International

Plötzlich Kanzlerkandidat: Was ist Martin Schulz' Plan?

Er tritt im Wahlkampf ums Kanzleramt gegen Merkel an und ist neuer Chef der SPD: Martin Schulz. Bild: FABRIZIO BENSCH/REUTERS

Martin Schulz hatte drei Tage Zeit, sich auf die SPD-Kanzlerkandidatur vorzubereiten – bis Samstag wähnte er sich als künftiger Aussenminister. Stattdessen soll er nun die Kanzlerin schlagen. Was ist sein Plan?

25.01.17, 22:30 26.01.17, 06:36

Florian Gathmann

Ein Artikel von

Sigmar Gabriel kommt ein paar Minuten vor dem designierten SPD-Kanzlerkandidaten und künftigen Parteichef. Fast unbemerkt drückt sich Gabriel am Pulk der Journalisten vorbei, die vor dem SPD-Fraktionssaal im Berliner Reichstagsgebäude warten. Er ist schon einen Tag nach seinem angekündigten Rückzug von der Parteispitze nicht mehr die Hauptfigur: Alle schauen jetzt auf Martin Schulz, den Gabriel für seine Nachfolge und die Kanzlerkandidatur empfohlen hat.

Schulz ist plötzlich die Nummer eins seiner Partei.

Dabei ging er bis zu dem entscheidenden Gespräch mit Gabriel am Samstag noch davon aus, dass er bald das Aussenministerium übernehmen werde, da Amtsinhaber Frank-Walter Steinmeier am 12. Februar in der Bundesversammlung wohl zum neuen Staatsoberhaupt gewählt wird. Und die Kanzlerkandidatur? Hatte Schulz abgehakt. Doch es kam anders: So ziemlich von heute auf morgen hat er die Hoffnungen einer ganzen Partei auf die Schultern gepackt bekommen. Schulz soll die SPD führen – und sie bei der Bundestagswahl im kommenden Herbst zurück ins Kanzleramt bringen. Angela Merkel ist jetzt seine direkte Gegnerin.

Schulz soll die SPD retten

Deshalb ist er an diesem Mittwoch auch in der Sondersitzung der SPD-Fraktion: Um den Abgeordneten zu erklären, wie das eigentlich funktionieren soll mit ihm als Merkel-Herausforderer und künftigem Parteichef. Bis vor ein paar Tagen war Schulz noch Präsident des Europaparlaments, jetzt soll er die deutsche Sozialdemokratie retten.

Aber erstmal muss er jetzt eine Menge Menschen umarmen: Angefangen mit Nochaussenminister Steinmeier, kaum jemand kann ihm auf dem Weg bis zu seinem Platz entkommen. Es ist ja seit Dienstagnachmittag, als die überraschenden Personalien bekannt wurden, ohnehin eine erstaunliche Euphorie unter den Sozialdemokraten zu beobachten. Wie viel ist davon echt, wie viel taktisch? Jedenfalls wird Schulz im Fraktionsaal schon vor seinen ersten Worten mit stehenden Ovationen von den Abgeordneten gefeiert.

Dem Rheinländer Schulz eilt eine Freundlichkeit voran, die ihm vieles leichter macht als beispielsweise Sigmar Gabriel. Der konnte zwar auch sehr freundlich sein, aber viele Parteifreunde erlebten öfter sein anderes Gesicht. Schulz' menschenfängerische Art ist ein klarer Pluspunkt für den Wahlkampf, das zeigt sich bereits in den Umfragen. Dazu kommt bei ihm ein gutes Gespür für die richtigen Worte am richtigen Ort. Das Signal an die Fraktion an diesem Tag: Ihr seid wichtig.

Länger als Fraktionschef der Sozialdemokraten im Europaparlament – siebeneinhalb Jahre – sei er nur Bürgermeister seiner Heimatstadt Würselen gewesen, sagt Schulz. Daher wisse er um die Bedeutung der Abgeordneten. «Ich stehe vor einer Regierungsfraktion», ruft er ihnen zu – aber nach der Bundestagswahl wolle er vor einer Regierungsfraktion stehen, «die den Kanzler stellt». Die Abgeordneten könnten sich auf seine Kampfkraft verlassen: «sitzend, liegend und stehend».

