Griechenland

Giannis Varoufakis an einem Treffen der EU-Finanzminister am 10. März. Bild: YVES HERMAN/REUTERS

Griechischer Finanzminister Varoufakis bei Günther Jauch: Vom Schmusekurs zum Stinkefinger

Fake-Vorwürfe und Schmusekurs: Auf dem Höhepunkt des Schuldenstreits hat sich Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis der deutschen Fernsehnation gestellt. Die Debatte war hitzig – und nicht immer sachlich. 

16.03.15, 08:42 16.03.15, 15:29

Peter Maxwill / spiegel online

Ein Artikel von

Die ARD hatte offenbar auf eine Talkrunde im Stile mittelklassiger Gerichtsshows spekuliert. «Der Euro-Schreck stellt sich», so kündigte der Sender den Auftritt von Giannis Varoufakis bei Günther Jauch an. Doch auf die Rolle als Angeklagter hatte der griechische Finanzminister ganz offenbar wenig Lust. Der aus Athen ins TV-Studio geschaltete Syriza-Politiker versuchte es stattdessen abwechselnd mit Pathos, Intellekt – und einer Verschwörungstheorie. 

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Der Überblick über den Griechenland-Talk:

1. Was war der Aufreger der Sendung?

Klarer Fall: Das Stinkefinger-Video. Moderator Jauch konfrontierte Varoufakis mit einer Filmaufnahme, die den Politiker im Mai 2013 bei einer Rede im kroatischen Zagreb zeigen soll. Darin sagt Varoufakis mit Blick auf die Eurokrise, dass Berlin die Probleme alleine regeln könne und Griechenland bereits 2010 Deutschland den Stinkefinger hätte zeigen sollen – den er dabei in Richtung der Kamera streckt. 

Bei Jauch behauptete Varoufakis nun allerdings, dass dieser Film gefälscht sei: «Das ist ein unechtes Video!», blaffte er in die Kamera. Was an den Fälschungsvorwürfen dran ist, war Jauch zufolge am Ende der Sendung noch nicht geklärt – aber: Man werde prüfen, «ob es da tatsächlich irgendwelche finsteren Mächte» gegeben habe. Alessandro del Prete, der Kameramann, der Varoufakis' Auftritt 2013 aufnahm bestritt am Sonntagabend via Twitter vehement, dass das Video gefälscht sei.

In jedem Fall ging in der Sendung unter, dass sich Varoufakis bei diesem Auftritt vor zwei Jahren auf das Jahr 2010 bezog. Er sprach damals also weder als Minister noch über die derzeitige Lage.

«Wir haben die moralische Verpflichtung, dafür zu sorgen, das Projekt Europa am Leben zu halten.»

Giannis Varoufakis

2. Welche Strategie verfolgte Varoufakis?

Offenbar hatte sich der Finanzminister vorgenommen, als überzeugter Europäer aufzutreten: «Wir haben die moralische Verpflichtung, dafür zu sorgen, das Projekt Europa am Leben zu halten», sagte er. Zugleich erklärte er es zum höchsten Ziel, «Europa und die Eurozone zu den Vereinigten Staaten von Europa weiterzuentwickeln» und versicherte seine Hochachtung vor seinem deutschen Amtskollegen Wolfgang Schäuble. Spätestens nach dem Stinkefinger-Eklat war die Schmusekurs-Strategie jedoch ramponiert.

«Mir scheint, der Minister habe Weichspüler geschluckt oder Kreide gefressen.»

Bild-Kolumnist Ernst Elitz

3. Wer waren Varoufakis' Gegner?

Bayerns Finanzminister Markus Söder und «Bild»-Kolumnist Ernst Elitz wetteiferten wohl darum, wer härter mit Varoufakis ins Gericht zu gehen bereit ist. «Die Deutschen stehen eher hinter Wolfgang Schäuble als hinter Ihnen», giftete Söder in Richtung Varoufakis. Elitz urteilte über die Rhetorik des Griechen: «Mir scheint, der Minister habe Weichspüler geschluckt oder Kreide gefressen.» CSU-Mann Söder: «Jeder muss seine Schulden selber zahlen und nicht Deutschland für alle!» Daraufhin verliess Varoufakis seinen diplomatischen Kurs und sinnierte über die Möglichkeit, dass «die CSU eine Kampagne starte, unsere Regierung zu strangulieren.» Da endlich intervenierte Moderator Jauch: «Möglicherweise überschätzen Sie da die Macht der CSU.»

