie und Freundin protestierten heftig. Sie hatten sowas von recht!

26.09.15, 08:28 27.09.15, 11:31
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler

Ursprünglich hatte ich im Sinn, meine grosse Reise ohne Smartphone oder Laptop in Angriff zu nehmen. (Ich fand den Gedanken faszinierend, völlig auf mich alleine gestellt irgendwo in der grossen weiten Welt zu sein – wie die Hippies, die in den 60er- und 70er-Jahren von Europa über Land nach Asien reisten.) Als ich die Idee viele Monate vor meiner Reise aber einmal laut aussprach, war der Protest meiner Freundin und meiner Familie so vehement, dass ich sie schnell wieder verwarf. Nach 17 Wochen «on the road» weiss ich: Es war die richtige Entscheidung!

«Herr Taxifahrer, warum fahren Sie im Kreis?»

bild: giphy

Ich erreiche per Autostopp eine Grossstadt, mein Fahrer lässt mich in irgendeinem Aussenquartier raus. Ich will mit dem Taxi ins Stadtzentrum.

Früher: Der Taxifahrer macht eine Stadtrundfahrt, um die ich ihn nicht gebeten habe. Kurz vor dem Ziel fährt er noch dreimal im Kreis und verlangt dann einen Preis, für den sich selbst Schweizer Taxifahrer schämen würden.

Heute: Dank der Strassenkarte, die ich auf meinem Smartphone gespeichert habe, kann ich unsere Route mitverfolgen. Machen wir ein paar überflüssige Kurven, frage ich das Schlitzohr am Steuer: «Herr Taxifahrer, warum fahren Sie im Kreis?»

«Der Wasserdruck in der Dusche war grossartig!»

bild: giphy

Eine Weltreise lässt sich im Voraus nicht detailliert planen – insbesondere, wenn man per Autostopp unterwegs ist. Ich entscheide deshalb vorzu, welche Orte ich besuche und in welchen Hostels ich übernachte.

Früher: Ein Reiseführer und die Menschen vor Ort sind die einzigen Informationsquellen, und diese sind nicht sehr aussagekräftig. Reiseführer haben die Tendenz, 0815-Kirchen als architektonische Weltwunder anzupreisen, Einheimische empfehlen oft einfach das Hostel, bei dem sie mitverdienen.

Heute: Eine Bildersuche auf Google zeigt mir innert Sekunden, ob es sich lohnt, für eine Kirche einen Umweg von hunderten Kilometern zu machen. Und dank den unzähligen Bewertungen auf Tripadvisor & Co. weiss ich genau, was ich von einem Hostel erwarten kann. Ein Gast schrieb nach seinem Aufenthalt in einem türkischen Hostel gar begeistert: «Der Wasserdruck in der Dusche war grossartig!»

«Das ist mein Neffe!»

bild: giphy

Wenige Wochen vor Beginn meiner Reise ist meine älteste Schwester zum ersten Mal Mami geworden. Es ist der erste Nachwuchs in unserer Familie, ein grosser Moment!

Früher: Ich komme nach ein, zwei Jahren von meiner Reise zurück. An meiner Willkommensparty stolpern mehrere Babys herum, weil auch ein paar meiner Freunde bereits Nachwuchs haben. Ich frage beschämt: «Und welcher dieser Knirpse ist nun mein Neffe?»

Heute: Dank dem Whatsapp-Family-Chat weiss ich, dass der kleine Elias seit meiner Abreise drei Kilo schwerer und 13 Zentimeter grösser geworden ist. Auch von den ersten Geh- und Sprechversuchen werde ich bestimmt ein Video erhalten. Bei meiner Rückkehr gibt es deshalb keinen Zweifel: «Das ist mein Neffe!»

«Duk’ unek’ yerekhaner?»

bild: giphy

In Osteuropa konnte ich mich ungefähr mit jedem dritten Fahrer auf Englisch oder Deutsch unterhalten. In der Türkei, Georgien und Armenien ist die Quote drastisch gesunken.

Früher: Da ich die Landessprache nicht kann, bleibt mir nichts anderes übrig, als freundlich zu lächeln. Von meinem Fahrer erfahre ich höchstens den Namen.

