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Brexit-Antreiber Johnson: Das Rumdrucksen des Tricksers

Boris Johnson, das Gesicht der Brexit-Kampagne, entwickelt sich zum meist gehassten Mann der Insel – weil vielen Briten erst jetzt dämmert, was er ihnen da eingebrockt hat.

28.06.16, 15:24 28.06.16, 15:49

Thomas Hüetlin / Spiegel online

Ein Artikel von

Es sind seltsame Tage, die Boris Johnson zurzeit erlebt. Er ist der Sieger der Brexit-Kampagne. Aber statt des von ihm geschätzten Bades in der Menge verbrachte er das Wochenende in seinem Landhaus und schaute zur Beruhigung Cricket. London, die Stadt, die er immerhin acht Jahre als Bürgermeister regierte, kann er nur noch unter starkem Polizeischutz betreten. Sein Rad, mit dem er früher gern ins Rathaus fuhr, muss er wohl erst einmal stehen lassen. «Wenn wir ihn sehen, werden wir ihn von seinem blöden Fahrrad prügeln», sagten aufgebrachte Bürger am Wochenende. 

Selbst der berühmteste Koch Grossbritanniens, der sonst immer gut gelaunte Jamie Oliver, ist auf dem Kriegspfad.

Starkoch Oliver.
Bild: EPA

Unter dem Hashtag #BuggerOffBoris – «Verpiss Dich Boris» – schreibt Oliver: «Macht den verfi**ten Boris Johnson zum Premier – dann war's das für mich. Dann bin ich raus. Mein Glaube an uns wäre für immer gebrochen. Lasst uns aufhören, nur Zuschauer zu sein. Wir können das nicht zulassen.» 

Kein Zweifel, wenn der Küchenchef der Nation solche Zeilen wagt, dann kocht die Hauptstadt und das halbe Land dazu.

Aus der Abgeschiedenheit seines Landhauses verschickt Johnson nun versöhnliche Worte, die ein tief gespaltenes Volk beruhigen sollen. Ein Sieg von 52 zu 48, so Johnson, sei «nicht wirklich überwältigend». Und weiter: «Ich kann nicht oft genug betonen, dass Britannien immer ein Teil Europas ist und bleiben wird.» Ansonsten sehe er «goldene Möglichkeiten für dieses Land».

Johnsons Rede zu Brexit und Cameron-Rücktritt.
YouTube/euronews (in English)

Von dieser goldenen Zukunft verabschiedeten sich an diesem Montag bereits zwei Firmen, die an vorderster Stelle den ökonomischen Zustand des Landes symbolisieren: Foxtons, die wichtigste Immobilienagentur Londons, und die Fluglinie Easy Jet schicken düstere Prognosen und Gewinnwarnungen heraus.

Für sie materialisiert sich, was die meisten Experten vor der Abstimmung prophezeiten: In ein Land, das 52 Prozent seiner Bewohner lieber ausserhalb der EU sehen wollen, wird weniger investiert, und, wenn man draussen ist, wird es teuer. Das Lager-Bier in Mallorca, in der Altstadt von Prag und an den Stränden von Kroatien, wo sich junge Briten gerne angetrunken mit Bungee-Seilen von Baukränen stürzen, kostet bald richtig.

So wie es sich darstellt, hat Johnson mit all dem nicht gerechnet, jedenfalls nicht wirklich.

Er wirkt wie ein Hochstapler, der überrascht ist, dass sein Trick tatsächlich funktioniert hat. Und nun aus seinem zusammenfallenden Kartenhaus hervorkriecht und sagt: «Ahhh, sorry, das ging schon in die richtige Richtung, aber so, wie es gekommen ist, war das alles nicht gemeint.» 

Vielen Konservativen gilt Johnson als unvermittelbar

So erklärt es sich jedenfalls ein Minister seiner eigenen Partei, der noch anonym bleiben möchte. «Boris», so der Minister, «glaubte, dass ‹Remain› gewählt würde und er dann für ein Prinzip gekämpft hätte – um später als Märtyrer die Nachfolge von David Cameron anzutreten.»

Andere in der Partei, die Johnson gerne führen würde, pfeifen mittlerweile auf Anonymität. Sie haben eine Kampagne begonnen, die sich ABB nennt – Anything But Boris. Alles ausser Boris. 

«Seit der Suez-Krise ist das Schicksal der Nation nicht mehr von Männern entschieden worden, die so bewusst und schamlos gelogen haben.»

