Gesundheit

Ein weiterer Schritt in der Reproduktionsmedizin: die Gebärmuttertransplantation.
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Die Medizin macht's möglich: Mutter werden mit Mutters Gebärmutter

Vor wenigen Jahren klang es noch wie eine Fantasie: Heute haben bereits vier Frauen ein Kind zur Welt gebracht, nachdem ihnen eine Gebärmutter transplantiert wurde.

18.12.15, 09:50

Nina Weber / spiegel online

Ein Artikel von

Es war eine Patientin, die Mats Brännström auf die Idee brachte. «Können Sie mir nicht eine Gebärmutter implantieren?», fragte sie den Arzt; das war im Jahr 1998. Das Organ musste der jungen Frau wegen einer Krebserkrankung entfernt werden, aber ihr Kinderwunsch war gross. Der Gynäkologe konnte ihr nicht helfen. Die Idee liess ihn jedoch nicht mehr los.

Im Herbst 2014, nach vielen Jahren Forschung, kamen in Schweden die ersten Babys zur Welt, deren Mütter von genau diesem Eingriff profitiert hatten – durchgeführt von Brännström.

Über die erste Geburt berichtete das Team um den Spezialisten von der Universität Göteborg im Fachmagazin The Lancet. Inzwischen sind vier Kinder geboren. Eine fünfte Patientin ist schwanger, der Stichtag ist im Januar, berichtete Brännström kürzlich auf dem Kongress des Dachverbands Reproduktionsbiologie und -medizin in Hamburg.

Ethisch nicht unproblematisch

Es ist ein medizinischer Fortschritt, der unglaublich klingt. Und der durchaus ethische Fragen aufwirft: Darf man Spenderin und Empfängerin der mit Risiken behafteten Transplantation unterziehen, obwohl hier kein Leben verlängert wird – wie etwa durch Herz-, Nieren- oder Lebertransplantationen? Wenn es lediglich darum geht, dass sich eine Frau ihren Lebenswunsch erfüllen kann, selbst Mutter zu werden?

In Schweden hat man das mit ja beantwortet. In den USA planen Ärzte in den kommenden Jahren ebenfalls Transplantationen – allerdings nicht von lebenden Spenderinnen, sondern von Toten, wie die New York Times vor wenigen Wochen berichtete.

Nicht einmal zehn Jahre ist es her, dass sich mehrere deutsche Experten extrem skeptisch zum Thema Gebärmuttertransplantation geäussert hatten. Es sei weit entfernt von der ethischen Umsetzbarkeit und einer vorstellbaren Realität, ist eines der Zitate in einem Artikel auf Spiegel Online aus dem Jahr 2007. Damals hatte ein Chirurg in den USA angekündigt, er plane solche Eingriffe. Deutsche Ärzte vermuteten, es werde «sicherlich eine komplikationsreiche Schwangerschaft» und sagten, «mit solchen Experimenten darf man Frauen keine falschen Hoffnungen machen».

Falsche Hoffnungen haben Brännström und Kollegen nicht gesät – und sie haben auch nichts überstürzt. Bevor sie die ersten Frauen operierten, perfektionierten sie die Methode in Tierversuchen. Zuerst prüften sie bei Mäusen, ob die Transplantation überhaupt glückt. Später verfeinerten sie die Prozedur bei Schweinen und Schafen.

Um die OP bei einem Tier mit möglichst ähnlicher Anatomie zu erlernen, unterzogen sie Paviane der Prozedur. Und sie untersuchten bei Ratten, ob es Auswirkungen auf die Nachkommen hat, wenn diese in einer transplantierten Gebärmutter heranwachsen. Ohne diese Tierversuche, sagt Brännström, wäre es nicht möglich gewesen, das Verfahren zu entwickeln.

Nach der Menopause ein «nutzloses» Organ

Erst nach all diesen Versuchen hat das Team um Brännström in einer ersten Studie insgesamt neun Frauen eine Gebärmutter transplantiert. Sie waren zwischen 27 und 38 Jahre alt und hatten allesamt keinen Uterus. Acht der Frauen waren so geboren worden, bei der neunten musste das Organ wegen einer Krebserkrankung entfernt werden.

