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Eine Skizze des neuen Apple-Hauptquartiers im Silicon Valley südlich von San Francisco. Bild: apple

Zu Apple, Google und Facebook

Go West! Grosse und kleine Schweizer Firmen folgen dem Ruf der Millionen ins Silicon Valley

Beat Schmid / Schweiz am Sonntag

Wo die Hauptsitze von Apple, Google und Facebook stehen, sollen Träume wahr werden. Das Silicon Valley zieht nicht nur amerikanische Jungunternehmer an. Viele kommen aus Asien, manche auch aus der Schweiz.

09.11.14, 19:12 10.11.14, 10:53

Das Metro Center in Foster City ist das höchste Gebäude zwischen San Francisco und San Jose. Es gibt keinen besseren Ort, um das Silicon Valley, das 70 Kilometer lange Tal, das eigentlich Santa Clara Valley heisst, zu überblicken. Hier befinden sich die Hauptsitze von Apple, Google und Facebook, den mächtigsten, zukunftsträchtigen und wertvollsten Firmen der Welt. Dem Start-up-Unternehmer Peter Koch liegen sie buchstäblich zu Füssen. 

Seine Firma Balluun ist im 17. Stock des Metro Center eingemietet. Dort, wo normalerweise ein Welcome Desk steht, spielen Mitarbeiter eine Runde Pingpong. Start-up-Atmosphäre weht einem entgegen. Doch was so betont locker daherkommt, ist das Ergebnis harter Arbeit. Peter Koch hat es vor neun Jahren ins Valley verschlagen, zunächst arbeitete er für Cisco, den Netzwerkausrüster, der Equipment für die Basisinfrastruktur des Internets liefert. 

Dann, 2008, kam ihm die Idee, eine Art Facebook für Unternehmen zu gründen. Monatelang brütete er über der Idee, schliff am Businessplan. Entbehrungsreiche Jahre folgten. Erst 2013 kam der ersehnte Durchbruch, als eine Gruppe von Geldgebern, angeführt von Schweizer Investoren, sich an der Firma beteiligte. Insgesamt schossen sie bisher 13 Millionen Dollar ein. Längst haben sie die Mehrheit und damit die Kontrolle des Unternehmens übernommen.

So gross wie Aargau, Luzern und Zürich zusammen

Heute beschäftigt Koch 35 Personen, nächstes Jahr werden es bereits 50 sein. Auf der Website sind derzeit fünf Stellen ausgeschrieben. Kochs Ziel ist es, die Firma 2016 in die Profitzone zu führen. Dann ist ein Verkauf an ein grosses Unternehmen denkbar. Im Silicon Valley sitzt er an der Quelle: Oracle, Siebel, Salesforce, die deutsche SAP, alle Grossen der Businesssoftwarebranche sind hier vertreten. Diese Woche heuerte bei Balluun Hans-Peter Klaey an, der früher Chef des Asiengeschäfts von SAP war. Sein Job wird es sein, die Software, die sich Koch ausgedacht hat, international zu vermarkten. 

Das Silicon Valley ist etwa so gross wie die Kantone Aargau, Luzern und Zürich. Die Region ist mit Abstand der bedeutendste Wirtschafts- und Innovationsmotor Kaliforniens. Schweizer Firmen wie etwa die Swisscom haben Angst, einen Trend zu verpassen, und unterhalten Aussenstellen im Valley. Andere unterstützen lokale Think-Tanks wie das Institute for the Future in Palo Alto, zu dessen Sponsoren Syngenta und das Schweizer Radio und Fernsehen gehören. 

Treiber des Booms im Silicon Valley sind unter anderem die tiefen Zinsen der Zentralbanken, welche die Aktienkurse der Technologiefirmen befeuerten. Apple ist an der Börse mit über 600 Milliarden Dollar bewertet – es ist damit das mit Abstand wertvollste Unternehmen der Welt. Der iPhone-Konzern baut derzeit einen spektakulären Hauptsitz für 12 000 Mitarbeiter. Die 5 Milliarden Dollar sind für Apple ein Klacks: Die Firma, die Ende der 1990er-Jahre beinahe Pleite ging, sitzt auf Bargeldreserven von 158 Milliarden Dollar.

