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«Nicht öffnen, auch wenn sie sterben»: Protokolle der Schlepper-Todesfahrt veröffentlicht

16.06.17, 11:31 16.06.17, 11:45

Forensische Experten bei der Spurensicherung – die Tragödie auf der österreichischen Autobahn, bei der 71 Menschen starben, erschütterte im Sommer 2015 Europa. Bild: EPA APA

14,26 Quadratmeter Fläche hatten sie zur Verfügung, 30,4 Kubikmeter Luft. Nach spätestens drei Stunden, so die Schätzung der Ermittler, waren die 71 Frauen, Männer und Kinder tot.

Das Bild des Kühllastwagens auf einer österreichischen Pannenbucht ging im Sommer 2015 um die Welt. 71 Menschen aus Afghanistan, Irak, Syrien und Iran starben auf dem Weg von Ungarn nach Österreich den Erstickungstod. Das Bild wurde zum Synonym für die menschenverachtende Arbeit der Schlepper, die vom menschlichen Leid der Migranten und Migrantinnen finanziell profitieren.

Jetzt, zwei Jahre später, wird den Schleusern und Hintermännern der Prozess gemacht. Die ungarische Staatsanwaltschaft legt der internationalen Schlepperbande 31 illegale Transporte zur Last, 1200 Menschen sollen sie so transportiert haben, zudem sollen die Beschuldigten ein kriminelles Netzwerk gebildet haben. Zehn der mutmasslichen Täter sitzen in Untersuchungshaft, einer ist flüchtig. Die vier Hauptbeschuldigten werden zudem des Mordes angeklagt.

Der Süddeutschen Zeitung, NDR und WDR liegen die Anklageschrift und Protokolle der Telefonüberwachungen vor. Die Mitschnitte offenbaren die Menschenverachtung und Profitgier der Schlepper. Der Fahrer des LKWs und seine drei Begleiter ignorieren während Stunden die Schreie, Hilferufe und verzweifelten Schläge der Flüchtenden gegen die zugesperrten LKW-Türen.

21. August 2015

Auf die Spur der Schlepperbande kamen die ungarischen Ermittler bereits Ende Juni 2015. In der Folge hörten sie Telefongespräche ab. So auch die Gespräche zwischen den Schleusern an diesem verhängnisvollen 21. August.

Der Schlepperkonvoi besteht aus Ivajlo S., der den weissen Kühllaster steuert,  Todorov B. und Metodi G., die dem Lastwagen mit einem Audi und einem Mercedes folgen, sowie Samsoor L., mutmasslicher Kopf der Bande, der mit einem BMW vorausfährt. Die vier stehen seit Beginn der Fahrt nahe Mórahalom an der ungarisch-serbischen Grenze miteinander in Telefonkontakt.

Nach 35 Minuten beginnen sich die Menschen im Frachtraum lautstark bemerkbar zu machen. Der Frachtraum des Kühlwagens hat keine Öffnung, durch das Ausatmen steigt der Kohlendioxidgehalt stetig, die Hitze ist drückend, der Raum völlig überfüllt. 

Metdoi G.: «Was ist los, Ivo?»
Ivaljo S.: «Sieh, was die machen. Sag denen, dass sie mit dem Blödsinn aufhören sollen.»
Metodi G.: «Klopfen sie etwa?»
Ivajlo S.: «Sie haben an der Tankstelle sehr stark geklopft. Scheisse, oh, mein Gott
Metodi G.: «Scheisse.»
(Übersetzung der Telefonmitschnitte)​​

Die Schlepper packt die Furcht. Niemand darf mitbekommen, dass in dem Kühllaster mit dem stilisierten Geflügel-Kopf 71 Menschen transportiert werden. Irgendwann stoppt der Fahrer den Transporter auf einem Rastplatz, füllt Wasser in den Motor nach. Die Menschen bitten um Wasser, weinen, die Tür lässt sich nicht von innen öffnen. 

Metodi G.: «Ich habe ihm schon gesagt, dass er nicht aufmachen darf, sondern nur Wasser füllen und weiterfahren soll. Er muss es nur bis Österreich schaffen.»
Samsoor L.: «Er soll ihnen sagen, dass er die Türen nicht öffnen kann, egal ob sie ihre Notdurft verrichten wollen oder was anderes, auch wenn sie sterben sollten.» 
(Übersetzung der Telefonmitschnitte)​

Für die Bande ist vor allem eines von Bedeutung: Sie müssen den Transporter auf österreichischen Boden bringen, erst dann erhalten sie den Lohn. 1000 bis 1500 Euro für die Fahrer, bis zu 5000 Euro für die Schlepper. Die Migranten haben für die Fahrt schon im Voraus bezahlt.

