International

Noch vor wenigen Wochen galt der 62-jährige Abgeordnete als so gut wie chancenlos bei der Vorwahl seiner Partei Die Republikaner – jetzt hat er beste Aussichten, 2017 als neuer Staatschef in den Elysée-Palast einzuziehen. Bild: PHILIPPE WOJAZER/REUTERS

Der einstige «Mister Nobody» will «Monsieur le Président» werden

27.11.16, 21:36 28.11.16, 08:39

Es ist die Stunde des grossen Triumphs für François Fillon: Der frühere französische Premierminister, einst als «Mister Nobody» belächelt, hat sich mit einem haushohen Sieg über seinen Rivalen Alain Juppé die Präsidentschaftskandidatur der Konservativen gesichert.

Noch vor wenigen Wochen galt der 62-jährige Abgeordnete als so gut wie chancenlos bei der Vorwahl seiner republikanischen Partei – jetzt hat er beste Aussichten, 2017 als neuer Staatschef in den Elysée-Palast einzuziehen.

Wirtschaftsliberal und wertkonservativ

Mit einem sehr wirtschaftsliberalen und strikt wertkonservativen Kurs hat Fillon die Wähler des bürgerlich-konservativen Lagers für sich gewonnen: Die 35-Stunden-Woche will der einstige Premier von Staatschef Nicolas Sarkozy abschaffen, Steuern und Abgaben für Unternehmen senken, 100 Milliarden Euro einsparen und 500'000 Stellen im öffentlichen Dienst streichen.

«Brutal» und «ultraliberal» nannte das sein Kontrahent Juppé, Kritiker verglichen Fillon mit der «Eisernen Lady» Margaret Thatcher in Grossbritannien – doch Fillon liess sich davon nicht beeindrucken: «Mein Projekt ist radikaler und vielleicht auch schwieriger», sagte er in einer TV-Debatte. «Wenn man will, dass das Land wieder auf die Beine kommt, müssen sich alle anstrengen.»

Auch dass Gegner dem überzeugten Katholiken und fünffachen Familienvater erzkonservative Ansichten vorwarfen, liess Fillon kalt. «Ich entschuldige mich nicht dafür, Werte zu haben: Ich glaube an die Familie, Arbeit, die Autorität des Staates.»

François Fillon will «Monsieur le Président» werden. Bild: AP/Pool AFP

Unerschütterliche Ruhe, sachliche Argumente

Überhaupt liess sich der Politiker mit den buschigen Augenbrauen, 1954 in Le Mans als Sohn eines Notars und einer Historikerin geboren, im Wahlkampf der Republikaner nie aus der Fassung bringen. Seine unerschütterliche Ruhe, seine sachlich vorgetragenen Argumente beeindruckten viele Wähler.

Das erklärte wohl auch den überraschenden Erfolg Fillons in der ersten Runde der Vorwahl am vergangenen Sonntag. Umfragen hatten den 62-Jährigen lange Zeit abgeschlagen auf dem dritten Platz gesehen.

Alle gingen von einem Duell zwischen Juppé und Sarkozy in der Stichwahl aus. Doch in den Tagen vor der ersten Runde legte Fillon eine atemberaubende Aufholjagd hin und gewann die erste Runde sensationell mit grossem Abstand.

So kegelte Fillon Sarkozy aus dem Kandidatenrennen – jenen Mann also, dem er von 2007 bis 2012 treu als Premierminister diente und der ihn in der Zeit abfällig als blossen «Mitarbeiter» bezeichnete. Dass er Sarkozy bei der Vorwahl schlug, dürfte für Fillon eine besondere Genugtuung gewesen sein. Kommentatoren sprachen gar von einer «Revanche».

Nicolas Sarkozy – neben ihm gingen viele andere unter. Er galt als «Hyperpräsident». Bild: Claude Paris/AP/KEYSTONE

Hyperpräsident Sarkozy

Die jetzt errungene Präsidentschaftskandidatur der Konservativen ist der vorläufige Höhepunkt in der langen Karriere des Politikers, der meist im Schatten der anderen stand. 1976 war der Staatsrechtler als Mitabeiter eines Abgeordneten in die Politik gegangen. Als dieser starb, übernahm er dessen Wahlkreis und wurde mit 27 Jahren Frankreichs jüngster Abgeordneter.

Eine Reihe von Ministerposten hatte Fillon später inne – darunter nie einen sehr prestigeträchtigen – bis Sarkozy ihn 2007 zu seinem Premierminister machte. Unter dem «Hyperpräsidenten» kam der zurückhaltende Fillon aber kaum zur Geltung.

Nach Sarkozys Wahlniederlage 2012 erlebte Fillon einige der dunkelsten Stunden seiner Karriere: In einer von Betrugsvorwürfen überschatteten Wahl um den Vorsitz der Republikaner-Vorgängerpartei UMP unterlag er seinem Rivalen Jean-François Copé.

Es folgte ein erbitterter Machtkampf, der die Partei an den Rand der Spaltung brachte. Fillon musste schliesslich aufgeben und verschwand lange in der Versenkung.

Geduldig baute der Abgeordnete dann sein Projekt für eine Präsidentschaftskandidatur auf. Ein Projekt, das ihn nun zum ersten grossen Erfolg getragen hat. Als Kandidat der Republikaner nimmt der einstige «Mister Nobody» jetzt die Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr ins Visier. Das Ziel ist klar: Er will «Monsieur le Président» werden. (sda/afp)

Das könnte dich auch interessieren:

Robert Kagan: «Die Republikaner könnten Trump stoppen, aber ...»

Mit diesen 7 Tipps schaufelst du massig Speicherplatz auf dem Smartphone frei

Was mein Besuch im «kiffertoleranten» Altdorf über Urner Filz verrät

History Porn Teil XIII: Geschichte in 21 Wahnsinns-Bildern

Na, noch müde? Bei diesen witzigen Flugzeug-Durchsagen musst du trotzdem lachen

Dieses geniale Start-up in Birmensdorf ZH erinnert an das Apple, das wir alle liebten

So geschickt macht die «Weltwoche» Kuno Lauener zu ihrem Coverboy

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

User-Review:
DendoRex, 19.12.2016
Watson ist für mich das Nr. 1 Newsportal und wird es auch bleiben. So weitermachen!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0 Kommentare anzeigen
0
Logge dich ein, um an der Diskussion teilzunehmen
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600

Wie das Bedingungslose Grundeinkommen das Leben dieses Finnen verändert hat

Nach einem Burnout lebt der Finne Juha Jarvinen jahrelang von Arbeitslosengeld – bis Post von den Behörden in seinem Briefkasten landet: Im Zuge eines Experiments bekommt der sechsfache Familienvater zwei Jahre lang ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Ein Gespräch über Couchpotatoes, scheue Finnen und senegalesische Brunnen.

Juha Jarvinen, markantes Gesicht, stechender Blick, leicht zerzaustes Haar, sitzt am Couchtisch in seinem Haus im Westen Finnlands. Ein Holzhaus, geräumig, ofenbeheizt, eines von vielen in der von der Metallindustrie geprägten Region des skandinavischen Landes. Der 38-Jährige nimmt sich Zeit für das Skype-Interview, wie für alle Anfragen von Journalisten. Mehr als hundert seien es in den letzten Tagen gewesen. Und allen will Jarvinen seine Geschichte erzählen.

Juha Jarvinen, Sie haben im Januar …

Artikel lesen