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Gegen eine drohende Diktatur: Protestierende in Caracas. Bild: Fernando Llano/AP/KEYSTONE

Venezuela versinkt im Chaos: Drei Tote und Tränengaswolken

19.04.17, 20:05 20.04.17, 11:53

Bei Demonstrationen gegen eine drohende Diktatur sind in Venezuela drei Menschen getötet worden. Ein 17-jähriger Wirtschaftsstudent wurde am Mittwoch in der Hauptstadt Caracas von einem Schuss in den Kopf getroffen und verstarb im Spital.

Zudem kam in San Cristóbal an der Grenze zu Kolumbien eine 23-jährige Frau ebenfalls durch einen Kopfschuss ums Leben. Darüber hinaus starb ein Mitglied der Nationalgarde, wie die Zeitung «El Nacional» berichtete. Die Regierung machte Demonstranten der Opposition für die Tötung verantwortlich.

Seit Ausbruch der Proteste starben damit bereits mindestens neun Demonstranten. Ausserdem wurden allein am Mittwoch laut Medienberichten rund 400 Personen festgenommen.

Demonstranten in Caracas. Bild: EPA/EFE

Maduro verteilt 500'000 Gewehre

Die Opposition machte gewaltbereite Milizen der Sozialisten für die Angriffe verantwortlich, die auf Motorrädern immer wieder Angst und Schrecken unter den Demonstranten verbreiten. Präsident Nicolás Maduro hatte als Antwort auf die Proteste angekündigt, dass die 500'000 Mitglieder der Nationalen Miliz mit Gewehren ausgerüstet würden.

Blut in Caracas: Tödliche Demo in Venezuela. Bild: EPA/EFE

Die Reservistengruppe war nach dem Putschversuch 2002 gegen den damaligen Staatschef Hugo Chávez aufgestellt worden. Auch das Militär wurde wegen angeblicher Putschgefahr in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Die Opposition kündigte weitere Proteste für diesen Donnerstag an.

Hyperinflation lähmt

Seit 1999 wird das Land von den Sozialisten regiert und ist trotz der grossen Erdölvorkommen in seine bisher schlimmste Versorgungskrise geraten. Die Inflation beträgt mehr als 700 Prozent und ist eine der höchsten Inflationsraten der Welt. Die Ausgabe grösserer Bolivares-Scheine lief schleppend, da Papier und Tinte zum Drucken fehlten.

Die Polizei setzte in Caracas massiv Tränengas ein, um Demonstranten auseinanderzutreiben, während Zehntausende Anhänger von Maduro in roten Hemden im Zentrum der Stadt unbehelligt den vierten Jahrestag seiner Präsidentschaft feierten.

Die Opposition fordert Neuwahlen und macht Präsident Maduro für die schwere politische und ökonomische Krise des Landes verantwortlich. Auslöser der seit Anfang April andauernden Proteste war die zeitweise Entmachtung des Parlaments durch ein Urteil des Obersten Gerichtshofs. Maduro warf der Opposition den Einsatz von Gewalt vor und sprach von einer «Konspiration».

Er beschuldigt die Opposition, zusammen mit dem Ausland eine Intervention zum Sturz der Regierung vorzubereiten. Maduro warf sogar den USA vor, einen Staatsstreich zu organisieren. Die US-Regierung habe grünes Licht gegeben für den Putsch, sagte der sozialistische Staatschef bei einem Treffen mit Regierungsvertretern und der Armeeführung.

Vereinigte Staaten warnen

US-Aussenminister Rex Tillerson warnte derweil vor einer Eskalation der Lage: «Wir sind besorgt, dass die Regierung Maduro die eigene Verfassung verletzt und der Opposition nicht erlaubt, dass ihre Stimmen gehört werden», sagte Tillerson am Mittwoch (Ortszeit) vor Journalisten in Washington. Die US-Regierung beobachte das Geschehen in Venezuela daher genau.

