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«Der nette Strickjackenträger aus Germany» – die internationale Presse zu Helmut Kohls Tod

17.06.17, 12:34 17.06.17, 15:28

Eine Auswahl von Kommentaren aus Schweizer und internationalen Zeitungen zum Tod von Deutschlands Altbundeskanzler Helmut Kohl:

«Neue Zürcher Zeitung»:

«Natürlich lässt sich an einzelnen Entscheidungen von Spitzenpolitikern immer herummäkeln. Kohl machte dabei keine Ausnahme. Die wahre Grösse von Staatsmännern zeigt sich, wenn sie im richtigen Augenblick das Richtige tun. Als am 9. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, wusste Kohl intuitiv, was die Stunde geschlagen hatte. Er sah die Chance und ergriff sie. Er, dem immer nachgesagt worden war, Probleme auszusitzen, ging hohe Risiken ein.»

«Tages-Anzeiger»:

«Gewiss, es war auch ein historischer Zufall, der Kohl zum gefeierten Vater der deutschen Einheit machte. Wäre die Mauer nicht gefallen, hätte er dazu vielleicht nie die Chance gekriegt. Doch es stimmt auch, dass der Kanzler in den entscheidenden Monaten 1989/90 sehr viel richtig gemacht hat. Die Skepsis gegen die deutsche Wiedervereinigung war anfänglich gross. Nicht nur in Moskau, auch in Paris und London. An eine Eingliederung eines neuen Deutschlands in die Nato wagte man gar nicht zu denken – zu strikt waren die Sowjets dagegen. Doch Kohl gelang das Unmögliche. (...)

Ohne Kohls Europa-Begeisterung hätte es wohl auch keine deutsche Einheit gegeben. Denn die Wiedervereinigung Deutschlands und das Zusammenrücken Europas waren für ihn stets ‹zwei Seiten einer Medaille›. Das verhinderte nicht, dass Kohl im Ausland meist mehr geschätzt wurde als daheim. Warum? Wohl deshalb, weil der nette Strickjackenträger aus Germany bei sich zu Hause ein System eingerichtet hatte, das viele als muffig empfanden, als patriarchalisch. Das System Kohl eben.»

Bild: FILIP SINGER/EPA/KEYSTONE

«Guardian» (London):

«Oberflächlich betrachtet und abgesehen vom Körperumfang hält Kohl Vergleichen mit Otto von Bismarck stand. Der Aristokrat, der 1871 eine ausufernde Zahl von Kleinstaaten vereinigte und Deutschland zur wichtigsten Macht in Kontinentaleuropa formte, war ein preussischer Protestant mit überragendem Intellekt und grossen Fähigkeiten, der Europa wie seinen persönlichen Baukasten behandelte. Kohl war ein katholischer Pfälzer, dem die Einigung Europas ebenso am Herzen lag wie die Wiedervereinigung Deutschlands. (...)

Kohl mag sich von Bismarck so sehr unterschieden haben wie Bonn von Berlin. Aber er war ebenso sehr ein Eiserner Kanzler, eisern hinsichtlich seiner Ausdauer, unerschütterlich in seinem Selbstvertrauen. Der Autor mehrerer Bücher, darunter Memoiren, der einst als Helmut II. verspottet wurde, weil er so viel glanzloser war als Helmut I., also Helmut Schmidt, bekommt auch in den Geschichtsbüchern seine Rache: Es war Kohl, nicht Schmidt, der bereitstand, als der Zug zur deutschen Wiedervereinigung vorbeirollte.»

«de Volkskrant» (Amsterdam):

«Wie jeder andere war auch Helmut Kohl überrascht von den schnellen Entwicklungen im November 1989. Aber er reagierte darauf auch blitzschnell. Ungeachtet des Widerstands der britischen Premierministerin Margaret Thatcher (mit ihren berühmt gewordenen Sprüchen: ‹Mir sind zwei Deutschland lieber als eins.› und ‹Zweimal haben wir die Deutschen geschlagen. Jetzt sind sie wieder da.›) und des Zögerns des französischen Präsidenten François Mitterrand (wird Europa nun ein ‹deutsches Europa›?) ergriff Kohl die Chance. Mitterrand köderte er mit der Zustimmung zur europäischen Einheitswährung. Schmollend willigte schliesslich auch Thatcher ein. Und US-Präsident George H.W. Bush (Kohl sagte über ihn, er sei ein Glückslos in der Lotterie für Deutschland gewesen) hatte sowieso keine Probleme mit der deutschen Wiedervereinigung.»