Die eigene Mutter kommt als Spenderin in Frage.
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Sie alle hatten selbst eine Spenderin mitgebracht: in fünf Fällen die Mutter, in je einem Fall auch eine Tante, Schwester, die Schwiegermutter sowie eine langjährige Freundin der Familie. Als Spenderinnen, so erklärt Brännström, kamen nur Frauen infrage, die selbst ein Kind zur Welt gebracht und ihre Familienplanung abgeschlossen hatten. Mehrere Spenderinnen hatten die Wechseljahre schon hinter sich. Das Organ zu verlieren, sei gesundheitlich kein Problem, sagt Brännström. Die Gebärmutter produziere keine Hormone, erfülle keinen weiteren Zweck jenseits der Menopause.

Nach der Transplantation entwickelten die Patientinnen einen regelmässigen Monatszyklus. Die Ärzte griffen allerdings auf künstliche Befruchtung zurück. Beim Einpflanzen der Gebärmutter hatten sie diese nicht mit den Eierstöcken verbunden, unter anderem, um nicht das Risiko einer Eileiterschwangerschaft einzugehen. Die Eizellen für die in-vitro-Fertilisation hatten sie den Patientinnen vor der Transplantation entnommen.

Ein Transplantat auf Zeit

Natürlich bergen die Operationen Risiken: Eine der Spenderinnen entwickelte eine Fistel, die entfernt werden musste. Und bei zwei Empfängerinnen musste die Gebärmutter aufgrund von Komplikationen wieder entnommen werden, bevor eine künstliche Befruchtung möglich war.

Damit ihr Körper die fremde Gebärmutter nicht abstösst, müssen die Frauen Medikamente schlucken, die ihr Immunsystem unterdrücken – wie alle Menschen, die mit einem transplantierten Organ leben. Der Unterschied zu anderen Organempfängern: Sobald die Frauen wie gewünscht Mütter geworden sind und keine weiteren Kinder wollen, können Ärzte die Gebärmutter wieder entfernen. Dann können auch die Immunsupressiva abgesetzt werden. Bei einer der neun Patientinnen ist dies bereits passiert.

Nicht jede der Schwangerschaften verlief ohne Komplikationen, zwei der Frauen entwickelten eine durchaus gefährliche Präeklampsie – sie besassen allerdings auch beide nur eine Niere. Aber die geborenen Kinder sind allesamt gesund und ihren Müttern geht es ebenfalls gut.

Nächster Schritt: Eine Gebärmutter züchten

Brännström und Kollegen planen, 2016 ein Zentrum zu eröffnen, in dem europäische Patientinnen, die eine Spenderin haben, sich dem Eingriff unterziehen können. Er schätzt die Kosten für Operationen und Nachsorge auf mindestens 50'000 Franken pro Patientin.

Die Zukunft sieht der Arzt allerdings nicht im heutigen Verfahren. Er glaubt, es wird lediglich einen Zwischenschritt markieren, bis man in der Lage ist, aus Zellen der Patientinnen eine Gebärmutter zu züchten.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Es gibt kein Risiko für Spenderinnen, es ist keine Unterdrückung des Immunsystems bei den Patientinnen nötig. Klingt unglaublich? Immerhin gibt es schon einige Ansätze, Organe zu züchten. Und als weit entfernt von einer denkbaren Realität galt vor wenigen Jahren auch die Idee, dass Frauen nach einer Gebärmuttertransplantation Kinder zur Welt bringen.

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Brikne, 20.7.2017
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  • Homoridens 19.12.2015 21:19
    Highlight Ja, es ist sehr progressiv und lebensnah, aber man wird noch eine geraume Zeit vergehen, bis diese Transplation der inzwischen gängigen Leihmutterschaft gewachsen wird. 2014 wurde meine Schwester auch Mutter , indem sie eine Agentur in der Ukraine gefunden hatte. Sie und ihr Mann haben zwei Jahre "versucht"., bis es zu positiven Ergebnis ausgefallen ist.
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