Oppositionsführer Henrique Capriles sagte, das Land brauche nicht mehr Waffen, sondern Lebensmittel und Medikamente. Viele Zufahrtsstrassen nach Caracas und Metrostationen waren geschlossen, um eine Anreise zu der Oppositions-Demonstration zu erschweren.

Maduro, Nachfolger des 2013 gestorbenen Chávez, war am Mittwoch exakt vier Jahre im Amt. Die Opposition nannte den Marsch die «Mutter aller Demonstrationen», aber die massive Polizeipräsenz und der Tränengas schränkten das Demonstrationsrecht ein. Wegen der Krise und der zunehmenden Gewalt hatten zuletzt tausende Menschen das Land verlassen und flüchteten vor allem in das Nachbarland Brasilien.

Im Parlament hat das Oppositionsbündnis «Mesa de la Unidad Democrática» aus konservativen, liberalen, sozialdemokratischen und indigenen Parteien zwar eine deutliche Mehrheit, ist aber de facto politisch wirkungslos. Der von den Sozialisten dominierte Oberste Gerichtshof hob immer wieder Parlamentsentscheidungen auf – und Maduro versucht, mit Notstandsdekreten am Parlament vorbei zu regieren.

Bald haltlose Geldentwertung

Einer der Anführer der Opposition, Leopoldo López, sitzt eine fast 14-jährige Haftstrafe ab. US-Präsident Donald Trump forderte zuletzt seine sofortige Freilassung. López wurde verurteilt, weil bei regierungskritischen Demonstrationen, zu denen López aufgerufen hatte, 2014 über 40 Menschen gestorben waren. Das Land steht nach 17 Jahren sozialistischer Regierung vor dem Bankrott und muss fast monatlich mehrere Milliarden Euro an Auslandskrediten bedienen.

Deshalb und wegen der hohen Inflation können kaum noch Lebensmittel und Medikamente importiert werden, die in Euro oder Dollar zu bezahlen sind. Der Internationale Währungsfonds IWF rechnet damit, dass die Wirtschaftsleistung 2017 um 7,4 Prozent schrumpft. Für das kommende Jahr rechnet der IWF sogar mit einer Teuerungsrate von rund 2000 Prozent. Dadurch wird es für die Bürger immer schwieriger, an bezahlbare Lebensmittel zu kommen. (sda/dpa/afp/reu)

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Pulo112, 20.12.2016
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  • Informant 21.04.2017 17:01
    Highlight Militante Oppositionelle greifen Kinderspital an:
    http://bit.ly/2oZaSjY
    0 1 Melden
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  • Informant 20.04.2017 10:44
    Highlight Hier wird mit einem unausgewogenen und propagandistischen Artikel ein möglicher Regime-Change /Putsch angefeuert und als legitim verkauft.
    Dazu reicht es, die eine Seite als korrupt, machtgierig und gewalttätig zu beschreiben, während auf der anderen Seite das friedliebende, unterdrückte und demokratische Volk steht, welches brutal "niedergeknüppelt" wird.

    Funktioniert immer wieder.






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    • Echo der Zeit 20.04.2017 17:34
      Highlight Sie scheine nicht nur von Syrien keine Ahnung zu haben - von Venezuela erst recht nicht.
      4 2 Melden
    • Limpleg 20.04.2017 18:03
      Highlight Na dann reisen Sie sofort nach Venezuela. Es ist ja alles in bester Ordnung! Es gibt alles im Überfluss! *ironieaus*
      4 2 Melden
    • Informant 20.04.2017 19:15
      Highlight Echo, dass Sie als Antidemokrat sämtliche gewalttätigen und aus dem Ausland mitfinanzierten Staatsstreiche von Syrien über die Ukraine bis nach Venezuela befürworten ist nicht Neues.

