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George A. Romero, Zombie-Entfessler. Bild: AP

Bitte, komm als Zombie wieder! George A. Romero, Vater aller «Living Dead»-Filme, ist tot

17.07.17, 11:19

Was kann ein Zombie dafür, dass er ein Zombie ist? Nichts! Er war halt einmal ein Mensch, der sich von einem andern Zombie hat anfressen lassen. Und woher kam der? Aus einem Romero-Film natürlich! Eine andere Erklärung gibt es kaum. Denn George A. Romero, der jetzt mit 77 Jahren verstorben ist, erfand mehr oder weniger den Zombie als Massenphänomen.

Keiner liebte und verstand die hässlichen, hirnlosen und überaus langsamen Kreaturen so sehr wie er. Und keiner konnte uns so schlüssig nahe legen, dass in jeder und jedem von uns bereits der Zombie lauert, wenn wir nicht aufpassen und uns mit aller Kraft gegen die Versuchungen der westlichen Welt (okay, Amerikas) stemmen. Immer war da dieser pathetische Rest von Moral und Sentimentalität in seinen lustigen Orgien aus wandelnden Fleischfetzen, und sie machten, dass einem seine Filme ans Herz wuchsen. 

Bild: wikipedia

«Survival of the Dead» (2009) zum Beispiel, der letzte und weiss Gott nicht beste Film aus der «Living Dead»-Reihe erzählt die Geschichte zweier Familien auf einer abgelegenen Insel, die es nicht übers Herz bringen, ihre untoten Familienmitglieder vollends zu töten. Statt dessen versuchen sie, ihre Zombies zu domestizieren und ihnen einfache, manuelle Aufgaben in Haus und Hof beizubringen. Schnell wird klar: Niemand hat je schlechter gekocht als die Zombie-Köchin. Gleichzeitig ist es praktisch: Billigere Arbeitskräfte finden sich nirgendwo.

Bild: via imdb

George A. Romero kam am 4. Februar 1940 in der Bronx zur Welt, sein Vater war Kubaner, seine Mutter stammte aus Litauen. Mit 18 gewann er seinen ersten (sehr kleinen) Filmpreis für einen ernsthaften kleinen Dokfilm über Geologie. Er studierte Film, verdiente sein Geld als Werber und wandte sich mit 28 und einem Mikrobudget von 114'000 Dollar zum ersten Mal den Zombies zu. Das Resultat? «Night of the Living Dead». Noch kein Kassen-, aber ein Kulthit. Und: ein frühes Statement gegen rassistische Polizeigewalt in den USA. Denn der Held, der all die hysterischen weissen Menschen vor den Zombies rettet, ist schwarz. Und wird am Ende von der Polizei, einem dumpf drauflos ballernden Zombie-Pendant, erschossen.

Bild: waxwork records

«Ich war der einzige Junge auf dem Spielplatz», erinnerte sich Romero 2013 im «Telegraph» an seinen Unique Selling Point. «Alles, was ich tat, war, die Zombies aus der Exotik rauszunehmen und sie zu Nachbarn zu machen. Ich dachte, es gibt nichts Grusligeres als Nachbarn», sagte er 2014 in einem Radiointerview von NPR.  Trotzdem sah er nicht seine Filme für den Zombie-Boom der Jetztzeit («Zombieland», «The Walking Dead», «World War Z») verantwortlich, sondern vor allem Videogames. 

Bereits sein zweiter Zombie-Film, «Dawn of the Dead» (1978), machte Romero zum Millionär. Ein 500'000-Dollar-Budget verwandelte sich in 55 Millionen Dollar an den Kinokassen. So süchtig war das Publikum danach, einen seiner Lieblingsorte, eine Shopping Mall, von Zombies besetzt zu sehen.

bild: wikipedia

Die Mall – gedreht wurde in einer echten Mall, selbstverständlich nur nach Ladenschluss – war wahrscheinlich Romeros genialste Idee überhaupt. Schliesslich kehren Zombies immer dahin zurück, wo sie schon als Menschen am liebsten waren. Und was ist das in Amerika, wenn nicht ein wahrer Warentempel? Und: Unterscheidet sich der zähe Strom der Zombies, die sich gehirnamputiert durch die Mall wälzen, überhaupt von normalen Konsumenten? Irgendwie nicht.