Kurz nach neun Uhr an diesem Morgen überquert der Lastwagen die ungarisch-österreichische Grenze. Eine knappe halbe Stunde später hält er in einer Pannenbucht nahe dem österreichischen Parndorf. Der Fahrer Ivajlo S. steigt zu seinem Partner Todorov B. in den Audi, den Transporter lassen die beiden in der Nothaltebucht stehen. 25 Stunden später entdeckt die österreichische Autobahnpolizei den LKW am Strassenrand. Noch am gleichen Abend werden Samsoor L. und Metodi G. festgenommen, am nächsten Tag auch der Fahrer Ivajlo S.

Wann die Ermittler die Gespräche ausgewertet haben, ist unklar. Gemäss «Süddeutsche Zeitung» bestreiten sie, die Gespräche live mitgehört zu haben – der Überwachungsauftrag habe dazu nicht ausgereicht. Hätten sie die Telefonate live mitgehört, hätte für die 71 Menschen vielleicht noch Hoffnung bestanden.

Am 21. Juni beginnt der Prozess im ungarischen Kecskemét.

(wst)

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  • Pokus 16.06.2017 18:06
    Highlight "der Überwachungsauftrag habe dazu nicht ausgereicht. Hätten sie die Telefonate live mitgehört, hätte für die 71 Menschen vielleicht noch Hoffnung bestanden."

    Was ist denn das für erbärmliche Stasipropaganda?!
    Wollt ihr das wirklich so stehen lassen?
    Es gäbe eine Million Möglichkeiten, ohne die Freiheit der Menschen einzuschränken.
    Auf die Schnelle:
    - Kühllaster müssen von innen zu öffnen sein
    - Kontrollen wenn ein Fahrzeug einfach so herumsteht, da ist bestimmt 20 mal die Polizeit vorbeigefahren
    - BGE damit sich niemand genötigt fühlt, um selbst zu überleben, 71 Menschen verrecken zu lassen
    16 12 Melden
    • Charlie Brown 16.06.2017 19:37
      Highlight Der mit dem BGE ist jetzt unglaublich weit hergeholt und nicht wirklich durchdacht. Es ist sogar ein wenig bedenklich, das Schicksal der 71 Todesopfer dafür zu instrumentalisieren.
      8 5 Melden
  • Nibu 16.06.2017 15:46
    Highlight Warum machen wir im Westen nicht unsere Tore auf für diejenigen z.B in Afrika, die verhungern und verdursten?
    Weil auch wir unsere "1500 Franken* " in Gefahr sehen (*ruhiges Luxuswohlstandsleben)

    Ist zwar indirekter, aber schlussendlich sterben tausende von Menschen, ohne dass wir ihnen helfen.
    36 32 Melden
    • Jol Bear 16.06.2017 16:56
      Highlight Eine etwas zu einfach angedachte Idee. Ursache von Hunger und Flucht ist nicht ausschliesslich der Wohlstand in Europa u. andernorts. Am Bsp. Naher Osten und Afrika bestehen auch "hausgemachte" Konflikte, die wir wenig beeinflussen können. Dennoch könnte "der Westen" sich wirtschaftlich und politisch auf verträglicheren Kriterien beim Engagement in diesen Ländern verständigen und nicht nur billige Rohstoffbeschaffung in den Vordergrund stellen. Aber auch das ist schon ein naives Anliegen.
      27 3 Melden
    • Pokus 16.06.2017 18:18
      Highlight Der Wohlstand muss besser verteilt werden (nicht nur weil die Leute dann gerne "da bleiben wo sie sind", es führt auch zu tieferen Geburtenraten.) Dazu muss die Politik weltweit das erkennen und zusammenspannen. Korruption und Vetternwirtschaft muss im Griff sein, Schwarzmärkte müssten legalisiert werden, damit dieser Wirtschaftzweig sein Elend nicht mehr ausbreiten kann.
      Alles scheint total illusorisch.
      Es gibt keinen anderen Weg, als die Leute, die dazu bereit sind und es sich ermöglichen können, weiterhin in unser System zu integrieren und dieses durch sein Mitgliederwachstum zu festigen.
      7 3 Melden
  • zombie woof 16.06.2017 14:20
    Highlight Wie wenig es braucht damit der Mensch zum Schweinehund wird
    46 7 Melden
  • Maria B. 16.06.2017 13:00
    Highlight Orbans Gerichte werden wohl demonstrativ und im Sinne künftiger Prophylaxe, aber auch als nachhaltige Abschreckung von Schleppern zurecht langjährige, mutmasslich gar lebenslängliche Strafen aussprechen.

