China

Ein Mann betet für Glück am Neujahrstag.  Bild: CHINA STRINGER NETWORK/REUTERS

Neujahr in China 

Neun von zehn im Jahr des Schafes geborene Menschen sollen unglücklich werden – so sagt es die chinesische Redensart

In China beginnt heute das neue Jahr. Doch die Freude ist getrübt: Chinas Wahrsager erwarten im Jahr des Schafes Kriege und Naturkatastrophen. Tausende angehende Eltern drängen Ärzte zum Kaiserschnitt, um ihren Kindern das Tierkreiszeichen zu ersparen.

19.02.15, 11:19

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Millionen Asiaten läuten an diesem Donnerstag das Jahr des Schafes ein – oder das der Ziege. Das chinesische Wort «Yang» kann beides bedeuten. Der chinesische Jahreswechsel, der sich nach dem Mondkalender richtet, ist Chinas traditionell wichtigstes Ereignis des Jahres. Doch die Freude ist diesmal getrübt.

In der Mythologie der Tierkreiszeichen werden dem Schaf oder der Ziege positive und negative Eigenschaften zugeschrieben. Ziegen stehen für reiche Ernten und Wohlstand,

Schafe gelten als zahm und zutraulich, aber kreativ- und antriebslos.

Und eine bekannte chinesische Redensart besagt, dass neun von zehn im Jahr des Schafes geborene Menschen unglücklich werden.

Viele Chinesen füchten das neue Jahr, das im Zeichen des Schafes steht.  Bild: Getty Images AsiaPac

Viele Chinesen wollen da offenbar kein Risiko eingehen: Krankenhäuser im ganzen Land melden, dass angehende Eltern Ärzte zum Einleiten der Geburt drängen und im äussersten Fall einen Kaiserschnitt fordern, damit ihr Kind noch im Jahr des Pferdes auf die Welt kommt.

In den vergangenen Wochen sei die Zahl der Geburten in den Provinzen Liaoning, Shangdong und Gansu deutlich gestiegen, meldet die Zeitung «Global Times». Auch in Hongkong und im stark von Chinesen geprägten Singapur habe es einen «Baby-Boom» gegeben, schreibt die Hongkonger Zeitung «South China Morning Post». In einigen Praxen habe es pro Tag bis zu vier Kaiserschnitte gegeben – üblicherweise seien es nur zwei pro Woche.

Der Aberglaube, dass neun von zehn Menschen mit dem Tierkreiszeichen Schaf unglücklich werden, soll auf die Gegenspieler der Kaiserwitwe Cixi zurückgehen, die Ende des 19. Jahrhunderts lebte. Sie galt als machtlüstern, intrigant und politisch unfähig – und war im Jahr des Schafes geboren.

Wissenschaftler versuchen seit Jahren, den Aberglauben zu brechen.

Sogar Kaiserschnitte wurden eiligst vorgenommen, um Kinder noch im alten Jahr zur Welt zu bringen: Denn das neue würde für neun von zehn Menschen Unglück bringen. Bild: Getty Images AsiaPac

Das einflussreiche Parteiorgan «Volkszeitung» zitiert prominent den Soziologieprofessor Gu Jun von der Universität Shanghai: «Das ist vollkommener Quatsch.» Es gebe keinen automatischen Zusammenhang mit einem bestimmten Geburtsjahr und dem späteren Leben.

Zudem beziehe sich Yang gar nicht auf eine bestimmte Tierart, sagt der Wissenschaftler Zhao Shu vom Pekinger Forschungsinstitut für Kultur und Geschichte. Kommt zu dem Schriftzeichen «Yang» das Zeichen für «Berg» hinzu, handelt es sich um eine Ziege, zusammen mit dem Zeichen für «weich» ist ein Schaf gemeint. Steht «gelb» dabei, kommt noch ein drittes Tier ins Spiel: die mongolische Gazelle.

«Schaf, Ziege, Gazelle – das ist alles in Ordnung. Das ist doch gerade das Tolle an chinesischen Schriftzeichen», meint Zhao. Wichtiger seien die mit dem Schriftzeichen verbundenen Assoziationen: «Yang» ist Bestandteil des Zeichens «Xiang», das Glück heisst.

Doch davon wollen chinesische Wahrsager nichts wissen. In den vergangenen beiden Schafsjahren 1991 und 2003 hatten zuerst in Kuwait und später im Irak Kriege im Nahen Osten angefangen. «Mit der Gefahr durch den 'Islamischen Staat' im Irak und Syrien wäre es nicht überraschend, wenn 2015 ein weiterer Golfkrieg ausbrechen würde», schreibt der bekannte Feng-Shui-Meister Raymond Lo aus Hongkong.

Und Feng-Shui-Meister Lawrence Chan warnt vor Hochwasser und Erdbeben in Westeuropa und Seuchen in Südostasien und sagt: «In diesem Jahr gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit für ein massives Aufbegehren gegen Regierungen, wie grossflächige Streiks und Unruhen.»

Trotz der düsteren Prognosen wird der Jahreswechsel in China ausgiebig gefeiert – und zwar eine ganze Woche lang. Hunderte Millionen Chinesen fahren quer durchs Land zu ihren Familien.

Die Reisewelle gilt als grösste alljährliche Völkerwanderung der Welt.

Die Bahn setzt in dieser Zeit Sonderzüge ein, und Fluggesellschaften bieten zusätzliche Flüge an, um den Ansturm zu bewältigen. Vor allem für die etwa 245 Millionen Wanderarbeiter in den Metropolen ist das Neujahrsfest oft die einzige Möglichkeit, nach Hause zu fahren und ihre Kinder und Eltern zu besuchen.

Und immerhin haben die Chinesen ja die Wahl, ob sie «Yang» als Schaf oder Ziege interpretieren: «Im Jahr des Yang möchte ich eine willensstarke und energiegeladene Ziege sein», schreibt eine Chinesin auf dem Kurznachrichtendienst Sina Weibo. «Kein schwaches Schaf.»

(vet/AFP/dpa)

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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