Gesundheit

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Prokrastination ist die Krankheit unserer Zeit: Warum uns das ständige Aufschieben depressiv macht

Das Aufschieben, das wir alle kennen, kann krankhaft werden: Menschen, die unter Prokrastination leiden, treiben in einem Teufelskreis aus Hoffnungslosigkeit und verfehlten Zielen.

27.09.15, 21:25

anna miller

Wir tun es alle: Wir schieben Dinge auf. Immer wieder. Wir tragen die leeren Flaschen nicht weg, sammeln E-Mails unbeantwortet in unseren Posteingängen und vergessen, die Grossmutter zurückzurufen.

«Aufschieben hat durchaus seinen Reiz», sagt Urs Braun, leitender Psychologe bei den St.Gallischen Kantonalen Psychiatrischen Diensten. Und sei sinnvoll. Warte man mit einer Handlung ab, erledige sich das Problem manchmal von ganz alleine. «Wenn man den neuen Computer nicht sofort kauft, sondern den Kauf drei Monate hinauszögert, gibt es einen schnelleren Computer oder er ist viel günstiger geworden.»

20 Prozent leiden unter chronischem Aufschieben

Etwa 90 Prozent der Leute würden ab und an wichtige Dinge aufschieben. Das sei ganz normal. Gefährlich werde es dann, wenn das Aufschieben ausser Kontrolle gerät: «Wenn das Aufschieben den Alltag beherrscht, und man seine Ziele nicht mehr erreicht, obwohl man möchte, sollte man sich Hilfe suchen», sagt Braun.

«Aufschieben hat durchaus seinen Reiz.»

Urs Braun, leitender Psychologe, psychiatrische Dienste Kanton St.Gallen

Zweifel am eigenen Wert und ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit stellen sich ein. Dauert der Zustand an, kann es sogar zu einer Depression kommen. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung leiden unter chronischem Aufschieben, im Fachjargon Prokrastination genannt.

Die Prokrastination ist bisher noch keine offizielle psychische Erkrankung. Dementsprechend gibt es bisher kaum systematische Behandlungsansätze, die auf die Behandlung einer isolierten Aufschiebe-Symptomatik abzielen. «Vielmehr ist es so, dass Leute wegen einer Angststörung in Behandlung gehen und man im Rahmen dieser Therapie auch das Aufschieben thematisiert und behandelt», sagt Braun.

Die Angst vor der Aussenbewertung

Im Zentrum des chronischen Aufschiebens stehen die Angst vor der negativen Beurteilung durch Dritte und damit indirekt die Angst, zu versagen. Ob diese Anforderungen von Aussen nun real oder nur vermeintlich sind, ist dabei zweitrangig. Perfektionismus, wie bisher oft angenommen, hat mit chronischem Aufschieben nicht viel zu tun – ein hoher, eigener Anspruch an Topleistungen arbeitet dem Problem eher entgegen.

«Wenn das Aufschieben den Alltag beherrscht, und man seine Ziele nicht mehr erreicht, obwohl man möchte, sollte man sich Hilfe suchen.»

Urs Braun, Psychologe

Angetrieben von der Angst, negativ bewertet zu werden, schiebt man die Aufgabe immer weiter hinaus. Man fühlt sich zwar schuldig, aber auch irgendwie erleichtert, weil die Versagensängste nicht aufkommen. Dazu kommt, dass man seine vermeintlich «freie Zeit» nun mit anderen Aufgaben füllt, die rasch zu erledigen sind und ein klares Erfolgserlebnis bieten. Und so waschen wir plötzlich immer ab oder räumen den Keller auf.

Das Problem ist dabei: Langfristig negative Konsequenzen, wie zum Beispiel eine Jobkündigung oder eine Betreibung, sind in der Regel zeitlich viel zu weit weg, um uns bedrohlich zu erscheinen. Die Erfahrung aber, beim Ausfüllen der Steuererklärung Fehler zu machen, ist viel näher – und die negativen Gefühle kommen viel schneller.

