International

Belgisches Atomkraftwerk Tihange.
Bild: © Thierry Roge / Reuters/REUTERS

Terror in Belgien: Verdächtiges Personal im Atomkraftwerk

Nach den Brüsseler Anschlägen haben Betreiber externe Mitarbeiter aus Belgiens Atommeilern verbannt. Schon einmal hat ein Dschihadist über ein Subunternehmen einen Job in einem belgischen AKW bekommen.

23.03.16, 22:21 24.03.16, 08:14

Stefan Schultz

Ein Artikel von

Belgiens Atomkraftwerke gelten schon länger als ein Sicherheitsrisiko. Immer wieder sorgten die sieben Reaktorblöcke an den beiden Standorten Doel und Tihange für beunruhigende Schlagzeilen. Mal ging es um Risse in Reaktorbehältern, mal um einen explodierenden Transformator, mal um Leckagen von Kühlsystemen.

Durch die Anschläge von Brüssel rückt jetzt ein weiteres Sicherheitsrisiko in den Fokus: Doel und Tihange sind auch deshalb eine potenzielle Gefahr, weil Terroristen sie laut französischen und belgischen Zeitungsberichten als Anschlagziele ausgemacht haben könnten.

Nach den Attentaten am Brüsseler Flughafen Zaventem und in der U-Bahn-Station Maelbeek seien «alle für den Betrieb nicht unbedingt notwendigen Mitarbeiter zunächst nach Hause geschickt» worden, sagte eine Sprecherin der Betreiberfirma Electrabel Spiegel Online. Am Mittwoch durften Mitarbeiter externer Firmen die Standorte noch immer nur «in dringenden Fällen» betreten. Rund die Hälfte der insgesamt gut 2000 Mitarbeiter seien Angestellte von Subunternehmen.

Offiziell handelt es sich um eine Routinemassnahme. Tatsächlich tut Electrabel gut daran, das Personal seiner AKW gerade jetzt genauer zu kontrollieren: Denn im AKW Doel, um das in einem Radius von 75 Kilometern rund neun Millionen Menschen leben, hat bereits ein Dschihadist gearbeitet.

IS-Kämpfer arbeitete drei Jahre lang in Doel

Im Oktober 2014 entdeckten Behörden, dass ein belgischer Dschihadist bis November 2012 für rund drei Jahre im Hochsicherheitsbereich des Atomkraftwerks als Sicherheitstechniker gearbeitet hatte. Ilyass Boughalab, geboren im marokkanischen Tanger, war Zeitungsberichten zufolge bei der Firma AIB-Vinçotte Belgium angestellt, einem externen technischen Dienstleister.

Boughalab hatte vor seiner Einstellung offenbar alle Background-Checks bestanden. Dabei hatten belgische Sicherheitsbehörden ihn schon damals im Visier. Boughalab gehörte nach Angaben von Ermittlern zur Sharia4Belgium, einer inzwischen gescheiterten radikalislamischen Terrororganisation, deren Mitglieder regelmässig vor dem Königspalast in Brüssel dafür demonstrierten, aus Belgien einen islamischen Gottesstaat zu machen.

Als Sharia4Belgium der Prozess gemacht wurde, habe Boughalabs Name sogar auf der Liste der Angeklagten gestanden, berichtet die belgische Zeitung «La Libre». Dennoch arbeitete er weiter im AKW Doel. Im November 2012 sei Boughalab als Kämpfer für den Islamischen Staat nach Syrien gereist, wenige Monate darauf sei er getötet worden.

Der Fall Boughalab zeigt, wie gross die Gefahr ist, dass Dschihadisten in Atomkraftwerken arbeiten – insbesondere über Subunternehmen.

Electrabel dementierte auf Spiegel Online, dass Mitarbeiter externer Firmen wegen des Falls Boughalabs derzeit nicht an den Standorten Doel und Tihange arbeiten dürfen. Die vorübergehende Arbeitssperre hänge «ausschliesslich mit der Anordnung der zuständigen Atomaufsichtsbehörde FANC zusammen», sagte eine Sprecherin.

Bei der FANC war niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. Die Presseabteilung sei wegen der Anschläge zurzeit nicht besetzt, teilte ein Rezeptionist am Telefon mit.