Ein Dorf für Facebook

Das Valley zieht Investoren an wie ein Magnet: Auf der Suche nach Rendite sind sie bereit, hohe Risiken einzugehen. 2014 dürften rund 40 Milliarden Dollar in Start-ups fliessen, ein neuer Rekord. Selbst während der überhitzten Dotcom-Ära war es nicht so viel. Das viele Geld treibt die Preise in die Höhe: Gute Softwareingenieure, klagt Koch von Balluun, verdienen zwischen 150 000 und 200 000 Dollar pro Jahr, deutlich mehr als in der Schweiz. Die Folge sind Kosten, die aus dem Ruder laufen, explodierende Mieten und Häuserpreise und ein komplett überlastetes Strassennetz. Facebook plant den Bau eines eigenen Dorfes für seine Mitarbeiter

«Der gewaltige Boom schafft soziale Probleme», sagt Anwalt Roger Royce, der in Palo Alto eine Kanzlei mit 25 Beschäftigten betreibt. In beliebten Wohngegenden würden die meisten Häuser inzwischen an reiche Chinesen verkauft, die immer zahlreicher ins Valley kommen, um sich an Firmen zu beteiligen oder eigene Unternehmen zu gründen. Vor zehn Jahren wurden die allermeisten Firmen noch von Amerikanern gegründet, sagt Royse. Jetzt stamme jeder zweite Jungunternehmer aus dem Ausland. Davon ein Grossteil aus Asien. Seine Kanzlei führt pro Woche mindestens zwei bis drei Firmengründungen durch. 

Im Unterschied zu früher sind die Eintrittsbarrieren deutlich gefallen. Software- und Hardware, Internetanbindung, eine Webpräsenz gibt es praktisch umsonst. Der erste Schritt sei immer der einfachste, sagt Royce. Zwei oder drei Partner kratzen irgendwie 100 000 oder 200 000 Dollar zusammen, ziehen in einen sogenannten Inkubator, einen Brutkasten, wo die Kleinfirmen die ersten Gehversuche unternehmen. 

Nur ein Start-up unter 200 überlebt das erste Jahr

«Alle wollen das nächste Google oder Facebook werden», sagt Royce. «Obwohl nur eines von 200 Start-ups das erste Jahr überlebt, glaubt jeder Firmengründer, dass er es sicher schaffen werde.» Viele scheiterten aber schon an der ersten Hürde. Dabei geht es darum, Investoren zu finden, die in einer ersten Finanzierungsrunde eine Million Dollar einschiessen. Das Kapital wird meist dazu verwendet, erste Mitarbeiter einzustellen. 

Wenn sich die Idee bewährt, gelingt vielleicht die zweite Runde, diesmal über 10 oder 15 Millionen Dollar. Bei der dritten Runde wird die Luft bereits extrem dünn. Nur ganz wenige schaffen diese Hürde und erhalten eine letzte grosse Finanzspritze von 50 bis 100 Millionen Dollar. Startet das Unternehmen durch, ist es bereit für den Verkauf oder den Gang an die Börse. 

Der Mitgründer von PayPal Peter Thiel unterstützte Marc Zuckerberg einst mit einer halben Million Dollar. Bild: Getty Images North America

Der nächste Zuckerberg wird kein soziales Netzwerk programmieren

Einer, der dieses Spiel perfekt beherrscht, ist Peter Thiel. Als er acht Jahre alt war, übersiedelte seine Familie an die Westküste der USA. Er studierte an der Elite-Uni Stanford in Palo Alto, war Mitgründer von Paypal, dem Bezahlungssystem, das von e-Bay gekauft wurde. Danach gründete er einen Hedge Fund und begann, in Start-ups zu investieren. Unter anderem war er der erste externe Geldgeber von Facebook. Er gab dem damals 20-jährigen Mark Zuckerberg ein Darlehen von 500 000 Dollar und erhielt im Gegenzug 10 Prozent an Thefacebook, wie die Firma damals hiess. Als das Unternehmen 2012 an die Börse ging, verkaufte er zwei Tranchen und machte über eine Milliarde Dollar. Noch heute hält er ein Aktienpaket und sitzt zudem im Verwaltungsrat bei Facebook. 

Vor wenigen Wochen kam sein Buch «From Zero to One» heraus. Darin beschreibt er, was ein erfolgreiches Start-up ausmacht. Thiel rät Jungunternehmern, eine radikal andere Idee zu verfolgen. Es lohne sich nicht, ein bestehendes Businessmodell zu replizieren. Der nächste Larry Page werde keine Suchmaschine mehr bauen, der nächste Zuckerberg kein soziales Netzwerk programmieren. Wirklich erfolgreiche Unternehmer wagen etwas völlig Neues, Revolutionäres. 