Im Job wie im Privaten

Studien zeigen: Wer im Studium oder Job prokrastiniert, tut es auch im Privaten. «Natürlich sind im Job Grenzen gesetzt», sagt Urs Braun. «Wer in der Lehre oder im Job immer alles hinausschiebt, wird schnell rausgeworfen.» Deshalb könne das Aufschieben in festen Strukturen weniger Raum einnehmen.

«Die Betroffenen finden ausserdem im Allgemeinen oft gute Ausreden für ihr Verhalten», so Braun. Man sage dann, «so bin ich halt», oder, «ich arbeite so effizienter».

Tatsächlich müssen Menschen, die Dinge länger aufschieben, die Arbeit innert viel kürzerer Zeit erledigen als ihre Kollegen, die nicht unter Prokrastination leiden. Die Zweifel aber bleiben. Das ist wohl das grösste Paradox des ewigen Aufschiebens: Die Betroffenen wollen unbedingt gute Leistungen erbringen, sind mit dem Ergebnis danach aber nur selten zufrieden. Warum sie aufschieben, ist den meisten dabei völlig schleierhaft.

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783 Votes zu: Prokrastination – kennst du das ständige Aufschieben wichtiger Dinge?

  • 3%Prokrasti... was? Noch nie gehört.
  • 60%Oh ja. Ich leide sehr unter meiner «Aufschieberitis».
  • 4%Nein, ich erledige immer gleich alles sofort.
  • 32%Ich kenn das – wie die meisten unter uns. Aber ich kann damit gut leben.

Was hilft?

«Klare Stukturen, klare Abmachungen helfen, aus dem Kreis auszubrechen», sagt Braun. Und eine emotionale Verpflichtung gegenüber Drittpersonen. «Hängen andere Leute von meiner Arbeit und meinem Erscheinen ab, bin ich eher verpflichtet, meine Aufgaben zu erledigen – sonst leidet die ganze Gruppe», so Braun.

«Prokrastinierer sind nicht weniger fleissig oder weniger klug als andere Leute.»

Urs Braun, leitender Psychologe, Psychiatrische Dienste St.Gallen

Man müsse lernen, sich selbst eine feste Struktur zu geben und diese auch einzuhalten. «Prokrastinierer sind nicht weniger fleissig oder weniger klug als andere Leute», sagt Braun. Sie hätten nur Mühe, ihre Absichten auch in die Tat umzusetzen. Man solle sich in Erinnerung rufen, warum die Aufgabe ursprünglich gelöst werden sollte. Und sich bewusst machen, wovor man eigentlich Angst habe. «Das Wichtigste: Bleiben Sie sitzen. Halten Sie Ihrem Drang stand, die Tätigkeit abzubrechen. Ziehen Sie eine Aufgabe durch.»

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  • Fango 27.09.2015 23:27
    Highlight Was zum teufel ..
    Wenn man nichts mehr findet, erfindet man einfach etwas ??
    Aufschiebe.. Was ??
    Alles was recht ist .. Was möchte man noch alles "vorschieben" um sich selbst nicht rechtfertigen zu müssen ??

    Langsam entwickel ich eine Angst gegen meine Fingernägel .. Ich will doch hoffen, dass es dafür auch schon eine Krankheitsbezeichnung gibt.. Langsam hört es aber echt auf ...
    1 72 Melden
    • Ton 28.09.2015 02:37
      Highlight Und das da oben war ein Beispiel, was passiert, wenn man die Deutschaufgaben stets bis zwei Uhr morgens hinausgeschoben hat und es dann sein gelassen hat. :-)
      26 0 Melden
    • 's all good, man! 28.09.2015 08:32
      Highlight Schön, dass du grad ein gutes Beispiel dafür ablieferst, warum es notwendig ist, dass über psychische Krankheiten noch viele solcher Artikel verfasst werden müssen, um offenbar notwendige Aufklärungsarbeit zu leisten. Nur, weil du dir das nicht vorstellen kannst, heisst es noch lange nicht, dass eine solche Erkrankung nicht existieren würde.
      23 1 Melden
    • Fango 28.09.2015 12:00
      Highlight Schön.. Ich schiebe auch auf .. Das ist aber keine "krankheit" .. Und mir ist bewusst, dass meine Ausführung manchen vor den Kopf schlägt. So können sie schön weiter machen mit "ich kann nix dafür, ist halt ne krankheit" .. Und was die tollen psychologen betrifft.. Frag 10 und es gibt 8 unterschiedliche Meinungen .. Dieser ganze Psycho-Hype ist masslos übertrieben ..
      0 18 Melden
    • 's all good, man! 28.09.2015 13:25
      Highlight @Fango
      Lies den Artikel nochmals. Etwas mehr oder etwas weniger aufschieben tut jeder von uns, das ist ja auch kein Problem. Zu einem solchen wird es dann, wenn es eben krankhaft wird und den Alltag ernsthaft zu beeinträchtigen beginnt. Das ist bei vielen psychischen Leiden so wie Depressionen, Phobien, Suchterkrankungen, etc. Aber eben, nur weil man es sich nicht vorstellen kann...