Nick Cohen, Autor

Vielen Konservativen gilt Johnson inzwischen als unvermittelbar – nicht nur, weil sie glauben, dass er mit seinem chaotischen Stil das Land unmöglich, wohin auch immer, wird führen können. Sondern, weil es ihnen als Realisten davor graut, was in den Brexit-Hochburgen des Nordens passiert – wenn klar wird, wie wenig von dem eintritt, was Boris den ökonomisch Abgehängten dort versprochen hat. 

Einzig der wenig vertrauenswürdige Ukip-Chef Nigel Farage traut sich, jetzt, da er den Sieg eingefahren glaubt, zu sagen, dass es erst einmal nichts werden wird mit den goldenen Zeiten in Britannien.

Ukip-Chef Farage.
Bild: ERIC VIDAL/REUTERS

Die 350 Millionen Pfund pro Woche, die in Zukunft nicht mehr nach Brüssel, sondern in die nationale Gesundheitsversorgung fliessen sollen, da habe man ihn wohl falsch verstanden, so Mr. Farage. Und ja, auf eine Rezession müsse man sich wohl einstellen, aber die werde nicht so schlimm.

«Seit der Suez-Krise ist das Schicksal der Nation nicht mehr von Männern entschieden worden, die so bewusst und schamlos gelogen haben», schreibt der britische Autor Nick Cohen. 

«Wenn Sie mich wählen, wird Ihre Frau grössere Brüste bekommen und sich Ihre Chance verbessern, einen BMW M3 zu besitzen.»

Boris Johnson im Wahlkampf

Ein guter Kerl, nur nicht ernsthaft

Es mit der Wahrheit sehr genau zu nehmen, war auch in der Vergangenheit nicht unbedingt eine Haupteigenschaft von Boris Johnson. Als Journalist flog er bei der «Times» raus, weil er geschwindelt hatte. Später als Politiker wurde er vom damaligen Vorsitzenden der Tories, Michael Howard, aus ähnlichem Grund gefeuert. 

So reagiert die britische Presse auf den Brexit

Johnson stand immer wieder auf. Die Briten verziehen ihm, weil er den Charme eines ungezogenen Schuljungen spielen liess. Einer, der zwar gelegentlich ein Fenster einwirft, aber sonst ein guter Kerl ist und es mit der Ernsthaftigkeit nicht so wichtig nimmt.

Die Bewohner von London haben sich diesen Hallodri als Bürgermeister geleistet. «Wenn Sie mich wählen, wird Ihre Frau grössere Brüste bekommen und sich Ihre Chance verbessern, einen BMW M3 zu besitzen», mit diesem wilden, augenzwinkernden Slogan warb Johnson beim Wahlkampf um das Rathaus für sich. Gewählt wurde er auch, weil der Bürgermeister in London nichts wirklich Wichtiges zu entscheiden hat.

Jetzt, da es um das Amt des Premierministers geht, sollte er den Anstand besitzen, seinen Landsleuten mitzuteilen, dass nach einem Brexit zumindest die Sache mit dem BMW schwierig werden dürfte.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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  • patnuk 29.06.2016 10:23
    Highlight Hat man in der Schweiz bei den letzten Wahlen gesehen, mehr Poststellen, besserer Internetservice für alle, usw bei der Pro Service Public Initative, das Volk war in diesem Fall skeptischer und hat sich besser informiert vor der Abstimmung, hat anders gewählt als bei der Einwanderungs Initative.
    1 0 Melden
  • pamayer 29.06.2016 00:31
    Highlight nach der hetze und antreiberei der grosse kater - ähnlich wie vor 2 jahren die mei der svp.
    kann denn ein volk so blöd, dumm, blauäugig und naiv sein, solchen hochstaplern zu glauben??
    die schweiz mit der mei offensichtlich schon.
    und uk nun auch.
    und erst am abend der abstimmung googlen, worüber man soeben abgestimmt hat.
    hier in der schweiz gab es im vorfeld ein riesiges medientrata wegen der durchsetzungsinitisative, so gross und laut, dass die svp immer wieder ins stolpern kam und der schwindel schonungslos aufgedeckt wurde.
    gewaltig toll!
    kritische infokampagnen vor jeder abstimmung!
    11 0 Melden
  • flugsteig 28.06.2016 20:58
    Highlight Veränderung bedeutet nicht automatisch Verbesserung, aber ohne Veränderung gibt es niemals eine Verbesserung.
    Wartet doch mal ein paar Monate ab was wirklich passiert und hört auf mit dieser leidigen, einseitigen Berichterstattung.
    10 15 Melden
  • The Writer Formerly Known as Peter 28.06.2016 19:32
    Highlight Was für ein k*** Artikel!! Was soll der Vergleich mit dem Bier in Prag? Das ist so billig, das können sich alle leisten. Wieder mal ein typischer Propaganda Artikel in dem die EU schöngemalt wird. Das Leben wird weitergehen und England nicht am Hungertuch nagen. Es leben nicht einfach 52% hohlköpfige Deppen auf der Insel. Auch nach dem Austritt wird es einen freien Handel mit Europa geben. Dafür sorgen globale Verträge und Organisationen wie die WTO oder OECD. An solchen Artikeln zeigt sich das Demokratiedefizit der EU. Die die gegen uns sind, sind einfach blöd oder haben sich vertan...
    13 35 Melden
    • mortiferus 28.06.2016 20:42
      Highlight Bin ganz Deiner Meinung. Ich denke vielleicht sehen das so viele so eng weil sie zu jung sind. Für sie gab es schon immer ein EU und kein Leben davor. Ich verstehe diese Panik und Entrüstung auch nicht. Die Britten haben abgestimmt, basta. Gibt ja Leute die sind richtig betroffen und verärgert. Weltuntergansstimmung. Den vielen Tieren und Pflanzen die aussterben weinen sie auch nicht nach, Krankheit, Krieg usw, dass ist schlimm. Eigentlich müsste ja ich verärgert sein wen ich an meine Aktien denke ;). Scheiss drauf, that s life, mal geht's runter, mal rauf.
      7 17 Melden
    • Stachanowist 28.06.2016 20:51
      Highlight "Auch nach dem Austritt wird es einen freien Handel mit Europa geben. Dafür sorgen globale Verträge und Organisationen wie die WTO oder OECD."