    War ein wirklich schlimmer Fall, wie mit Migranten unwürdige Geschäftspraktiken durch Schlepper gemacht werden, was auch die Überfahrten über das Mittelmeer mit einschliesst. Zumal dort NGOs unverständlicherweise mit den Schleppern indirekt kooperieren und Gerettete schon wenige km von der libyschen Küste abholen und sie ins gebeutelte Italien überführen, statt zurück an Libyens Küste.
    59 18 Melden
    • meine senf 16.06.2017 16:02
      Highlight Was ist, wenn die Lybier sie gar nicht zurücklassen?!?

      Diese Frage kann ich hier wohl noch 1000 Mal stellen, bisher gab es noch keine Antwort ...
      30 18 Melden
    • Maria B. 17.06.2017 00:23
      Highlight Eine eher einfach gestrickte Frage, auch wenn sie immer wieder stereotyp gestellt wird. Man könnte sie sich bei etwas mehr Wissen um die dortige Situation an der Küste sehr wohl selbst beanrworten :-)!

      Hast du schon mal gehört, dass die libysche Küste von bis an die Zähne bewaffneten Milizen oder durch das nicht mehr wirklich bestehende libysche Armee bewacht wird?

      Ich nicht, und ich bin im Allgemeinen gut informiert. Jedenfalls ist nicht davon auszugehen, dass bewaffnete europäische Frontex-Schiffe angegriffen würden. Und eine Handvoll Schlepper am Ufer könnten den Auslad nicht verhindern.
      7 0 Melden
  • Hosch 16.06.2017 12:52
    Highlight Das gierigste Raubtier der Erde sind wir Menschen....
    45 7 Melden
  • amore 16.06.2017 12:28
    Highlight Für solche Mörder muss es unbedingt lebenslänglich mit Verwahrung geben.
    48 6 Melden
  • Gilbert Schiess 16.06.2017 12:15
    Highlight wie konnten die denn das Gespräch mithören, wenn nicht live?
    6 37 Melden
    • majcanon 16.06.2017 13:46
      Highlight Aufzeichnung durch ein Computersystem mit anschliessender (zeitverzögerten) Auswertung? 🤔
      51 0 Melden
    • John M 16.06.2017 13:49
      Highlight Aufzeichung?
      39 0 Melden
    • mal! 16.06.2017 14:09
      Highlight Man nennt es Aufnahme. Wird meist mit Maschinen gemacht und auf Datenträger gespeichert.
      58 5 Melden
    • Luzi Fair 16.06.2017 14:12
      Highlight Die haben wahrscheinlich schon live mitgehört. Aber es bestand halt kein Interesse die Leute lebend da raus zu holen.
      5 68 Melden
    • Gilbert Schiess 16.06.2017 14:17
      Highlight Demnach hatten sie die Bewilligung, die Gespräche aufzuzeichnen, nicht jedoch live mitzuhören?!
      Wieso dann keine Berechtigung, die Typen zu orten?
      4 29 Melden
    • BigE 16.06.2017 15:41
      Highlight @Gilbert: Weil der Tatverdacht erst mittels Tonbandaufnahmen erhärtet werden muss. Für eine Liveschaltung braucht es mehr als einen Tatverdacht. Leider konnte man damals noch nicht davon ausgehen, dass Menschen umkommen werden. Und auch die Live-Ortung braucht einen klaren Hinweis auf eine Straftat, die eine sofortige Verhaftung rechtfertigen würde. Leider hat man diese Beweise erst durch die Aufnahmen erhalten.
      Mal von den Kosten abgesehen......
      19 2 Melden
    • John M 16.06.2017 16:01
      Highlight Zum Live abhören war der Überwachungsauftrag nicht ausreichend (steht im Artikel). Abhöraufträge werden übrigens meistens nur aufgezeichnet.
      12 2 Melden
    • Pokus 16.06.2017 18:24
      Highlight Bei Süddeutsche steht:

      «Auf Anfrage weist der Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft im ungarischen Kecskemét, Gabor Schmidt, den Vorwürf zurück, die Todesfahrt ... "Wenn die ungarischen Behörden die Chance gehabt hätten, diese furchtbare Tat zu verhindern, dann hätte man das getan. Aber die Gespräche konnten erst zu einem Zeitpunkt übersetzt und ausgewertet werden, als diese tragische Schleusung schon durchgeführt war." Zudem säße nicht dauerhaft ein Beamter am Kopfhörer, da "diese Fahrten in den Nachtstunden, also gegen drei Uhr am Morgen, fünf Uhr am Morgen abgewickelt wurden".»
      6 0 Melden

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