Gesundheit
This Oct. 7, 2013 photo provided by Jeremy Writebol show his mother, Nancy Writebol, with children in Liberia. Writebol is one of two Americans working for a missionary group in Liberia that have been diagnosed with Ebola. Plans are underway to bring back the two Americans from Africa for treatment. (AP Photo/Courtesy Jeremy Writebol)

Missionarin Nancy Writebol aus den USA. Bild: AP/Jeremy Writebol

Angesteckte US-Bürger

Riskantes Experiment: Serum gegen Ebola könnte US-Patienten gerettet haben

Der Arzt Kent Brantly und die Missionarin Nancy Writebol aus den USA sind die ersten Menschen, an denen jemals ein Serum gegen Ebola getestet wurde. Möglicherweise hat ihnen das experimentelle Mittel das Leben gerettet.

05.08.14, 17:01 05.08.14, 17:20

 Cinthia Briseño / spiegel

Ein Artikel von

Grassiert eine Seuche, lassen ethische Dilemmas selten auf sich warten. Häufig brechen Epidemien in jenen Ländern der Welt aus, in denen es um die Infrastruktur der Gesundheitsversorgung schlecht bestellt ist und in denen es an Geld mangelt, um Erkrankte mit den besten zur Verfügung stehenden Mitteln zu behandeln.

Aids beispielsweise tötet jährlich südlich der Sahara insgesamt etwa eine Million Menschen, während in Europa durchschnittlich weniger als zehntausend daran sterben. Das Dilemma, das sich jetzt nach dem Ausbruch der Ebola-Epidemie in Westafrika offenbart, ist ein ähnliches: Welcher Patient bekommt ein Medikament, das sich im Tierversuch als erfolgreiches Mittel im Kampf gegen die tödliche Infektion erwiesen hat?

In diesem Fall sind es zwei US-Bürger: Der Arzt Kent Brantly und die Missionarin Nancy Writebol, die beide für die Hilfsorganisation Samaritan's Purse in Liberia waren, um Ebola-Patienten zu helfen und die sich dort selbst mit dem lebensgefährlichen Virus infiziert hatten. Sie bekamen ein Serum verabreicht, das sie möglicherweise vor dem Tod gerettet hat.

Der Arzt Kent Brantly. Bild: Getty Images Europe

«Ich bleibe hoffnungsvoll und glaube, dass Kent von dieser schrecklichen Krankheit geheilt wird», sagt Amber Brantly, die Frau des infizierten US-Arztes, der in die USA ausgeflogen wurde und derzeit in einer speziellen Isolierstation am Emory University Hospital in Atlanta behandelt wird. Auch Nancy Writebols Sohn Jeremy ist erleichtert und sagt in einem Interview mit der «Washington Post», er sei optimistisch, dass seine Mutter die Erkrankung überstehen werde. Ihr Zustand hat sich ebenfalls gebessert, die Missionarin soll am Dienstag in Atlanta landen.

Nach einem Bericht des Senders CNN erhielten beide das Serum noch während sie in Liberia waren: Brantly, der sich demnach erstmals am 22. Juli fiebrig fühlte, ging es vergangene Woche so schlecht, dass er seine Frau anrief, um sich von ihr zu verabschieden. Der Arzt konnte kaum noch atmen, ein Hautausschlag bedeckte grosse Teile seines Körpers. Dann gaben ihm Ärzte das Serum, das aus den USA eingeflogen worden war. Binnen einer Stunde verbesserte sich sein Zustand schlagartig. Brantly konnte wieder atmen, sein Ausschlag klang ab. Angeblich konnte er sich vor dem langen Flug in die USA sogar noch duschen. 

Während die einen von einem Wunder sprechen, wittern die anderen eine Verschwörung. Auf Kanälen wie Twitter und in vielen Medien ist von einem «Geheimserum» die Rede, das «plötzlich» aufgetaucht sei und ausgerechnet nur den US-Patienten verabreicht werde, während Hunderte Menschen in Westafrika ebenfalls mit dem Ebola-Virus infiziert sind und um ihr Leben kämpften.

