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François Fillon, die ruhigere und coolere Version von Nicolas Sarkozy

Wer wird Präsidentschaftskandidat der französischen Konservativen? François Fillon hat die erste Runde der Urwahl gewonnen. Während Ex-Präsident Sarkozy als Verlierer abtritt, verspricht Fillon weitreichende Reformen.

Publiziert: 21.11.16, 10:35 Aktualisiert: 21.11.16, 10:47

Stefan Simons, Paris

François Fillon bei seiner Stimmabgabe. Bild: GONZALO FUENTES/REUTERS

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Meinungsforscher hatten ihn unterschätzt, die Medien vernachlässigt – Frankreichs Bürger kürten ihn zum Sieger: François Fillon ist bei der ersten Runde der Vorwahlen der Republikaner (LR) überraschend eindeutig an seinen Konkurrenten vorbeigezogen. Der Ex-Premier kam auf etwa 44 Prozent der Stimmen. Der lange als Favorit gehandelte Alain Juppé erzielte etwas mehr als 28 Prozent. Mehr als sieben Prozentpunkte dahinter lag Ex-Präsident Nicolas Sarkozy.

«Ich sage allen Franzosen, dass wir zusammen für Frankreich die entscheidende Wende durchsetzen werden», sagte Fillon nach seinem Sieg und würdigte das Rekordengagement von Frankreichs Bürgern: Fast vier Millionen hatten bei der ersten Urwahl der Republikaner abgestimmt. Es ist diese ausserordentliche Wahlbeteiligung, die Fillon an die Spitze von Frankreichs wichtigster Oppositionspartei katapultierte – und die das politische Gleichgewicht innerhalb des konservativen Lagers langfristig verschieben könnte.

Französische Medien beschrieben den Aufstieg des ehemaligen Ministerpräsidenten am Sonntagabend als «historische Wende», die linke Tageszeitung «Libération» schrieb vom «Wunder Fillon». Der Kandidat selbst, begeisterter Amateur-Motorsportler, sagte: «Es ist wie bei den Autorennen in Le Mans: Am Ende zählt, wer als Erster die Ziellinie überquert.»

Lange fuhr Fillon dem Pulk der LR-Prominenz hinterher, noch im August lag er mit knapp 15 Prozent an vierter Stelle des siebenköpfigen Kandidatenfeldes. Erst allmählich, auch dank seines Auftretens während der drei TV-Debatten, konnte sich der Abgeordnete aus dem Schatten seiner Konkurrenten lösen. Erst in den vergangenen Tagen schloss Fillon dann zu Juppé und Sarkozy auf. Aus dem bisherigen Zweikampf sei ein «Duell zu dritt» geworden, schrieb «Journal de Dimanche».

Juppé und Fillon bei der TV-Debatte Bild: POOL/REUTERS

Fillon überzeugte vor allem dank seiner Persönlichkeit. Seine Vorschläge zur Wirtschaftspolitik sind weitreichender als die Reformen Juppés, fast verspricht er eine Rosskur à la Margaret Thatcher. Und ideologisch steht er genauso rechts wie Sarkozy.

Doch Fillon erscheint dabei solide und kohärent: Der Mann aus dem ländlichen Departement Sarthe verbindet einen bodenständigen Konservativismus mit einem Bekenntnis für Modernität. Reserviert, wo Sarkozy aggressiv ist; emphatisch, wo Juppé Kälte verbreitet. Fillon wirkt beherrscht, fast cool. Das Magazin «Marianne» charakterisiert ihn als «Gaullisten, gelassen, aber wenig geschwätzig».

Bild: GONZALO FUENTES/REUTERS

Während sich seine Konkurrenten bei ihrem erbitterten Zweikampf gegenseitig mit Spitzen, Vorwürfen und Kritik überzogen, hielt sich Fillon zurück. Obwohl er schon seit 40 Jahren im politischen Betrieb ist – als Bürgermeister, Abgeordneter, Minister und Ex-Premier – gelang es ihm dennoch, sich zugleich als erfahrener Staatsmann und als Newcomer zu profilieren.

Juppé will weiterkämpfen

Am kommenden Sonntag findet die Stichwahl zwischen Fillon und Juppé statt. Der kündigte an, den Kampf fortzusetzen, es stehe nun «Projekt gegen Projekt», sagte Juppé. «Ich will Frankreich versammeln, ich will glaubhafte Reformen, Vollbeschäftigung und Autorität wiederherstellen, für alle Franzosen.»

Mit einem Seitenhieb auf Fillon, den ehemaligen Ministerpräsidenten Sarkozys, fügte er hinzu: «Ich will moderne Reformen, statt die Nostalgie für die Vergangenheit zu kultivieren.» Es habe an diesem Wochenende eine Überraschung gegeben, «sehen wir zu, dass es am kommenden Sonntag eine weitere gibt».

Sarkozy verabschiedet sich

Dann werden die Wähler über die endgültige Nominierung des konservativen Spitzenkandidaten entscheiden. Fillon gilt als Favorit, gab sich aber vor der Stichwahl versöhnlich, beinahe schon präsidial. «Die Niederlage darf niemanden demütigen», sagte er in Richtung seiner ausgeschiedenen Kollegen und fand «einen besonderen Gedanken für Nicolas Sarkozy».

Sarkozy gesteht Niederlage ein:

Video: YouTube/itele

Der frühere Staatschef, mit 20.7 Prozent deutlich abgeschlagen, gestand am frühen Sonntagabend seine Niederlage ein. «Die Zeit der Bruderkriege ist vorbei», sagte Sarkozy mit Blick auf seine Parteikollegen – und stellte sich hinter seinen ehemaligen Premier: «Sein Projekt passt am besten zu den Herausforderungen Frankreichs, deshalb werde ich beim zweiten Durchgang für François Fillon stimmen.»

Er werde den Sieger der Stichwahl unterstützen, sagte Sarkozy. «Ich habe keine Bitterkeit», er wolle nur das Beste für Frankreich. Seine Wähler rief er auf, «niemals den Weg der Extreme zu wählen» – eine klare Warnung vor dem Front National.

Er selbst werde sich künftig mehr seinen privaten Leidenschaften widmen, als seinen politischen, sagte Sarkozy. Seine kurze Ansprache vor seinen Anhängern schloss er mit einem Statement, das klang wie ein Adieu an die Nation: «Alles Gute für Frankreich.»

Zusammengefasst: Wer für die französischen Konservativen ins Rennen um das Präsidentenamt geht, wird am kommenden Sonntag bei einer Stichwahl zwischen François Fillon und Alain Juppé entschieden – die beiden holten bei der ersten Runde der Vorwahlen die meisten Stimmen. Ex-Präsident Nicolas Sarkozy kam überraschend nur auf den dritten Platz. Er kündigte daraufhin seinen Rückzug aus der Politik an.

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