Blogs

«Herr, es ist Zeit ...» – eine Liebeserklärung an den Herbst

Bild: shutterstock

15.09.17, 13:33 15.09.17, 14:23

Lieber Vater Herbst,  

du alter, gebeugter Mann im staubigen Mantel. Nun stapfst du wieder durch die Gassen, langsam und stetig. Niemand sieht dich kommen – alle sassen sie draussen, hielten die Nächte noch immer für lau, in ihren Getränken trieben noch Eis und Minze, aber da und dort sagten sie bereits: «Jetz isch aber schnäll chüehl worde» oder «Es wird scho wieder früehner dunkel ...»  

In diesen Momenten erhebst du dich zuhause von deinem Küchentisch mit der tief hängenden Lampe, steigst in die schweren, ledernen Stiefel und nimmst den Hut von der Garderobe, steigst langsam die knarrenden Stufen hinab und schliesst die Haustür hinter dir zweimal zu. Du wirst sie lange nicht öffnen.  

In deiner bedächtigen Art kommst du jedes Jahr zurück in unser Leben. Dein Mittelname ist Abschied. Von der Euphorie, von der Wärme; aber auch vom Lärm und von der beklemmenden Angst, etwas zu verpassen. Deine Begleiter sind der Nebel und der Regen und der Sturm, sie treiben uns nach drinnen, an den «Schärme», auf unsere Sofas, unter unsere Decken, in die Arme unserer Liebsten, jedoch auch in die Auseinandersetzung mit uns und der Tatsache, dass jedes Jahr die Welt vor unseren Augen stirbt und wir mit ihr – weniger langsam, vielleicht, doch genauso gewiss. Und ohne Frühling.  

Und so tun uns öfter die Herzen weh, wenn wir deine Schritte hören, lieber Vater Herbst. «Der Sommer war sehr gross». Nun sind da nicht mehr so viele Feste zu feiern und nicht mehr so viele Tänze zu tanzen und es riecht nicht mehr nach Kindheit, wenn Regen auf den Asphalt fällt. Dagegen wehren wir uns manchmal.  

Du findest das nicht gut und nicht schlecht, du bist einfach da.  

Deine Luft kitzelt uns mit ihrer feuchten Kälte in der Nase – manchmal riecht sie leicht nach reifen Äpfeln und Zimt – und wir kaufen uns Schals und Handschuhe und Schirme, die wir dann in Zügen und Restaurants und bei geliebten Menschen liegen lassen. Wir reiben uns die roten Hände, beginnen, unsere Finger wieder als «Chlüppli» zu bezeichnen, ziehen die Jacken bis ganz oben zu.  

Und du bist einfach weiter da.

In deinem abgewetzten, schweren Mantel und dem alten braunen Hut aus Filz setzt du dich ab und an auf eine Bank, weil dir die Knochen schmerzen, und lässt dir für einen Moment die Sonne auf deinen Nasenspitz scheinen, die zwar goldig ist, aber nicht mehr zu wärmen vermag. Dann erhebst du dich und ziehst weiter deine Runden durch die Gassen und durch unser Leben. Ganz langsam, ganz ruhig, hinter dir eine feine Spur aus Laub, als wäre sie Zufall.  

Und dann, irgendwann, wenn dir wie aus dem Nichts und ganz unerwartet die gute Dame Winter in ihrem schimmernden Kleid aus Eis begegnet und dich überschwänglich begrüsst, tippst du gegen deinen Hut, verneigst dich tief und gehst wortlos nach Hause.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
Pony M. auf Facebook
Yonni Meyer online

Das könnte dich auch interessieren:

«Sieg Heul!» – die heftigsten Reaktionen zu den Bundestagswahlen

Frauke Petry zum Rücktritt aufgefordert ++ Merkel übernimmt Verantwortung

Aufstand der «Hurensöhne» – jetzt gehen sie gegen Trump auf die Knie

Die Reformgegner werden ihren «Sieg» noch bereuen: Es droht die totale Blockade

Jajaja jetzt wird wieder Dani Huber gequizzt

Kein Schamgefühl – dieses Trump-Getue von CC macht alles nur noch schlimmer

Cassis muss in der Europapolitik liefern – und den Beschuss von rechts aushalten

Extrem hässliche Menschen erzählen uns, wie es ist, extrem hässlich zu sein

Ständemehr als Stolperstein: Bei der AHV-Reform wird um jeden Swing State gekämpft

Alle Artikel anzeigen
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
23Alle Kommentare anzeigen
23
Um mit zudiskutieren oder Bilder und Youtube-Videos zu posten, musst du eingeloggt sein.
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600
  • The Origin Gra 16.09.2017 00:22
    Highlight Richtig Poetische Pro Herbstargumente 😲Merci
    Ich liebe Kalte, Sonnendurchflutete aber leicht Neblige Herbstwälder, die Kälte die einem die Wärme näher bringt, den Herbstregen, die Dunkelheit... 😊