Serum ist ein Cocktail aus drei Antikörpern

Doch so einfach ist es nicht. Bei dem vermeintlichen Geheimserum handelt es sich um sogenannte monoklonale Antikörper, die von der US-Firma Mapp Biopharmaceutical Inc. aus San Diego hergestellt wurden. 2012 erschien erstmals eine Studie in den «Proceedings of the National Academy of Sciences», die die Wirkung des Serums beschreibt. Der Cocktail namens MB-003, auch ZMapp genannt, besteht aus drei verschiedenen Antikörpern. Diese richten sich jeweils gegen bestimmte Proteinstrukturen auf der Oberfläche von Ebola-Viren und werden mithilfe der Tabakpflanze Nicotiana benthamiana produziert. 

In einer Studie an Tieren konnte Mapp Biopharmaceutical nachweisen, dass MB-003 offenbar Ebola-Viren daran hindert, sich zu vermehren: Die Forscher infizierten Affen (Makaken) zunächst mit den Viren, um sie anschliessend 24 und 48 Stunden nach der Infektion mit MB-003 zu behandeln. Vier der sechs Tiere überlebten und zeigten nur schwache Anzeichen einer Erkrankung. In einem zweiten Versuch, den das Team um Larry Zeitlin 2013 in «Science Translational Medicine» veröffentlichte, verabreichten die Forscher den Affen das Serum erst, nachdem die ersten Anzeichen des lebensbedrohlichen Ebola-Fiebers ausgebrochen waren. Drei der sieben Tiere überlebten diesen Versuch.

Thomas Geisbert von der University of Texas, einer der führenden Ebola-Forscher in den USA, sagte bereits vor einigen Tagen, dass er das Serum für einen der aussichtsreichsten Kandidaten für die Behandlung von Ebola hält. Dennoch zeigt er sich angesichts der euphorischen Berichte über die Wunderheilung der US-Patienten eher irritiert: «Ich wäre begeistert, wenn das Produkt wirklich geholfen hat, diese Menschen zu retten», sagt Geisbert der «Los Angeles Times», man müsse mit solchen Aussagen aber sehr vorsichtig sein. «Zu sagen, die ganze Sache habe sich innerhalb einer Stunde erledigt. Das passiert nicht in der Realität.» Das geschehe nur im Film.

Auch Anthony Fauci, Direktor des US-National Institute of Allergy and Infectious Disease (NIAID) in Hamilton mahnt zur Besonnenheit: Es sei das erste Mal gewesen, dass das Serum im Menschen getestet worden sei. Und es sei schwer zu sagen, ob das Medikament wirklich gewirkt habe. Wenn man aber nur einen Patienten habe, habe man nichts, womit man die Behandlung vergleichen könne. «Man kann keine definitive Aussage darüber treffen.»

Da es sich um ein experimentelles Medikament handelt, dessen Sicherheit noch nicht in Humanstudien getestet ist, sind die verfügbaren Mengen laut Mapp noch sehr gering. Unklar ist, auf welchem Wege die US-Patienten in Liberia an das Serum gekommen waren. Medienberichten nach hatte die Hilfsorganisation Samaritan's Purse über Mitarbeiter von US-Gesundheitsbehörden in Liberia einen inoffiziellen Kontakt zu Mapp erhalten. Die Firma arbeitet derzeit nach eigenen Angaben eng mit den Behörden zusammen, um die Herstellung des Serums so rasch wie möglich in grösserem Massstab zu ermöglichen.

Unklar ist derweil auch, ob Brantly und Writebol in Atlanta weiterhin mit dem Serum behandelt werden könnten: Während in Liberia die behandelnden Ärzte offenbar lediglich das Risiko, an Ebola zu sterben, mit dem möglichen Risiko einer lebensgefährlichen Immunreaktion auf das Serum abwägen mussten, bedarf es auf US-Boden einer speziellen Genehmigung der Zulassungsbehörde FDA, um das experimentelle Medikament bei Patienten anwenden zu können. Bisher hat sich die Behörde nicht weiter dazu geäussert, ob ein entsprechender Antrag vorliegt.

Jeremy Writebol aber glaubt, dass seine Mutter Nancy nicht nur in Westafrika unzähligen Menschen helfen konnte. Sie könne durch den experimentellen Heilversuch möglicherweise noch unzähligen anderen sowie bei der Entwicklung eines Medikaments helfen, sagt Writebol, wenn die Forscher herausfinden, wie ihr Körper auf das Serum reagiert. 

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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