4. Wann wird Griechenland das Geld ausgehen?

In diesem Punkt gab sich der wortgewandte Grieche unpräzise. Solche «Liquiditätsprobleme» sollten «Europa nicht auseinander treiben», sagte er, und: «Unsere Absicht ist es, alles Mögliche zu unternehmen, damit wir alles zurückzahlen können.» Unterstützung bekam Varoufakis vom dritten Studiogast, der «taz»-Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann. Sie hob hervor, dass Griechenland in den vergangenen Jahren die Milliarden der Geldgeber primär aufgewendet habe, um Schulden etwa in Berlin und Paris zu begleichen – und aus diesem Teufelskreis nicht ausbrechen könne. Ihre Diagnose: «Das Geld ist weg.»

5. Wie steht Varoufakis zu den umstrittenen Reparationszahlungen?

Athen fordert von Deutschland unter anderem Reparationszahlungen für NS-Kriegsverbrechen aus den 40er-Jahren sowie die Rückzahlung eines Zwangskredits aus der Besatzungszeit. Nachdem vieles darauf hindeutet, dass der Streit juristisch für Griechenland kaum zu gewinnen ist, gab sich Varoufakis nun einigermassen versöhnlich: «Da geht es nicht um Geld, das ist eine moralische Frage», sagte er. Das Thema sei für viele Griechen keineswegs abgehakt, daher wünsche er sich von Deutschland eine Zahlung in diesem Zusammenhang – «von mir aus zumindest einen Euro

6. Erpresst Athen das restliche Europa?

Den Vorwurf, Athen überziehe Europa mit «Erpressungsversuchen», äusserte Journalist Elitz. Varoufakis sieht das aber augenscheinlich nicht so – und fiel zu diesem Zweck sogar seinem Kabinettskollegen in den Rücken: Verteidigungsminister Panos Kammenos von den rechtspopulistischen «Unabhängigen Griechen» hatte damit gedroht, Flüchtlingen und IS-Extremisten Papiere für eine Weiterreise nach Berlin auszustellen. Dazu Varoufakis: «Wenn er das gesagt hat, kann ich das nur aus ganzem Herzen verurteilen.»

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  • Gelöschter Benutzer 16.03.2015 11:55
    Highlight Italiens Berlusconi lässt grüssen. Provokation ist die heutige Art zu politisieren. Kennen wir doch zu gut aus der Schweiz. Oder?
    6 3 Melden
    • tom99 16.03.2015 13:03
      Highlight Das ist richtig... nur lernen wir absolut nichts daraus und steuern immer mehr in eine zentral-europäisches Griechenland: Immer mehr beamte, immer mehr Menschen, die keine Wertschöpfung mehr generieren sondern nur noch vom Staat leben, immer mehr Stänkerer, die gegen alles sind, was wirklich Geld verdient (und auch versteuert) Neid, Klassenkampf gegen alles, was uns unseren Wohlstand gebracht hat... Zum Glück haben wir noch ein paar wenige Parteien, die dagegen halten.. und am Schluss das Volk, welches (noch) mehrheitlich richtig entscheidet.
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    • Gelöschter Benutzer 17.03.2015 09:34
      Highlight @tom99 Wir können nur aus unseren eigenen Fehler lernen.
      Dass es immer mehr Leute gibt, die keine Wertschöpfung mehr generieren müssten Sie mir schon von Ihrer Warte aus genauer definieren und benennen.

      Für mich ist Wertschöpfung auch
      - Freiwilligenarbeit
      - Kindererziehung und Nestpflege durch die Eltern
      - Turnvereine, Gesangsvereine etc.
      - Umweltpflege (Stopp dem Güsel in der Umwelt Zigi etc.)

      Börsenspekulation, Spekulationen auf den Schultern der Schwächeren (Mittel zum Leben).
      Betriebe aufkaufen und aushöhlen und sich bereichern

      Dies sind heute anerkannte und geile Wertschöpfungen.
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