Er hat eine Kämpfer-Biografie

Zur Erinnerung: Die SPD liegt in Umfragen bei 20 Prozent, aktuell reichte es demnach nicht einmal per Dreier-Koalition zur Mehrheit. Aber dass Schulz ein erfolgreicher Kämpfer ist, das zeigt seine Biografie: Ohne Abitur schaffte er es bis an die Spitze des Europaparlaments, das bis dahin eher repräsentative Präsidentenamt verwandelte Schulz in einen Machtposten.

Nur: Er agiert nun auf einem ganz anderen Spielfeld.

Dabei fehlt ihm – Problem eins – seine komplette Mannschaft. In Strassburg und Brüssel hatte Schulz ein eingeschworenes Team, seine engsten Leute aber werden dort bleiben. In Berlin muss er nun so schnell wie möglich eine Truppe zusammenstellen. Schulz' sogenanntes Berliner Umfeld besteht mit Markus Engels aus genau einem Mann, allerdings ist der ein sehr erfahrener und gut vernetzter Politik-Profi. Ausserdem hat der künftige Kanzlerkandidat in der Parteizentrale ein Büro mit einer Mitarbeiterin, dazu kommt schon seit Wochen eine persönliche Referentin.

Dieser Umstand erinnert an Peer Steinbrücks Kanzlerkandidatur, der personell ähnlich unvorbereitet in die Bundestagswahl 2013 startete. Vergleiche mit Steinbrücks Pannen-Kandidatur hört man ja nicht gerne in der SPD.

Peer Steinbrücks Kandidatur als Kanzler 2013 liest sich wie eine Serie von Pannen und Fettnäpfchen. Bild: EPA

Tatsächlich ist kaum vorstellbar, dass Schulz mögliche Fettnäpfchen ähnlich treffsicher ansteuert wie seinerzeit Steinbrück. Aber wie dieser verfügt auch Schulz – Problem zwei – nicht über eigene Truppen in der SPD: Er führt keinen Landesverband an, in der SPD-Bundestagsfraktion gibt es zwar einige aktenkundige Schulz-Fans wie den Chef der Parteilinken, Matthias Miersch, oder den aufstrebenden niedersächsischen Abgeordneten Lars Klingbeil – aber mehr nicht. Wie viel die aktuelle Euphorie wert ist, wird sich deshalb zeigen, falls es doch nicht so gut laufen sollte wie gedacht.

Problem drei: Schulz war nie Bundespolitiker, obwohl er seit Jahren Mitglied des SPD-Präsidiums ist. Er ist deshalb mit wichtigen innenpolitischen Themen wie etwa Rente oder dem Länderfinanzausgleich wenig vertraut. Und die Frage ist: Wie steht es um Detailkenntnisse zu wirtschaftspolitischen Themen oder beispielsweise dem Haushalt? Amtsinhaberin Merkel liebt solche Details und spielt sie gerne aus – da wird Schulz sich mächtig anstrengen und nacharbeiten müssen.

Bei CDU und CSU glaubt man auch, dass Schulz wegen seiner EU-Karriere eine leichte Zielscheibe sein wird, um ihn als europäischen Schuldenmacher und Europa-Hansel zu verunglimpfen. Das allerdings dürfte schwierig werden, wo Schulz in den vergangenen Jahren Seite an Seite mit dem konservativen Kommissionschef Jean-Claude Juncker agiert hat. Schulz wird wiederum als Kanzlerkandidat ohne Regierungsamt viel ungenierter den Koalitionspartner attackieren können. Zudem hofft die SPD, dass Schulz den Reiz des Neuen verkörpern kann, obwohl er natürlich seit Jahren zum Polit-Establishment gehört.

Was Schulz den Angriffen entgegenhalten wird, auf welche Themen er genau setzt, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen. Vielleicht weiss man nach seinem ersten grossen Auftritt am Sonntag als designierter Kanzlerkandidat im Willy-Brandt-Haus mehr. Aber eines deutet sich schon jetzt an: Es dürfte bei Schulz viel um die elf Jahre als Bürgermeister seiner Heimatstadt mit ihren 40'000 Einwohnern gehen. «Da lernt man die täglichen Sorgen der Menschen kennen», sagte er am Mittwoch nach seinem Fraktionstermin.

