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«Wie in der Dritten Welt» – Kritik nach der Feuerkatastrophe von London

Die Ursache des Feuers im Londoner Grenfell Tower ist noch unbekannt. Doch die Kritik an den Brandschutzmassnahmen wird lauter. Ein Experte spricht von komplettem Versagen.

15.06.17, 08:16

Ein Artikel von

Was wir wissen und was nicht:

Die britische Premierministerin Theresa May hat nach der Brandkatastrophe in einem Hochhaus in London eine «sorgfältige Untersuchung» angekündigt. Wenn aus dem Feuer Konsequenzen zu ziehen seien, würden Massnahmen ergriffen, sagte May.

Bei dem gewaltigen Brand im 24-stöckigen Grenfell Tower im Zentrum Londons waren am Mittwoch mindestens zwölf Menschen ums Leben gekommen. Die Einsatzkräfte befürchten jedoch, dass es weitere Todesopfer gibt. Nach Angaben der Rettungskräfte wurden mindestens 79 Patienten in Kliniken behandelt, 18 von ihnen seien in einem kritischen Zustand. 65 Menschen wurden aus den Flammen gerettet.

Regierungschefin May würdigte den Einsatz der Rettungskräfte und sprach den Betroffenen ihre Anteilnahme aus. Die Ursache des Feuers ist noch unklar. Doch die Kritik an den Brandschutzmassnahmen im Grenfell Tower wird lauter.

Bewohner des Hauses berichteten in britischen Medien, es habe in dem Haus keinen Feueralarm gegeben. Einige Mieter wurden demnach erst durch Rauchmelder in den Wohnungen wach. Das Gebäude wurde 1974 erbaut und war von 2014 bis 2016 saniert worden.

Die britische Feuerschutzvereinigung (FPA) schrieb in einer Stellungnahme, dass grundsätzlich einige Dämmmaterialien zu leicht entflammbar seien. Dadurch könne ein Brand vom Erdgeschoss eines Hochhauses bis zum Dach übergreifen. Ob das auch für den Grenfell Tower gelte, sei nicht klar. Nach Ansicht der FPA sind aber die baulichen Vorschriften in Grossbritannien derzeit generell nicht ausreichend, um Brände zu verhüten.

Einen schärferen Ton schlug Jon Hall an, ein britischer Brandschutzexperte. Er nannte den Brand im Grenfell Tower einen Unfall, wie er in der «Dritten Welt» vorkomme. «Alle Bestandteile der Feuersicherheit und des Gebäudemanagements» müssten versagt haben, vermutete der frühere Feuerwehrchef aus den Midlands auf Twitter.

Auch Dieter Räsch, Vorstandsmitglied der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau, zeigte sich verwundert über das Ausmass des Brandes. «Die Aussenfassade brennt offensichtlich sehr stark ab. Bei Hochhauskonstruktionen, wie wir sie hier in Deutschland haben, wäre das eher nicht zu erwarten.»

Die deutsche Brandschutzprofessorin Sylvia Heilmann hält es für unverantwortlich, dass möglicherweise brennbare Materialien in einem Hochhaus eingesetzt worden sein könnten. «In Deutschland dürften brennbare Dämmplatten an Hochhäusern nicht verbaut werden.»

Die Folgen wären ansonsten verheerend, sagte Heilmann, die unter anderem an der TU Dresden lehrt. «Wenn es in einem Hochhaus einen Brand gibt und der auf die brennbare Dämmung übergreift, ist eine unkontrollierte Brandausbreitung zu befürchten.» Hierzulande gebe es deshalb ein Prüfsystem: ein Ingenieurbüro sei für die Planung und die Ausführung zuständig, ein davon unabhängiger Prüfingenieur für die Kontrolle im sogenannten Vieraugenprinzip.

Die Baufirma Rydon reagierte schockiert auf den Hochhausbrand in London. Sie war für die Sanierung des Grenfell Towers zuständig. Alle erforderlichen Kontrollen, Bestimmungen im Brandschutz und sonstigen Sicherheitsstandards seien eingehalten worden, teilte die Firma mit.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan versprach umfassende Aufklärung. «Es wird im Laufe der nächsten Tage viele Fragen zur Ursache dieser Tragödie geben, und ich möchte den Londonern versichern, dass wir für alle Antworten bekommen werden.»

