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Auf seiner Website zeigt der Blogger auf, wie er die IS-Kämpfer gefunden hat. bellingcat.com

Fotoanalyse

Ein Blogger schafft, woran die Geheimdienste scheiterten: Er lokalisiert ein Terrorcamp des IS 

Woran Geheimdienste scheitern, ist einem britischen Blogger gelungen: Er hat ein Ausbildungslager der Terrormiliz «Islamischer Staat» im Irak lokalisiert –mithilfe von Google Earth und anderen Web-Diensten. 

25.08.14, 07:03 26.08.14, 14:47

Ein Artikel von

Es waren wohl einiges detektivisches Gespür und Ausdauer nötig, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Aber jetzt hat das Team hinter der Bürgerjournalismus-Website Bellingcat offenbar die Position eines Ausbildungslagers der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) ausfindig gemacht. Als Hilfsmittel dienten der Gruppe für jedermann zugängliche Webseiten wie Google Earth und Panoramio.

Ins Leben gerufen wurde das Projekt von dem britischen Blogger Eliot Higgins. Nachdem er 2012 seinen Job als Administrator bei einer gemeinnützigen Organisation verloren hatte, kümmerte er sich in erster Linie um seine junge Tochter Ela und begann unter dem Pseudonym Brown Moses zu bloggen. 

Bekannt wurde er, als er in seinem Blog über Waffenschmuggel und den Einsatz illegaler Bomben im Syrienkonflikt berichtete. Seine Sach- und Fachkenntnis machten viele Beobachter stutzig. Für noch mehr Verwunderung sorgte er aber, als er sich schliesslich outete und klar wurde, dass er kein Politikwissenschaftler ist, noch nie in Syrien war und kein Arabisch spricht. 

Weil er es sich trotz seiner plötzlichen Bekanntheit finanziell nicht erlauben konnte, seinem Hobby intensiver nachzugehen, startete er schliesslich bei Kickstarter ein Crowdfunding-Projekt mit der Bezeichnung Bellingcat. Mit den knapp 64.000 Euro, die er dabei einnahm, bezahlt er nun seine Blogger-Aktivitäten. 

Kampfsport-Bilder liefern erste Hinweise 

bellingcat.com

Ein Einsatz der sich gelohnt hat. Anhand weniger Bilder, die er verschiedenen Twitter-Accounts des «Islamischen Staats» entnommen hat, fand er nun offenbar heraus, wo sich zumindest eines der Ausbildungslager der Terrormiliz befindet. 

Sein Ausgangspunkt waren Fotos von Kampfsport-Lektionen sowie von einem Marsch von IS-Rekruten, erklärt Higgins auf der Bellingcat-Seite. Auf mehreren dieser Bilder, die die Kämpfer selbst im Netz verbreiten, sind im Hintergrund mehrere Brücken zu erkennen, die einen grossen Fluss überspannen. 

Nach einiger Recherche sei er auf die irakische Stadt Mossul gestoßen, die zu den Fotos passe: Durch die Stadt hindurch fliesst der Fluss Tigris, über den mehrere Brücken führen. Zusätzlich zu Google Earth nutzte er nun die Website Flash Earth, die – so schreibt er – aktuellere Satellitenbilder verwendet. 

Wertvolle Hinweise von der Foto-Sharing-Seite 

In Kombination mit weiteren Fotos von Kampfsportübungen gelang es ihm nun festzulegen, welche der vielen Brücken im Hintergrund zu sehen ist und wo die Kamera gestanden haben muss. Bäume, die die Strassen säumen, und ein Gebäude im Hintergrund dienten dabei als wertvolle Hinweise. 

Schliesslich bediente sich Higgins noch der Foto-Sharing-Website Panoramio. Dort fand er entlang einer Strasse nahe dem Tigris eine Aufnahme, die Details einer Brücke zeigt, unter der IS-Rekruten auf einem Foto der Terrormiliz hindurchmarschieren. Sowohl ein Plakat an der Brücke als auch ein Torbogen rechts daneben sind identisch. 

