Digital

Mann gegen Maschine: Der professionelle Pokerspieler Daniel McAulay bleibt gegen das Computerprogramm Libratus chancenlos. bild: Nate Smallwood;Trib Total Media; 

«Nicht für möglich gehalten» – in einem US-Casino hat sich Erstaunliches ereignet 

Die Menschheit wurde vergangene Woche vernichtend geschlagen – am Pokertisch. Der Sieg der Maschinen hat Konsequenzen, die über das Kartenspiel hinaus reichen.

06.02.17, 01:51 06.02.17, 09:45

raffael schuppisser / schweiz am Sonntag

Ein Artikel von Schweiz am Sonntag

Zwanzig Tage lang haben sich vier der weltbesten Pokerspieler in einem Casino in Pittsburgh verschanzt. Elf Stunden pro Tag haben sie gespielt. Total 120'000 Runden. Sie hatten nur ein Ziel: ihn zu schlagen. Libratus, die beste Pokersoftware, die je programmiert worden ist. Es ging nicht um Geld. Sondern um Ehre. Darum, wer die Vorherrschaft im populären Kartenspiel innehat: Mensch oder Maschine.

Anfangs konnten die menschlichen Spieler knapp mithalten. Doch Libratus lernte schnell dazu – und lag bald uneinholbar in Führung. Immer wieder zu verlieren, sei demoralisierend gewesen, klagte der Profispieler Jason Les nach dem Turnier, das diese Woche zu Ende ging. Und sein Kollege Dong Kim pflichtete bei: «Es fühlte sich an, als ob ich gegen jemanden spielen würde, der betrügt.»

Die Menschheit wurde am Pokertisch vernichtend geschlagen.

Es ist eine weitere Domäne, in welcher der Computer gewonnen hat. Angefangen hat es mit Schach. 1997 schlug der IBM-Computer «Deep Blue» den damaligen Weltmeister Garri Kasparow. 2011 gewann der Supercomputer Watson – ebenfalls von IBM entwickelt – gegen die stärksten menschlichen Herausforderer in der Quizsendung «Jeopardy!». 2016 besiegte AlphaGo – programmiert von der Google-Tochterfirma Deepmind – Lee Sedol, den besten Go-Spieler. Und jetzt also Poker.

Zum ersten Mal ist eine Software in der Variante Heads-Up No Limit Texas Hold’em der beste Spieler. Bei dieser Version treten nur zwei Spieler gegeneinander an, können aber jeweils einen beliebig hohen Betrag setzen. Letzteres öffnet enorme Möglichkeiten.

Garri Kasparow beisst sich 1997 die Zähne an «Deep Blue» aus: Der Triumph der Pokersoftware ist gar noch höher zu gewichten. Bild: AP

Libratus schläft nie

Anders als Schach oder Go ist Poker ein Spiel mit «unvollständigen Informationen», da die Karten der Gegner und jene im Stapel verdeckt sind. «Das stellt eine viel grössere Herausforderung für eine künstliche Intelligenz dar», sagt Noam Brown der «Schweiz am Sonntag». Der Computerwissenschafter hat die Pokersoftware zusammen mit Tuomas Sandholm an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh entwickelt. Die bisherigen, populären Strategien, die für Spiele wie Schach oder Go entwickelt wurden, funktionierten beim Pokerspiel nicht. «Wir mussten einen völlig neuen Ansatz finden.»

Die Software musste lernen, zu bluffen und sich durch Bluffs von Gegenspielern nicht irritieren zu lassen. Die beiden Forscher brachten Libratus allerdings lediglich die Regeln bei. Die Software spielte dann Milliarden von Partien gegen sich selbst und leitete daraus gewinnbringende Strategien ab. Diese überraschten nicht nur die Gegenspieler, sondern auch die Forscher selber: «Die Software bluffte immer wieder in einer Art und Weise, die ich nicht für möglich gehalten hätte», sagt Brown.