Derzeit ist das Hochhaus im Stadtteil Kensington entgegen ersten Befürchtungen nicht einsturzgefährdet. Spezialisten hätten den Bau untersucht und für weitere Lösch- und Bergungsarbeiten sicher befunden, teilte die Feuerwehr mit. Nach Angaben der Polizei wird der Einsatz noch mehrere Tage dauern.

wit/dpa

Inferno in London: 24-stöckiges Hochhaus steht in Vollbrand

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  • Jonasn 15.06.2017 11:14
    Highlight Ich lebe zehn Minuten Fußweg von Grenfell Tower. In dem Gebäude lebten Minimum 500 Menschen. Es gibt aber kein Einwohnermeldeamt hier und da drin lebten teilweise 6,7 Leute in einer 2zimmerwohnung. Diese Gebäude sind ein Auffangbecken für diejenigen die in London arbeiten, sich aber keine Mietpreise in London leisten können. Die Upper class presst diese Leute aus und kümmert sich einen dreck um deren Sicherheit. Da drin lebten Busfahrer, Studenten, etc. Bei vielen (vor allem aus dem Ausland) wird man gar nicht sagen können, wer das war... Ein Großteil wird anonym gestorben sein... grausam
    35 2 Melden
  • Mnemonic 15.06.2017 08:48
    Highlight Es gibt in London Gebiete, wo es schlimmer aussieht als in Mogadishu. Nur so als Tip, eine Zugfahrt von Gatwick in die City...
    20 1 Melden
    • Jonasn 15.06.2017 11:17
      Highlight London ist eine riesige Stadt. Alle in England wollen in London arbeiten. Viele aus Europa. Das wird zwar radikal abnehmen wenn brexit passiert, aber es ist dennoch riesig. Da bleibt eine ghettoisierung nicht aus logischerweise, das ist überall auf der Welt so. Es wird dann natürlich noch schlimmer, wenn die Regierung aus Millionären und die Inhaber der Presse aus Milliardären besteht...
      10 6 Melden
  • Fischra 15.06.2017 08:34
    Highlight Bei diesem Gebäude wurde auf jeden Fall der Brandschutz absolut vernächlässigt und so wie es aussieht war weder die Fassade nicht brennbar noch gab es funktionierende Fluchtkorridore. Mein Beileid den ahnungslosen Opfern welche da zu Schaden gekommen sind und deren Hinterbliebenen.
    52 2 Melden
    • Ruffy 15.06.2017 08:45
      Highlight Leicht entflammbare dämmungen werden z. B. auch in Deutschland sehr viel verbaut. Das ganze wird sich früher oder später rächen und ist geradezu fahrlässig.
      5 5 Melden
    • Chrigi-B 15.06.2017 09:45
      Highlight Die Opfer waren alles andere als ahnungslos! Haben sich ja Jahre lang über die herrschenden Zustände beklagt! Die Verantwortlichen gehören vor Gericht!
      12 2 Melden
    • Jonasn 15.06.2017 11:20
      Highlight An diesem Gebäude wurde eine brennbare Fassade erst vor wenigen Jahren hinzugefügt, die dafür sorgte dass das Gebäude nach außen besser aussah (wegen der reichen Bewohner in den Häusern rund um das Gebäude). Kosten: 10 Mio. £. Im Gegenzug verzichtete man auf eine Sprinkleranlage für 100'000
      11 0 Melden
    • Alienus 15.06.2017 13:51
      Highlight Ruffy

      Nun, Ihre Aussage ist zugleich nicht richtig und nicht falsch.

      Bis 22 m (wg. Drehleitern zur Rettung) können solche Dämmstoffe (z. B. Polystyrol) verwendet werden. Darüber nur feuerhemmende Stoffe.
      Es sind dann auch feuerhemmende Brandabschnitte einzubauen.

      Innerhalb der EU hat D eine starke Entwicklung hin zu Feuersicherheit vorangetrieben. GB hat u.a. sich dagegen gesperrt und D Panikmache vorgeworfen.

      Schnellschüsse aus der Hüfte treffen eigentlich nur in Filmen.
      6 1 Melden
    • Fischra 15.06.2017 13:58
      Highlight Ruffy ich bin Ihrer Meinung. Auch hier ist das so. Jedoch wird ab einer gewissen Gebäudehöhe ein nichtbrennbares Isoliermaterial verlang wegen genau dem was jetzt in London passiert ist. Auch sind Treppenhäuser immer als Fluchtkorridore gesichert.
      2 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 15.06.2017 08:23
    Highlight Gibt es eine Rangliste von Welten? - Immer noch?
    17 72 Melden
    • Fulehung1950 15.06.2017 08:48
      Highlight Leider: der Kolonialismis besteht weiter, nur auf Distanz.
      8 9 Melden
    • Saraina 15.06.2017 09:43
      Highlight Leider. Die erste Welt ist die, welche sich auf dem Buckel der dritten Wohlstand und Luxus leistet.

      Es scheint auch eine Rangliste von Sicher innerhalb Londons zu geben. Ich wette, in den Luxustürmen die dort zu Dutzenden hochgezogen werden, damit Oligarchen ihr Vermögen ausserhalb ihrer Heimatländer anlegen können, wäre so ein Brand nicht möglich gewesen.
      15 7 Melden
    • TheSmokingGnu 15.06.2017 10:16
      Highlight Mit Rang hat das nicht so viel zu tun. Mehr mit dem kalten Krieg; Länder die in der Nato bzw. mit der NATO affiliert waren : erste Welt, Sovietverbündete: zweite Welt, keine direkte Affiliation: dritte Welt. Heute ist aber Entwicklungs und/oder Schwellenland eine besser Bezeichnung.
      16 2 Melden

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