Heute: Dank dem Smartphone habe ich für jedes Land das passende Wörterbuch und ich kann meinen armenischen Fahrer zumindest einfache Dinge fragen wie: «Duk’ unek’ yerekhaner?» (Hast du Kinder?). Steht eine Internetverbindung zur Verfügung, ist es aufgrund der beeindruckenden Fortschritte von Google Translate gar möglich, über tiefgründigere Themen zu sprechen.

«Melde dich, wenn du in Kanada bist!»

bild: giphy

In einem Hostel in Istanbul treffe ich Steve, einen Kanadier. Wir trinken ein paar Bierchen zusammen und haben tolle Gespräche über Gott und die Welt. Für ihn geht es von Istanbul aber zurück in die Heimat, ich ziehe weiter.

Früher: Ohne Internet sind teure Telefonate oder Briefe die einzige Kontaktmöglichkeit. Da ich in den nächsten Monaten aber keine fixe Adresse habe, kann er mir nicht schreiben. Wir hören wahrscheinlich erst nach meiner Reise wieder voneinander.

Heute: Wir werden Facebook-Freunde und tauschen E-Mail-Adressen aus. Wir können einander jederzeit schreiben, ohne wochenlang auf eine Antwort warten zu müssen – und das kostenlos. Zum Abschied sagt mir Steve: «Melde dich, wenn du in Kanada bist!»

«Ah stimmt, in Serbien hatte ich ja auch eine tolle Zeit!»

bild: giphy

In Serbien besuche ich ein Konzert und bin begeistert von einer einheimischen Band – selbst wenn ich kein Wort verstehe.

Früher: Ich habe keine Möglichkeit, die Musik mit auf meine Reise zu nehmen. Der tolle Abend gerät schnell in Vergessenheit.

Heute: Ich lade mir unmittelbar nach dem Konzert ein paar Lieder der Tropico Band auf mein Smartphone. Wenn ich dann in einem anderen Land bin und aus meinen Ohrstöpseln plötzlich eines dieser Lieder ertönt, erinnere ich mich: «Ah stimmt, in Serbien hatte ich ja auch eine tolle Zeit!»

«Ich war dabei!»

bild: giphy

Es gibt Dinge, auf die ich auch auf Reisen nur ungern verzichte. Als grosser Federer-Fan will ich zum Beispiel live mitfiebern, wenn King Roger im Januar an den Australian-Open seinen 18. Grand-Slam-Titel gewinnt.

Früher: Weil ich blöderweise gerade in einem Land bin wie Armenien, in dem Tennis nicht die Bohne interessiert, finde ich keine Kneipe, in welcher der Australian-Open-Final gezeigt wird. Ich verpasse Rogers grossen Triumph und muss mir von meinen Freunden ein Leben lang anhören, gar kein richtiger Federer-Fan zu sein.

Heute: Dank dem Internet habe ich (fast) überall auf der Welt Zugang zu einem Tennis-Livestream. Wenn Federer seine 18. Grand-Slam-Trophäe in die Höhe stemmt, kann ich deshalb sagen: «Ich war dabei!»

Durch Georgien nach Armenien – Bilder von meiner Woche: 

Fazit: 

Das Internet und insbesondere das Smartphone erhöht die Qualität des Reisens. Langweilig wird es deshalb nicht – vorausgesetzt, man findet das richtige Mass und ist nicht pausenlos online. Wer aber ständig im Hostel sitzt, um mit den Leuten daheim zu chatten, oder in jedem Café zuerst nach dem Wifi-Passwort fragt, damit er auf Schweizer Nachrichtenportalen herumstöbern kann, der bleibt jedoch besser gleich ganz zu Hause.

Und hier meine georgischen und armenischen Fahrer: 