Und so ging es weiter: mit «Day of the Dead» (1985), «Land of the Dead» (2005) und «Diary of the Dead» (2007). Mit vielem anderen dazwischen. Mit etlichen Stephen-King-Verfilmungen («Creepshow etc.).

Bild: wikipedia

Hat er jemals bereut, was aus den Zombies in all den Remakes und Adaptionen seiner Filme wurde? 2008 antwortete er darauf für die Website «A.V.Club» mit einem Vergleich: «Alle fragen Stephen King, wie er sich fühlt, wenn Hollywood seine Bücher ruiniert, und das erste, was er sagt, ist: ‹Die Bücher sind doch nicht ruiniert! Sie stehen hinter mir auf dem Regal.› Mir geht es ähnlich. Meine Arbeit ist meine Arbeit. Manches ist nicht so erfolgreich wie anderes. Aber es ist meins.»

Bild: wikipedia

Nach einem kurzen, schweren Kampf gegen Lungenkrebs ist George A. Romero am Sonntag zuhause in seinem Schlaf gestorben. An seiner Seite waren seine dritte Frau und seine Tochter, sein Sterben wurde von seiner liebsten Filmmusik begleitet. Nein, es handelte sich dabei nicht um den Soundtrack von einem seiner eigenen Filme, sondern um John Fords romantische Musicalkomödie «The Quiet Man» mit John Wayne aus dem Jahr 1952.

Man wünscht sich ja normalerweise nicht, irgendeinem Verstorbenen, und sei er noch so lieb, als Zombie wieder zu begegnen. Aber George A. Romero möchte man doch gern einmal in seinem wahren Element erleben.

Schöne Zombies erobern Mexiko

1m 6s

Tausende Untote erobern Mexiko-Stadt

Video: reuters

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Brikne, 20.7.2017
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  • Confused Dingo #teamhansi (an intolerant asshole) 17.07.2017 12:11
    Highlight Was Romeros Zombie-Filme von dem heutigen, mehrheitlichen Schund, unterscheidet, ist die perfekte Balance zwischen Horror-Film und Gesellschaftsstudie. Sei das in the Night of the living Dead, Dawn of the Dead oder auch Dayof the Dead. Im Mittelpunkt stehen nicht die Zombies, sondern Menschen mit verschiedenen Hintergründen, die wegen den katastrophalen Umständen, nun miteinander klar kommen müssen.
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  • Skeletor82 17.07.2017 12:05
    Highlight Schön wäre noch ergänzende Infokästen. Zum Beispiel, dass "Dawn of the Dead" nur dank dem Zustupf von Dario Argento möglich war und der italienische Filmregisseur den deutlich düsteren Euro-Cut (Komödie-Elemente fehlen, bessere Musikuntermalung) produzierte.

    Oder die komplett verhunzten und geschnitten deutschen Versionen, die oft in hiesigen Videotheken zu finden waren.

    Übrigens: Seine Filme gehören definitv zur Sorte: Je mehr man diese sieht, desto mehr schätzt und desto besser versteht man sie.
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  • Theor 17.07.2017 11:53
    Highlight Ich hasse Zombiefilme, aber habe dennoch Respekt für das Machwerk von Romero.

    Rest in Peace sage ich da immer, und daher bitte NICHT als Zombie zurückkommen!
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  • TanookiStormtrooper 17.07.2017 11:52
    Highlight
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Ich war «Mother!» gucken und nach zwei Stunden mit den Nerven am Ende

Schöpfung und Niedergang wird in «Mother!» in einen Mantel aus Horror gepackt und in einer alten spukhaften Villa erzählt. Das macht den Film aber nicht zu einem klassischen Horror-Film, sondern verordnet ihn mehr in die Kategorie «Was zum Teufel habe ich da eigentlich geschaut?».

Als wäre das Wort nicht schon genug bedeutungsschwanger, setzt Regisseur Aronofsky noch ein Ausrufezeichen dahinter. Wir verstehen: «Mother!» – mit Ausrufezeichen – soll also melodramatisch werden. Mother mit Ausrufezeichen kann man nämlich auch auf ganz viele verschiedene Arten aussprechen. Oder schreien: Verzweifelt, verärgert, reuig. Sie ist schliesslich Ursprung des Lebens und deshalb verantwortlich für beides: Freude und Leid.

Das tönt jetzt alles ein bisschen geschwollen und hochgekocht. …

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