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«Minecraft»: Weltenbauen ohne Zwang. bild: mojang

«Minecraft» spielen kann das Leben besser machen – beruflich wie sexuell

Eine Welt gestalten, Entscheidungen treffen. Therapeut Michael Langlois empfiehlt das Klötzchen-Game «Minecraft» als Lebenshilfe. Auf der Konferenz South by Southwest gibt er Tipps für Eltern, deren Kinder exzessiv spielen.

16.03.15, 08:21 16.03.15, 10:59

judith Horchert, austin / spiegel online

Ein Artikel von

Die heutige Sitzung von Michael Langlois beginnt damit, dass jeder Zuhörer einen faltbaren «Minecraft»-Block aus Pappe bekommt. Auf die Innenseite soll man seine grösste Sorge aufschreiben. Sie wird mit dem Block symbolisch abgegeben und bleibt hier in einem texanischen Konferenzcenter zurück. Das zumindest verspricht Psychotherapeut Langlois bei seinem Vortrag auf der Digitalkonferenz South by Southwest Interactive.

Langlois' These ist ungewöhnlich: Er glaubt, das Weltenbauspiel «Minecraft» kann das Leben verbessern, im Job und im Bett glücklicher machen und generell für viele Herausforderungen schulen, die das Leben bereithält. Das gelte auch und besonders für Kinder und Jugendliche, bei denen das Klötzchenspiel in den USA wie in Deutschland besonders beliebt ist.

Michael Langlois hat sich ausgiebig mit Videospielen und ihren Auswirkungen auf die menschliche Psyche befasst, er hat Bücher geschrieben und Vorträge über Computerspielsucht gehalten. Dann hat er über seine Patienten «Minecraft» kennengelernt und über Jahre hinweg die These entwickelt, dass dieses Spiel fast eine eigene Therapie sein kann.

Mike Langlois: «Wenn sich mein Kind so sehr für eine Sache interessiert, dann sollte sie mich doch auch interessieren». bild: spiegel online

Von Schweinezombies hält man sich besser fern

«Minecraft» könnte Heranwachsenden helfen, Vertrauen in das eigene Können zu finden, meint Langlois, ebenso wecke das Spiel den Glauben an den eigenen Einfluss. «Durch ‹Minecraft› bekommen gerade Jugendliche ein Gefühl dafür, dass sie die Welt um sich herum gestalten können. Sie können bauen, etwas erschaffen, die Welt verändern, wenn sie ihnen nicht gefällt.»

Noch viel mehr lerne man im Spiel allerdings über die Interaktion mit anderen. Der richtige Umgang mit Figuren wie den sogenannten Creepern könne dem Spieler den Weg weisen für den Umgang mit Menschen im Alltag, findet Langlois.

Er geht halbernst die verschiedenen Figurentypen durch, die dem Spieler in der Pixelwelt begegnen. Es gibt zum Beispiel Zombies, die «uns beibringen können, eine Beziehung loszulassen, wenn sie uns nicht mehr gut tut. Das ist eine der wichtigsten Fähigkeiten in unserem Leben.»

Daneben gibt es den sogenannten Zombie Pigman: Wird er angegriffen, bekommt er Verstärkung von einer ganzen Gruppe seinesgleichen, die sich dann gegen den Spieler richtet. Durch ihn lernt man angeblich, Entscheidungen abzuwägen: Sieht man irgendwo ein grosse Gruppe Schweinezombies, hält man sich vielleicht besser einfach fern. Diese Lektion könne in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter nützlich sein, sagt Langlois und grinst.

«Minecraft» ist besonder bei jungen Leuten beliebt. Bild: REUTERS

Durch Creeper den Umgang mit Menschen lernen

Als nächstes wird der Magmaschleim erwähnt, der sich aufteilt und vermehrt, wenn man ihn tötet. Dieser Gegnertyp schule die Spieler in der Entscheidungsfindung, ob ein Kampf es wirklich wert ist, aufgenommen zu werden. «Manchmal im Leben weiss man genau, dass man etwas tun muss, auch wenn das Problem dadurch erst einmal viel grösser wird. Manchmal aber entscheidet man auch: Das ist es einfach nicht wert.»

«Wenn sich mein Kind so sehr für eine Sache interessiert, dann sollte sie mich doch auch interessieren»

Mike Langlois

Den Umgang mit anderen Menschen kann der Spieler laut Langlois an den Creepern üben, die man besiegen kann, indem man schnell angreift und wegrennt – und das mehrmals wiederholt. «Man muss sich ihnen zunächst immer wieder schrittweise nähern, dann wieder ein wenig zurücktänzeln, erst ihre Reaktion abwarten.» Das sei im zwischenmenschlichen Miteinander eine wichtige Taktik, und könne sogar das Sexleben bereichern. «Ausserdem gehört zu einem gesunden erwachsenen Sexualleben, dass man sich eine gewisse Verspieltheit bewahrt», so der Psychotherapeut.

Eltern sollen nicht nur über die Schulter zuschauen

Den vielleicht grössten Vorteil von «Minecraft» sieht Langlois allerdings in der lebendigen und freundlichen Community rund um das Spiel, die seiner Erfahrung nach jeden aufnimmt. Sie ermögliche es Menschen, ein stabiles Beziehungsnetz aufzubauen und in Kontakt mit anderen zu treten, selbst wenn man den ganzen Tag allein im eigenen Zimmer am Computer sitzt.

Das Publikum ist von Langlois' Vortrag sichtlich amüsiert. Ein Vater meldet sich zu Wort: Das sei ja alles schön und gut, aber seine Kinder spielten derart viel «Minecraft», dass er gar nicht wisse, wie er sie vom Rechner wegbekommen soll. «Wenn sich mein Kind so sehr für eine Sache interessiert, dann sollte sie mich doch auch interessieren», antwortet Langlois. «Statt als Eltern den Kindern nur kurz über die Schulter zu schauen, sollte man sich einfach mal dazusetzen und selbst mitspielen.»

«Minecraft» ist eines der am häufigsten gespielten Let's-Play-Games

video: youtube/arazhul

Auf diese Art verstehe man viel besser, was das Kind gerade macht und wo eigentlich die Faszination liege. «Und wenn Sie nicht wollen, dass Ihr Kind die ganze Zeit allein am Rechner sitzt, dann holen Sie das Spiel doch in die Realität: Schmeissen Sie eine Mottoparty zum Thema oder laden Sie Freunde zu einer Spiele-Session ein.»

Ein anderer Vater fragt zum Schluss, ob es okay sei, das Computerspielen als Belohnung für gutes Benehmen beziehungsweise ein Spielverbot als Strafe für schlechtes Betragen zu nutzen. «Ich rate von so etwas ab», sagt Langlois und schlägt den Dickens-Test vor: «Mal angenommen, Ihr Kind würde sich nicht für Computerspiele interessieren, sondern sehr oft und ausgiebig Charles Dickens lesen oder gern Kopfrechnen. Dann würden sie ihm doch auch nicht das Lesen oder Rechnen verbieten, oder? Warum sollte das ausgerechnet bei Computerspielen anders sein?»

Zusammengefasst: Michael Langlois meint, dass das Videospiel «Minecraft» Heranwachsenden hilft, Selbstvertrauen und Sicherheit im Umgang mit anderen Menschen zu gewinnen. Das erklärt der Psychotherapeut unter anderem anhand von Gegnertypen aus dem Spiel. Er rät Eltern grundsätzlich davon ab, ihren Kindern «Minecraft» zu verbieten. 

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