Sabotageverdacht und dubiose Drohnenflüge

Die Enthüllungen über Boughalab sind nicht der einzige beunruhigende Vorfall in einem belgischen Atomkraftwerk. Im August 2014 gab Electrabel eine Störung im Reaktorblock 4 des belgischen Kernkraftwerks Doel bekannt. An einer Dampfturbine im nicht-nuklearen Teil der Anlage hatte es eine Störung gegeben.

Eine oder mehrere Personen hätten rund 65'000 Liter Öl der Turbine auslaufen lassen, sodass diese sich überhitzt habe und automatisch stehen geblieben sei, hiess es. Der Reaktor musste letztlich für Monate vom Netz genommen werden. Weil der Tank nur manuell entleert werden kann, vermuteten FANC und Electrabel einen Akt der Sabotage. Die Staatsanwaltschaft Dendermonde leitete Ermittlungen ein. Bis heute ist der Fall nicht aufgeklärt.

Im Dezember 2014 meldete die Staatsanwaltschaft Drohnenflüge über dem Kraftwerk Doel, machte dazu aber keine näheren Angaben.

Verdächtiges Überwachungsvideo

Alarmiert sind die belgischen Behörden auch wegen sonderbarer Videoaufnahmen. Bei einer Hausdurchsuchung in Brüssel hatten Kriminalbeamte am 30. November 2015 eine Art Überwachungsvideo gefunden. Es zeigt den Leiter des SCK-CEN, eines belgischen Recherchezentrums für Kernenergie.

Das SCK-CEN stellt Radionuklide her – nukleares Material, das unter anderem zur Behandlung von Krebs eingesetzt wird. Es kann aber auch zum Bau einer sogenannten schmutzigen Bombe zweckentfremdet werden, mit der Terroristen ganze Stadtviertel nuklear verseuchen könnten. Das SCK-CEN deckt nach eigenen Angaben 20 bis 25 Prozent des Weltbedarfs an Radionukliden ab.

Das Video, das die Ermittler fanden, zeichnet genau nach, wann der SCK-CEN-Chef zu Hause ein- und ausgeht. Es wurde in der Wohnung der Ehefrau des mutmasslichen Terroristen Mohamed Bakkali gefunden. Französische Ermittler glauben, dass Bakkali an der Vorbereitung der Attentate von Paris am 13. November beteiligt war.

Polizisten hatten in Bakkalis Wohnung im Brüsseler Stadtteil Schaerbeck Sprengstoffgürtel gefunden, an denen DNA-Spuren von Salah Abdeslam nachgewiesen worden. Abdeslam gilt als Hauptverdächtiger der Terroranschläge von Paris und war erst vorigen Freitag festgenommenen worden.

Unklar ist, warum ein mutmasslicher Terrorist ein Überwachungsvideo vom Leiter des belgischen Recherchezentrums für Kernenergie besass. Eine Sprecherin der belgischen Atomaufsicht verbreitete dazu kürzlich folgende Theorie: Vielleicht habe Bakkali den Forscher erpressen wollen. Er könnte geplant haben, ein Mitglied seiner Familie zu entführen, um den Forscher zur Herausgabe von radioaktivem Material zu zwingen.