Nach jedem Turniertag liessen die vier Profispieler die Partien Revue passieren, analysierten das Verhalten ihres unmenschlichen Gegners und bereiteten sich auf die nächsten Runden vor. Doch auch Libratus blieb nicht untätig. Seine Entwickler verbanden die Software mit einem Supercomputer, damit der Algorithmus seine Strategie weiter optimieren konnte und für seine Gegner unberechenbar blieb. Und während sich die Menschen irgendwann gegen zwei Uhr schlafen legten, trainierte Libratus die ganze Nacht – und überraschte seine Gegner am Morgen mit einer neuen Strategie.

«Die Software bluffte immer wieder in einer Art und Weise, die ich nicht für möglich gehalten hätte»

Noam Brown, Entwickler der Pokersoftware.

Nach 20 Spieltagen hatte Libratus seinen menschlichen Kontrahenten 1,7 Millionen Dollar in Chips abgeknöpft. Ein rein symbolischer Betrag, den die Spieler nicht zahlen mussten, der aber zeigt, wie haushoch überlegen die Software gewann.

Die Leistung von Libratus ist beeindruckend», sagt Yannic Kilcher, der am Data Analytics Lab der ETH Zürich forscht und selbst passionierter Pokerspieler ist. Man könne diesen Erfolg durchaus mit dem Sieg der Software AlphaGo über den besten menschlichen Go-Spieler vergleichen. Allerdings sei er auch nicht überraschend gekommen. «Viele der Elemente, die zum Ziel geführt haben, waren schon bekannt. Sie wurden nun einfach geschickt zusammengefügt und optimiert», sagt Kilcher.

Poker ist erst der Anfang

Die Anwendung von Libratus beschränkt sich nicht auf das Kartenspielen. Die Entwickler sehen vielfältige Einsatzmöglichkeiten für ihren Algorithmus. Denn das Leben ist dem Poker meist ähnlicher als dem Schach. Ständig finden sich Menschen in Situationen wieder, in denen sie Entscheidungen treffen müssen, ohne dass alle Konsequenzen ersichtlich wären.

Auch das Leben ist ein Spiel mit «unvollständigen Informationen». Der Algorithmus könnte etwa genutzt werden, um Strategien in der Cyberabwehr zu verbessern. Er könnte Tradern helfen, um mit ihren Produkten einen möglichst hohen Preis zu erzielen. Denkbar wäre aber auch, dass er Ärzte unterstützt, in medizinischen Behandlungen die richtige Entscheidung zu treffen.

Vielleicht wird Libratus aber zuerst einmal das Pokerspiel selbst verändern. Denn welchen Reiz hat ein Online-Spiel noch, wenn man sich nicht sicher sein kann, ob man es mit einem Menschen oder einer übermächtigen Maschine zu tun hat? Natürlich würde der Einsatz von einer Software wie Libratus gegen die Nutzerbedingungen der Poker-Portale verstossen, doch der Betrug liesse sich nicht so einfach aufdecken. Zwar überprüfen die Dienstleister jetzt schon die Menschlichkeit ihrer Spieler, etwa indem die Bewegungen des Mauszeigers analysiert werden.

Doch Maschinen werden immer besser darin, Menschlichkeit vorzutäuschen – und sei es mit einem raffinierten Bluff.

Die Evolution des Computers: Vom Kriegshelfer gegen die Nazis über den Heim-PC zum Supercomputer für die Forschung

Hol dir die App!

User-Review:
Pulo112, 20.12.2016
Beste News App der Schweiz! Mit Abstand!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
Themen
24 Kommentare anzeigen
24
Um mit zudiskutieren oder Bilder und Youtube-Videos zu posten, musst du eingeloggt sein.
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600
  • MeineMeinung 06.02.2017 09:11
    Highlight Der Titel ist aber peinlich! Echt jetzt Watson, ihr braucht keine Clickbait Titel!!
    122 5 Melden
    600
  • Asmodeus 06.02.2017 08:43
    Highlight Naja. Reiz des Pokers stellt ja der menschliche Teil da. Den Gegner selbst zu lesen. Seine Tells, seine Strategie.

