International

Trotz «politischer Atombombe»: Brasiliens Präsident lehnt Rücktritt ab

18.05.17, 18:46

Michel Temer Bild: Eraldo Peres/AP/KEYSTONE

Der im Korruptionsskandal um den brasilianischen Ölkonzern Petrobras stark unter Druck gekommene Präsident Michel Temer lehnt einen Rücktritt ab. Temer wies Vorwürfe zurück, er habe der Zahlung von Schweigegeld an einen potenziellen Zeugen zugestimmt.

«Der Präsident ist völlig überzeugt davon, dass er kein Unrecht begangen hat», sagte einer seiner Berater. Der Fall Petrobras ist der grösste Korruptionsskandal in der Geschichte des Landes. In der Affäre wurden bereits hochrangige Manager und Politiker angeklagt. Temers Amtsvorgängerin Dilma Rousseff stolperte über den Skandal.

Nach einem Bericht der Zeitung «O Globo» vom Mittwochabend zufolge wird Temer belastet durch die Aufzeichnung eines Gesprächs mit dem Verwaltungsratsvorsitzenden des Fleischproduzenten JBS, Joseley Batista. Dabei hätten die beiden über den inhaftierten früheren Abgeordneten Eduardo Cunha gesprochen.

«Weitermachen»

Dieser hatte jüngst gesagt, er verfüge im Zusammenhang mit dem Petrobras-Skandal über kompromittierende Informationen über eine Menge hochrangiger Politiker. Batista habe Temer erzählt, dass er Cunha für dessen Schweigen bezahle. Daraufhin habe der Präsident geantwortet: «Das müssen Sie weitermachen, einverstanden?»

Temer bestätigte, dass er sich mit Batista Anfang März getroffen habe. Er bestritt jedoch, dabei Schweigegeld-Zahlungen an Cunha zugestimmt zu haben. Drei mit dem Vorgang direkt vertraute Personen erklärten, die Darstellung von «O Globo» sei korrekt.

Immunität aufgehoben

Laut «O Globo» soll der Abgeordnete Rodrigo Rocha Loures von Temers Partei der demokratischen Bewegung (PMDB) dabei gefilmt worden sein, wie er einen Geldkoffer mit 500'000 Reais (knapp 160'000 Franken) entgegennahm - er soll von Temer mit dem Lösen der Sache beauftragt worden sein. Das Geld soll von Joesley Batista stammen, hiess es. Auch Cunha ist Mitglied der PMDB.

Demonstrationen gegen Temer. Bild: EPA/EFE

Zudem soll der Senator und Ex-Präsidentschaftskandidat Aécio Neves zwei Millionen Reais (638'000 Franken) vom Unternehmer Batista gefordert haben, um JBS beim Lösen der Probleme zu helfen - die ohne Rücksicht auf Namen ermittelnde Justiz gilt vielen Bürgern als letzte glaubwürdige Instanz.

Der Oberste Gerichtshof liess Neves' Immunität aufheben, es kam am Donnerstag zu Razzien. Auch die Immunität des Geldüberbringers Loures wurde aufgehoben, beiden droht nun Gefängnis.

Batista soll das Gespräch mit Temer aufgezeichnet haben; Temers Schicksal hängt nun vom Richter am Obersten Gerichtshof, Edson Fachin, ab. Ihm gegenüber machten Joesley Batista und sein Bruder Wesley die brisanten Aussagen und ihm händigten sie auch das Beweismaterial aus - wohl, um von einer Kronzeugenregelung zu profitieren.

Handelsstopp an Brasiliens Börse

Nach der Veröffentlichung der Vorwürfe stürzte die Landeswährung Real um rund sieben Prozent ab, an der Börse in Sao Paolo brach der Leitindex um 10.5 Prozent ein, bevor der Handel ausgesetzt wurde.

Zu den grössten Verlierern im frühen Handel zählten Petrobas mit einem Abschlag von rund 20 Prozent. Investoren befürchten, dass der Skandal Temers geplanten Wirtschafts- und Finanzreformen verzögern könnte.

«Atombombe»

Kommentatoren sprachen von einer «Atombombe, die über dem Land explodiert». Mit Blick auf die Turbulenzen um US-Präsident Donald Trump war die Rede davon, dass sich zeitgleich die Regierungen der beiden grössten Demokratien der westlichen Hemisphäre in dramatischen Krisen befänden.

Die Bewegungen, die 2016 auf der Strasse für die Absetzung der Präsidentin Dilma Rousseff gekämpft hatten, fordern nun Temers Aus. Rousseffs linke Arbeiterpartei (PT) forderte Neuwahlen.

Temer hatte vor einem Jahr Rousseff abgelöst, die wegen angeblicher Bilanztricks des Amtes enthoben worden war. Ausgerechnet Cunha hatte für Temer das Amtsenthebungsverfahren auf den Weg gebracht; er war dann aber über Millionenkonten in der Schweiz gestolpert und fühlt sich von Temer im Stich gelassen. Letzten Herbst wurde er verhaftet. (sda/reu/dpa)

Das könnte dich auch interessieren:

«Wir können doch nicht einfach die Luft verschmutzen – und nichts dafür bezahlen»

Ein ziemlich gruusiges Bild und die simple Frage: Was ist das?

Aargauer Feuerwehrmann nach Unwetter-Einsatz gefeuert: «So etwas hat's noch nie gegeben»

Wo die USA seit 1946 überall Wahlen beeinflussten

14 Gründe, warum der Surface Laptop der fast beste Laptop ist, den ich je getestet habe

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

User-Review:
Micha-CH, 16.12.2016
Beste News App der Schweiz. News und Unterhaltung auf Konfrontationskurs.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
3Alle Kommentare anzeigen
3
Um mit zudiskutieren oder Bilder und Youtube-Videos zu posten, musst du eingeloggt sein.
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600
  • pedrinho 19.05.2017 13:12
    Highlight ich habe das gespraech anders als hier dargestellt verstanden und mich gleich gefragt warum ein "manager" der von der PT regierung +- 9 milliarden kredite bekommen und dabei einer der groessten schuldner bei steuern und sozialabgaben ist mit einem voice recorder Temer besucht und jammert.

    Kurz zuvor hat der gleiche einen vertrag gemacht, er zahlt 500 mio pro woche 20 jahre lang, damit petrobras seinem konzern gas billiger liefert.

    Bleibt nur zu hoffen, dass dadurch bundes-polizei und
    -richter nicht ausgeschaltet werden, LavaJato muss weiter gehen, zu viele haben zu viel dreck am stecken
    1 0 Melden
    • pedrinho 19.05.2017 13:44
      Highlight natuerlich nicht 500mio woechentlich, das waer das +- total - "nur" 500´000* pro woche mir war einfach etwas schwindlig ab den zahlen die in den letzten 2 wochen veroeffentlicht wurden

      *lokalwaehrung BRL

      uebrigens die uebergabe der im text erwaehnten 500k waren die erste rate davon.
      1 0 Melden
    600
  • Juliet Bravo 19.05.2017 00:42
    Highlight Fora Temer!
    3 2 Melden
    600

Auf ein Ständchen für Trump: Macrons Marschkapelle spielt «Daft Punk»

Donald Trump besuchte anlässlich des französischen Nationalfeiertags seinen französischen Amtskollegen Emmanuel Macron. Um den US-Präsidenten zu überraschen, liess dieser die Marschkapelle verschiedene Hits von «Daft Punk» spielen. Darunter waren «Get Lucky», «Harder, Better, Faster, Stronger» und «One More Time». (blu)

Artikel lesen