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Zu sich stehen. Mit allem, was dazugehört. Kafi hat's auch erst lernen müssen.  Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

Liebe Kafi Freitag. Was mache ich falsch? Ich schreibe für ein Internet-Start-up satirische Nachrichten.  

Wenn mir meine Mutter jeweils die Wäsche vorbeibringt, schwärmt sie davon, wie lustig meine Artikel sind. Trotzdem wird der ganze Dreck von LikeMag oder Heftig.co viel häufiger angeklickt. Gegen herzige Tiervideos von Ponys habe ich einfach keine Chance. Soll ich auch über jeden Link schreiben «OMG, du glaubst nicht, was als nächstes passiert!!!?» Ist der Klick im digitalen Medienzeitalter wirklich die einzige Währung? Wie gehen Sie mit dem Druck um? Herzlichst, Ihr Buzz Orgler PS: Falls das mit dem Schreiben nichts wird, würden Sie ein Shirt kaufen, auf dem steht «Nichts reimt sich auf Klick!»? Der Enthüller, 27

07.11.14, 11:43 10.11.14, 14:07

Lieber «der Enthüller» oder lieber Enthüller? Ich bin grad ganz konfus ob Ihrem Namen, mein Lieber.

In einem Land, in welchem man Satire bold und pink als «Falschmeldung» deklarieren muss, damit man nicht mit Anzeigen eingedeckt wird, kann man es gar nicht richtig machen. Ausser eben mit Katzenbildli und Tiervideos. Oder höchstens vielleicht noch mit einem Gefäss, in welchem dank einer Überdosis Opportunismus heute über die Ausbeutung von Näherinnen in Bangladesch oder geknüppelte Mitarbeiter bei Zalando geschrieben und morgen schon die neusten Kollektionen derselben Anbieter präsentiert werden kann.

Satire hat es in diesem Umfeld schwer, weil niemand gerne den Spiegel vorgehalten bekommt und Ironie auch nicht so die Sache der Schweizer ist. Ausser man markiert auch diese gross und deutlich. Dass man es da mit Alltagsgeschichten und lustigen Grafiken einfacher hat, versteht sich von selbst.

Dennoch würde ich mich an Ihrer Stelle nicht zu sehr beeindrucken lassen. Weder von Shares der einen, noch von vollen Kommentarspalten der anderen. Denn der Preis, welche jene dafür zahlen, ist verdammt hoch und ich würde ihn nicht zahlen wollen. Vertrauen Sie auf die Qualität Ihres Inhalts und darauf, dass dieser seine Leserschaft finden wird.

Sie sind mutig und ich schätze Sie sehr, lieber Enthüller. Weil Mut ein verdammt seltenes Gut in unserer Branche ist und Sie sich die Mühe machen, Themen von einer ganz anderen Seite her anzugehen und auf unbequeme Art und Weise zu bringen. Dass das vielen quer im Hals stecken bleibt und sie darum den Share-Button nicht mehr drücken können, liegt in der Natur der Sache. So wie ein Artikel von mir über Impotenz vielleicht auch vielen Männern helfen, aber mit Sicherheit nicht geteilt würde. (Denn wer bekennt sich schon gern mit einem einzigen Klick zur Impotenz?)

Glauben Sie an sich, so wie ich an Sie glaube. Sie wären nicht dort, wo Sie heute sind, wenn Sie es nicht verdient hätten. Viele Blogger würden einiges dafür tun, für Ihren Internet-Start-up-Arbeitgeber (watson, um ihn beim Namen zu nennen) schreiben zu dürfen. Dass Sie es geschafft haben und die anderen nicht (und das, obwohl andere vielleicht mehr Klicks generieren würden) sagt viel über Ihre Qualität und Nachhaltigkeit aus. Aber auch über Ihren Arbeitgeber, der Ihr Niveau und Ihre Wertbeständigkeit ganz offensichtlich auch nicht nur an Zahlen misst.

Lassen Sie den Druck hinter sich und hören Sie auf, sich ständig zu vergleichen. Wer sich exponiert und das Publikum sucht, muss sich eine dicke Haut zulegen! Jömmerli und wehleidige Mimöslis haben in dieser Branche nichts verloren! So mache ich es und ich fahre verdammt gut damit.