Von Würselen wird die Republik noch einiges erfahren in den kommenden Monaten.

Das könnte dich auch interessieren:

Callcenter-Mitarbeiter erleidet Hörschaden – pfiff Aargauer Senior zu laut ins Telefon?

Schiesserei nahe Drehort von «House of Cards» fordert drei Tote ++ Täter verhaftet

Schwangere Soldaten-Witwe bricht nach Trump-Anruf zusammen – das Drama in vier Akten

«In diesem Sinne Allahu Akbar!» – Polizei ist obskurem Postkarten-Verteiler auf der Spur

Der jüngste Goalie der CL-Geschichte weint nach Patzer – doch dann wird es herzerwärmend

Zwei Drittel sind genervt von ihren Nachbarn – rate mal, was am meisten stört

«Steckt euch eure Schokolade sonst wo hin» – so schreiben die Nordiren über Gegner Schweiz

Sterbender Schimpanse umarmt zum letzten Mal seinen Freund und sorgt für Hühnerhaut-Moment

YB holt in Kiew einen Punkt

Bevor geboxt wird, küsst die Herausforderin die verdutzte Weltmeisterin

Alle Artikel anzeigen
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
16Alle Kommentare anzeigen
16
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
  • Beobachter24 26.01.2017 14:22
    Highlight Ich sehe nicht, was daran überraschend sein soll. Das war absehbar, nachdem Schulz die EU verlassen hat.
    Ob Merkel, Gabriel oder Schulz ... sind alles Transatlantiker und Bilderberger (Yo. Blitz me now:-)) Sympathieträger ist keiner der dreien.

    Das Päckli CDU und SPD wird wohl nötig sein, um die AfD abzuwehren.
    (Bevor jemand mich missversteht - ich will die AfD auch nicht.)
    Andere Alternativen mit echten Chancen auf genügend Stimmen sehe ich leider keine in DE.

    Same shit as before ...
    2 0 Melden
  • Der Rückbauer 26.01.2017 08:23
    Highlight Schulz mag ein verlässlicher Kumpel sein. Aber politisch ist er ein grandioser Verlierer. Wo steht die EU heute? Zerstritten wie nie, in Teilauflösung begriffen.
    5 3 Melden
  • Chrigi-B 26.01.2017 01:22
    Highlight Zu Schulz sage ich nur: Undemokratischer geht es nicht mehr! Wie der sich in Brüssel aufführte zzzzzz.
    21 9 Melden
  • Gelöschter Benutzer 25.01.2017 23:37
    Highlight Martin Schulz ist sicher die beste Idee, die der dt. SPD einfallen kann. Ich find es toll, können unsere nördlichen Nachbarn zwischen Merkel/Schulz 1) einen spannenden Wahlkampf mitverfolgen und 2) wieder zwischen richtigen "Positionen" aussuchen.
    Beide sind wohl der komplizierten neuen Welt (mit Trump und so) bestens gewachsen.
    17 13 Melden
  • Gelöschter Benutzer 25.01.2017 23:18
    Highlight Martin Schulz ist die letzte Hoffnung der Genossen. Im Moment schauts sogar gut aus für ihn: er liegt nach neusten Umfragewerten mit Merkel gleich auf.
    Martin Schulz' Pläne? - Er will als Anti-Trump in die Analen der Geschichte eingehen. Dank ihm findet die Globalisierung des Gemüsegartens statt. Er wird nicht nur Kohle aus China importieren und Pflastersteine, um die Städte zu dekorieren, sondern Milch nach China exportieren, damit sie dort zu Quark und anderem Käse verarbeitet wird und in die EU importiert werden kann. An Ideen fehlts Martin Schulz sicher nicht.
    20 22 Melden
    • Platon 25.01.2017 23:54
      Highlight "Genossen"😂
      10 6 Melden
    • Enzasa 25.01.2017 23:56
      Highlight Richtig, kreative Lösungswege sind gefragt.
      3 9 Melden
    • Posersalami 26.01.2017 04:00
      Highlight Worin exakt unterscheiden sich denn die CSU und die SPD? Man darf auch nicht vergessen, was der letzte Sozialdemokrat an der Spitze des Landes alles verbrochen hat.
      11 2 Melden
    • Majoras Maske 26.01.2017 06:01
      Highlight Unterschied: Die SPD muss anders als die CDU nicht die Schnappsideen der CSU übernehmen. Ausserdem möchte sie im Gegensatz zur CDU die Ehe für Homosexuelle öffnen. Und nach laaaaangem Überlegen war sie dann doch noch ganz sozialdemokratisch gegen Privatisierung der Autobahnen... Schon verdächtig, dass eine sozialdemokratische Partei, beziehungsweise ihr Vorsitzender, über sowas ernsthaft nachdenken muss.
      3 7 Melden
    • Posersalami 26.01.2017 07:53
      Highlight Ui ja, das sind fundamental andere Positionen 😂
      4 2 Melden
    • Majoras Maske 26.01.2017 08:47
      Highlight Jupp :)
      1 1 Melden
    • Beobachter24 26.01.2017 14:24
      Highlight Die bekannten Exponenten der SPD in führenden Positionen sind längst keine Genossen mehr.