    Ein Mensch hat seine Eigenheiten. Ein Computer hat dies nicht. Ein Computer kann seine Strategie von Zug zu Zug ändern. Ein Mensch ist da festgefahrener.
    18 16 Melden
    • Pisti 06.02.2017 12:23
      Highlight Ein guter Pokerspieler kann oder muss sogar seine Strategie dauernd ändern. Sonst ist dein Spiel leicht durchschaubar.
      9 2 Melden
    • Asmodeus 06.02.2017 12:55
      Highlight Schon. Wobei ich behaupte, dass ein Pokerspieler einfach seine Grundstrategien hat, die er variiert. (Ob das nun 10, 1000 oder 100000 sind, sei mal dahingestellt).

      Pokerspieler sind Menschen. Sie haben Emotionen. Sie können wütend, müde oder nervös werden. Und dann zeigen sich je nachdem Schwächen in ihrem Pokerface.

      Oder sie täuschen dies vor.

      Gegen einen Computer fällt dieser psychologische Teil einfach komplett weg (auch schon beim Onlinepoker).
      11 0 Melden
    600
  • walsi 06.02.2017 08:10
    Highlight Der naive Wissenschaftler hat ein paar schöne zivile Szenarien aufgezeigt wo diese Algorithmen eingesetzt werden könnten. Machen wir uns nichts vor, als erstes wird es eine militärische Lösung geben. Killer Roboter die selbständig denken und töten, der feuchte Traum jedes Generals.
    52 5 Melden
    600
  • walsi 06.02.2017 08:08
    Highlight Das ist dann wohl das Ende des online Pokers. Wenn du nicht mehr weisst ob du einer Maschine oder einem Menschen gegenüber sitzt, kannst du aufhören.
    49 0 Melden
    600
  • Joël 06.02.2017 07:44
    Highlight Sollen Entscheidungen wirklich zu Algorithmen verkümmern? Die Analogie Spiel und Leben greift zu kurz.
    23 25 Melden
    • illoOminated 06.02.2017 11:16
      Highlight Ein Algorithmus ist eine "endliche, eindeutige Handlungsvorschrift". Da Self-learning algorithms sich immer wieder anpassen, entsprechen sie nicht zu 100% der Bedeutung des Worts - repräsentieren aber sehr stark die menschl. Vorgehensweise. Deine Art Entscheidungen zu treffen basiert auf vorh. Informationen und Erfahrungen der Vergangenheit - ist also seit jeher die gleiche, immer wieder anhand von Erfahrungen angepasste Vorgehensweise. Der Computer macht nichts anderes - nur die Emotionen weglassen. Deine Art Entscheidungen zu treffen IST schon eine solche Art Algorithmus.
      7 1 Melden
    • Joël 06.02.2017 13:06
      Highlight illoOminated: Danke für diese Ausführungen und die Begriffsklärung.
      Die Frage, die sich für mich stellt, ist eher die, ob die Entscheidungen eines computerbasierten Algorithmus' für Menschen irgendwann zu solchen Entscheidungen werden, von denen sie nicht mehr abrücken, weil sie als "valide" erachtet werden. Das würde die Freiheit des Menschen massiv beeinträchtigen. Ich auf jeden Fall hoffe, dass mein Geist, meine Emotionen und mein Verstand zu Entscheidungen fähig bleiben, die nicht linear ableitbar sind von früheren Erfahrungen und/oder Informationen.
      3 1 Melden
    • You will not be able to use your remote control. 07.02.2017 19:42
      Highlight Du triffst den Kern der Sache, du brauchst aber nicht zu hoffen. Dein Fragen schützt dich davor. Auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole, hier ist ein Buch, das dir sicher gefallen wird. Er beschreibt minuti­ös, wie es dazu kommen konnte, dass wir uns heute von Algorithmen steuern lassen: https://de.wikipedia.org/wiki/Ego:_Das_Spiel_des_Lebens
      1 0 Melden
    • Joël 07.02.2017 20:29
      Highlight Danke für den Buchtipp! Ich werde es lesen.
      1 0 Melden
    600
  • kleiner_Schurke 06.02.2017 07:42
    Highlight Jetzt muss man die selbst lernende Software nur noch auf das Nukleare Bedrohungs- und Abschreckungsszenario anwenden und alle Variationen durchspielen lassen und schon... brauchen wir keine Trump mehr um einen 3. Weltkrieg auszulösen. Ich doch toll oder?
    38 17 Melden
    • redeye70 06.02.2017 08:26
      Highlight Erinnert an "War Games" von 1982. Eine Art Prophezeiung?
      16 1 Melden
    • Walter Sahli 06.02.2017 09:13
      Highlight Dieses Szenario wurde bereits 1983 im Film WarGames durchgespielt...
      12 1 Melden
    • lilie 06.02.2017 11:07
      Highlight Idealerweise würde man den einen Kriegscomputer gegen den anderen Kriegscomputer antreten lassen, und während die Computer ihre Strategien immer mehr verfeinern und gegeneinander hochrüsten (natürlich ohne Waffeneinsatz, alles virtuell), könnte die Menschheit ein friedliches und fröhliches Leben leben. 😊
      10 0 Melden
    • kleiner_Schurke 06.02.2017 14:02
      Highlight Das gab es in der Serie Star Treck Next Generation...
      0 1 Melden
    600
  • Filzstift 06.02.2017 07:35
    Highlight Das dürfte dann auch beim Jass funktionieren.
    51 3 Melden
    600
  • qumquatsch 06.02.2017 05:24
    Highlight Meine Meinung nach hat dies auch politische Brisanz, da somit auch der bewiesen wäre, dass Glück im Poker nicht zentral ist...

