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Comic Sans, Papyrus, Times New Roman, Impact: Verbreitet, verhasst.
Bild: t3n.de

Die vier unpopulärsten Schriftarten der Welt – und wer sie zu verschulden hat

Es gibt in der digitalen Welt Schriftarten, die man kaum bemerkt, so alltäglich sind sie. Andere werden mit Inbrunst gehasst. Das Magazin «t3n» erzählt die Geschichten von vier besonders unbeliebten.

26.09.15, 13:55 27.09.15, 09:26

Andreas Weck / spiegel online 

Ein Artikel von

Viele Designer haben Vorurteile gegenüber bestimmten Schriftarten. Der Grund dafür ist häufig, dass sie von unprofessionellen Anwendern in der Vergangenheit viel zu inflationär eingesetzt und nicht zuletzt aus dem für sie vorgesehenen Kontext gerissen wurden. Comic Sans, Papyrus, Times New Roman oder Impact will heute beispielsweise niemand mehr in individuellen Projekten sehen. Doch auch wenn die Schriftarten heute unbeliebt sind, haben sie alle eine mehr oder weniger sympathische Geschichte zu erzählen. Wir haben uns ein wenige mit den Hintergründen und Werdegängen der oben genannten Schriftarten beschäftigt. Das Wissen hat uns sogar etwas milde gestimmt.

1. Comic Sans

bild: t3n.de

Zu verantworten hat Comic Sans ein Microsoft-Entwickler namens Vincent Connare, der die Schriftart im Jahr 1994 entwickelte. Zur Rettung seiner Ehre muss man jedoch sagen, dass er sie eigentlich gar nicht als Standardschriftart des Microsoft-Betriebssystems erdacht, sondern speziell für ein einzelnes Projekt konzipiert hat. Connare ist etwas unfreiwillig zum Erfinder der wohl meistgehassten Schriftart der Welt geworden. Im Rahmen seines Projektes war Comic Sans jedoch gar nicht so unsinnig.

Der US-Amerikaner war an der Microsoft-Bob-Software beteiligt. Dahinter verbirgt sich ein Programm, das PC-unerfahrenen Nutzern den Zugang zu Computern vereinfachen sollte. Comic Sans war lediglich als freundliche Times-New-Roman-Alternative für die Sprechblasen der Comic-Charaktere konzipiert, die durch die Benutzeroberfläche führten. Da die Texte in Comic Sans jedoch zu gross waren und somit schlussendlich nicht mehr in die Sprechblasen passten, wurde die Schriftart auf Eis gelegt. Ein Jahr später ist sie dann im 3D Movie Maker doch wieder aufgetaucht und kurz darauf im Plus!-Paket von Windows 95 zur Standardschrift erklärt worden.

Gewünscht hat Connare sich das so nicht, stoppen konnte er die Entscheidung jedoch auch nicht. Erst durch Microsofts Entscheidung, den Comic-Sans-Font zur Standardschrift zu machen, haben abermillionen Design-Amateure sie unsachgemäss und unüberlegt eingesetzt. Eine tragikomische Geschichte also.

2. Papyrus

bild: t3n.de

Im Jahr 1982 hat der Grafik-Designer Chris Costello die Papyrus-Schriftart konzipiert. Das anfangs private Projekt sollte ein Ausgleich zu seiner unbefriedigenden Arbeit in einer Werbeagentur sein. Costello gab sich viel Mühe bei der Konzeption. Sein Ziel war es, die englische Sprache so abzubilden, wie sie vermutlich vor 2'000 Jahren im mittleren Osten zu Papier gebracht worden wäre. Daher auch der Name Papyrus.

Insgesamt sechs Monate hat Costello daran gearbeitet. Mit Hilfe eines Kalligrafie-Stiftes und strukturiertem Papier hat er jeden einzelnen Buchstaben handgeschrieben. Die Charaktereigenschaften der Buchstaben werden durch harte Ecken, unregelmässige Kurven und horizontalen Striche definiert. Costello war recht zufrieden mit seinem Werk. Als er die Schriftart jedoch zu verkaufen versuchte, meldete sich von zehn Unternehmen nur eines zurück. Letraset war der erste Abnehmer. Heute gehört die Schrift der US-amerikanischen ITC.

Mit Papyrus verbindet Costello inzwischen eine Hassliebe. Die Schriftart kam sowohl für James Camerons Kino-Klassiker «Avatar» als auch im Logo der Metal-Band «Lamb of God» zum Einsatz. Da Papyrus jedoch ähnlich wie Comic Sans fest in etliche Microsoft-Programme integriert wurde, ist die Schrift mit der Zeit auch in Newslettern und Hypotheken-Werbung aufgetaucht. Für Chris Costello verlor die Schriftart damit ihren anfänglichen Reiz.

3. Times New Roman

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Times New Roman wurde 1931 unter der Regie von Stanley Morison und in Zusammenarbeit mit Victor Lardent für die Zeitung «The Times» konzipiert. Die Schriftart sollte die bis dahin verwendete Times Old Roman ablösen. Ziel war eine robuste, klare und einfach lesbare Schrift, die sich zudem ökonomisch im Platzverbrauch verhält. Das Team benötigte eine 5¼, 7, 7½ und 9 Punkte grosse Schriftart, um die verschiedenen Sektionen in dem gedruckten Medium besser voneinander trennen zu können. Inspirieren lassen hat sich Morison bei der Entwicklung zudem von der Schriftart Plantin.