«La Repubblica» (Rom):

«Vielleicht war (Helmut Kohl) der glücklichste Kanzler Deutschlands. Der, der die schmerzhafteste Wunde geschlossen hat, die, die nach dem Krieg Millionen von Familien in zwei geteilt und zerstört hat und halb Berlin in eine Gefangenen-Enklave in Ostdeutschland verwandelt hatte. (...)

Der grosse Anführer der Christdemokraten, der bis heute den Rekord der längsten Kanzlerschaft hält – 16 Jahre, von 1982 bis 1998 – war ein politisches Genie, in der Lage, das aus dem traumatischsten Ereignis des Endes des 20. Jahrhunderts – der Mauerfall in Berlin – hervorgegangene Chaos in eine extraordinäre Seite einer neuen Geschichte umzuwandeln, die eines vereinten Deutschlands und eines noch stärker verbundenen Europas. (...)

Sollte Merkel am Ende ihres Mandats wieder die Wahlen gewinnen, macht sie den Rekord der längsten Kanzlerschaft zunichte. Aber es wird nur schwierig sein, dass sie es schafft, Deutschland einen weiteren Moment purer Euphorie und glücklicher Unbeschwertheit zu schenken, wie das Land in der Einheit gefunden hat (...).»

«De Standaard» (Brüssel):

«Der ehemalige deutsche Kanzler wird vor allem als der Mann in die Geschichte eingehen, der West- und Ostdeutschland auf friedliche Art und Weise vereinigte und somit das schändliche Erbe des Zweiten Weltkriegs auslöschte. Heute könnte es scheinen, dass die Wiedervereinigung selbstverständlich war, sozusagen ein Kinderspiel. Aber nichts ist weniger wahr: Der Fall der Mauer im November 1989 war nicht allein der Anfang vom Ende der DDR, sondern auch des grossen Sowjetreichs. (...)

Helmut Kohl, der Mann der deutschen Einheit, der Verankerung des vereinten Deutschlands in Europa und des Euro, der die europäische Einheit unumkehrbar machen soll, vermisste bei vielen der heutigen europäischen Spitzenpolitiker europäischen Idealismus. Zu seinen letzten Worten gehörte die Mahnung, dass viel auf dem Spiel stehe, es gehe um unsere Zukunft und 'unsere Zukunft heisst Europa'.»

Bild: FILIP SINGER/EPA/KEYSTONE

«L'Alsace» (Mulhouse):

«Wie seine Vorgänger förderte der Kanzler die deutsch-französische Freundschaft. Das Bild mit dem (damaligen Präsidenten François) Mitterrand und Kohl, Hand in Hand vor dem Beinhaus in Donaumont 1984, ging in die Geschichtsbücher ein. Wer zehn Jahre später an dem deutsch-französischen Gipfel in Mülhausen teilgenommen hat, erinnert sich an die herzlichen Beziehungen zwischen beiden Staatsmännern.

Vielleicht war es einfacher, sich mit (Mitterrands Nachfolger Jacques) Chirac zu verstehen – beide waren Konservative und Bonvivants. Und sie waren Europäer, die die (Euro-) Gemeinschaftswährung wollten. Helmut Kohl hat – geschwächt durch die Affäre der schwarzen Kassen – sicherlich seinen Abschied verpatzt. Es war Angela Merkel, die ihren Mentor von der politischen Bühne gedrängt hat. Aber indem sie gestern Abend ihre Anerkennung für sein Handeln aussprach, gibt Merkel, die unter der kommunistischen Diktatur aufwuchs und studierte, ihm seinen Platz im Pantheon der grossen Männer wieder.» (viw/sda/apa/dpa)

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