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Ukip-Wahlkampf: «Grossbritannien zuerst»  Bild: NEIL HALL/REUTERS

Ukip-Wahlkampf in England: «Nicht mehr britisch genug»

Die britische Ukip hofft auf ihren ersten Erfolg bei einer Unterhauswahl. Die Chancen der Rechtspopulisten stehen so gut wie noch nie. Besuch in der Partei-Hochburg Thurrock.

04.05.15, 21:56

Aus Grays berichtet Vera Kämper  

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Der Lebensmittelladen in der Einkaufszone von Grays heisst «Europa». Ungarische Salami gibt es dort zu kaufen, italienische Nudeln, türkischen Ziegenkäse und eingelegten Krautsalat. Die meisten ihrer Kunden seien aus Rumänien und Ungarn, sagt die rumänische Verkäuferin. «In Grays wohnen viele von uns.»

Auf der High Street direkt hinter dem Bahnhof bietet «Doctor Han» auf einem verblassten Aushang chinesische Medizin gegen Leberbeschwerden an. Auf dem Wochenmarkt verspricht ein Händler mit Turban auf grossen Schildern: «Wir entriegeln Ihnen Ihr Mobiltelefon.» Beim polnischen Delikatessenladen liegt nicht nur Wurst in der Kühltheke, auch günstige Reisen nach Warschau und Unfallversicherungen werden im Schaufenster beworben.

Einwanderer scheinen im Leben der Kleinstadt östlich von London fest verwurzelt. Und das soll eine Hochburg der rechtspopulistischen UK Independence Party (Ukip) sein?

Tim Aker heisst der lokale Ukip-Kandidat bei der Unterhauswahl am 7. Mai. Er sitzt bereits im Europaparlament, von dem Plakat an der Fassade seines Wahlkampfbüros lächelt er freundlich herunter. Seitenscheitel, Anzug, blaue Krawatte. Der 29-Jährige hat gute Chancen, den Wahlkreis Thurrock zu gewinnen und den Siegeszug der Rechtspopulisten fortzusetzen.

Ukip will ins nationale Parlament

Laut einer Umfrage führt Ukip in Thurrock mit 35 Prozent der Stimmen knapp vor Labour und den Konservativen. Das liegt deutlich über dem nationalen Schnitt, der die Partei bei 13 Prozent sieht. In den vergangenen Jahren hat Ukip ihre Präsenz in den Kommunen und im Europaparlament stetig ausgebaut. Nun soll endlich das nationale Parlament folgen. Bislang wird die Partei im Unterhaus nur von zwei Überläufern der Konservativen vertreten.

Schräg gegenüber von Akers Wahlkampfbüro sitzt David Smith vor dem «Grays Café», trinkt Kaffee und raucht. Der 62-Jährige wohnt seit sieben Jahren in Thurrock und zählt noch zu den unentschlossenen Wählern: «Die Tories sind gut für die Wirtschaft», sagt er. «Aber Ukip ist gut gegen die Einwanderung.» Er fühle sich längst «nicht mehr britisch genug». Seine Mutter wohne seit 82 Jahren in London, erzählt er. Mittlerweile sei sie die einzige Weisse in ihrer Strasse und fühle sich ausgegrenzt. «Wir haben einfach zu viele Migranten hier», sagt Smith.

«Happy St. George's Day from Nigel & Ukip»

Rund 150'000 Einwohner leben in der Region Thurrock. Mit 8.6 Prozent ist die Ausländerquote niedriger als der landesweite Durchschnitt (11.5 Prozent). Traditionell wurde hier Labour gewählt, zuletzt konnten die Tories den Wahlkreis gewinnen. Doch wie auch anderswo in England ist die Enttäuschung über die beiden alten Volksparteien gross – und diese Stimmung nutzt Ukip. Aker präsentiert sich als frische Alternative zum Establishment, personifiziert in Thurrock durch die Labour-Kandidatin Polly Billington, eine frühere BBC-Journalistin und Beraterin von Labour-Chef Ed Miliband.

Er führt die Partei: Nigel Farage Bild: Getty Images Europe

Thurrock steht auf der Liste der «target seats» von Ukip weit oben. Das heisst, der Sitz gilt als gewinnbar, und die Partei konzentriert viele Ressourcen auf den Wahlkreis. In der Lokalzeitung «Thurrock Gazette» wurden zwölf Tage vor der Wahl auf der Titelseite grossflächige Anzeigen geschaltet. «Happy St. George's Day from Nigel & Ukip» steht prominent auf Titelblatt und Rückseite. Als Wahlkampfgeschenk verspricht Parteichef Nigel Farage in der Werbung, den Festtag zu Ehren des Schutzpatrons von England zum gesetzlichen Feiertag zu machen. Der Rechtspopulist appelliert gern an den Patriotismus seiner Landsleute.

Sloagn: «Grossbritannien zuerst»

Ausserdem will Farage das Verteidigungsbudget erhöhen, die EU verlassen und vor allem die Einwanderung stoppen. «Britische Jobs für britische Arbeiter», fordert die Ukip in der Zeitungsanzeige. Straffällige Migranten sollen abgeschoben und ein Zuwanderungsgesetz nach australischem Vorbild eingeführt werden. Ausländer sollen erst fünf Jahre Steuern zahlen, bevor sie britische Sozialleistungen kassieren dürfen.

Vor allem gegen Einwanderer aus Osteuropa wettert die Partei – und beeinflusst damit die politische Debatte in Grossbritannien: Premierminister David Cameron hat im Falle seiner Wiederwahl ein Referendum über die britische EU-Mitgliedschaft für 2017 versprochen. Die Parteien überbieten sich mit Ideen, wie man die Einwanderung reduzieren kann. Und das, obwohl eine Studie der London University ergeben hat, dass allein die EU-Immigranten zwischen 2001 und 2011 rund 20 Milliarden Pfund mehr in die Staatskasse eingezahlt haben, als sie an staatlicher Unterstützung kassiert haben.

«Grossbritannien zuerst», wirbt Ukip in Thurrock auf ihrer Facebook-Seite. Die Rhetorik kommt längst nicht überall an. Schräg unter Akers Wahlkampfbüro liegt «Mo's Änderungsschneiderei». Die drei Mitarbeiter halten nicht viel von ihren Nachbarn. «Ich wähle Labour», sagt einer von ihnen. Er ist britischer Pakistaner. «Geben Sie denen keine Stimme», sagt der andere, ein Afghane. «Wenn Ukip gewinnt, sind wir drei bald nicht mehr da.»

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