      Es gibt glaub ich nicht unbedingt mehr psychische Erkrankungen als früher, es wird nur mehr darüber geredet und die Medizin macht auch ihre Fortschritte. Versuch es mal aus dieser Perspektive zu betrachten.
      8 0 Melden
    • Fango 28.09.2015 16:48
      Highlight @all good

      Ich brauch das nicht nochmal lesen .. Ich weiss, worum es geht..
      Ich jedoch bin der Meinung, dass heute viel zu viel als entschuldigende "krankheit" deklariert wird .. Meine güte .. Dieses ganze kundheitsgedöns.. "Niemand hat mich lieb" getue, depries, angst vor neuem, angst vor altem, angst vor dreck, angst vor wasser, luft, bakterien etc.

      Sorry.. Ich vertrete hier klar die Meinung: das passiert nur, weil man es akzeptiert und unterstützt .. (Oder fördert? ) vieles sind fuer mich "konstruierte" krankheiten ..
      0 12 Melden
  • ylva 27.09.2015 23:01
    Highlight zu diesem artikel geb ich dann später mal meinen senf dazu.
    60 2 Melden
  • niklausb 27.09.2015 22:45
    Highlight den Artikel kann ich auch später noch lesen ;-)
    21 1 Melden
  • The Destiny 27.09.2015 22:35
    Highlight Irgendwie erinnert mich der Artikel an meine Einzahlungen...oh 27. wird morgen erledigt. <.< , wenn ich sie denn noch finde xD
    20 0 Melden
  • The Destiny 27.09.2015 22:31
    Highlight @watson, Artige neu aufgelegt ?
    Irgendwie kommt mir das ganze bekannt vor... möglicherweise hab ichs aber auch von einer anderen Zeitung.
    3 0 Melden
    • The Destiny 27.09.2015 23:45
      Highlight whups typo, "Artige neu aufgelegt ?"
      Artikel*
      2 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 27.09.2015 21:55
    Highlight Warum wird das Problem bei denen gesucht, die prokrastinativ handeln und nicht bei den Rahmenbedingungen, die teilweise dafür verantwortlich sind.
    Wir leben auch in einer Zeit, das alles was im ökonomischen Getriebe nicht passt, pathologisiert wird. Die Psychologie ist aber nicht mehr die Leitwissenschaft unserer Zeit, obwohl das viele noch glauben wollen.
    40 6 Melden
    • dracului 28.09.2015 08:17
      Highlight Die Reize von aussen und die permanente Ablenkung sind heute gigantisch. Man kann den ganzen Tag beschäftigt sein und doch nichts tun oder erreichen. Pianist wird man nicht, wenn man das Üben aufschiebt. Ein Gelehrter wird man nicht durch das Studium von Facebook und co. Prokastinieren hat vorwiegend damit zu tun, dass es uns schwerfällt, uns auf ein Thema einzulassen, andere Dinge zu ignorieren und damit ein selbst gesetztes Ziel zu erreichen. Was ist mein Ziel, meine Ambition? Ohne Ziel komme ich nie irgendwo an und ich weiss nicht, wie ich meine verfügbare Zeit priorisieren soll.
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