    Einziges Contra-Argument: Scheiss Rheuma meldet sich Lachend (Like der Körperkonversation von Yonni) zurück, Erbarmungslos, Unnachtibig und Unbezwingbar 😤😡🤒😭
    10 0 Melden
    600
  • jjjj 15.09.2017 21:54
    Highlight Was ist denn das für ein gejammer?
    Alter Vater Herbst?
    4 21 Melden
    600
  • beaetel 15.09.2017 20:50
    Highlight Ich liebte den Herbst. Dann wurde der Laubbläser erfunden und jetzt werden sogar Waldwege vom bösen, bösen Laub befreit.
    17 1 Melden
    600
  • Spooky 15.09.2017 20:06
    Highlight Was für ein wunderbarer Text! Hat mich gerade kalt erwischt. Wieso weiss Yonni Meyer, halb so alt wie ich, was ich heute erlebt habe?
    14 3 Melden
    600
  • dommen 15.09.2017 17:30
    Highlight ❤️
    Versteh eh nicht, was alle am Sommer finden. Es stinkt in den Strassen, die Kleidung klebt am Leib und die Nächte sind sowieso kaum auszuhalten. Am schlimmsten ist allerdings dieses gehype, dieses ge-"wohoo"-e, all diese überrissenen Erwartungen an den Sommer und das Dauergrinsen in den Gesichtern bis tief in die Nacht. Dazu diese gefühlte Nötigung, ständig irgendwo draussen und aktiv sein zu müssen. Brrr. Ein, zwei Wochen ist das ja ganz nett, aber dann habe ich meistens schon genug (was nicht heissen soll, dass ich Sommerfans ihre Jahreszeit madig machen will. Ich rede hier nur für mich).
    30 9 Melden
    600
  • saaam 15.09.2017 17:17
    Highlight Nicht textrelevant, aber: das neue(re) Foto von Dir ist wunderhübsch, liebe Pony!
    9 2 Melden
    600
  • Lady Shorley 15.09.2017 16:03
    Highlight Wie wunderbar geschrieben, vielen herzlichen Dank für diesen schönen Text!
    Der Herbst ist meine absolute Lieblingsjahreszeit, und er verdient definitv mehr Anerkennung und Liebe! Und bei einer solch wunderbaren Ode hüpft mein Herz!
    Ich freu mich dass es noch mehr Menschen gibt, die im Herbst mehr sehen als nur eine nebelverhangene, feuchte Übergangszeit!
    45 3 Melden
    • dommen 15.09.2017 17:30
      Highlight Und es gibt geiles Essen
      30 0 Melden
    600
  • barbablabla 15.09.2017 15:27
    Highlight Wunderschön geschrieben. Danke👐
    24 3 Melden
    600
  • Pippilottaviktualia 15.09.2017 15:10
    Highlight Mol, bravo, jetzt bin ich traurig.
    Ich will doch an einem Freitag Nachmittag gar nicht traurig sein!
    11 3 Melden
    • The Origin Gra 16.09.2017 00:25
      Highlight Wärme Dich am Chemineé oder ähnlichem, gemeinsam mit Menschen die Dir wichtig sind 🙂
      6 0 Melden
    600
  • Lexii90 15.09.2017 14:57
    Highlight Gueti beschriebig vom Vatter Herbscht :) Ich find ja die Jahresziit gar nid sooo schlecht, guet eigendlich het jedi Jahresziit ihri voor und nachteil.
    11 6 Melden
    600
  • dahocksdi 15.09.2017 14:53
    Highlight Hi Yonni,
    vielen Dank für Deine poetische Liebeserklärung. Immer wieder erfreulich, zu erleben, dass es Menschen gibt, die sehen, riechen und fühlen können und dankbar dafür sind.
    39 3 Melden
    • The Origin Gra 16.09.2017 00:27
      Highlight Als jemand der maximal bei Ammoniak (vom Hühnermist) ein brennen in der Nase spührt... Was ist Geruch? Was und wie muss ich mir das vorstellen? Wie richt Zimt? Wie eine Rose? 🙂
      2 1 Melden
    600
  • piedone lo sbirro 15.09.2017 14:49
    Highlight Der Herbst ist ein zweiter Frühling, wo jedes Blatt zur Blüte wird.

    15 4 Melden
    • Rendel 15.09.2017 21:19
      Highlight Das ist aber nicht von ihnen ^^ , sondern von Albert Camus.
      7 0 Melden
    600
  • sapperlot 15.09.2017 14:37
    Highlight Dieser Text hat mir wunderbar gefallen! Vielleicht auch, weil der Herbst mich ein bitzli an einen liebevollen Grossvater erinnert - alles wieder etwas langsamer, gemütlicher und gemächlicher.
    17 3 Melden
    600
  • LittleBallOfHate63 15.09.2017 14:04
    Highlight Grossartig :)
    17 2 Melden
    600
  • DOUGIE JONES 15.09.2017 14:03
    Highlight Ich muss kacken.
    8 32 Melden
    • Yonni Meyer 15.09.2017 14:08
      Highlight Und so definieren wir Abschied alle unterschiedlich.
      58 1 Melden
    600
  • teha drey 15.09.2017 13:57
    Highlight Um Himmelswillen, Yonni, was hast Du denn geraucht?
    8 23 Melden
    • Yonni Meyer 15.09.2017 14:05
      Highlight Tragischerweise nichts. Ich kann auch ganz ohne Drogen freihändig Emo! Liegt wohl am Herbst. Vill Liebi.
      46 4 Melden
    • Calvin WatsoFF 16.09.2017 06:01
      Highlight "...freihändig Emo!"😂 😂👍🏻 sie haben mir gerade nicht nur ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert liebe Frau Meyer. Allen einen goldenenHerbst 🍁🍂 und nicht traurig sein. Blumen die im Winter sterben, bringt der Frühling wieder zurück.😂
      13 0 Melden
    600

«Was wollt Ihr Weiber eigentlich ...?!»

Eine Introspektion.

Der Titel dieses Textes ist ein Zitat aus einer Message, die ich vor ein paar Monaten erhielt. Die Wortwahl ist eventuell etwas schroff, aber Nachrichten dieser Art erhalte ich regelmässig – manche sind, wie obige, etwas entnervt, andere resigniert, wieder andere neutral-neugierig.  

Und ich verstehe sie, alle. Man sagt ja oft den Männern nach, sie seien simpel (oder zumindest simpler als wir Frauen), aber ganz ehrlich find' ich das einerseits ein bisschen zu einfach und selbst wenn das …

Artikel lesen