Auf dieselbe Weise gelang es ihm auch, Strassenlaternen und einen Funkturm zu identifizieren. Am Ende konnte er nicht nur die Lage des Ausbildungslagers, mitten in Mossul, festlegen, sondern auch nachvollziehen, welche Strecke die IS-Rekruten an jenem Abend marschiert sind, den sie mit mehreren Fotos bei Twitter dokumentierten. 

Jeder soll mitmachen 

Einen Grund, sich dort zu verstecken, haben die Kämpfer nicht. Bereits im Juni eroberten sie nach tagelangen Gefechten die zweitgrösste Stadt des Iraks. Aber Higgins geht es mit seiner Veröffentlichung offensichtlich auch nicht darum, ein geheimes Lager der Terrormiliz aufzudecken. 

Vielmehr dürfte es ein sogenannter Proof of Concept sein, der Beweis, dass seine Methode funktioniert. Denn darum geht es ihm: Mehr Menschen zu motivieren, selbst zu recherchieren, selbst Informationen über aktuelle Ereignisse zusammenzutragen. Auf seiner Website hat er dazu auch mehrere Anleitungen verfasst. 

Längst aber gibt es Netznutzer, die nur zum Spass versuchen, den Aufnahmeort online veröffentlichter Fotos herauszufinden. Bereits seit 2010 läuft beispielsweise der The View From Your Window Contest. Wöchentlich wird dort ein Foto bereitgestellt, dass ein Nutzer aus dem Fenster seines Zimmers gemacht hat. Die Aufgabe der Teilnehmer ist es, herauszufinden, wo das Haus steht – und aus welchem Fenster die Aufnahme gemacht wurde. 

Hier stehen ganz der Spass und die detektivische Kleinarbeit im Vordergrund, und nicht immer gelingt es, das Ziel zu identifizieren. Aber in einem Punkt stimmt das Hobby der Fenstersucher mit der Arbeit von Eliot Higgins und seinen Helfern überein: Reich werden kann man damit nicht. (mak)

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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  • Jaing 25.08.2014 12:04
    Highlight Wer sagt eigentlich, wie in der Überschrift suggeriert, dass die Geheimdienste keine Ahnung haben? Die wissen wahrscheinlich sehr viel mehr, als der erwähnte Blogger.
    15 0 Melden
    • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 25.08.2014 12:37
      Highlight Voll. Blöde Überschrift, wir würden uns wohl die Augen reiben, wenn wir wüssten, was die Geheimdienste alles wüssten....
      8 0 Melden
    • smoe 25.08.2014 17:58
      Highlight Ja, mal wieder ein interessanter Artikel der auf dieser Seite hinter einer unsäglichen Headline versteckt wird.

      Die USA haben eine eigene Behörde, die sich um die militärisch und geheimdienstliche geografische Aufklärung kümmert. Ausgestattet mit einem 4.9 Milliarden Budget.
      https://www.nga.mil

      Wenn ihr also behauptet, ein Blogger schafft etwas, woran die Geheimdienste scheitern, solltet ihr das besser bzw überhaupt untermauern.
      3 0 Melden
    • Jaing 26.08.2014 09:14
      Highlight Der Artikel stammt ja vom Spiegel, nur der Titel von Watson.
      0 0 Melden
  • Der Tom 25.08.2014 10:29
    Highlight Na der NSA darf ja jetzt nicht mehr rum spionieren. Oder ist es vielleicht so wie im Sandkasten? Wenn Papa die Sandburg gebaut hat lässt er Mama glauben klein Walterli hätte sie gebaut?
    1 1 Melden
  • Mauri 25.08.2014 10:00
    Highlight Reich werden kann man damit nicht? Das ist ja wohl wieder eine unglaublich lahme Konklusion dieser Geschichte. Beruht das auf der Annahme, dass sich grundsätzlich jedes Menschliche Treiben auf Sex, Geld und Machtstreben reduzieren lässt? Schade, ansonsten interessante Story.
    3 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 25.08.2014 08:32
    Highlight Das zeigt mal wieder v.a. eins: Wer will, der kann.
    3 3 Melden

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