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Ein Land muss sich neu sortieren: Grossbritannien. bild: watson.ch

Die 5 wichtigsten Fragen: So geht es jetzt weiter mit Grossbritannien

09.06.17, 07:11 09.06.17, 08:26

Was nun?

Die Auszählungen gehen weiter. Klar ist: Die oppositionelle Labour-Partei fährt massive Sitzgewinne ein, die Tories – die Konservativen von Premierministerin May – verlieren eine grosse Anzahl. Sie bleibt aber stärkste Kraft im Parlament. Für eine absolute Mehrheit von 326 Sitzen wird es May nicht reichen. Man spricht in einem solchen Fall von einem «Hung Parliament».

Bild: WILL OLIVER/EPA/KEYSTONE

Wenn es keine Mehrheit gibt? Wer darf dann regieren?

Beide Seiten, die Tories und die Labour-Partei, werden nun Gespräche mit den weiteren Parteien (SNP, LP, DUP, OTH) suchen, um eine Koalition mit einer Mehrheit im Parlament zu bilden. Diejenige Partei, welcher das gelingt, stellt den nächsten Premierminister oder die nächste Premierministerin.

So macht man das also. Auszählung in Corbyns Wahlkreis im Norden Londons. Bild: Frank Augstein/AP/KEYSTONE

Bleibt Theresa May im Amt?

Das ist unklar. Labour-Chef Corbyn forderte sie aufgrund der massiven Verluste zum Rücktritt auf und auch innerhalb der Tories hat sie Rückhalt verloren. Das bedeutet: Mays Stuhl wackelt gewaltig, obwohl die Konservativen weiterhin am meisten Sitze halten. Möglich sind nun folgende Szenarien:

Bild: Frank Augstein/AP/KEYSTONE

Wie lange haben die Parteien Zeit, eine Koalition zu bilden?

Theoretisch unendlich lange. Im Jahre 2010, als es nach den Wahlen ebenfalls zu einem «Hung Parliament» kam, dauerte es fünf Tage. Danach waren sich die Konservativen und die LD (Liberal Democrats) einig. Die LD haben vor den Wahlen angekündigt, nicht bei einer Koalition mit den Tories mitmachen zu wollen.

Er wird jetzt Gespräche mit den anderen Parteien suchen: Labour-Chef Jeremy Corbyn. Bild: AP/PA

Was passiert jetzt mit dem Brexit?

Premierministerin Theresa May leitete die vorgezogenen Wahlen ein, um ein klares Votum für ihren Kurs des «harten» Brexit zu erhalten. Unter dem «harten» Brexit kann man den Ausstieg Grossbritanniens aus der EU nach dem «Koste es, was es wolle»-Prinzip verstehen. May will bei den Verhandlungen mit der EU keine Kompromisse eingehen, was bedeuten kann, dass Grossbritannien viele Privilegien beim Zugang zum europäischen Markt verliert.

Mays Verluste zeigen allerdings, dass die britischen Stimmbürger diesen Kurs nicht wirklich befürworten. Mays Gegner Jeremy Corbyn versprach hingegen einen «soften» Brexit. Das heisst, dass er zum Beispiel bei Einwanderungsfragen mehr Flexibilität gegenüber der EU signalisieren will, dafür aber auch auf Entgegenkommen der Europäischen Union hoffen kann.

(tog mit Materialien der BBC)

Bild: CHRISTIAN BRUNA/EPA/KEYSTONE

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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  • Kaviar 09.06.2017 12:18
    Highlight Der Brexit wird trotzdem stattfinden.
    Labour kann nichts gegen die Tories unternehmen. Die Tories können nicht mehr ganz so bequem durchregieren. Jetzt müssen sie halt die Splitterparteien bei der Stange halten und je nach Sachgeschäft ein paar Labour-Abweichler gewinnen. Genügend lukrative Posten als überzeugendes Argument für sie finden sich garantiert.
    Der Wähler verpasste den Tories einen Denkzettel, damit diese die Ausgebeuteten nicht ganz vergessen.
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  • grumpy_af 09.06.2017 09:04
    Highlight Bildunterschrift: "Ein Land muss sich neu sortieren: Grossbritannien."
    Kann man das so sagen? GB ist ja kein Land, sondern ein Staatenbund, oder?
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  • Holla die Waldfee 09.06.2017 08:07
    Highlight Ist es möglich, dass der Brexit ganz ausgesetzt wird?
    Oder ist das unmöglich?