Künstliche Inseln, um den Eingriffen des Staates zu entgehen

Thiel gilt als einer der einflussreichsten Köpfe der Tech-Elite. Er gehört der libertären Szene an, die für einen ausgeprägten Individualismus steht, für einen ungezähmten Kapitalismus, einen Abbau der Regulierung und viel persönliche Freiheit. Thiel hasst den Staat, der in seinen Augen keine Probleme lösen kann. Politisch steht er dem Republikaner Ron Paul nahe und unterstützt die Tea-Party-Bewegung. Über seine Thiel Foundation steckt er Geld teilweise in Projekte wie das Seasteading Institute, das künstliche Inseln bauen will, die in internationalen Gewässern schwimmen und von keinem Staat kontrolliert werden

Das Valley schafft es, die brillantesten Köpfe anzuziehen. Es bietet hochintelligenten Ingenieuren, die von Nicht-Techies gerne als Nerds oder Geeks beschimpft werden, ein Biotop, in dem sie gedeihen und ihre Spleens ausleben können. Märchenhaft reiche IT-Unternehmer mühen sich längst nicht mehr mit komplexen Algorithmen ab, sondern streben danach, den Menschen selbst zu verändern. Google-Mitgründer Larry Page etwa hat mit Calico eine Biotech-Firma mit dem Ziel gegründet, die menschlichen Alterungsprozesse zu verlangsamen

«Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung», davon ist auch Kevin McHaffey überzeugt. Der schweizerisch-amerikanische Doppelbürger glaubt, dass die Digitalisierung nicht nur Gutes bringen wird. Mit seiner Firma Lookout hat er eine Sicherheitssoftware entwickelt, die Smartphones vor Hackerangriffen schützen soll. Sie wurde bereits auf 50 Millionen Geräten installiert. 

Kommen die Terminatoren?

Eine der grössten Gefahren sieht McHaffey unter anderem in autonom agierenden Miniprogrammen, sogenannten Bots, die sich im Internet frei bewegen und gegen andere Bots einen Krieg anzetteln. Das mag verrückt klingen, doch einen Vorgeschmack darauf lieferte ein urplötzlicher Aktienabsturz vom Mai 2010. Die Ursachen dieses Flashcrashes seien bis heute nicht restlos aufgeklärt, sagt McHaffey.

Im Sommer hat seine Firma eine Finanzspritze von 150 Millionen Dollar erhalten. Das ist selbst für amerikanische Verhältnisse eine enorme Summe und machte McHaffey zum mehrfachen Millionär. Die Bewertung seiner Firma wird inzwischen auf eine Milliarde Dollar geschätzt. 

Bots, die Krieg führen? Das kenn' ich doch... Bild: EPA EFE COLUMBIA TRISTAR

McHaffey ist damit einer der ganz wenigen, die das Kunststück vollbracht haben, drei Finanzierungsrunden zu überstehen, ohne die Kontrolle über seine Firma zu verlieren. Deshalb reagiert er auch fast ein wenig genervt, wenn man ihn auf seine Exit-Strategie anspricht: «Ich bin Unternehmer und werde meine Firma sicher nicht verkaufen.» McHaffey ist erst 30 Jahre alt. 

1,1 Millionen Dollar für ein Konzept

Wer Sebastian Gyr auf sein Mobiltelefon anruft, landet meist auf der Combox, die er wahrscheinlich nie abhört. Einfacher geht es via Skype oder per E-Mail. Oder am besten vorbeigehen und anklopfen: «Wir werden die Freizeit der Menschen komplett revolutionieren», sprudelt es aus dem Jungunternehmer heraus. Vor wenigen Wochen hat der erst 26-jährige Schweizer in Venice Beach bei Los Angeles seine Büros bezogen. Der Name der Firma: Buddyhopp. 

Gyr und sein Gründungspartner beschäftigen inzwischen zehn Mitarbeiter. Das Geld kommt von Investoren, die bisher 1,1 Millionen Dollar eingeschossen haben. Gekauft haben die Geldgeber eine Idee, ein Konzept – nicht mehr. Aber es muss sie offenbar überzeugt haben. Gyr lässt sich nicht in die Karten blicken. «Wenn ein paar Freunde zusammen ein Bier trinken gehen wollen oder einen Ausflug in die Berge planen, was geschieht dann? Bis alles geregelt ist, rufen sie sich x-mal an, verschicken unzählige SMS und Whatsapp-Meldungen. Das ist doch total mühsam.» 