Times New Roman ist über die Jahre zu einer der wichtigsten Schriften im Verlagswesen geworden. Am 3. Oktober 1932 erschien die erste Times-Ausgabe mit der neuen Schrift. Schon zwei Jahre später wurde das erste Buch gedruckt. Aufgrund des grossen Erfolgs, stiegen dann ziemlich schnell auch die US-amerikanischen Magazine «TIME», «Fortune» und «Life» auf Times New Roman um. Aufgrund neuer Druckmaschinen und verbesserten Papiersorten verabschiedete sich «The Times» jedoch am 23. April 1953 schon wieder von der beliebten Schriftart und wechselte zu Claritas.

Das grosse Revival kam dann in den achtziger Jahren durch Adobe. Man hatte sie als digitale Version in deren ersten PostScript-Interpreter integriert. Als Computerschrift ist Times New Roman zudem in Windows- und Mac-OS-Betriebssysteme standardmässig integriert. Die Schriftart zählt heute zu den bekanntesten und meistverwendeten der Welt. Und genau deshalb wird sie von Designern auch verschmäht. Inzwischen greifen die Experten lieber auf Alternativen wie Georgia zurück.

4. Impact

Bild: t3n.de

Eindruck sollte sie vermitteln, die Impact-Schriftart. Und dabei dem modischen Stil der Sechziger folgen. Entwickelt wurde sie 1965 von Geoffrey Lee und wurde anschliessend von der Stephenson Blake Schriftgiesserei veröffentlicht und verbreitet. Massgeblich inspiriert wurde sie von der Haettenschweiler-Schriftart. Die Geburt von Impact war ziemlich anachronistisch. Entwickelt wurde sie nämlich als Metallschrift in einer Zeit als die Ära eigentlich zu Ende ging. Vielmehr ging der Trend in Richtung Fotosatzverfahren. Zudem waren digitale Methoden im Entstehen.

Aufgrund ihrer dicken Linien und der engen Buchstaben taugt sie überhaupt nicht zum Einsatz in einem Fliesstext – auch wenn das manche Anwender nicht wahrhaben möchten. Allenfalls eignet sie sich für Überschriften. Impact zeichnet sich vor allem durch die besonders grosse x-Höhe aus. Genau wie die Schriftarten zuvor, wurde Impact seit der Integration in Windows und dem Internet Explorer viel zu inflationär genutzt. Zudem ist sie Teil der «Core fonts for the web», wodurch sie überhaupt erst populär wurde – etwa 30 Jahre nach ihrer Entstehung.

Impact wurde seitdem für zahlreiche Kinoplakate genutzt – beispielsweise auch beim Dokumentarfilm «Undefeated», der 2012 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Zudem ziert sie das Logo der «Internet Movie Data Base» (IMDB). Aktive Netz-Nutzer kennen Impact jedoch häufig in einem ganz anderen Kontext: Sie ist die fest etablierte Schriftart für Meme-Anwendungen. Auch und gerade deswegen, hat Impact es heute schwer, sich noch in anderen Kontexten zu behaupten.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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  • atomschlaf 28.09.2015 10:12
    Highlight Weshalb Times New Roman gehasst sein sollte ist mir ein Rätsel. Auf Papier eine sehr angenehme und gut lesbare Schrift.
    Allerdings sollte man sie niemals(!!) für Websites und andere Bildschirmanwendungen verwenden, denn dafür taugt sie überhaupt nicht.
    1 1 Melden
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  • filmorakel 28.09.2015 09:19
    Highlight .
    3 0 Melden
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  • aschgyyge 27.09.2015 21:07
    Highlight was ist mit helvetica?
    2 2 Melden
    • Sir Jonathan Ive 28.09.2015 13:14
      Highlight helvetica wird immernoch von designern verwendet, auch wenn nicht mehr so oft. bis vor einigen wochen war es noch die systemschrift in iOS. und bis übermorgen ist es noch die systemschrift in osx. (allerdings in der variante helvetica neue)
      0 0 Melden
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  • Didihu 26.09.2015 22:01
    Highlight Comic Sans mag ich😋
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    • Don Huber 27.09.2015 07:10
      Highlight Das wollte ich auch gerade schreiben. Weiss gar nicht warum man diese Schrift nicht mag. Ich weiss es evt. Soblad was verspielt aussieht, findet man es schrecklich. Vielliecht ist das Kind in mir grösser als man denkt :-) Ich mag die Schrift.
      3 7 Melden
    • atomschlaf 28.09.2015 10:09
      Highlight Comic Sans passt - für Einladungen zu Kindergeburtstagen oder Grillparties. Aber nicht für irgendwas mit geschäftlichem oder offiziellen Charakter.
      2 0 Melden
    • Don Huber 28.09.2015 12:45
      Highlight Kommt darauf an was für ein Geschäft man hat. Wenn man auf Partyartikel spezialisiert ist, passt sie verdammt gut.
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    • Gelöschter Benutzer 28.09.2015 19:22
      Highlight @Don huber ;D
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  • Gelöschter Benutzer 26.09.2015 15:16
    Highlight Interessanter Artikel, gewisse Enstehungsgeschichten kannte ich noch nicht :)
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  • Howard271 26.09.2015 14:54
    Highlight Also kurz gesagt: sobald das gewöhnliche Fussvolk eine Schrift zu oft benutzt - was ja für deren Beliebtheit spricht-, fühlen sich die Grafiker in ihrem Stolz verletzt und verwenden so etwas hundskommunes nicht mehr.
    25 3 Melden
    • Gelöschter Benutzer 26.09.2015 15:14
      Highlight Nicht ganz aber optisch gesehen, oder z.b im Fliesstext taugen diese Schriften nicht viel. Helvetica wird auch oft benutzt trotzdem ist sie eher Beliebt.
      19 0 Melden
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