International

Johnsons Frisur wurde zu seinem Markenzeichen. Bild: ANDY RAIN/EPA/KEYSTONE

Geheimer Artikel zeigt Boris Johnsons Brexit-Spiel

Es ist ein entlarvendes Dokument des britischen Aussenministers Boris Johnson: Der Kopf der Pro-Brexit-Kampagne listet in einem bisher geheimen Artikel Argumente für einen Verbleib in der EU auf – kurz bevor er die Seiten wechselte.

Publiziert: 16.10.16, 11:53 Aktualisiert: 16.10.16, 14:08

Ein Artikel von

An der historischen Brexit-Entscheidung Grossbritanniens am 23. Juni ändert der bisher geheime, am Samstagabend veröffentlichte Artikel aus der Feder von Boris Johnson nichts. Er ist dennoch ein Beleg für das kalkulierte politische Spiel des scheinbar glühenden Brexit-Anhängers Johnson.

In der nun von der «Sunday Times» bekannt gemachten Kolumne Johnsons listet der Ex-Bürgermeister Londons starke Gründe für einen Verbleib in der EU auf. Ein Brexit könne zu einem wirtschaftlichen Schock, der Unabhängigkeit Schottlands und russischer Aggression führen, heisst es darin. All diese Punkte schrieb Johnson der Zeitung zufolge im Februar auf, kurz bevor er sich zu einem der Anführer der Brexit-Kampagne aufschwang.

Bemerkenswert in dem Text ist auch die Einlassung Johnsons zum finanziellen Beitrag Grossbritanniens zur EU. Dieser sei gering im Vergleich zu dem Gewinn, den das Vereinigte Königreich durch den Zugang zum europäischen Binnenmarkt mit rund 500 Millionen Menschen erziele. «Warum sind wir so entschlossen, dem unseren Rücken zu kehren?», zitiert die Zeitung aus dem Artikel.

Johnsons im Oktober dieses Jahres. Bild: TOBY MELVILLE/REUTERS

Zur Erinnerung: In den Wochen vor dem Referendum sagte Johnson Sätze wie diese hier: «Wir brauchen den europäischen Binnenmarkt nicht. Wir können endlich unseren Platz in der freien Welt einnehmen.» Dazu tingelte er mit einem Bus durchs Land, auf dem zu lesen war, dass die 350 Millionen Pfund, die London wöchentlich nach Brüssel schicke doch besser im nationalen Gesundheitssystem aufgehoben seien (Die Zahlen erwiesen sich – nebenbei gesagt – als falsch.)

Seitdem ist viel passiert. Die Brexit-Befürworter waren erfolgreich. Eine knappe Mehrheit der Wähler hat im Juni für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Brexit-Gegner David Cameron ist als Premier zurückgetreten, die ebenfalls konservative Theresa May ist ihm gefolgt – und hat Johnson zu ihrem Aussenminister gemacht.

So reagiert die britische Presse auf den Brexit

Ein Sprecher Johnsons wollte sich zu dem von der «Sunday Times» veröffentlichten Artikel nicht äussern. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert einen Insider, der Johnsons Kolumne damit erklärt, dass dieser lediglich alle Argumente für und gegen einen Brexit für sich klären wollte, bevor er sich auf eine Seite schlug.

Plausibler ist die Analyse von «Spiegel»-Redakteur Thomas Hüetlin, der direkt nach dem Brexit-Votum schrieb, dass Johnson den Austritt «eigentlich für Quatsch hält. Es war nur ein Spiel, um sich für einen Machtwechsel bei den Tories später zu positionieren.»

yes

9 Kommentare anzeigen
9
Logge dich ein, um an der Diskussion teilzunehmen
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600
  • The Origin Gra 16.10.2016 23:22
    Highlight Na das war dann wohl ein Spiel mit dem Feuer oder einer Waffe.
    Der Schuss ging aber nach hinten los
    6 0 Melden
    600
  • blaubar 16.10.2016 13:43
    Highlight Ist doch gut, wenn man abwägt!!
    10 22 Melden
    • Zarzis 16.10.2016 14:10
      Highlight Nur war die Abwägung:
      Richter Entscheid
      oder
      Persönlicher Vorteil mit gewaltigen Auswirkungen, die er selber benannt hat.

      Also für mich ein Opportunist wie er im Buche steht und Machtgeil.

      Seltsamer weise wird bei eine US Frau genau diese Wunsch zur Macht als Unwählbarkeit betrachtet.
      Schon seltsam, wenn ein Mann und eine Frau das selbe tun, leider noch nicht das selbe sind.
      57 7 Melden
    600
  • Taebneged 16.10.2016 12:48
    Highlight Wen wundert's? Das ist die neue, alte Politelite. Populismus für die eigene Karriere.
    57 4 Melden
    600
  • rodolofo 16.10.2016 12:47
    Highlight Alles nur taktische Machtkampfs-Manöver?
    Bei Boris Johnson glaube ich das irgendwie nicht.
    Er wirkt auf mich überzeugend echt.
    7 72 Melden
    • saugoof 16.10.2016 23:25
      Highlight Ich hätte da eine Bombensichere Investition für dich. Schneller Reichtum ohne dafür arbeiten zu müssen. European Kings Club heisst das...
      2 0 Melden
    • rodolofo 17.10.2016 07:09
      Highlight Vermutlich lasse ich mich täuschen, wie schon so oft in meinem Leben.
      Dieser Boris Johnson wirkt auf mich, wie ein gemütlicher, aufrichtiger Bauer.
      Sein Elitärer Werdegang passt gar nicht zu diesem Eindruck.
      Was mir aber in jüngster Zeit imponiert, ist die deutliche Sprache, die Boris Johnson zum Verhalten der Russischen Führung findet.
      Hier hebt er sich wohltuend ab von anderen Rechtspopulisten in Europa, die dem Russischen Fasche-Rest-Imperium unterwürfig "die Stiefel lecken".
      2 1 Melden
    600
  • gecko25 16.10.2016 12:41
    Highlight bei den tories hätte er sich auch gut positioniert, wenn die brexit-anhänger knapp verloren hätten. Das war wohl eher sein Kalkül, damit hätte er weiter poltern können. Aber nun muss er Teil einer guten Lösung sein. Das gleiche Schauspiel spielt im kleineren Rahmen, mit der MEI, auch bei uns.
    59 3 Melden
    • pamayer 16.10.2016 13:58
      Highlight wenn man nur weiss, wie ängste schüren und tatsachen verdrehen, dann läuft's doch rund. oder?!
      29 5 Melden
    600

«Es ist kontraproduktiv, Rechtspopulismus und Faschismus gleichzusetzen»

Die österreichische Rentnerin und Holocaust-Überlebende hat mit ihrem Videoaufruf einen Coup gelandet. Sie befürchtet, die Stimmung könne wie 1933 kippen und der Nationalsozialismus zurückkehren. Ein Gespräch mit Historiker Damir Skenderovic über ein zurückkehrendes Schreckgespenst und kollektives Geschichtsvergessen. 

Kehrt der Nationalsozialismus zurück?Damir Skenderovic:Nein, das glaube ich nicht. Als Historiker bin ich davon überzeugt, dass sich Geschichte nicht so wiederholt, wie sie sich bereits zugetragen hat.

Aber es gibt doch eindeutig Parallelen von der heutigen Zeit und 1933, der Machtergreifung Hitlers. Das Krisengefühl zum Beispiel und in Amerika wurden Politiker beim Hitlergruss gefilmt.Wenn Sie in der Geschichte zurückgehen, werden Sie immer Perioden des verstärkten Krisengefühls finden. Zum …

Artikel lesen