    Was mir fehlt ist eine Relation zur Gewinnspanne. 1.7 Mio von wieviel Gesamteinsatz?
    78 2 Melden
    • Kilian Fischer 06.02.2017 07:20
      Highlight Glück ist dann wenn der Gegner keine unterstützende Software hat. Kann bei Live-Poker nicht passieren. Und ja, ohne Bankroll oder Starteinsatz ist die Zahl von 1,7M ohne Wert.
      19 3 Melden
    • Luca Regnipuzz 06.02.2017 23:01
      Highlight 14.7 Big Blinds / 100 Hände.
      Ausserdem wurde der Faktor Glück komplett ausblendet. Während der eine menschliche Spieler AA gegen KK spielen durfte, wurde dem nächsten genau umgekehrt KK gegen AA gedealt. Ausserdem wurden Allin-Pots pre, auf dem Flop oder auf dem Turn nicht fertig gedealt, sondern nach Equitiy ausbezahlt. Anzumerken wäre auch noch, dass einige Online-Poker-Anbieter keine Heads-Up-Tische mehr anbieten. Es ist noch kein Bot begannt, der an 6max- oder FullRing-Tischen eine positive Winrate erzielt.
      1 0 Melden
    600
  • Mouker 06.02.2017 03:25
    Highlight Es reizt mich mal gegen Libratus zu spielen. ;)
    11 24 Melden
    • Mia_san_mia 06.02.2017 07:15
      Highlight Dir würde die Lust sicher schnell vergehen wenn Du immer verlierst 😊
      50 0 Melden
    • Pisti 06.02.2017 12:25
      Highlight Du kannst auch gegen mich spielen, ich kann mit deinem Geld definitiv mehr anfangen als dieser Computer! 😎😎😎
      5 0 Melden
    600
  • Sonu 06.02.2017 02:57
    Highlight Toller Beitrag
    49 2 Melden
    600

Facebook erforscht Technologien, um deine Gedanken zu lesen

Es klingt wie Science-Fiction: Facebook arbeitet an Technologien zum Gedankenlesen.

Das weltgrösste Online-Netzwerk stellte bei seiner jährlichen Entwicklerkonferenz F8 ein Projekt vor, das es Nutzern ermöglichen soll, Nachrichten zu verfassen, ohne sie zu schreiben.

Es gehe zum Beispiel um die Möglichkeit, einem Freund eine Textnachricht zu schicken, ohne das Smartphone herauszuholen, sagte Facebook-Managerin Regina Dugan am Mittwoch (Ortszeit) auf der hauseigenen Entwicklerkonferenz F8 im kalifornischen San José. Das aktuelle Ziel sei, auf 100 Worte pro Minute zu kommen.

Dugan …

Artikel lesen