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Verloren zwischen Wut und Angst – ein Augenschein in Nizza

Bild: EPA/EPA

Nach dem Attentat von Nizza ruft die Regierung zu Einigkeit auf – doch die fällt den Franzosen immer schwerer. Die politischen Lager feinden sich an. Profitieren könnte der Front National.

18.07.16, 06:54 18.07.16, 10:32

Katharina Graça Peters, nizza / Spiegel online

Ein Artikel von

Jeder trauert auf seine Weise. In Nizza stimmen einige Menschen vor den Blumen für die Opfer des Attentats die Marseillaise an. Andere schweigen. Und wieder andere suchen Trost in der Kirche.

Bei der Messe an diesem Sonntag versucht der Pfarrer all jenen Beistand zu geben, die sich verloren fühlen. Mehr als hundert Menschen haben seine Hilfe gesucht in den vergangenen Tagen, viele sind nicht nur traurig, sondern wütend. Und so mahnt der Geistliche, sie sollten, trotz allem, gastfreundlich und weltoffen bleiben, dem Unmenschlichen die Menschlichkeit entgegensetzen. Der Attentäter dürfe «nicht das letzte Wort haben».

Auch Staatschef François Hollande betonte nach dem Angriff: «Frankreich wird immer stärker sein, als die, die uns treffen wollen.»

Hollande ist Präsident, er muss Entschlossenheit zeigen, er muss seine Landsleute aufrichten. Aber Worte können sich abnutzen. Denn die Franzosen müssen innerhalb von 18 Monaten das dritte schwere Attentat verkraften. Die Bluttat von Nizza hat einmal mehr deutlich gemacht, dass es jeden treffen kann, immer, überall. Und vielleicht gerade in einem Moment sommerlichen Glücks, wenn nach einem Strandtag Feuerwerke den Himmel erleuchten.

«Wenn er sagt, dass der Feind nicht gewinnen wird, habe ich den Eindruck, das schon zehnmal gehört zu haben», so Christian Estrosi, früherer Bürgermeister von Nizza und nun Regionalpräsident. Er gehörte damit zu jenen konservativen Kritikern, die der sozialistischen Regierung nicht einmal 24 Stunden nach dem Attentat Versagen vorwarfen. Die Debatte wird scharf geführt, die von Hollande und seiner Regierung eingeforderte politische Einheit zerfällt.

Auch in die Trauer der Menschen in Nizza mischen sich Wut und Angst. Wut nicht nur auf den Attentäter, sondern auch auf die Politik, die den Horror nicht verhindern konnte. Die nicht verhindern konnte, dass so viele Kinder sterben oder fürs Leben gezeichnet sind nach dem, was sie auf der Promenade erleben mussten. Zugleich haben die Menschen Angst vor weiteren Angriffen.

Polizisten patroulieren an der Promenade des Anglais in Nizza. Bild: IAN LANGSDON/EPA/KEYSTONE

Und Wut und Angst sind der Nährboden für die Populisten vom Front National.

Im Süden Frankreichs ist die rechte Partei seit langem stark. Sie stützt sich auf die vielen katholischen und konservativen Wähler in einer Gegend, die zwar mit der schillernden Côte d'Azur und den hübschen Dörfern viele Besucher anlockt. In der es aber auch eine hohe Arbeitslosigkeit gibt. Zudem haben sich nach dem Ende der Kolonialzeit Hunderttausende Einwanderer aus Nordafrika niedergelassen. Nach Ansicht vieler Franzosen, die hier leben, sind es zu viele. Nun fühlen sich einige bestätigt.

Muslime unter Verdacht

«Es gibt zu viele Leute hier, sie sollten zurückgehen», echauffiert sich ein älterer Herr am Samstagabend auf der Promenade des Anglais, wo der aus Tunesien stammende Mohamed Lahouaiej-Bouhlel zwei Abende zuvor 84 Menschen mit einem Lastwagen ermordete. Mit anderen Männern debattiert er, was geschehen muss in Frankreich und wie die Bluttat hätte verhindert werden können. Szenen wie diese sind in diesen Tagen auf der Promenade immer wieder zu beobachten.

Immer mehr Passanten mischen sich ein, auch ein junger Mann mit schwarzen Locken. Er findet, die Polizei habe ihre Arbeit nicht gemacht. Die älteren Männer diskutieren mit ihm, aber am Ende geht es nur noch darum, dass er auch tunesische Wurzeln hat und ob er überhaupt arbeiten würde und seit wann.

Der junge Mann mit den dunklen Haaren heisst Doryan Morgan Mohamed Braham. Früher hiess er nur Mohamed Braham, aber mit dem Namen hat er zwei Jahre keine Arbeit gefunden, sagt er, also habe er ihn ändern lassen und dann sofort einen Job als Flugbegleiter gefunden.

Braham fühlt sich als Franzose. Er wolle jetzt am liebsten seinen tunesischen Pass verbrennen, sagt er am Sonntag und fordert: Die Tunesier sollten sich versammeln und zeigen, «wir sind nicht so wie er, sonst denken alle, wir würden das unterstützen». Die Islamistenszene in der Region um Nizza ist berüchtigt.

Kriegsrhetorik vom Front National

Zugleich wirkt Braham fassungslos. «Der Attentäter: Er war 31 Jahre alt, wie ich. Er stammte aus Msaken, wie ich. Er hiess Mohamed, wie ich.» Doch der eine ermordete Dutzende Menschen, der andere trauert um die Toten. Der achtjährige Ziehsohn einer Freundin von Braham starb am Sonntag auf der Promenade. Er verblutete vor den Augen seiner Mutter.

Marion Maréchal-Le Pen agitiert gegen «Masseneinwanderung» Bild: JEAN-PAUL PELISSIER/REUTERS

Auch der Imam der neuen Moschee in Nizza sagt, er sei erschüttert. Bei dem Attentat wurden Muslime getötet, die Familien trauern. Und zugleich würden sie angefeindet. «Ich hoffe, dass die Menschen verstehen, dass er uns alle getroffen hat, dass wir alle betroffen sind.»

Doch Braham fürchtet den möglichen weiteren Aufstieg des Front National: Die Angst mache die Rechten stärker. Er selbst stammt aus Tunesien und ist homosexuell, «und ich versuche beides zu verstecken, weil ich nicht angegriffen werden will».

Im Süden Frankreichs ist es die Nichte von Parteichefin Marine Le Pen, Marion Maréchal-Le Pen, die für den Front National gegen «Masseneinwanderung» agitiert (und gegen die Homo-Ehe demonstrierte). «Der Islamismus wird uns töten, wenn wir ihn nicht töten», sagte sie in einer Videobotschaft nach dem Attentat. «Jene, die den Status Quo vorziehen, das Nichtstun, oder das Schweigen, werden zu Komplizen unserer Feinde.»

Schon seit den Anschlägen von Paris im November 2015 treibt die Angst weitere Wähler in ihre Partei, die mit den Themen Terror, Islamismus und Einwanderung in den letzten Regionalwahlkampf zog. Auf 80'000 Mitglieder soll der Front National kommen, so viele wie noch nie. Die Partei stellt Gemeinderäte und Regional- und Departementräte. Fast jeder dritte Franzose kann sich Umfragen zufolge vorstellen, Marine Le Pen 2017 zur Präsidentin zu wählen.

Als der «Spiegel» kurz nach dem Terror in Paris fragte, «Werden Sie von den Attentaten profitieren?», antwortet Marine Le Pen: «Das ist eine ungehörige Frage.»

Aber es ist, einmal mehr, eine berechtigte Frage.

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