Halten Sie sich lieber weiterhin an Ihr Mami, das scheint sich auszukennen. Nur das mit der Wäsche, das sollten Sie mit 27 langsam alleine auf die Reihe kriegen!

Mit liebem Gruss von Blogger an Blogger. Ihre Kafi.

P.S. Ihre T-Shirt-Idee ist ein grossartiges Back-up. Fast so originell wie meine «Ich bremse auch für Gunvor»-Kleber, die ich kurz nach deren ESC-Schlappe 1998 habe drucken lassen. 

Bild: Kafi Freitag

Fragen an Frau Freitag? ​

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.

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  • Gelöschter Benutzer 09.11.2014 01:24
    Highlight Dass man Satire hierzulande als solche kennzeichnen MUSS ist nicht bewiesen. Sehr viele Leser können sehr wohl unterscheiden, das zeigen verschiedene Satireplattformen. Der Unterschied könnte aber sein, dass jene Plattformen aufgrund jahrelanger Qualitäts-Satire einen Namen haben, und watson verzweifelt versucht, sich einen Namen zu machen. Mit Katzenbildli und Listicles, an die städtische Jugend gerichtetem Geschreibsel, grossen Buchstaben und noch grösseren Bildern. Immerhin bringen die kopierten Spiegel Beiträge etwas Qualität. So eine Aufmachung zieht keine Satire-Erkenner an.
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  • Bruno Wüthrich 07.11.2014 15:35
    Highlight Sie machen nichts falsch. Der Unterschied ist, dass die Fragen an Frau Freitag aus dem täglichen Leben gegriffen sind, während die Themen im «Der Enthüller» von den Autoren gesucht, bzw. erfunden sind. Dass sie ausserdem als «Falschmeldung» deklariert werden, macht die Sache nicht einfacher. Während es mich auch unter Zeitdruck nicht kalt lässt, welches Grittli jetzt grad wieder ein Problemli hat (verm. weil Frau Freitag clevere Antworten schreibt), will ich mich bei gleichen Voraussetzungen nicht um eine Falschmeldung kümmern. Schade, dass man Satire als solche bezeichnen muss.
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  • HappyMe 07.11.2014 15:11
    Highlight Liebe Kafi
    Lieber Enthüller

    An dieser Stelle möchte ich mich sowohl für die ehrlichen Ratschläge als auch für die ironischen "Falschmeldungen" bedanken. Ihr macht das beide super! Daumen hoch! :-)
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    • kafi 07.11.2014 19:42
      Highlight Liebe/r Happyme.

      Ihr Feedback hat mich gerade schampar gefreut, vielen Dank dafür. Es ist schön zu sehen, dass man uns in diesem bunten Treiben sieht und schätzt. Danke! Und einen lieben Gruß. Ihre Kafi
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  • Buzz Orgler 07.11.2014 13:26
    Highlight Selten haben wir uns so über eine Antwort gefreut. Mit wenigen Sätzen haben Sie uns Mut und Zuversicht zugesprochen. Sie sind ja doch so gut, wie alle immer sagen. Mit den besten Grüssen, ihr Buzz Orgler
    PS Wie kriege ich die Nutellaflecken von der Seidenkrawatte weg?
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    • kafi 09.11.2014 12:14
      Highlight frog s'mami!
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  • Zeit_Genosse 07.11.2014 13:17
    Highlight Schön dass wir darüber gesprochen haben. Von Blogger zu Blogger.

    Als Kommentar-Förderer kommentiere ich aus freien Stücken Artikel bei Watson, weil ein Artikel mit einem oder mehreren Kommentaren eher angeklickt wird. Und jeder Klick zählt. Denn auch watson wird ja irgendwann mal in die Gewinnzone kommen müssen. Das Gesetzt des Werbegeldes ist, dass es dorthin fliesst, wo die Wirkung in Form von Werbekontakten am grössten ist. Ohne Klick kein Geld und keine Zukunft. Im Mix darf und soll man sich aber einen "Enthüller" leisten, sofern man sich das leisten kann. Die T-Shirts würde ich forcieren
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