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Ein historisches Urteil steht an: Homosexuelle in den USA hoffen auf ein landesweites Eherecht

Hochspannung im Gay-Pride-Monat: Noch im Juni könnte der Oberste US-Gerichtshof die gleichgeschlechtliche Ehe legalisieren. Es wäre ein historischer Sieg für die Schwulenbewegung – der weltweit Wirkung entfalten könnte.

22.06.15, 16:16 22.06.15, 16:36

Marc Pitzke, Washington

Zurich Pride 2015

Ein Artikel von

Die Hochzeit fand auf dem Vorfeld statt. Am Baltimore-Washington International Airport war das, an Bord eines medizinischen Spezialjets: Die Piloten spielten Trauzeugen, das Ehepaar sagte «I do», und zehn Minuten später war die Gesellschaft schon wieder auf dem Heimflug.

Jim Obergefell und John Arthur heirateten am 11. Juli 2013. Da ihr US-Heimatstaat Ohio die gleichgeschlechtliche Ehe jedoch bis heute nicht anerkennt, flogen sie kurzerhand nach Maryland, wo Schwule und Lesben seit Anfang 2013 heiraten konnten. Sie wollten nicht warten: Arthur litt unheilbar an ALS, die Ärzte gaben ihm nicht mehr viel Zeit.

Drei Monate später starb er. Für Obergefell, 48, ging die Odyssee aber weiter: Kurz zuvor hatte das Paar auf Anerkennung der Ehe in Ohio geklagt, auf dass Obergefell die Todesurkunde und alle anderen Rechte eines heterosexuellen Witwers bekomme. Der Fall schleppte sich von Instanz zu Instanz – bis er am Obersten US-Gerichtshof landete.

Grundsatzurteil im Fall «Obergefell v. Hodges»

Das Warten hat nun ein Ende. In den kommenden Tagen verkündet der Supreme Court sein Grundsatzurteil im Fall «Obergefell v. Hodges», benannt nach dem Hauptkläger und Richard Hodges, dem Direktor des Gesundheitsamts von Ohio, das dort die Todesurkunden ausstellt. Sollten auch die Verfassungsrichter Obergefell ihr Jawort geben, wie es viele Justizexperten erwarten, würden sie die gleichgeschlechtliche Ehe damit landesweit legalisieren – egal, was die einzelnen Staaten sagen.

Es ist eine der folgenschwersten Entscheidungen in der 225-jährigen Geschichte des Gerichts, vergleichbar mit der nicht minder strittigen Legalisierung der Abtreibung 1973. Zugleich wäre dieses vorerst letzte Wort im letzten US-Kulturkampf ein historischer Sieg für Amerikas Schwulen- und Lesbenbewegung – mit weltweiter Vorbildfunktion.

Jeden Fortschritt mussten sie sich bitter erkämpfen. Da waren die ersten Demos 1965, da waren die «Stonewall»-Unruhen 1969 in der New Yorker Christopher Street, welche die Bewegung manifestierten. Es folgten die frühen Aids-Jahre, in denen sich die Sterbenden verstossen sahen – und ihre Partner ebenso, aus Krankenzimmern ausgesperrt, von Beerdigungen vertrieben, in Nachrufen ausradiert.

Schwulen-Rodeo: Bullenreiten mit Botschaft

Die Zeiten haben sich geändert. Als Massachusetts 2003 als erster US-Staat die Ehe für alle legalisierte, war die Mehrheit der Amerikaner noch dagegen. Inzwischen sind rund 60 Prozent dafür. 37 Staaten und Washington haben die gleichgeschlechtliche Ehe schon gesetzlich verankert – ein gesellschaftlicher Druck, dem sich, so hoffen viele, auch der Supreme Court nicht länger entziehen kann.

Nicht alle sind der Meinung. Vor dem Justizpalast gegenüber des US-Kapitols hielt am Sonntag eine einzelne Demonstrantin die Stellung. «Gott zieht eine Linie bei der Schwulenehe», stand auf ihrem Plakat. «Wehe dem, der diese Linie überschreitet!» Christine Weick heisst sie, sie kommt aus Michigan und steht seit 51 Tagen hier. «Die Bibel verbietet Homosexualität als abscheuliches Laster», sagt sie. «Diese Leute leben in Sünde und sie müssen Jesus akzeptieren.»

Der Supreme Court bündelte Obergefells Klage mit drei Klagen aus anderen Staaten: Kentucky, Michigan und Tennessee. Denn die Fragen sind gleich: Hat ein Staat das Recht, bestimmte Ehen zu verbieten? Hat er zugleich die Pflicht, diese Ehen anzuerkennen? Und – das ist der Knackpunkt – muss er das, wenn sie anderswo geschlossen wurden?

«Ihr könnt uns nicht sagen, dass ihr uns als gleich betrachtet, doch dann die zentralste, wichtigste Beziehung in unserem Leben in eine ungleiche Kiste stecken», schreibt der schwule Star-Kolumnist Frank Bruni in der «New York Times». «Es ist unlogisch und undurchsetzbar.»

Die zweieinhalbstündige Verhandlung im April war trotzdem eine Zitterpartie. Die neun Richter liessen sich nicht anmerken, ob sie auch diesmal entlang ideologischer Linien urteilen würden – vier links, vier rechts, Anthony Kennedy in der Mitte. Ein Zuschauer sprang schreiend auf: «Wenn ihr die Homo-Ehe unterstützt, schmort ihr in der Hölle!»

Sollte das Gericht ein Verfassungsrecht auf gleichgeschlechtliche Ehen ablehnen, könnte das ebenfalls Chaos bedeuten: Viele legale Ehen stünden dann zur Disposition. «Ein Urteil gegen Gleichheit wäre enorm destabilisierend», schreiben die Juraprofessoren David Cohen und Leonore Carpenter im Online-Magazin «Slate». Welche Ehen gelten dann wo, welche nicht? Wer erbt, wer nicht? Wer darf den Partner pflegen? Der Kulturkrieg würde wieder ganz von vorne losgehen.

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