      Schulz ist ein eiskalter Machtpolitiker - und zugleich er hat brav gemacht, was ihm die Chefs ennet dem Teich aufgetragen haben.
      1 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 27.01.2017 00:27
      Highlight Beobachter24
      Martin Schulz durfte Konferenzen organisieren und mit den EU-Kommissaren fürs Foto posieren. Entscheiden durfte er gar nichts. Darum greift er jetzt nach dem Kanzleramt - er will die EU und nicht nur Deutschland regieren.
      0 0 Melden
  • Mafi 25.01.2017 22:51
    Highlight Das Problem ist, dass auch die SPD nicht mehr wirklich Sozialdemokratisch ist - sie ist durch die konstante Arbeit mit der Konservativen CSU/CDU immer weiter nach rechts gerutscht - und entfernt sich immer mehr von ihren originalen Werten und Ideen.
    22 9 Melden
    • Donaldo Perez 26.01.2017 01:13
      Highlight Es lässt sich nicht abstreiten, dass sich die Sozialdemokraten in Deutschland (besonders unter Gabriel) von ihren ursprünglichen Werten immer weiter entfernt haben. Allerdings rückte gleichzeitig die CDU nach links, was so etwas wie einen "mittleren Einheitsbrei" geschaffen hat. Deshalb wählen auch immer mehr Leute Parteien wie die AfD.
      Ich glaube jedoch, dass sich mit Martin 'Chultz wiedermal ein echter Sozialdemokrat stellt und bin froh darüber.
      9 3 Melden
    • andersen 26.01.2017 02:38
      Highlight Parlamentarische Demokratie heisst auch das man Kompromisse findet. Martin Schulz schützt die Werte, die wir in Europa aufgebaut hat: Glaubwürdigkeit, Respekt, Toleranz und ein Leben, die in Würde garantiert ist.
      5 9 Melden

«Es hat mir den Magen umgedreht» – so erlebten Passagiere den Air-Berlin-Abschiedsstunt

Mit einem spektakulären Durchstartmanöver zelebrierte ein Pilot von Air Berlin den letzten Langstreckenflug der insolventen Airline. Dies sorgt für Diskussionen. 

«Wir sagen heute nicht auf Wiedersehen, sondern tschüss». Mit diesen Worten verabschiedete sich der A330-Pilot der insolventen Air Berlin kurz vor den Landung in Düsseldorf. Dann setzte er zu einem regelrechten Abschiedsstunt an. Der Kapitän zog die Maschine nach links hoch und brauste im Tiefflug über das Flughafen-Terminal. Die Bilder der spektakulären Ehrenrunde gehen um die Welt. 

Die Passagiere erlebten die Showeinlage ganz unterschiedlich. «Mir hat sich der Magen um­ge­dreht, …

Artikel lesen