Wie genau Buddyhopp das Verabreden vereinfachen will, will Gyr noch nicht verraten. Ein Geheimnis macht er auch um das Geschäftsmodell. Nur so viel: Aus Buddyhopp soll ein einträgliches «Ökosystem» wie Facebook werden. «Das war die Idee, welche die Investoren letztlich auch überzeugt hat.» Spätestens Ende Jahr ist es vorbei mit der Geheimniskrämerei, dann kommt die App auf den Markt. Dann wird man schnell sehen, ob sie zieht oder nicht. Der Jungunternehmer will sich nicht unter Zeitdruck setzen lassen. Auch bei Facebook habe es Jahre gedauert, bis der Erfolg da war.

Mit Kind und Kegel ins Silicon Valley

Noch kann er seinen Leuten keine grossen Löhne bieten, sondern nur harte Plackerei und Tagesschichten bis 13 Stunden. Und trotzdem: «Die Leute sind mit Begeisterung dabei und ziehen mit.» Gyr denkt bereits an die nächste Finanzierungsrunde, bei der er zwischen 10 und 15 Millionen Dollar auftreiben will. Man bekommt nicht den Eindruck, als dass ihm das nicht gelingen könnte. 

Im Januar schmiss er sein Studium in der Schweiz, um das Konzept von Buddyhopp auszuarbeiten und im Silicon Valley auf Roadshow zu gehen. Als die Investoren anbissen, rissen er und seine Frau die Zelte in der Schweiz ab. Mit ihrem fünfjährigen Sohn, «acht Koffern und vielen Spielsachen» flog die Familie von der Schweiz nach Los Angeles. 

«Mach erst deinen Abschluss, das wird sowieso nichts»

Als er seinen Freunden und Bekannten in der Schweiz von seinen Plänen erzählte, musste er sich oft anhören: «Du bist verrückt, mach erst deinen Abschluss, das wird sowieso nichts.» Gyr kann diese Haltung nicht ausstehen. «Das nervt mich am meisten an der Schweiz.» Ein Unternehmer nehme nun mal Risiken in Kauf. An der Westküste sei die Mentalität anders, man traut sich etwas zu. Man könne auch auf die Schnauze fallen. 

Ihn zog es nicht allein deshalb in die USA, weil hier der Markt grösser ist als in der Schweiz, was die Lancierung eines Produkts vereinfache. Was ebenso wichtig sei, sei die offenere und risikofreudigere Mentalität, die hier herrsche. «Im Silicon Valley schaut dich niemand komisch an, wenn du deinen Traum verwirklichen willst.» Dass er sein Studium geschmissen hat, bereut er nicht: «Ich habe in wenigen Monaten mehr gelernt als während meiner ganzen Zeit an der Uni.» 

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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  • smoe 09.11.2014 21:41
    Highlight Es gibt aber auch einen Gegenstrom. Tech-Aktivisten und Sicherheitsexperten die vor der NSA vor allem nach Berlin fliehen.
    http://www.theguardian.com/world/2014/nov/09/berlins-digital-exiles-tech-activists-escape-nsa

    Es gab seit den Snowden Enthüllungen immer wieder Online Diskussionen von amerikanischen Startups sich nach Europa zu verlagern und es wurden die nordischen Länder inkl. Island, Deutschland und die Schweiz gegeneinander abgewägt. Wobei meist DE als "Gewinner" auskam. Die Ganze Affäre hat also wenigstens den Standort Europa durchaus attraktiver gemacht :)
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  • smoe 09.11.2014 21:13
    Highlight Der Letzte Abschnitt dieses Artikels ist wohl einer der Hauptgründe warum es so viele Leute dorthin zieht: Die Mentalität.
    Schlussendlich kochen auch im Valley alle nur mit Wasser, aber sie scheuen sich nicht, Ideen auszuprobieren, egal wie absurd sie auf den ersten Blick erscheinen mögen. Ein Grossteil der Versuche scheitert, aber egal wie hart man auf die Fresse fällt, man steht wider auf, leckt sich die Wunden und fängt dann wider bei null an.

    Natürlich muss man sich bewusst sein, dass man als Jungunternehmer dort nichts weiter als eine Pokerkarte der Investoren ist. Dafür kann man darauf hoffen, dass man für eine Idee gespielt wird, für die ein konservativer Investor in Europa keinen Rappen bereitstellen würden.
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