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Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras am Grab des unbekannten Soldaten in Moskau. Bild: POOL/REUTERS

Tsipras' Flirt mit Moskau: Diplomatie geht anders

Mit einem Besuch in Moskau sucht der griechische Premier Tsipras nach neuen Verbündeten. Das ist sein gutes Recht. Aber aus solchen Kontakten eine Drohkulisse gegen die übrige EU zu bauen, schadet vor allem Griechenland selbst.

08.04.15, 10:08 08.04.15, 10:49

David Böcking / spiegel online

Ein Artikel von

Die Bandbreite von Aussenpolitik bewegt sich zwischen zwei Zitaten: Der Ansicht, es gebe zwischen Nationen auf Dauer keine Freundschaften, sondern «nur Interessen», wie Charles de Gaulle und andere behaupteten. Und der von Che Guevara populär gemachten Hoffnung, zwischen Völkern sei sogar «Zärtlichkeit» möglich, wenn sie solidarisch miteinander sind. Ob Diplomatie nun eher von Interessen oder Idealen getrieben sein sollte, darüber streiten die Gelehrten seit Langem.

Griechenlands Regierung versucht derzeit eine seltsame Mischung beider Ansätze: Einerseits stützt sie sich auf die europäische Solidarität und argumentiert moralisch, wie bei den gerade erneuerten Entschädigungsforderungen an Deutschland. Andererseits spricht sie regelmässig Drohungen mit geringer Halbwertszeit aus – zuletzt etwa die rasch wieder dementierte Ankündigung, eine Kreditrate an den IWF nicht rechtzeitig zurückzuzahlen. Wenn Solidarität wirklich Zärtlichkeit bedeutet, dann handeln Premierminister Alexis Tsipras und seine Regierung derzeit wie zärtliche Chaoten.

Das gilt auch für den heutigen Besuch von Tsipras in Moskau. Selbstverständlich hat er als Regierungschef eines souveränen Staates jedes Recht, auch ausserhalb der EU um Unterstützung zu werben. Dass Tsipras bei Präsident Wladimir Putin um niedrigere Gaspreise bitten will, ist angesichts der zunehmenden Armut griechischer Haushalte verständlich.

Weniger nachvollziehbar: Dass die griechische Regierung den Besuch zugleich als Drohkulisse gegenüber den EU-Partnern inszeniert. Tsipras träumte vorab von einer «wunderbaren Zukunft» mit Russland und begründete dies unter anderem mit dem gemeinsamen Widerstand gegen Hitlerdeutschland. Die wegen der Ukraine-Krise ausgesprochenen Sanktionen bezeichnete er als «sinnlos».

Abkommen, egal mit wem?

Verteidigungsminister Panos Kammenos betonte kurz vor Tsipras' Abreise, falls es mit der EU keine Einigung geben solle, werde Griechenland Abkommen schliessen mit «wem es auch kann» – ob USA, Russland, China oder IndienDer Rechtspopulist hatte Deutschland kürzlich schon mit einer Flüchtlingswelle gedroht.

So funktioniert Aussenpolitik in Europa nicht. Zwar gehen die Interessen auch innerhalb der EU weit auseinander, es wird gefeilscht und kommt nicht selten zu zweifelhaften Kompromissen. Doch am Ende können sich alle auf das Vereinbarte verlassen. Davon hat in den vergangenen Jahren gerade Griechenland profitiert. Das Land erhielt trotz erheblicher Bedenken in vielen Mitgliedstaaten immer wieder Finanzhilfen. Nun aber stellt es Russland-Sanktionen infrage, denen es selbst zugestimmt hat.

Ob es Griechenland wirklich besser ergeht, wenn es sich seine Verbündeten ausserhalb der EU sucht?

Wie gering die Rechtssicherheit in Russland ist, kann sich Tsipras von ehemals inhaftierten Unternehmern wie Michail Chodorkowski erzählen lassen. Wie turbokapitalistisch chinesische Investoren schon heute in Griechenland vorgehen, wird im neuen Spiegel am Beispiel des Hafens von Piräus geschildert. Im Vergleich dazu sind andere EU-Staaten immer noch vergleichsweise angenehme Verhandlungspartner – zumindest, wenn man ihnen nicht ständig droht.

Griechenland

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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  • MediaEye 08.04.2015 20:26
    Highlight Typischer Artikel eines deutschen Spiegel-Journis der die erpresserische Politik der deutschen Reichskanzlerin vertritt. Erst mal die Schulden aus dem 2. Weltkrieg zurück zahlen !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
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    • Zuagroasta 09.04.2015 01:19
      Highlight Check mal die 1/! Taste von deinem Keyboard, die scheint kaputt zu sein.
      Erpresserische Politik?
      Hm,als was würdest du die Aussage von Kammenos in Sachen Flüchtlingswelle bezeichnen? Entweder wir bekommen € oder wir schicken euch Flüchtlinge. Tönt nach Erpressung,oder?
      Übrigens,die Begeisterung über die neue griechische Regierung in GR hat stark nachgelassen und erzeugt mittlerweile eher Kopfschüttel als Zustimmung (O-Ton eines befreundeten Griechen).Anstatt die Problem anzupacken,wird auf Populismustrommel geschlagen.Kommt auch in GR nicht gut an.
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  • pun 08.04.2015 10:58
    Highlight Könntet ihr nicht beginnen, eigene Artikel zu Griechenland zu schreiben? Bei den meisten der Spiegel-Griechenland-Krise-Tsipras-Varoufakis-Artikeln bleibt einfach ein Propaganda-Gschmäckle durch den gewählten Tonfall und die Rhetorik.
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    • Alex23 08.04.2015 13:25
      Highlight Als Propaganda empfindet man meistens das, was einem inhaltlich nicht passt. Das muss aber in Tat und Wahrheit keine Propaganda sein. Vielleicht sollte man sich den Zahn ziehen lassen, es gäbe "objektive" Berichterstattung. Jede Form der Berichterstattung ist letztlich subjektiv. In diesem speziellen Fall finde ich den Artikel eigentlich recht neutral. Im Rahmen des Möglichen.
      Natürlich gibt man sich gerne der Illusion hin, man sei selbst unvoreingenommen.
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    • pun 08.04.2015 17:03
      Highlight Einverstanden. Dann wäre es mir aber immernoch lieber, den subjektiven Blick der watson-Redaktion zu lesen wie das, was mich schon auf SpiegelOnline nervt (wie erwähnt der Tonfall und die Rhetorik).
      Ich bin selbst überhaupt nicht unvoreingenommen, keine Angst. Halte die Spiegelartikel zum Thema aber oft für respektlos und der neuen Regierung relativ offen feindlich gegenüber gesinnt.
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    • MediaEye 08.04.2015 20:27
      Highlight Regierungssprecher
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