      @Limpleg, nein in Venezuela ist gar nichts in Ordnung, das rechtfertigt aber keine tendenziöse Berichterstattung.
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    • Limpleg 20.04.2017 22:46
      Highlight Wenn die Medien in Europa endlich berichten über die katastrophale, wahre Situation, welche absolut und nur der Regierung angelastet werden kann (Suchen Sie mal paar Infos über Diosado Cabello, dem wahren Strippenzieher nach Chavez Tod), dann sind immer gleich die Amis schuld... Genau die selbe Rhetorik benutzte Chavez und Maduro jetzt sowieso...
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  • dath bane 20.04.2017 10:08
    Highlight Wäre nicht das erste Mal, dass sich die USA in die Politik eines Lateinamerikanischen Landes einmischen. Einen Putsch würde ich denen auch zutrauen! Traurig, wie ein Volk von den Finanzmärkten ausgehungert wird!
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  • Stipps 20.04.2017 07:54
    Highlight Schön so sozialistische Regierungen, momoll.
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    • Olaf! 20.04.2017 09:41
      Highlight Ja kann man auch gut an Norwegen und anderen Nordischen Ländern sehen, Sozialismus ist der Weg in den Abgrund. Ein Chaos dort.

      In Venezuela liegt es sicher nicht daran das man gerade versucht eine Diktatur zu errichten. Wer sich ein wenig mit dem Land beschäftigt, wird sehen das es auch unter den Neoliberalen nicht besser war.
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  • Limpleg 19.04.2017 23:22
    Highlight Das Bild der Demonstranten in eurem Artikel zeigt Regierungsanhänger (oder Staatsangestellte welche unter Druck gesetzt werden daran teilzunehmen) - zu erkennen an den roten Hemden.
    Eindrücklicher wäre ein Luftbild der grossen Demonstrationsmassen in Weiss (das Foto unten habe ich gerade aus Caracas erhalten). Übrigens wirft die Regierung Tränengasbomben aus Hubschraubern auf die Massen!
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  • wasylon 19.04.2017 23:14
    Highlight Venezuela ist nach siebzehnjähriger sozialistischer Herrschaft dort gestrandet, wo alle sozialistischen Länder stranden: bei Knüppelung der Opposition, Korruption, Massenarmut, Hunger und Wirtschaftstotenstille.
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  • Echo der Zeit 19.04.2017 20:35
    Highlight Eine Katastrophe was in diesem Land Passiert - Die Politik von Hugo Chavez ist endgültig gescheitert mit dem Rohstoffsozialismus.
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    • Mischa Müller 20.04.2017 00:07
      Highlight Rohstoffsozialismus: Big Mac, Bier und Cola solidarisieren. Welch Frevel! Wie schlimm ist das denn: 5 Jahre kein Bier mehr trinken! ...Anschliessend stelle ich fest, dass meine Zwischenmenschlichen Kompetenzen um das 5fache zugenommen haben. Mit Bier ist am nächsten Morgen alles wieder beim Alten, jeden Tag fange ich neu an und das mein Leben lang. Da kann man nicht von menschlichem Aufbau sprechen... sobaldman mit Geld keine Lebensversicherung mehr kaufen kann, bekommt Ihr Krise: shame on You! Es braucht kein Bier, keine Cola oder Big Mac, um glücklich zu sein. Mensch.
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    • Hoppla! 20.04.2017 06:08
      Highlight "Mit Bier ist am nächsten Morgen alles wieder beim Alten, jeden Tag fange ich neu an und das mein Leben lang."

      Etwas Selbstbeherrschung schadet in dem Fall nicht. ;-)
      21 2 Melden
    • smoothdude 20.04.2017 08:41
      Highlight @mischa und wie siehts mit grundnahrungsmitteln und medikamenten aus, brauchst du diese um glücklich zu sein? Oder verzichtest du darauf der sozialistischen ideologie und persönlichen glücksfindung zuliebe?
      10 4 Melden
    • Echo der Zeit 20.04.2017 17:31
      Highlight @Mischa - Die Menschen können sich zum Teil nicht mal mehr was zu Essen kaufen - auf ihr Kommentar kommt mir nur Sofasozialist in den Sinn.
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