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Kein Bock auf «Kack-Russland» – Moskau verbietet Hollywood-Thriller

Der US-Thriller «Child 44» soll in Russland anlaufen, jetzt hat der Kulturminister die Premiere abgesagt. Der Film sei «untragbar», die Stalin-Ära komme zu schlecht weg. Die Medien sekundieren: Die Sowjetunion sehe darin aus «wie Mordor».

16.04.15, 20:56

Benjamin Bidder, Moskau

Ein Artikel von

Die Geschichte Russlands und der Sowjetunion wird für Künstler und Kulturschaffende immer mehr zum verminten Gelände. Das bekommt nun auch Hollywood zu spüren. Am 17. April wird die Produktion «Child 44» anlaufen, in Kinos überall auf der Welt – nur nicht in Russland.

Der Thriller wird aus dem Programm genommen, angeblich in Einvernehmen mit dem russischen Verleiher Central Partnership, hiess es in einem Statement des Kulturministeriums in Moskau. Besorgte Bürger hätten sich nach einer Pressevorstellung an das Ministerium gewandt, wegen «Verzerrung historischer Fakten und der eigentümlichen Auslegung von Ereignissen während und nach dem Grossen Vaterländischen Krieg». So bezeichnet Russland den Zweiten Weltkrieg.

Feierlichkeiten zum Sieg über Nazi-Deutschland am 9. Mai 2014 in Moskau. Bild: EPA

«Child 44» schildert die Geschichte des sowjetischen Ermittlers Leo Demidov (gespielt von Tom Hardy), der gegen alle Widerstände eine Serie von Kindermorden aufklärt. Es ist die Verfilmung eines gleichnamigen Bestsellers des Briten Tom Rob Smith. Die Handlung spielt 1953. Demidov ist Offizier des Geheimdienstes, seine Vorgesetzten wollen aber nichts von einem Serientäter wissen, das widerspreche Stalins Ideologie des «neuen Menschen». Die Morde werden vertuscht, Ermittler Demidov gerät selbst in die Mühlen von Stalins brutalem Terrorregime.

«Russophobie»

Smith liess sich für sein Buch vom Fall des Massenmörders Andrej Tschikatilo inspirieren, der in Russland von 1978 bis 1990 mehr als 50 Menschen tötete, darunter zahlreiche Kinder. Smith verlegte die Handlung in die Zeit von Stalins Herrschaft. In einem Interview sagte der Autor, für ihn sei «eine der Hauptfiguren des Romans das sowjetische Russland, eine ungeheuerliche Mischung aus Horror und Absurdität». In russischen Medien wurde daraufhin der Vorwurf der «Russophobie» laut. Stalins Sowjetunion werde in dem Film dargestellt «wie Mordor und ihre Bewohner wie dreckige, unmoralische feige Orks», schrieb die Zeitung «Kultur».

Smith' Methode ist durchaus kontrovers. Zu einer eigenen Einschätzungen des Films werden viele Russen nun aber nicht mehr selbst kommen können: Das Kulturministerium dekretierte, kurz vor den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Kriegsendes sei der Film schlicht «untragbar». Ausgerechnet in den USA wird der Film übrigens auch stellenweise deutlich kritisiert: Keine einzige grosse Rolle sei mit einem Russen besetzt worden, und das Porträt Russlands arbeite allzu schematisch mit den Mitteln der im Kalten Krieg üblichen Paranoia.

Kein Bock auf «Kack-Russland» – Moskau verbietet Hollywood-Thriller

Der Film thematisiert in der Rahmenhandlung ein weiteres, für Russland sensibles Thema: Ermittler Demidov überlebt als Kind den sogenannten Holodomor, die grosse Hungersnot in der Ukraine Anfang der Dreissigerjahre. Damals kamen Millionen Ukrainer ums Leben. Die ukrainische Regierung sieht darin einen gezielten Völkermord an den Ukrainern, den Stalin geplant habe.

Der englischsprachige Trailer video: youtube/movie trailers

Der Film-Bann trägt erkennbar die Handschrift von Russlands Kulturminister. Wladimir Medinsky positioniert sich zwar als Gegner des Kommunismus (das Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz würde er lieber heute als morgen schliessen lassen), ist aber dennoch ein Hardliner. Anfang des Jahres unterzeichnete er einen Aufruf, in dem die Rede war von einer breit angelegten Kultur-Kampagne des Auslands, um Russlands Ansehen zu beschädigen. «Gegen uns – und das heisst, gegen die Wahrheit – hat ein neuer Blitzkrieg begonnen», heisst es in dem Appell.

Oberster Sittenwächter

Medinsky war bis 2012 Mitglied einer umstrittenen Kommission, die im Auftrag des Kreml gegen «Geschichtsfälschungen zum Nachteil Russlands» vorgehen sollte. Unter seiner Führung hat sich das Kulturministerium zu einer Art oberstem Sittenwächter aufgeschwungen. Sein Ressort will in Zukunft keine Filme mehr fördern, die sein Land als «Kack-Russland» darstellten und «die gewählte Staatsmacht bespucken».

Auch die Freiheit des Theaters wird eingeschränkt. In Nowosibirsk liess das Ministerium nicht nur eine «Tannhäuser»-Inszenierung absetzen, durch die sich orthodoxe Christen beleidigt fühlten, Regisseur und Direktor wurden gleich ganz vor die Tür gesetzt.

Dabei hatte ein Gericht zunächst festgestellt, dass der «Tannhäuser» nicht zu beanstanden sei. Medinsky war das egal: Er liess den Theaterdirektor vom «Gesellschaftsrat» des Ministeriums ins Kreuzverhör nehmen - und gab ihn damit praktisch zum Abschuss frei.

Am Mittwochabend machte der Minister noch einmal unmissverständlich klar, was er von «Child 44» hält. «Solche Filme sollten bei uns nicht in den Kinoverleih kommen und Geld verdienen, weder zum 70. Jahrestag des Sieges noch irgendwann anders.»

Der deutschsprachige Filmtrailer video: youtube/kinocheck

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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  • Dingsda 17.04.2015 00:20
    Highlight Schon interessant wie uns ausgerechnet die USA, in Zeiten der Ukraine-Krise, die Russische Geschichte näher bringen will. Es ist so absurd wie zynisch, wie der grösste Kriegstreiber und Aggressor der jüngeren Geschichte immer wieder durch Propagandafilme wie z.B. "American Sniper" oder "Lone Survivor" sich selbst als tragischen, selbstlosen Helden darzustellen versucht, obwohl ihre Kriegsverbrechen mehr als offensichtlich sind.
    Leider gibt es zu viele Opfer da draussen die sich durch genau solche Filme ihre Meinung bilden
    8 4 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.04.2015 14:08
      Highlight Ja genau, die guten Russen werden die Welt retten und ach du grosse Überraschung auch noch gleich ihr darbendes Volk. Leider gibt es zu viele da draussen die weder historisch noch sonst wie Ahnung haben.
      Filmemacher machen Filme, Filme! Historiker machen Geschichte, Geschichte!
      3 4 Melden

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