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
17Alle Kommentare anzeigen
17
Um mit zudiskutieren oder Bilder und Youtube-Videos zu posten, musst du eingeloggt sein.
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600
  • Hopp Langnou!!! 24.03.2016 14:38
    Highlight Die AKWs sind nur eine tickende Zeitbombe
    9 2 Melden
    600
  • Tomlate 24.03.2016 10:05
    Highlight Habt ihr schon mal von der selbsterfüllenden Prophezeiung gelesen?
    4 14 Melden
    600
  • MaskedGaijin 24.03.2016 09:37
    Highlight bei unseren super akw besteht sicher keine gefahr. die beste armee der welt und das ensi. unschlagbar...
    27 10 Melden
    600
  • jSG 24.03.2016 06:43
    Highlight Für mich die mit Abstand gröste Bedrohung für Europa. Man kann nur hoffen das niemand auf eine Idee kommt wie man so ein AKW angreifen könnte.
    66 4 Melden
    • Wilhelm Dingo 24.03.2016 08:59
      Highlight Ich pflichte Dir bei, dass die AKWs die grösste Bedrohung darstellen. Dein Hoffnung ist aber leider unbegründet. Der IS schreckt weder davor zurück Kinder und Frauen zu foltern, zu vergewaltigen noch ihre eignene Glaubensgenossen abzuschlachten. Ich forluliere es drastisch: AKW's werden angegriffen werden. Die Angriffe werden professionell sein, die IS Terroristen sind keine Hinterwäldeler aus der Wüste, sonder in der EU ausgebildete junge Männer.
      24 3 Melden
    • TanookiStormtrooper 24.03.2016 11:01
      Highlight Vor etwa 2 Jahren konnten sich ein paar Greenpeace-Typen zugang zu Beznau verschaffen. Diese "Fanatiker" waren aber nicht bewaffnet und wollten das Ding ja nicht in die Luft jagen. Nicht auszudenken was passieren könnte, wenn da mal jemand mit Waffengewalt reinwill...
      13 2 Melden
    • Wilhelm Dingo 24.03.2016 12:01
      Highlight @TanookiStormtrooper: Es gibt diverse Szenarien welche erwiesenermassen funktionieren: 1. Flugzeug, haben wir in NY gesehen. 2. Cyberangriff, haben wir in einem deutschen Stahlwerk gesehen, 3. Gewaltsame Erstürmung des Gebäudes, 4. Mitarbeiter, haben wir eben gesehen in Belgien. Es gibt sicher noch mehr Szenarien.
      6 3 Melden
    600
  • Gelöschter Benutzer 24.03.2016 06:42
    Highlight Ich sollte aufhören solche News zu lesen, ich entwickle mich sonst zum Zyniker.
    48 2 Melden
    600
  • Gelöschter Benutzer 24.03.2016 06:42
    Highlight Apokalypse now: die Sekten, die dauernd den Weltuntergang prophezeihen, haben Konkurrenz erhalten....
    37 8 Melden
    • Gelöschter Benutzer 24.03.2016 09:19
      Highlight Welche Sekten die den Weltuntergang Prophezeien meinst du damit?
      Die Christen? Die Juden? Oder nur die Muslime?
      10 6 Melden
    • Gelöschter Benutzer 24.03.2016 10:50
      Highlight Es gibt genügend Endzeit-Sekten. Eine davon ist die Sekte der Zeugen Jehovas.
      5 1 Melden
    600
  • Wilhelm Dingo 24.03.2016 06:27
    Highlight Ein AKW ist DAS Traumziel eines Terroristen, das müssen wir uns bewusst sein. Es wird sicher Anschläge geben. Die Frage ist, was wir tun müssen um das zu verhindern.
    53 2 Melden
    • amore 24.03.2016 07:53
      Highlight AKW abstellen!
      77 13 Melden
    • Gelöschter Benutzer 24.03.2016 07:57
      Highlight Kontrollen, Kontrollen und nochmals Kontrollen.
      Auch muss man den Mut haben unpopuläre Personalentscheide zu fällen - siehe Entlassungen muslimischer Gepäckarbeiter seinerzeit am Flughafen in Genf.
      39 13 Melden
    • hcb78 24.03.2016 08:11
      Highlight Aus dem Atomstrom aussteigen, wäre ziemlich effektiv. ;-)
      65 12 Melden
    600
  • Radiochopf 23.03.2016 22:37
    Highlight Kann ja bei unseren AKW's ja sicher nicht passieren.. Wie war das nochmals als man vor ein paar Jahren 2 Männer mit Plänen zum AKW Gösgen gestoppt hat an der Grenze DEU-CH?
    84 9 Melden
    • Daylongultra 24.03.2016 09:34
      Highlight Zur Klarstellung: Es handelte sich dabei um normales Landkartenmaterial und nicht um irgendwelche internen Systempläne. Über die Motive der Männer kann man sich streiten, aber dies heute in der Zeit von Google Maps (gab es beim Vorfall 2002 noch nicht) als ernsthafte Bedrohung anzusehen ist wohl ein wenig übertrieben ;-)
      15 2 Melden
    600

Weltkriegs-Blindgänger in AKW-Ruine Fukushima entdeckt

Auf dem Gelände des havarierten japanischen Atomkraftwerks Fukushima haben Bauarbeiter am Donnerstag einen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Ein Teil der Bauarbeiten wurde umgehend gestoppt.

Nach Angaben eines Sprechers des Betreibers Tepco wurde nach dem Fund der 85 Zentimeter grossen Bombe sofort die Polizei eingeschaltet. Die Bauarbeiten an einem Parkplatz, bei denen die Bombe gefunden wurde, wurden gestoppt und das knapp einen Kilometer von den Atomreaktoren entfernte Areal …

Artikel lesen