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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  • Don Huber 27.09.2015 06:44
    Highlight Ich lass das Smartphone, sowie alle technischen Gadgets immer zu Hause wenn ich in die Ferien gehe. Einfach mal erholen von den Mails von Facebook von Google von Schlagzeilen von all den Ping tönen und Kling und klang. Ach ist das schön.
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  • Namenloses Elend 27.09.2015 00:52
    Highlight Klar, das smartphone ist ein prima helfer auf reisen. ich bin jedoch froh, dass meine grosse reise vor der smartphone zeit geschehen ist. sie wäre nicht dieselbe gewesen.
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  • Toessemer 26.09.2015 11:28
    Highlight Die meisten Punkte nehmen einem ja die Reisefreude weg. Hoch und Tief beim Reisen machen es ja besonders aus! Mit diesen Argumenten kann man ja auch gleich Zuhause bleiben und die Reise mit Google Maps bewältigen. PS: Ist bei Punkt 4 Gülsha im gif? 😂
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  • Petrarca 26.09.2015 09:43
    Highlight Fazit: All das, was früher das Reisen ausmachte, ja weshalb man überhaupt die Welt erkunden wollte, gibt es heute dank Smartphone nicht mehr. Wenn du dich nicht mit Händen und Füssen in einer fremden Sprache unterhalten willst, keine abenteuerliche Taxifahrten wünschst, stets im sauberen Hostel Tennis schauen möchtest, warum zum Teufel gehst Du dann überhaupt auf Reisen? Heute endet die Komfortzone offenbar da, wo der Handyempfang endet...
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    • goalfisch 26.09.2015 10:56
      Highlight wie recht du hast ... ich war ein jahr auf reisen OHNE smartphone! und es war sehr gut. so ziemlich alles was schlittler als negativ empfindet, finde ich positiv.
      mit smartphone geht viel an abenteuer verloren.
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    • Thomas Schlittler 27.09.2015 18:53
      Highlight Lieber Petrarca, lieber goalfisch, lieber visu
      Ich habe bewusst etwas provoziert mit meinem Artikel und ich wäre ehrlich gesagt enttäuscht gewesen, wenn mir dafür niemand auf den Deckel gegeben hätte ... ;-) Aber ich bleibe dabei: massvoll (!!!) eingesetzt ist das Smartphone auf Reisen eine gute Sache. Verstehe ich euch richtig, für euch ist das Beste am Reisen, von Taxifahrern übers Ohr gehauen zu werden, Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, die keine sind, und möglichst keinen Kontakt zu haben mit den Liebsten zu Hause?
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    • Thomas Schlittler 27.09.2015 18:56
      Highlight Für mich ist das Beste am Reisen, spannende Menschen kennenzulernen. Wenn mir das Smartphone dabei hilft, mit den Einheimischen besser kommunizieren zu können und so mehr über die jeweilige Kultur zu erfahren, dann nutze ich das gerne. Und auch, dass man dank dem Internet einfacher mit den getroffenen Leuten in Kontakt bleiben kann, empfinde ich als positiv. Ich bin gegenüber dem übertriebenen Smartphone-Konsum vieler Leute durchaus kritisch eingestellt. Die neue Technologie deshalb aber grundsätzlich zu verteufeln und das Ende des "echten" Reisens heraufzubeschwören, halte ich für falsch.
      9 0 Melden
    • Thomas Schlittler 27.09.2015 18:57
      Highlight Und @Petrarca: Ich bin in den letzten vier Monaten bei über 200 wildfremden Menschen ins Auto gestiegen (ganz ohne Wifi ... ). Du kannst mir also glauben, dass ich nichts gegen abenteuerliche Fahrten habe. Allerdings kann ich gut darauf verzichten, von Taxifahrern abgezockt zu werden.

      So, ich verlasse die Komfortzone nun wieder und gehe Yerevan entdecken. Eine Stadt mit ganz vielen interessanten Menschen ... Hebet eu sorg und nünt für unguet! Liebe Grüsse Thomas
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    • Petrarca 28.09.2015 10:23
      Highlight Thomas: Mein Kommentar zielte nicht persönlich auf Dich ab. Aber von der Sorte "ohne Handy komm ich auf Reisen nicht klar" trifft man auf Reisen so einige an. Ich verpasse keine "richtigen Sehenswürdigkeiten", weil ich Einheimische danach fragen kann (statt irgendwelche Super-Authentic-Adventurer im Internet nach ihren "5 absolutely, OMG, most awesome must sees in XY" zu befragen). Ich verpasse auch keinen Kontakt mit den Liebsten, weil es Internet Cafes, öffentliche Bibliotheken etc gibt. Und ich werde vom Taxifahrer nicht übers Ohr gehauen, weil ich das ohne Handy gar nicht mitbekomme;)
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    • Thomas Schlittler 06.10.2015 08:45
      Highlight @Petrarca: Musste bei deinem letzten Argument schmunzeln. Genau das Gleiche habe ich in der Türkei einem anderen Backpacker gesagt, der sich darüber beklagte, dass man als Ausländer in den Restaurants abgezockt werde. Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss ... ;-)
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