    Die Frage ist ernst gemeint. Das interessiert mich.
    33 3 Melden
    • Peter 09.06.2017 08:29
      Highlight Im Prinzip ist es möglich. Grossbritannien ist keine direkte Demokratie wie die Schweiz. Wenn das Parlament einen entsprechenden Beschluss fasst, könnte der Brexit ausgesetzt oder sogar rückgängig gemacht werden. Ob das ratsam wäre, ist eine andere Frage.
      29 1 Melden
    • Nicholas Fliess 09.06.2017 08:57
      Highlight Die Frage ist auch, ob die EU das akzeptieren könnte/würde. Geht das nach der Auslösung von Artikel 50 überhaupt?
      7 0 Melden
    • Holla die Waldfee 09.06.2017 09:37
      Highlight Danke für die Antwort, Peter :-)

      Ob ratsam oder nicht, darüber hab ich noch nicht nachgedacht. Ich war einerseits neugierig, weil ich das englische Politsystem eigentlich nicht kenne. Und andererseits wollen alle, die ich in England kenne (Einheimische u.a.), in der EU bleiben.

      Also gucken wir weiter, was das Politkarussell so treibt. Die Absage an May gefällt mir persönlich jedenfalls.
      Ich möchte in Europa Politiker, die sich für Volk und Soziales einsetzen und nicht wie die Gegenseite bei den einfachen Leuten sparen, um die Reichen noch mehr zu bereichern.
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    • Peter 09.06.2017 10:02
      Highlight @Nicholas Fliess Eine gute Frage. Ich glaube aber nicht, dass die EU sich wehren wird, wenn die Brite ihren Austrittsentscheid zurücknehmen ;)
      8 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 09.06.2017 10:32
      Highlight @Peter
      Kann die Wahl nicht als Bestätigung des Brexit gewertet werden? Die grossen Gewinnerparteien stehen alle hinter dem Brexit.
      4 0 Melden
    • Peter 09.06.2017 11:40
      Highlight @Joël Die Tories haben verloren, während die LibDems als Pro-EU-Partei zugelegt haben, wenn auch auf bescheidenem Niveau. Und Labour ist für den Brexit, aber gegen einen totalen Bruch. Ganz so einfach ist die Sache also nicht.
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  • Theor 09.06.2017 07:42
    Highlight Mir scheint, die Briten sind von der Demokratie einfach überfordert und wünschen sich die Queen zurück. Mal geht's vor, dann wieder zurück, dann wieder vorwärts und wieder zwei Schritte zurück.

    So kann das Land nicht zur Ruhe kommen und die Aufgaben anpacken, die anstehen.
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    • Ragnarok 09.06.2017 08:30
      Highlight Es sind nicht nur die Briten, es isch 70% der Menschheit die überfordert ist mit Demokratie.
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    • Schnuderbueb 09.06.2017 09:18
      Highlight @Theor: Die vielen Blitze beweisen, du hast Recht! ;-)
      2 5 Melden
    • Holla die Waldfee 09.06.2017 09:55
      Highlight Nicht Demokratie ist das Problem, sondern zu wenig gehörte verständliche Erklärungen. Populisten und Demagogen übertönen mit ihrem Geschrei und ihren Lügen die Realität und Vernunft; finanziert von Finanzeliten.

      Das ist auch bei uns und andernorts so; zB bei der Wahl von Trump in den USA.

      Erst hinterher kommt das grosse Erwachen. Man sieht, dass zu oft das Gegenteil von dem geschieht, was versprochen wurde. Dann schwenken sie um.

      Daher müssen Extremisten nach einer Wahl eiligst den erreichten Machtsitz zementieren. Sonst werden sie nämlich ganz schnell wieder demontiert.
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  • Gelöschter Benutzer 09.06.2017 07:31
    Highlight Ich empfehle den Kommentar der NZZ:

    https://www.nzz.ch/ld.1299981
    Unterhauswahl in Grossbritannien: Die Briten wissen nicht, was sie wollen
    15 7 Melden
    • pun 09.06.2017 08:34
      Highlight Find ich einen sehr schwachen Kommentar. Warum sollte Labour nun unter Corbyn so starken Aufwind haben, wenn laut dem Artikel eigentlich die harten Nationalisten nun gewonnen hätten? Wie kann man bei solch einem scheiss Wahlsystem überhaupt davon sprechen, dass die Briten nicht wissen würden, was sie wollen, wenn mal keine Mehrheit im Parlament für eine 35% Partei rausschaut?
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  • Gelöschter Benutzer 09.06.2017 07:23
    Highlight Es ist nicht eindeutig auf die Brexitfrage zu interpretieren. Labour hat hinzugewonnen aufgrund der Austeritätspolitik.
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    • Sandro Lightwood 09.06.2017 08:22
      Highlight Eindeutig nicht (ist ja logisch bei so vielen Individuen die wählen)t, tendentiell wohl aber schon.
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