      Die WTO ist primär eine Verhandlungsplattform für Freihandelsverträge, die OECD eine Statistikproduzentin. Freihandel zwischen UK und EU durchsetzen können diese Organisationen nicht - dazu sind sie mit keinerlei Macht oder Mandat ausgestattet. Das muss UK schon mit der EU aushandeln.

      Es kann gut sein, dass UK wieder freien Handel mit der EU haben wird - aber nur, wenn die PFZ gilt. Dann aber bleibt das zentrale Brexit-Versprechen unrealisiert.
      18 4 Melden
    • The Writer Formerly Known as Peter 28.06.2016 21:14
      Highlight @Stachanowist: "Es kann gut sein, dass UK wieder freien Handel mit der EU haben wird - aber nur, wenn die PFZ gilt." - damit gelten die Bestimmungen des Gatt Abkommen nicht mehr (bei dem Grossbritanien Erstunterzeichner war), über das die WTO wacht?
      3 9 Melden
    • Stachanowist 28.06.2016 21:34
      Highlight @ Peter Gasser

      Sorry, aber da haben Sie entweder GATT oder den zollfreien Handel innerhalb der EU falsch verstanden. GATT ist ein Abkommen, das den Abbau von Handelsschranken und Zöllen zum Ziel hat. Eine Aufhebung von Zöllen im GATT-Raum gibt es nicht - zumindest nicht Dank GATT, sondern nur in separaten Verträgen unter GATT-Staaten - wie es eben der EU-Raum mit seinem zollfreien Handel ist.

      Nach Ihrem Verständnis von GATT wäre auch TTIP kein Thema, weil die USA Erstunterzeichner waren; Belgien könnte als Erstunterzeichner zollfrei nach China exportieren. Nein, das kann GATT nicht.
      9 2 Melden
  • Gelöschter Benutzer 28.06.2016 17:25
    Highlight Da wird offensichtlich, dass Goethe kein Brite war:
    "... die Geister, die ich rief, werd ich nicht mehr los..."
    Ob es aber genutzt hätte, wenn man das deutschsprachige Europa betrachtet?
    11 6 Melden
  • Beobachter24 28.06.2016 17:13
    Highlight Und weiter wird "auf den Mann" gespielt ohne sachliche stattdessen mit populistischen Argumenten.
    Billig! immer noch ...
    11 37 Melden
  • Gelöschter Benutzer 28.06.2016 16:41
    Highlight Ein wenig offtopic: Ich wollte fragen ob es kein Bild von Boris gibt wo er nicht dreinschaut wie eine Karikatur.. Jedoch musste ich erkennen das er einfach so aussieht
    53 5 Melden
  • MikoGee 28.06.2016 16:24
    Highlight "Küchenchef der Nation" ist doch Gordon fuckin' Ramsay xD
    32 5 Melden

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